Autofictional Shorts

#30 Schicht im Schacht

26. Mai 2021


 #30 Schicht im Schacht

— 2021

Ohne Gebiss, die hohlen Augen aufgerissenen Augen, fallen ihr die weißen Haare ins Gesicht und das lose Nachthemd spannt um ihren aufgeblähen Bauch, während sie unablässig die trockene Brust auf- und niederwippt. Ans Bett geschnallt schrumpft sie in das festgeschnürte Wickeltuch, in dem sie auf der Haustürschwelle liegt. Alles andere ist vergessen. Ich setze mich zu ihr, halte ihre Hand und schaue runter in die Dunkelheit. August legt mir seine schweren Bergmannshände auf die Schulter. Geht zu ihr und hebt sie in der Mulde einer Hand aus ihrem Bett, hält die andere vorsichtig darüber. Schützt sie in der Muschel seiner Hände. Dann lösen sie sich vor mir auf in Kohlenstaub und Licht.

Da unten liegt die ganze Zeche offen, ich kann den Streb von oben sehen. Da ist kein Schildausbau, ich schaue direkt auf den Schrämlader. Das geht doch gar nicht. Mit einer Flasche Bier in der Hand steht Jeremias neben mir, angetrunken, schon wieder. Hält sich mit einer Hand an einer Sprosse fest. Lehnt sich in den Schacht hinein. Das kann man nicht von oben sehen. Weint. Oder meinst du, wenn ich jetzt loslasse …? Ich lass los, ich kann nicht loslassen, warum kann ich nicht einfach loslassen? Ich kann nicht mehr, ich will nicht. Er dreht sich um, ich will ihn halten, er geht zurück in die Strecke. Der Boden wölbt sich unter ihm, biegt sich hoch, gibt nach. Eine langsame Welle läuft unter ihm durch. Er sinkt in den weicher Schlamm. Geht weiter. Sinkt tiefer, grüßt nochmal, ohne sich umzuschauen, mit der leeren Flasche. Ist weg.

Da kommt Schmitti aus der Dunkelheit gestürmt, dünn und immer noch in kurzen Hosen, läßt seine Schultasche fallen, ein paar Friedrich-Wilhelm-Hefte, das Biobuch, rennt am Physikraum vorbei über die Stelle, an der Jeremias gerade erst versunken ist. Bleibt kurz mit einem Schuh in einer Pfütze stecken. Schaut überrascht hinunter, zögert einen Augenblick, da irgendwo läuft Sugar Sugar. Eine Bütt fällt um. Luftschlangen fallen von der Decke. Schmitti wirft ein Mikro weg. Lacht, nein weint, nein beides. Schubst mich kurz beiseite, ohne es zu merken und springt. Springt an mir vorbei. Keiner drückt den Notstopp. Keiner merkt etwas da unten. Der Walzenschrämmlader schrämmt weiter. Der Panzerförderer fördert. In der Kohlewäsche werden ein paar Haare, Knochen, etwas Fleisch herausgepült. Nichts da. Die Zeitung meldet eine kurze Nachricht. Wir wissen gar nichts voneinander.

Da klettert der kleine Junge wieder auf das Klo. Ich sehe ihn von hinten. Er steigt ganz langsam, es steigt ihn. Ein Knie zuerst. Er kniet, ich knie eine ganze Weile, bis ich den Mut habe, in die Hocke zu gehen, mich langsam aufzurichten. Ich muss hinaus, hinausschauen. Vorsichtig schiebe ich die Gardine ein wenig beiseite, sie faltet sich auf den dünnen Spannstäben, gibt eine kleines Dreieck frei. Und ich starre durch das Dreieck in dem kleinen Legofenster. In eine Welt, in der die Kühe auf mich warten. Sie stehen gegenüber auf dem Feld. Verschlagene Kühe, die es auf mich abgsehen haben. Sie starren herüber, starren mich an. Tun unbeteiligt, wiederkäuen stoisch auf ihrem Kaugummigras herum, aber ich sehe es doch, sie wenden den Blick nicht von mir ab. Sie warten nur auf den Moment, behalten mich in ihren großen dunklen Augen. Ohne zu blinzeln. Sie blinzeln nie. Das ist bedrohlich. Aber auch ich kann nicht weggucken. Starre zurück. Die Angst ist real und niemand da, der mich beschützen kann, beschützen will. Oder noch schlimmer kraucht eine Erkenntnis meinen Nacken hoch. Ist vielleicht die einzige, die mich beschützen kann … steckt die einzige … vielleicht mit ihnen unter einer Decke. Oder ist sie zumindest froh, dass ich hier stehe, unmöglich, mich loszureißen.
—Ihr passt auf, dass er nicht rausgeht. Ihr passt auf, dass er hierbleibt. Ihr müsst nichts weiteres tun, als da zu stehen, ihr könnt kauen und glotzen, kauen und glotzen wie immer. Ihr müsst ihm gar nichts tun. Nur da sein, nur kauen, nur glotzen. Für die Angst sorge ich dann schon. Die kommt dann schon. Fast von alleine. Als wäre es meine eigene.

—Mama? Als wäre es deine eigene?

Hast du das grad gesagt? Da muss doch jemand sein. Ich reiße meinen Blick zurück zu mir, weg von den Kühen, weg von dem Fenster, in mich hinein. Schaue mich um. Da steht sie hinter mir und will mich lieben, in die Arme nehmen. Zu weit weg, sie schafft es nicht. Sie weiß nicht, wie das geht. Sie weiß, dass Mütter ihre Kinder lieben. Sie glaubt, dass sie es tut. Alles geht so schnell. Sie ist allein. Allein mit mir. Sie driftet weg, wird immer kleiner, verschwindet hinterm Horizont im Dunkeln.

Ich bin allein.
Hüseyin nickt mir zu. Die Zeche ist geschlossen. Der Junge steigt vom Klo herunter, ich nehme ihm die Hundeleine ab. Auf dem Modellierbock steht ein König. Ihm wächst eine Krone aus dem Kopf, damit er die Signale hört. Aus der fremden Welt.

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