Autofictional Shorts, Im Dunkeln zu Hause

#24 Kohlezeichnung

10. März 2021
Autofictional Uwe Carow Bergbau

Künstler ohne Werk ist ein autofiktionales Work in Progress, aus dem ich an jedem zweiten Mittwoch hier Ausschnitte veröffentliche.

Viele dieser Shorts stehen in Zusammenhang mit meiner künstlerischen Arbeit, die zu der Zeit entstanden ist, von der der jeweilige Text handelt.


 #24 Kohlezeichnung

— 1979

Warum hängen alle so daran, immer wieder hier runter zu fahren?
Ist es diese Ruhe? Spüren sie die auch?
Welche Ruhe? Ist da nicht die ganze Zeit Krach?
Ja, aber auch Ruhe. Die Ruhe, mit der hier alle schuften, anstrengend, aber ruhig. Wenn was nicht läuft, wie es soll, mit Hektik, nein, mit entschlossenem Tempo.
Aber hier läuft ja alles ruhig. Das letzte Schlagwetter im Ruhrgebiet ist doch schon ewig … nein, ist noch nicht so lange her. Erst vor drei Monaten ist nebenan auf Zeche Hansa ein Schlagwetter explodiert. Sieben Kumpel tot. Scheint niemanden zu stören, auch mich nicht.
Als wir auf den Korb steigen, fahren Kumpel von der Grubenwehr in ihren orangenen Armageddonanzügen aus. Hüseyin weiß schon wieder Bescheid, brennt seit Nachtschicht am Samstag. Im Querschlag, hamse zugemauert, vorne und hinten, Stickstoff eingeleitet, nich bei uns auf der Strecke. Da ist sie wieder, die Ruhe. Es brennt, kommt vor, was soll’s.
Ich bin beruhigt, spüre sie wieder, nicht nur die kleine Beruhigung, weil sie das Feuer angeblich unter Kontrolle haben, ich spüre eine umfassendere, ja was? Ruhe. Alles hier unten scheint Ruhe auszustrahlen, die ich oben so noch nicht erlebt habe. Oben in dem ganzen Licht. Mit der Sonne, dem Regen, dem Wind. Mit den Leuchtreklamen, dem Gehupe, den ständigen Anforderungen, dem Alltag, dem Liebeskummer.

Neunte Sohle. Tropenhaus. Warm. Feucht. Es tropft, überall Pfützen, kaum zu sehen unter dem fettigen Staub. Wie kann es hier noch wärmer sein als hundert Meter tiefer? Alles älter hier und nicht so moderne Bewetterung. Wir hocken, knien auf dem feuchten Boden und spreizen Gleise zurück in ihre richtige Lage. Hier unten ist eben immer alles in Bewegung. Die Erde macht Druck. Ihr spüre ihren ungeheuren Gestaltungswillen, und meinen. Ich will die Schiene wieder an die richtige Stelle bekommen. Wir können uns doch hier nicht von der Erde wegdrücken lassen. Noch sechs Zoll, noch fünf. Die Winde verkantet, knallt mir gegen das Schienbein. Es kracht. Gebrochen. Danke.

Hüseyin isst wieder. Ramadan ist vorbei. Er bietet mir sogar einen Platz auf dem Brett an, das er sich schon wieder organisiert hat. Sein Frühstückssitzplatz. Er schaut auf seine Stullen, dann hoch. An mir vorbei. Nicht so wie sonst, wie alle Kumpel, wenn sie miteinander reden. Wegen der grellen Lampe am Helm. Er will mich etwas fragen. Er legt seine Hand auf meinen Arm.
Er will wissen, wie weit ich weg bin. Im richtigen Leben, dem da oben. Jenseits der Männermärchenzwergenwelt hier unten. In der alle gleich sind. Mit ihren weißen Anzügen, den Helmen, Lichtern, Aufgaben. Wo sie reden, wie sie reden. Wo sie auf ein Gummiband hechten können. Da unten gibt es keine Arschlöcher hat mal einer gesagt. Weil sie ihr Arschlochtum in der Kaue ausgezogen haben? Für ihre Zeit hier unten.
Bis sie sich dann nach der Schicht die Kohle von ihren rosa Bäuchen gewaschen, sich gegenseitig den Dreck vom Rücken geschrubbt und die sexy schwarzen Kohlestaubringe aus den Augen gecremt haben, bis sie wieder in ihre Lederjäckchen, Slipper und Opel Asconas steigen und nach Hause fahren, und Hüseyin vielleicht doch nicht in ihrem Schrebergartenverein haben wollen, weil er gegen die Vorschriften nur Bohnen anbaut, für seine Familie. Gibt eben Regeln, wo kämen wir denn da hin? Oben gibt es wieder solche und solche. Auch Arschlöcher.

Wat in Düsseldorf studiersse? Dat kann man studieren? Wat machse denn für Kunst. Bis doch nich auch son Bekloppten wie der Beuys da mit seine Fettecken.

Nein, viel schlimmer. Vielleicht bleibe ich hier unten. Nicht als Bergmann, als Künstler.
Von weit weg höre ich Hüseyin. Die lassen dich doch hier nicht als Künstler einfahren, einen, der hier allet malt, oder wat? Kannse mich ma malen. Schönet Bild gippt dat. Oder willsse die Kohlen malen. Brauchse nur eine Farbe, schwaaz und kannsse gleich die Kohle hier dafür nehmen, gipptet doch, Kohlezeichnungen, oder? Hier von diese Käthe, wie heistse?
Kollwitz
Ja, da hamse doch hier mal sonne Bilder gezeicht. Kannse sowat auch?

Ja kann ich, nein, kann ich nicht, mache ich nicht. Ich bleibe einfach hier, hier unten, hier zuhause. Ich mache gar nichts anders als jetzt, male nicht, zeichne nicht, fotografiere nicht, schon gar nicht bildhauere ich. Welche Skulpturen will man denn hier noch machen? Besser als diese Tunnel, diese Schienen, diese Umschichtung von Material, diese plastischen Verformungen, diese Schächte, diese Strebe, diese ganze Landschaft, geht’s doch gar nicht. Ich bin einfach hier unten. Für die als Bergmann, für mich als Künstler. Mein Job wäre Bergmann, aber mein Leben hier unten, das ist die Kunst, das ist das Kunstwerk. Was soll das heißen? Ist das dann eine Skulptur, wenn ich mit dem Abbauhammer Stein wegschlage? Oder Schlamm schaufle, oder Baue verschraube? Wenn ich die Winde gegen das Schienbein bekomme, dankbar dass ich Schienbeinschoner anhabe, noch dankbarer, dass sie nicht gegen das Knie geknallt ist. Ist das dann die Kunst, wenn ih mir die Finger quetsche im Panzerförderer, bis es einer sieht und endlich den Notknopf drückt? Wenn ich in der Grubenbahn einschlafe? Wenn ein Kumpel überfahren wird? Wenn ich zusehe, wie sie Meter für Meter die Kohle abfräsen? Wozu die Kumpel malen, wie ich es noch für meine Bewerbungsmappe gemacht hatte? Aufgenommen haben sie mich auf der Akademie. Alkoholiker wirst du, wenn du so weitermachst, haben sie gesagt.
Die Kumpel sind da. Sie ahnen es nicht, aber sie sind die Kunst. Im einfach da sein. Da sein wie alles andere auch. In meinem Kopf unter meinem Helm, der rhythmisch gegen den Helm des Kumpels gegenüber klopft, das ist Poesie, ich wache aus den Halbschlafdämmertraumüberlegungen auf. Wir sitzen zu sechst in einem Waggon der Grubenbahn. Die Beine als Reißverschluss ineinander verkeilt. Ist hier unten eben alle etwas enger. Die Helme wippen. Sechs weiße, eine gelber. Schön. Der Kumpel schläft weiter. Hüseyin grinst. Hellwach, wie immer.
Die Kunst ist in meinem Kopf. Da ist die Kunst.

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