Autofictional Shorts

#12 Vergebung

19. August 2020
Uwe Carow Vergebung

Künstler ohne Werk


Künstler ohne Werk ist ein autofiktionales Work in Progress, aus dem ich an jedem zweiten Mittwoch hier Ausschnitte veröffentliche.

Viele dieser Shorts stehen in Zusammenhang mit meiner künstlerischen Arbeit, die zu der Zeit entstanden ist, von der der jeweilige Text handelt.


 #12 Vergebung

— 1985

Plötzlich weiß ich es.

Wenn überhaupt irgendjemand, ist er der Einzige, der mir helfen kann, helfen könnte. Oder mich endlich ganz zerstören würde. Auch gut. Er ist der einzige, dessen Urteil ich fürchte, annehmen könnte, müsste, würde. Von dem ich hoffe, dass er mich versteht, dass er mich sieht, in mich hinein sieht, wie damals, als er vor dem Konfirmationsunterricht in der Tür steht und uns einzeln an sich vorbeigehen lässt.
Jeden einzelnen begrüßt, mit einem Handschlag seiner riesigen, dicken Lutherhand. Einem Händedruck, der jedes Mal wieder ein ganz klein wenig länger dauert, als ich erwarte.  Und ihm Zeit gibt für sein Lächeln, sein Augenbrauenhochziehen, sein Augenstrahlen. Für seinen Ich-meine-dich-Blick, seinen Ich-sehe-deine-Abgründe-Blick, seinen Du-bist-großartig-Blick. Ja, einzigartig und großartig.

Aber er sagt nie etwas am Ausgang. Brüllt einem kein mach-was-draus ins Ohr, wie der Coach von der Seitenlinie, wenn ich ein total bescheuertes Zuspiel vor die Beine oder in den Rücken bekomme, und er von mir einen genialen Pass erwartet.
Nein, er gießt sein ernstes ich-freue-mich-über-dich über jeden einzelnen von uns. Sein sei-mutig und sein pass-auf-dich-auf, und auch auf die anderen. Und was mache ich? In meiner lauten Tumbheit zeuge ich ein Kind. Und dann …

Ob er noch immer im Pfarrhaus wohnt?

Natürlich, wo sonst. Ich parke in der Querstraße, das Pfarrhaus steht in einer Sackgasse, zwischen andern kleinen Einfamilienhäusern. Ein Messingschild mit Bürozeiten vom Gemeindebüro.
Soll ich mich im Büro anmelden oder einfach klingeln. Bei sowas telefoniert man vorher. Weiß ich. Ja, weiß ich. Aber kann er sich an mich erinnern, wenn er nur meinen Namen hört. Ist es nicht besser, wenn er mich gleich sieht?
Niemand aus meiner Familie geht in die Kirche. Ich habe ihn seit der Konfirmation nicht mehr gesehen. Habe Wer’s glaubt, wird selig an Kirchenwände gesprüht. Opium für’s Volk. Ich schleiche vom Grundstück. Fahre nach Hause.
Ist vermutlich doch keine gute Idee, was soll das? Was geschehen ist, ist geschehen. Ich muss damit klarkommen. Keiner kann mit da helfen.

Ich finde seine Nummer im Telefonbuch. Drei Telefonnummern. Gemeindebüro, Pfarrbüro, Familie.
Er ist gleich dran.
— Winkelmann.
Wow die Stimme.
— Hallo, ich weiß nicht, ob Sie sich an mich erinnern, hier ist Uwe. Ich bin von Ihnen konfir…
— Uwe. Na klar, weiß ich, wer du bist. Was macht die Kunst? Wie kann ich dir helfen?
— Ähm, also … ich wollte eigentlich fragen, ob ich Sie mal sprechen könnte, ich meine … ich hab etwas ziemlich Schlimmes gemacht. Etwas …
— Und willst es mir nicht am Telefon erzählen.
— Doch. Nein, ich, wir hatten eine Abtreibung. Wir …

Am folgenden Nachmittag werde ich von jemandem, seiner Frau? hereingelassen.
— Hallo Uwe.
Sie weiß meinen Namen.
— Er muss noch kurz ein Telefongespräch beenden. Du kannst dich aber schonmal in sein Büro setzen. Kann ich dir was bringen?
Was bringen?
— Äh, nein danke.
Sie hält mir eine Tür auf.
Ein dicker Schreibtisch, schwere Bücher, dahinter ein ausladender Schreibtischstuhl mit dem Rücken zur Tür. Bücherregale. Papier. Nicht aufgeräumt, aber auch nicht unaufgeräumt. Eine Brüt-, eine Studierstube. Ist da ein Tintenfleck an der Wand? Ledersessel. Sie weist auf einen Lederstuhl vor dem Schreibtisch. Ich setze mich, warte. Mein Herz ist ruhig, aber der Schweiß tropft von den Achseln.
Das war ein Fehler.
Ich stehe auf. Vor dem Fenster liegt ein Garten. Ein ganz normaler Garten. Kein Paradies. Ein Garten mit zwei Apfelbäumen, einer Kirsche und … und einer Schaukel. Lange nicht benutzt. Die Schaukel. Hier haben Kinder gespielt. Seine Kinder. Doch das Paradies. Ich habe schon Tränen in den Augen, bevor die Tür aufgeht.

Dann ist er da.

Sein Strahlen. Wie kann man nur solch riesige Augen haben? Sein Kopf scheint noch größer geworden zu sein. Noch mehr Luther. Luther in einem gemusterten Pullover und Jeans. Kein Talar, nur die schwarzen Pfarrerschuhe. Er kommt zu mir. Ich kann mich nicht bewegen. Bin jetzt fast genauso groß wie er. Nein größer, aber sein Händedruck und sein durchdringendes Strahlen lässt mich wieder vierzehn sein. Er strahlt mich an. Ein freudiges Strahlen. Er weiß doch, warum ich hier bin.

Er läßt mich auf dem Ledersofa sitzen, rückt sich selbst einen Ledersessel heran. Keine Einleitung.
— So.
Er lächelt über das ganze Gesicht. Die Augen weit auf.
— Wie geht es deiner Freundin?
— Meiner …
— Na, du wirst das Kind ja nicht im Bauch gehabt haben.
— Ja, nein. Ihr geht es gut. Glaube ich. Nein, ihr geht es nicht gut. Wir haben uns getrennt. Also sie wohnt noch in Berlin. In einer Etage. Einer, Fabriketage mit Freunden, nein einem anderen Paar. Also wir sind da hingezogen, zu den beiden eingezogen. Wir haben da kurz zusammengewohnt. Wir dachten … aber es ging nicht. Wir konnten nicht zusammenbleiben. Es ging nicht.
— Wieso geht das nicht. Liebt ihr euch nicht mehr? Ihr habt euch doch geliebt. Ich kenne dich von klein auf. Ich bin sicher, dass du sie geliebt hast.
— Wir mussten uns trennen. Wie können wir zusammen sein, wenn wir so einen Scheiß bauen? So viel Schlechtes machen? Vor allem sie konnte es nicht mehr. Ich dachte, wenn ich die Kunst aufgebe. Was anderes mache. Irgendwas. Ich habe mich für eine Ausbildung zum Kunsttherapeuten beworben und bin auch genommen worden. Aber ich kann das nicht machen. Ich kann nicht da bleiben, nicht mit ihr zusammen. Wir verbrennen alles, uns gegenseitig, machen alles kaputt. Ich bin der Kranke, ich bin der, der therapiert werden müsste.
— Wieso glaubst du, dass du krank bist?
— Ich bin zu laut, höre nicht hin. Ich meine, ich habe nicht auf das kleine Kind gehört, das zu uns wollte. Ich war zu sehr mit mir beschäftigt, was soll werden mit einem Kind. Das geht nicht. Wie sollen wir malen. Unsere Kunst machen. Wie sollen wir es ernähren. Aber wie kann ich da so wenig aufpassen. So wenig … K. hat entschieden, es nicht zu behalten.
— Und du konntest sie nicht davon abhalten.
Er blickt in mich hinein. Er weiß es ja eh. Ich muss es nur sagen.
— Ich wollte sie gar nicht abhalten, ich hab ihr alles überlassen, und dann … ich war erleichtert, es war das Selbstverständliche. Das Normale. Pro Familia hat es auch sofort so gesehen. Wir haben kein Geld, nicht genug, Katrin ist zu dünn, sie ist wirklich sehr dünn. Es ging alles sehr schnell.
Er blickt mich nur an.
— Meine Eltern, die, haben es gar nicht richtig mitbekommen, haben nichts dazu gesagt, waren erleichtert. Und ihre Mutter, erzähl Papa nichts davon. Katrin ist noch nach New York geflogen. Hat mir erzählt, dass sie mit ihm gesprochen hat.
— Mit wem? Mit ihrem Vater?

Er wartet.

Ich kann nicht sprechen. Er reicht mit ein Taschentuch. Kein Tempo, kein Kleenex. Ein riesiges Taschentuch.
— Nein, wir glauben, es war ein Junge? K. sagt, sie hat gespürt, als er angekommen ist. Nicht gleich, erst nach ein paar Wochen. Sie sagt, sie hat es gespürt. Als er angekommen ist in ihr, so richtig. Seine Seele. Hat dann mit ihm geredet. Und als er angekommen ist, wußte sie, es ist ein Junge. Wir haben ihn Ariel genannt.
— Du bist nicht krank. Du hast etwas sehr Schlimmes gemacht. Aber das weißt du ja.

Er lächelt nicht mehr. Die ganze Zeit habe ich mir gewünscht, dass es einfach mal jemand sagt, nicht nur die Stimme in mir. Aber jetzt rücken die Wände näher, an den Rändern wird alles schwarz.
— Du weißt das wir nicht töten sollen. Du weißt, was das bedeutet. Und du hast trotzdem jemand getötet.
Nicken. Rotz.
— Du hast den Wehrdienst verweigert, weil du nicht töten wolltest. Das habe ich dir nicht abgenommen. Ich habe dich gesehen, ich weiß, wusste immer, dass du in der Lage bist, zu töten, wie die meisten von uns. Für das, was uns am wertvollsten erscheint. Für die eigene Familie, für die eigenen Kinder. Auch das ist nicht gut. Du sollst nicht töten, sagt der Herr. Aber das hier war obendrein ohne Not. Nicht in Notwehr. Du hast nicht für dein Kind getötet, sondern du hast dein Kind getötet. Getötet, einfach, weil du es bequemer fandest. … ein Kind, das hätte leben können. Das hätte Freude empfinden, sich verlieben können. Das gelacht hätte und geweint, das hätte Tore schießen können. Musik machen und Freude in die Welt hätte bringen können. Und jetzt willst du bestraft werden. Willst du doch, oder?
Taschentuch. Tränen. Eiseskälte.
Er nickt mir zu. Ist das wohlwollend? Ist es das? Sein sanftes Lächeln verwandelt sich in sein sehr ernstes Gesicht. Moses.
— Aber es gibt keine Strafe, du weißt, dass unsere Gesetze es erlauben. Und das ist auch richtig.
— Ja, ich …
Er hat mich aufgegeben. Ich bin weit weg.
— Aber ich werde dich auch nicht verurteilen. Jesus sprich zu seinen Jüngern: richtet nicht, und ihr werdet nicht gerichtet werden, verurteilt nicht, und ihr werdet nicht verurteilt werden, sprecht frei, und ihr werdet freigesprochen werden!
Ich höre nur noch von weitem etwas über den ersten Stein, den nur jemand werfen soll, der ohne Sünde ist. Es echoet mir aus alten Erinnerungen nach. Genau das ist mein Problem, ich hätte ja liebend gern ein paar Steine abbekommen, eine Art Strafe. Ich rutsche fast von der Sesselkante auf die Knie. Möchte mich auf den Boden legen. Zusammengekrümmt. Sehe mich auf dem Boden liegen, zusammengekrümmt. Die Steine fliegen.

Ich verstehe nicht mehr, was er sagt.

— Die große Schuld des Menschen, hat Martin Buber gesagt, ist nicht die Sünde, die er begeht. Das können wir nicht schaffen, ein makelloses Leben leben. Die große Schuld des Menschen ist, dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut.
— Dir tut es leid, was ihr da gemacht habt. Das sehe ich. Aber ich kann dir die Schuld nicht abnehmen. Du musst mit dieser Schuld leben. Du wirst dein Leben lang mit dieser Schuld leben müssen.
Er scheint näher zu kommen, noch größer, noch massiger.
— Ich sehe aber, dass du bereust, was ihr gemacht habt. Ich sehe, dass es dich quält. Dass du es ungeschehen machen willst.
— … ja …
— Das geht leider nicht. Aber du lebst wie wir alle in der Gnade Gottes. Gott hat sich entschieden gnädig zu sein. Er verurteilt dich nicht, er bestraft dich nicht. Und Jesus sagt: ich verdamme dich nicht, geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Er sagt noch viel mehr, redet noch lange mit mir. Alles verschwimmt.
Fast sieben Jahre später tauft er unsere erste Tochter.

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2 Comments

  • Reply 33 Frauen - #4 Sheila Kitzinger - Katrin Bongard 29. August 2020 at 13:07

    […] hieß. Mutter. War das ein Vollzeitjob? Irgendwie schon. Und das war nicht fair. Also waren viele Partnergespräche wichtig, um das ganz entschieden zu klären: Wir machen das […]

  • Reply #20 Blackout - Red Bug CultureRed Bug Culture 18. November 2020 at 20:14

    […] Pfuelstraße #11 No Future? #12 Vergebung #13 Ein Unfall #14 Jebenstraße #15 Steh auf und geh! #16 Teezeremonie #17 Vollmond #18 Ins […]

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