Autofictional Shorts

#17 Vollmond

14. Oktober 2020

Künstler ohne Werk


Künstler ohne Werk ist ein autofiktionales Work in Progress, aus dem ich an jedem zweiten Mittwoch hier Ausschnitte veröffentliche.

Viele dieser Shorts stehen in Zusammenhang mit meiner künstlerischen Arbeit, die zu der Zeit entstanden ist, von der der jeweilige Text handelt.


 #17 Vollmond

— 2007

Was stehst du hier hinter dem Fenster und verdeckst den Mond?
Warum habe ich nicht das Gefühl, dass du mir helfen willst?
Könnt ihr uns hier unten helfen von da drüben?
Willst du mir einfach nur zuschauen beim keine Luft bekommen?
Ja, ich weiß jetzt, wie du dich gefühlt hast?
Kurzatmig, todesängstlich.
Willst du, dass ich das fühle?
Will ich das? Ist das meine Aufgabe?

Die Kerze flackert, die Teebrühe simmert, mir läuft der Schweiß in die Augen, der Rotz in den Mund, Tränen sind keine mehr.

Was kann ich denn über dich wissen?

Wie kann ich wissen, wie du dich gefühlt hat als Kind? In dem Bergmannshaus aus dunklem Backstein, das ich jetzt deinen Enkeln zeigen kann. Bist du glücklich, und wie fühlt sich glücklich sein für dich an? Wo spielst du, mit wem? Fühlst du dich geliebt, geborgen? Wo gehst du zur Schule, hast du Freunde?
Einmal rutscht du aus, erinnerst du dich. Schießt einen Ball weit übers Tor. Deine Erinnerung ist schon viele Jahre alt, als du sie mir erzählst. Rutscht du wirklich aus? Ist es dir peinlich? Fliegt der Ball wirklich hoch über das Tor? Oder übertreibst du und erfindest, wie wir alle?
Wie fühlt sich dein Heimweh an bei der Pflegefamilie in Ostpreußen während der Kinderlandverschickung? Jeder kennt Heimweh. Aber fühlt es sich auch so an, wenn man hunderte Kilometer von zu Hause weg ist und nicht weiß, ob man wieder zurückkommen wird? Ein Tiefflieger jagt euch über das Feld. Ihr werft euch in einen Graben. Seid ihr gemeint? Werdet ihr beschossen? Du berichtest von der abenteuerlichen Flucht zurück ins bombadierte Ruhrgebiet. Nach Dahlhausen. Als Schwarzfahrer von Zug zu Zug. Da bist zehn, höchstens zwölf. Damit du nicht wieder verschickt wird, verstecken sie dich hinterm Haus. Im Kaninchenstall.

Und dein Vater?

Wirft er seinen Jungen in die Luft, wenn er von der Schicht auf Zeche Engelsburg kommt, wo er kriegswichtig als Hilfshauer untertage Meter macht.
Spielt er mit dir. Schmiert er dir Brote? Esst ihr zusammen? Und wie fühlt sich das für dich an? Wo steht dein Bett?

Auf der Henrichshütte schaufelt du dich dann im Kalkbunker aus dem Bergbau. Verdienst dir damit die Penne. Wirst endlich Maschinenbauingenieur. Das ist Überlieferung. Ich bin bewundere deine Energie. Bin stolz auf dich.

Du bist viel fitter, sportlicher als ich dich je kennen werde. Auf einem Foto tobst du mit Kollegen. Freunden? Soll das eine Art Rugby sein. Ihr macht eine Radtour an die Mosel.
Und geht tanzen. In die Mausefalle. Die Stadtteile sind damals näher beieinander. Diesseits und jenseits der Ruhr. Heute braucht man ein Auto. Seid ihr zu Fuß, auf Rädern? Fahren Busse?
Dort trifft du deine Liebe, sie tanzt mit dir. Du bist stolz. Verliebt. Zählt du die Stunden, bis du sie wiedersehen kannst?

Bist du so? Zu welcher Musik tanzt ihr? Spielst du für sie auf dem Akkordeon? Nein. Bestimmt nicht. Das Akkordeon ist kein Instrument, mit dem du jemand vorspielst. Du spielst auf Partys, machst Stimmung. Schwängerst sie. Das ist es dann für sie. Ich bin auf dem Weg.
Deine Mutter, ihr Vater. Sie sind dagegen. Wogegen? Gegen dich? Gegen mich?

Und sie selbst? Deine Frau, deine Liebe, meine zukünftige Mutter, ist sie glücklich. Überrumpelt, geschockt. Stimmt, was sie erzählt? Wie fühlt sie sich? Ich weiß es nicht. Sie auch nicht. Nicht mehr. Ihr bekommt noch zwei Kinder, versehentlich, unpassend, ungewollt.

Du und ich.

Wir haben gute Zeiten zusammen. Wenn ich betrunken nach Hause komme und durch das Wohnzimmer muss, in dem ihr vor dem Fernseher sitzt, winkst du mich in den Sessel.
Wer so viel trinken kann, wird ja wohl auch mal ein Gläschen mit seinem Vater trinken können, oder?
Dann gießt du uns beiden einen Klaren ein. Schon beim ersten Glas wird die Kehle trocken. Spätestens beim zweiten. Du weißt, dass ich kotzen werde. Soll es Initiation, Erziehung,  Abschreckung oder eine Art Abhärtung sein? Oder bist du einfach selbst zu betrunken und suchst einen Vorwand, von Bier auf Schnaps umzusteigen. Im Bett drehen sich meine Beine zur Decke. Dann dreht sich das ganze Bett. Ich schaffe es bis zum Waschbecken.
Seltsam, dass mir immer klar ist, ich werde nie rauchen. Wieso schaue ich mir dann das Trinken ab?

Und jetzt auch noch das Außer-Atem-sein mit der heißen, stinkenden Teekompresse auf der Brust.

Dass du mich rumträgst als Säugling, wenn ich mal wieder krank bin, huste, keine Luft bekomme, woher weiß ich das? Er hat sich umgebracht mit dir. So sagt man.

Verschwinde jetzt einfach und lass mich in Ruhe.
Eine Wolke verschleiert den Mond.

You Might Also Like

1 Comment

  • Reply #2 Inner Child - Red Bug CultureRed Bug Culture 21. Oktober 2020 at 18:42

    […] #11 No Future? #12 Vergebung #13 Ein Unfall #14 Jebenstraße #15 Steh auf und geh! #16 Teezeremonie #17 Vollmond #18 Ins […]

  • Leave a Reply