Autofictional Shorts, Im Dunkeln zu Hause

#27 Mit dem Kopf zuerst

14. April 2021


 #27 Mit dem Kopf zuerst

— 1979

Ich robbe unterm Förderband den Berg hinauf. Wuchte den Abbauhammer vor mir her. Hier ist die Stelle. Der Fels gibt nach unter dem Pressluftmeißelrattern. Platzt in Schichten weg wie Schiefer. Wieder zwanzig Zentimeter. Ich schiebe mich voran. Mit dem Kopf zuerst.

Unerwartet trifft mich die Erkenntnis in die Wirbelsäule, zwischen die Lungenflügel. Kriecht langsam das Rückenmark hinauf. Verweilt kurz im Nacken, vor der Brücke zum Gehirn. Dann erst strömt sie, nur zaghaft erst, dann immer entschiedener, auf beiden Seiten das Hinterhauptbein entlang, bis an die Schläfen. Da sticht sie ein. Die Erfahrung des Lebendigseins.

Ein Lebewesen, wie all die anderen, die sich gemeinsam in die Erde wühlen. Trotz der Maschinen hier, nicht anders als die Maulwürfe, die Dachse, Füchse, die Würmer, Maden und alle anderen Tiere, die unter Tage Schutz und Nahrung suchen, graben wir uns, wühlen wir uns hier hinein.

Nur – wir, wir könnten es auch anders machen. Es einfach lassen. Oben bleiben an der frischen Luft. Oder gibt es keinen freien Willen? Doch, doch. Wir sind freiwillig hier, aus Neugier und aus Übermut. Ich wühle mich, ich schlage mich hier rein aus Freude am Lebendigsein.

Nicht nur in den Berg. Auch in den Rost der Zeit zurück, und in die Männerwelt hier unten. In die Familie grab ich mich hinein. Zu alten, silikosekranken und jung verschütt gegangenen Männern, zu Witwen, die in schwarzen Schürzen Bohnen schnippeln mit kleinen krummen Pittermessern. Am Tage sehe ich sie nur, hier unten kann ich sie auch spüren. Und breite meine Arme aus. Die Brust wird weit.

Noch tiefer geht es in die Sümpfe des Karbon, den meterhohen Farn. Ich bilde mir Libellen ein mit messerscharfen Flügeln. Gefährlich wie Methan. Jetzt ist die Zeit, millionenalten Staub zu atmen, hochzubringen auf der Haut und ihn dann abzuwaschen, oder freizulassen in die Luft. Ich wühle mich hier raus. Ich muss hier weg. Die Zeit im fahlen Bergbauanzug ist vorbei. Der Engerling bricht auf.

Doch das Wühlen wird mich nicht verlassen, mit beiden Händen in der Erde, das ist die Art, wie ich Kontakt aufnehme mit der Welt. Wie ich die Welt erfahre, wie ich lebendig bin.

Kein elegantes Gleiten, Schweben, Drüberstehen. Den Kopf nach vorn, hautnah am Gegner, Körperkontakt, und in den Strafraum reingewühlt. Manchmal muss man sich dazwischenwerfen, egal was kommt, die Stollen reißen schweren Rasen auf oder der alte Aschenplatz die Haut.

Hinein in die besetzten Häuser, wühle mich durch Teer und Pappe, säge mit Stroh verputzte Zwischenwände raus. Das Sägeblatt geht dabei drauf. Ich schaufle Schutt und fräse Dielen aus dem Boden, die Balken an der Decke tragen noch. Wir schlagen Brüstungen aus den Fenstern und bauen Türen ein. Wozu die Türen hier im zweiten Stock? Die Hinterhäuser sind schon weggeprengt. Stahlträger ragen aus dem Schutt. Ich grabe Pflastersteine aus und wühle mich durch Straßenschlachten. Manchmal komm ich durch und manchmal nicht. Ich sitze ohne Schuhe in der Zelle. Ich wühle mich durch Kneipennächte, zahle für alle und torkele dann nach Haus.

Die Häuser sind geräumt, die Zechen sind geschlossen. Nichts ist auf Dauer angelegt. Nicht mal die großen Bilder, in die ich mich mit aller Kraft und Teer und Farbe wühle. Spachteln, kratzen, schauen, malen, wieder spachteln bis ein Bild entsteht, das gültig ist für eine Zeit.

Dann wühle ich mich in die Bücher. Gewaschen und gebügelt zwar, doch eher einem Wildschwein gleich, das mit der Schnauze in der weichen Erde wühlt, als aufrecht sitzend. Den Kopf zwischen den Regalen, allein im warmen Lampenlicht. Er vergräbt sich in die Bücher, sagt man doch so. Erst mit den Fingern in den Seiten. Dann sind da plötzlich Worte, Texte und Gedanken, die Vergangenes mit heutigem verbinden. Die Schächte graben tief in die Geschichte, und Stollen. Schon wieder geht es tiefer in die Zeit. Ein weit verzweigtes Netz aus Strecken, auf der Suche nach dem Streb, dem Flöz, dem Wissen, um es endlich nochmal und immer wieder neu zu atmen, neu zu denken.

Jetzt kratze ich in Photoshop digitale Schichten aus den Bildern auf dem Screen. Wühle mich in jedes Bild hinein, bis es endlich fertig ist. Schicht um Schicht, Layer für Layer. Bis alles offen ist und dicht zugleich. So dicht wie ich es brauche. Und im Hintergrund ist nichts als Code. Ist nichts.

Die Fingernägel brechen ab. The Trenches wachsen zu. Ich wühle weiter, jetzt nach innen, in mich selbst hinein.

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