Autofictional Shorts

#34 Chez Krömer

14. Juli 2021


 #34 Chez Krömer

— 2021

Gestern abend habe ich etwas Interessantes auf YouTube gefunden, nein, habe ich natürlich nicht, ich bin gezielt darauf aufmerksam gemacht worden. Danke Lenny.
Am 22 . März dieses Jahres hat die Katze offensichtlich Torsten Sträter vor Kurt Krömers Tür gelegt.
Ich finde die Figur Kurt Krömer Klasse, Torsten Sträter kenne ich kaum, habe mal irgendwo eine Aufzeichnung mit ihm gesehen, in der es darum ging, stundenlang in einem Raum voller Comedians nicht zu lachen. Kurt Krömer ist, wenn ich mich richtig erinnere, sehr früh lachend rausgeflogen. Sträter hat gewonnen.

Was ist jetzt so interessant an dieser Sendung Chez Krömer mit Torsten Sträter als Gast?
Und warum schreibe ich darüber in dieser Blogreihe. Hat es etwas mit Autofiktion zu tun?

Nun das Gespräch geht los, wie unter Coronabedingungen gewohnt. Das Setting erinnert an einen Verhörraum. Der Gast sitzt sozusagen hinter Schloss und Riegel wie in den anderen Krömer Shows. Kurt Krömer spricht zuerst über Fernsprechanlage mit dem Gast. Betritt dann die Zelle, setzt sich seinem Gast gegenüber, beide coronakonform durch eine Scheibe getrennt. Das erste Geplänkel. Kurt Krömer redet wie immer blank und unterbricht seinen Gast ständig, wenn der zu einer Antwort ansetzt.
Warum hast du mich nie in deine Show eingeladen?
Na, weil …
Dann lad mich doch jetzt ein.
Okay …
Ich will ja gar nicht kommen …

Plötzlich, jedenfalls für mich unerwartet, und offensichtlich auch für Sträter, sonst wäre das exorbitant gut gespielt, spricht Kurt Krömer seine — und Sträters Depressionen an. Echt jetzt? Ja, echt!
Krömer war im letzten Herbst für acht Wochen in einer psychatrischen Tagesklinik. Sträter hat sich offensichtlich in seiner eigenen Show und an anderer Stelle schon des öfteren über seine eigenen Depressionen geäußert.

Dass Prominente über ihre Mental Health Issues reden, ist nun vielleicht nicht so eine Singularität, wie in der Sendung angedeutet wird.
Mir fällt, ohne zu googeln, Billie Eilish ein, die gerade in der Vogue über ihre Depressionen geredet hat, und Sophie Turner natürlich, David Letterman bei Oprah, und Jim Carrey. Robin Williams und Chester Bennington haben in Interviews noch über ihre Depressionen gesprochen, kurz bevor sie sich umgebracht haben.

Gut, vielleicht ist das in Deutschland anders. Wann hat Nora Tschirner angefangen, über ihre Depressionen zu reden? Das muss ich jetzt allerdings googeln … sieht so als, als wäre das Mitte April 2021 gewesen, also einen Monat nach Krömer, vielleicht schon ein positiver Aspekt der Sendung?

Und es gibt natürlich Thomas Melle, der ein äußerst intensives Buch über seine bipolaren Episoden geschrieben hat. Die Welt im Rücken. Melle beschreibt, wie die depressiven Phasen (Episoden ist wohl das Wort) ihn vom selbstbewußten, erfolgreichen, sogar gefeierten Schriftsteller, zum wohnungslosen Menschen gemacht haben, der seine Habseligkeiten im Einkaufswagen über die Straßen schiebt.
Was Kurt Krömer und Torsten Sträter über ihre Depressionen erzählen, wie sie sie erlebt haben und auch wie sie sie – vorerst jedenfalls – überwunden haben, geht darüber nicht hinaus, ist nicht neu.
Muss es ja auch nicht. Jeder, der mal eine Depression erlebt hat, wird er das alles wiedererkennen.

Was mich am meisten berührt, wenn ich die Aufzeichnung sehe, ist der augenblickliche Wechsel der Realitätsebene, als Krömer die Depression anspricht. Es ist nicht mehr die Figur Kurt Krömer, die da redet, sondern der Mensch Alexander Bojcan. Es scheint mir nicht die Figur Kurt Krömer zu sein, die da plötzlich – von der Bildregie eingefangen – angespannt an den Fingern kratzt. Es ist nicht die Figur Kurt Krömer, die unter Depressionen litt, oder leidet, sondern der Mensch, der Familenvater Alexander Bojcan, den wir Zuschaueer gar nicht kennen. Auch Sträter spürt diesen Wechsel sofort. Er stellt jetzt die Fragen, lässt Bojcan reden.
Wie bei fast allen Menschen, die Depressionen erleben, hat auch Bojcan sie zunächst nicht als solche wahrgenommen. Erst in der Therapie stellt er fest, dass er nicht erst seit drei, vier Jahren, sondern seit, wie er sagt, dreißig Jahren unter Depressionen gelitten hat. Also lange bevor er die Figur Kurt Krömer überhaupt erfunden hat.
Und er berichtet auch, wie Kurt Krömer noch funktioniert hat, Auftritte in großen Arenen genossen hat, während Alexander Bojcan schon von einem Supermarkteinkauf dermaßen überfordert war, dass er ihn weinend abrechen musste.

Wenn also jetzt Kurt Krömer in seiner Sendung erzählt, dass er acht Wochen in einer Tagesklinik verbracht hat, ist das vermutlich nicht ganz richtig. Alexander Bojcan wird acht Wochen in der Klinik verbracht haben und erzählt es jetzt in der Kurt Krömer Show. Love it. Danke an Kurt, Alexander und Torsten.

BTW. Falls du selbst schon mal eine depressive Episode erlebt hast oder gerade erlebst, wirst du vieles von dem, was die beiden erzählen wiedererkennen. Die beiden sprechen auch über ihre Selbstmordgedanken. Aus meiner Erfahrung sind sie unerträglich und verführerisch zugleich. Versprechen endlich Ruhe. Ich glaube aber, dass sich die wenigsten von uns umbringen wollen, wir wollen manchmal nur einfach weg sein, dass es aufhört. Für mich ist es immer die Vorstellung in den Boden zu sinken, einfach unter Tage zu bleiben, zu Moos werden, zu Kohle, ohne etwas tun zu müssen, schon gar nichts Gewaltsames. Wenn ihr meine autofictional shorts hier gelesen habt, wisst ihr, dass ich des öfteren an der Kante stand, und mich jetzt jeden Tag freue, hier zu sein.

Falls also der Gedanke mit euch spielt, euch umbringen zu wollen, redet darüber, schießt ihn in den Wind. Holt euch Hilfe. Zur Not in der Notaufnahme, deswegen heißt die so. Bei jedem Unfall, würdet ihr keinen Moment zögern. Oder ruft an: 0800 111 0 111. Es heißt nicht umsonst: depressive Episode = flüchtiges Ereignis innerhalb eines größeren Geschehens.

 

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