Autofictional Shorts

#10 PFUELSTRASSE

29. Juli 2020
Pfuelstraße

Künstler ohne Werk


Künstler ohne Werk ist der Arbeitstitel eines autofiktionales Work in Progress, aus dem ich an jedem zweiten Mittwoch hier Ausschnitte veröffentliche.

Viele dieser Shorts stehen in Zusammenhang mit meiner künstlerischen Arbeit, die zu der Zeit entstanden sind, von denen der jeweilige Text handelt.


 #10 Pfuelstraße

— 1984

Das Plateau für das Bett hängt. Drei mal drei Meter groß. Drei Meter über dem Boden. Unser Refugium. Bin gespannt, was K. sagt, wenn sie das sieht.

Und jetzt wird es auch noch warm. Endlich Frühling.
Fahre die Hochbahn entlang nach Charlottenburg. Die XT ölt noch immer. Was soll’s.
Here comes the sun …
Forsythien blühen.
Am hohlen Baum im Schlosspark freue ich mich über das Wetter. Ich freu mich über den tollen Job – bin der beste Erzieher der Welt. Die Kids rennen barfuß. Die Wiese ist warm. Berlin ist Rom. Paul rennt nicht mit. Will nicht runter zum Wasser. Sitzt lieber neben mir, wie so oft. Möchte wissen warum der Baum hohl ist. Wer in dem Baum wohnt. Ich erzähle ihm, warum der Baum hohl ist, wer in dem Baum wohnt. Zurück im Kinderhaus, wenn die anderen schlafen, wird er ein Bild malen vom hohlen Baum. Ich mach den Abwasch. Freu mich auf K. Auf der Rückfahrt singe ich in meinen Helm.

– Heute kriege ich meine neuen Schuhe
– Das Atelier ist aufgeräumt
– Ich werde Yoga machen

Wie jeden Tag, mache ich einen Stop im Megot. Milchkaffee und Apfelkuchen mit einer Riesenportion Schlagsahne. Soulfood, das ich brauche, bevor ich in die Etage fahre. Obwohl ich mich heute nicht von der Motorradfahrt aufwärmen muss. Die Nachmittagssonne wärmt noch immer und die Kälte in der ungeheizten Etage ist schon fast vergessen.

Ich habe einen Modellierbock. Ein Bett. Und ich habe eine Wand. Eine Wand, an der ich malen kann, die einzige Wand in der Etage. Gemauert aus geklauten Kalksteinen. Massenhaft Bulliladungen von der Baustelle der TU-Turnhalle. Der Turnhalle, in der wir fünfunddreißig Jahre später mit einer unserer erwachsenen Töchter und ihrem Freund zum Sport gehen werden.
Aber das weiß ich ja jetzt noch nicht.

Seit ich aus Frankreich zurück bin, habe ich nicht mehr gemalt. Die halbfertigen Bilder hängen an der Wand. Menschen auf Barhockern, an der Theke. Nicht zu unterscheiden, was Barhocker, was Mensch ist. Menschen, die so lange auf den Hockern sitzen, dass sie sich ihnen anpassen. Mit ihnen eine Einheit bilden. Wie vielleicht auch ein Motorradfahrer mit seinem Moped. Ein Bergmann mit seinem Abbauhammer. Mit dem Unterschied, dass sie aktiv sind, die Geräte benutzen. Mit den Barhockern ist es umgekehrt, sie benutzen die Menschen. Hieven sie an die Theke, an den Alkohol, bis nicht mehr viel übrig ist von dem Menschen. Von mir.

Jetzt liege ich angezogen auf dem Bett über der Etage. Habe ich geheult. Nein. Ich liege zusammengekrümmt auf der Seite. Den Kopf unter dem Kissen. Ich will im Kissen vermodern. Weg sein. So liege ich da. Liege. Vermodere. Ins Kissen. Ich fließe auseinander, verschmelze mit der Matratze. Liege da im Dunkeln mit dem Kopf unter dem Kissen. Ich sehe mich von oben. Ich sinke tiefer. Wie lange? Aber das kenne ich schon. Man stirbt nicht so leicht. Nicht einfach so. Ich reiße mich los. Rappele mich auf. Nehme das Kopfkissen weg. Es ist dunkel geworden. Es ist seltsam ruhig. Hinten sind noch ein paar Leute wach. Reden, kichern albern, lachen. Dope. Irgendwo vögeln welche. Versuchen leise zu sein. Kichern auch. Werden dann aber ernster. Sie sind jetzt ganz bei der Sache.

Ich hangele mich die Leiter herunter. Ich nehme meinen Overall vom Modellierbock, mache den Strahler an. Sehe meinen Atem. Nachts ist es immer noch saukalt. Ich nehme den breitesten Modler und ziehe weiße Farbe über ein Bild. Diagonal. Übermale fast alles. Nur ein paar diagonale Streifen bleiben stehen. Ich warte nicht, bis es trocknet. Zünde den Gasbrenner an. Schmelze Teer und ziehe ihn mit einer Kelle und einem breiten Spachtel auf das Bild. Die nasse weiße Farbe glitscht weg. Es schmiert. Mit der Flamme über die Leinwand. Farbe trocknet an. Reißt. Nur jetzt nicht die Etage abfackeln. Schmelze weiter Teer in der Emailleschüsssel. Male weiter mit dem flüssigen, zähen Teer. Die Figur verschmilzt im Hintegrund, zerreißt sich, wird zerissen. Keine Barhocker mehr. Ein Schlachtfeld. Ein inneres Schlachtfeld.

Ich setze mich vor das Bild. Schalte den Strahler aus. Im gelben Straßenlicht, sieht es noch echter aus, unheimlicher, schlachtfeldiger, zerrissener.

Von hinten eine Stimme. Joseph. »Es stinkt hier dermaßen nach Teer. Ich dachte hier brennt was.«
»—«
»Starkes Bild.«
»Findest du?«
»Ja, echt stark. Dir geht es nicht soo gut, oder?«
»—«
»Das gleiche Problem, wie mit Anne?«
»Ne, genau das Gegenteil.«
»Okaaay.«
Das ist mehr eine Frage, ein Zeichen für die Bereitschaft, mir zuzuhören, eine Aufforderung zu reden. Er dreht einen Stuhl um, setzt sich, die Arme verschränkt über der Lehne. Das Kinn auf den Armen. Er wartet. Aber ich will nicht, kann nicht. It hurts.

Ich nehme die Lötlampe drehe die Flamme auf. Mache nochmal Teer flüssig. Lass mich, ich arbeite. Male mit dem Teer weiter, schmiere ihn aufs Bild. Zwei, drei strokes. Bin sogar gleich wieder konzentriert. Drehe die Flamme runter. Das Zischen wird leiser. Stille. Kratze mit dem Spachtel dünne Linien in den Teer. Bis auf die weiße Farbe, bis auf die Leinwand. Ich will mich in das Bild reinwühlen, in das Material. Alles muss noch dichter werden. Der Schmerz muss raus. Nochmal ein dicker Strich mit dem Quast. Weiß über schwarz. Es tropft. Fließt. Gut so. Yes, let it hurt. Kein Rot, kein Blut, keine Anekdoten.

»Marie ist schwanger.«
Ich verstehe nicht. »What, von wem?«
»Von mir.«
»Wie, von dir. Ich denk, du hast dich sterilisieren lassen.«
»Ja, hab ich auch.«
»Ja und was, ich dachte Vasektomie ist die zuverlässigste Verhütungsmethode.«
»Ist sie auch. Es kann nur mehrer Monate dauern, bis nach dem Schnitt wirklich keine Spermien mehr im oberen Stück des Samenleiters sind.«
»Erzähl keinen Scheiß. Die bleiben da so lange, ich meine … agil, oder was?«
»Sieht ganz so aus.«
»Und das haben sie dir nicht vorher gesagt.«
»Doch, ich glaube …«
»Und ihr habt gleich losgevögelt, als du wieder laufen konntest.«
»Bevor ich wieder laufen konnte.«
»Scheiße. Dann war das alles umsonst?«
»—«
»Und?«
»Und was?«
»Und was macht ihr jetzt, was sagt Marie. Will sie es behalten?«
»Wir reden noch. Sie ist erstmal zu ihrer Schwester gefahren. Aber ich hoffe … ich hoffe ja.«
Wow. Ich nehme ihn in den Arm. »Ja, hoffe ich auch.«

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1 Comment

  • Reply #11 No Future - Red Bug CultureRed Bug Culture 11. August 2020 at 18:19

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