Autofictional Shorts

#23 Zehnte Sohle

3. März 2021

Künstler ohne Werk ist ein autofiktionales Work in Progress, aus dem ich an jedem zweiten Mittwoch hier Ausschnitte veröffentliche.

Viele dieser Shorts stehen in Zusammenhang mit meiner künstlerischen Arbeit, die zu der Zeit entstanden ist, von der der jeweilige Text handelt.


 #23 Zehnte Sohle

— 1979

Viermal für Seilfahrt. Dreimal für abwärts.
Ding-ding-ding-ding — ding-ding-ding.
Der Korb ruckelt los. Meine Füße heben ab. Wir stürzen ins Leere. Die Kumpel grinsen. Auch Rainer. Er hätte mich vorwarnen können. Er hatte mich vorgewarnt. »Denk dran, der Korb rast los, das ist kein Fahrstuhl.« Okay, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass es sich anfühlt wie freier Fall. Durch den Maschendraht zu erahnen rast die dunkle Schachtwand an uns vorbei.
Hüseyin zupft mich am Ärmel, bietet mir eine Prise an. Zur Versöhnung. Zur Ablenkung. Oder als nächsten Test?
Ich halte ihm die Hand hin. Er klopft mir den Schnupftabak auf das Dreieck zwischen Daumen und Zeigefinger außen auf die Hand und ich ziehe mir die volle Ladung Gletscherprise in die Nase. Jetzt nicht niesen. Volle Konzentration, durchhalten, geschafft der fürchterliche Kitzel läßt nach, ich niese nicht.

Der Fahrtwind wird wärmer. Wir rattern auf einen Höllenlärm zu. Schon wieder Hölle? Nein, kein Höllenlärm, Bergwerkskrach. Wird lauter. Dann plötzlich wird es grell, hell und der Lärm entfernt sich nach oben. Wir sind an der fünften Sohle vorbeigefallen. Dann an der siebten. Vor der achten werde ich zusammengestaucht, der Korb bremst ab, wir stehen.
Absteigen.
Weiter auf einem kilometerlangen Gummiband. Watte fahrn kanns musse nich laufen. Schon mal gehört? Ein, zwei Stufen hoch und dann auf das fahrende Band hechten. Einer nach dem anderen steigt vor mir auf, lässt sich auf das Band gleiten. Hoffentlich ist am Ende kein Häcksler. Haha.

Autoficional Shorts Bergbau Gneisenau

Ich bin zweiundzwanzig, topfit, hechte, titsche kurz auf und lande auf dem Arsch.
Hab das Tempo, mit dem das Band rast, wohl etwas unterschätzt. Statt auf dem Bauch zu liegen, sitze ich in meinem noch nagelneuen, strahlendweißen Anzug auf diesem verdammten Förderband. Als Einziger.
Alle dreißig Zentimeter eine Rolle, die mich hopsen lässt wie einen leuchtenden Blödmann auf einem trabenden Pferd. Was hatte Hüseyin gesagt, am Ende kniesse dich hin, gehs inne Hocke und steichs ab. Siehsse dann schonn. Wie soll ich bei diesem Geruckel vom Sitzen auf die Knie kommen? Keine Ahnung. Irgendwie schaffe ich es nach langen peinlichen, oder vielleicht auch leicht (leicht?) panischen Minuten, ohne vom Band zu fliegen oder die Finger zwischen die Rollen zu kriegen.

Auf dem Rückweg kann ich’s dann und zwei, drei Schichten später Wenne schlafen kanns, musse nich wach sein, schlafe ich auf dem Band. (Man erinnert sich? 4:23) Den Kopf auf den verschränkten Armen und schön durchgeschüttelt von dem gleichmäßigen Abstand der Rollen. Neben mir explodiert ein Kompressor. Keinen stört’s. Er knallt nur den Überdruck weg, ohne Takt, taktlos, jedes mal wieder eine Überraschung. Ich gewöhne mich dran. Schlafe wieder ein. Rechtzeitig vor der Absteigestelle hängen Riemen über dem Band. Die schlagen gegen den Helm. Aufwachen.

Doch noch ein Stück zu Fuß. Zum Blindschacht.
Wieder Ding-ding-ding-ding — ding-ding-ding und nochmal zwei Sohlen runter.
Raus aus dem Korb, weiter zu Fuß.
Zwischen Panzerförderer, Wetterlutten, Einschienenhängebahn. Durch ein Paar Wettertüren.
Wir werden immer weniger. Rainer ist schon 9. Sohle runter vom Korb. Immer mehr Kumpel biegen irgendwo ab. Oder gehen weiter, wo wir abbiegen. Jetzt sind wir zu zweit. Nur noch Hüseyin und ich. Hüseyin tatscht mir auf den Arm, erzählt von Izmir und dem Geruch der Blumen dort. Und dass wir heute langsam machen. Er fastet. Noch zwei Wochen. Ramadan.
Er nickt nach rechts, soll wohl heißen, dass wir über den Panzerförderer durch ein weiteres Loch steigen. Und dahinter, wow, der Berg. Ein Kohleförderband hängt da in dem dunklen Tunnel, der schräg nach oben führt — und nach unten. Wir steigen nach unten. Nach ganz unten, bis es nicht mehr weitergeht zu einem kleinem fettig, schwarz schimmernden Tümpel.
Wo bin ich?

Ich bin da. Angekommen. Es gibt nichts zu erzählen, hier unten passiert nichts, alles ist nur Sein. Ohne Zeit. Alles gleichzeitig. Angekommen. Und schon das Angekommensein ist aufgehoben im Dasein. Im immer schon dasein. Hiersein, hier unten. Zu Hause. In dieser lichtlosen, luftlosen, zeitlosen, menschenlosen Welt. Jede Eigenschaft, jede Laune, jedes nervige mich-ständig-mit-dem-Ellenbogen-in-die-Rippen-stoßen, das ihm nicht abzugewöhnende mich-am-Arm-zupfen beim Reden, jedes Brüllen, Lachen, jedes traurige vor-sich-hin-Schweigen. Jedes Metermachen, jedes Pausemachen, jede Aufgabe, jede Vorfreude, jede Sorge, die oben wartet, alles wird überkumpelt. Alles hängt in der Kaue, oben am Haken. Hier ist alles weißgrau und dunkel. Der Anzug, der Helm. Die Gedanken. Nicht mehr nackt. Die Nacktheit behelfsmäßig verborgen in Kumpelhaut, fürs Erste, in der grauen Wäsche, dem blauen Hemd, dem festen weißen Anzug, mit den Gürteln, den Stiefeln. Breitbeinig, wie der Förderturm. Combat Gear. Wir sind die Guten, wir geben unser Bestes, darum: vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.
Die Zeit tropft vom Hängenden. Das Grundwasser regnet. Das Förderband schleift schon fast am Liegenden, wo vor ein paar Jahren noch ein Meter Luft war. Jetzt liege ich da unter dem Gummiband. Seit Tagen. Auf dem Rücken. Schiebe mich mit dem Abbauhammer Meter für Meter weiter. Schlage das Erdinnere wieder weg, wo es den Förderberg zusammendrückt. Schön warm ist es jedenfalls und trocken hier unter dem Band, auf dem nasse Kohle nach oben rast, rauscht und poltert. Die Zeit schiebt, quetscht, drückt von unten die Maulwurfgänge, die Strecken, Strebe und Querschläge wieder zu. Und sie steht still, die Zeit. Still wie der Krach, der rundherum lärmt, so überall laut, dass er nicht zu hören ist. Still, wenn ich die Stirnlampe ausschalte, den Abbauhammer zur Seite und die Wange auf den steinigen Boden lege, kann ich sie hören, die Erde und ihre Wärme spüren. Da ist sie. Gar nicht weit weg. Der warme, rote Kern, weich und glühend. Der Planet. Nur ein paar Kilometer. Aber es ist zu wenig Platz hier unter dem Band, um den Abbauhammer aufzustellen, senkrecht. Nach unten zu schlagen, zum Mittelpunkt, zum Kern.

Ich erschrecke nicht mehr, wenn oben geschossen wird. Das dumpfe Wuummm und der leichte Druck sind auch hier hundert Meter tiefer zu spüren.
Bohren, schießen, abräumen, ausbauen.
Nichts passiert, alles ist gleichzeitig, ein einziges großes Gemälde.
Anselm Kiefer? Jannis Kounellis? Eine einzige Installation aus Staub, Lärm und Wärme. Aus Wasser, Kohle, Stein und Stahl … aus Dynamit, aus dickem Stoff, aus Wind und Geistern. Ein Labyrinth aus Gängen, bissken Blut im Handschuh, aus altem Licht und neuem, wie dem da unten, dem flackernden, das da auf mich zukommt. War ich etwa eingeschlafen? Hüseyin kommt den Berg hoch. Leuchtet, auf und ab mit der Kopflampe. Auf und ab heißt: kommen. Ich komme. »Kumpel, hier isse Schlamm. Unten. Pumpe steht. Kommste helfen.«
Schade, war so gemütlich unterm Band, so für mich allein, mit einer sinnlichen, unsinnigen, unendlichen Aufgabe. Pumpe freischaufeln ist zu schaffen und muss schnell gehen. Die Umlenkrolle muss frei bleiben.
Wir schaufeln Schlamm. Abwechselnd. Legen die Pumpe frei. Schlamm rutscht nach. Wir schaufeln. Vierzehn Tage lang. Die Pumpe pumpt, die Pumpe verstopft. Das Band läuft, das Band steht. Das Grubentelefon schrillt Wat is los da unten, warum steht dat Band. Hüseyin brüllt »Hömma ihr föddert mehr Wassa als wie Kohle. Pumpe steht.« Dann rumpelt es oben. Lauf Junge. Junge? Nicht Kumpel? Opa? Der Hörer baumelt am Telefon. Hüseyin ist schon ein ganzes Stück weiter oben. Junge, lauf. Das Wasser tropft nicht mehr. Ein Schwall bricht aus dem Bunker. Ich renne. Renne. Neben dem Förderband den Berg hoch. Der Schlamm steigt. Das Wasser steigt. Ich renne. Vorbei an der Stelle, wo ich noch vor ein paar Tagen unterm Band gelegen habe. So gemütlich, so bequem. Jetzt Wasser, Schlamm, Kohle. Das Band bleibt endgültig stehen. Hüseyin bleibt vorläufig stehen. Die Pumpe ist weg, die Umlenkrolle ist weg, unsere Schaufeln, das Frühstücksbrett weg, mein Teekanister dümpelt auf dem fettigen Wasser da hinten. Feierabend.

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply