Martin Luther 2017

Martin Luther #33 Luther – Romreise

17. August 2017
Martin Luther #25 Angst vor dem Scheitern
Romreise

Ich stelle mir gerne vor, wie Leute im Mittelalter gereist sind. Zu Fuß oder auf einem Pferd, manchmal mit einem Karren, den man rumpelnd hinter sich her zieht. Und wenn einem Regensträhnen die Sicht verschlieren und man ächzend unter der Kapuze hervorspäht, die Knöchel knietief im Schlamm versunken.  Reckt einer den Finger und ruft; „Noch zwei Meilen bis Burg Höckerstein! In vierzehn Tagen sind wir da!“ So. oder so ähnlich.

Wie auch immer. Irgendwie fasziniert es mich, wie schwer es gewesen sein muss, von einem Ort zum andern zu kommen. Luthers Romreise war ein enormes Unterfangen. Mehrere Monate zu Fuß, durch die Alpen und das im Winter. Vor ein paar Wochen bin auch ich nach Rom gereist…

2017

Wir starten in aller Herrgottsfrühe von Zuhause aus. Zum Flughafen Schönefeld braucht man immerhin zwei Stunden. Die Sonne geht gerade auf, die Vögel zwitschern und der fast leere Shuttlebus düst über die morgendliche Landstraße. So weit so gut.

1510

Luther hat seine Taschen gepackt, die guten Wandersandalen und die extrawarme Kutte an. Der Morgen riecht kalt und frisch. Ein Oktobertag wie er im Buche steht. Die Bäume im Hof fangen schon an goldgelbe Blätter zu kriegen.

2017

Wir rumpeln, den Rollkoffer hinterherziehend die Stufen zum Check In hinauf. Perfekt. Noch eine halbe Stunde bis zum Abflug. Die Schlange sieht verdächtig lang aus, aber das wird wohl seine Richtigkeit haben.

1510

Luther schnuppert. Riecht es nach Regen? Nein, nur ein paar hellgraue Wolken fegen über den Herbsthimmel, ein Windstoß durchwirbelt die Tonsur.

2017

Wir treten nervös von einem Fuß auf den anderen, recken die Köpfe. Müssten wir nicht schon längst dran sein? Das schwedische Pärchen vor uns wirkt entspannt. Ok, alles gut.

1510

„Grüß Gott, Wohin des Wegs?“
„Nach Rom, Bruder.“
„Rom! Die heilige Stadt!“
Zwangloses Plaudern, knirschender Kies unter den wandernden Ledersohlen.

2017

Einer tippt mich von hinten auf die Schulter.
„Müsst ihr auch nach Rom?“ Wir nicken.
„Sieht nicht so aus, als würden wir es rechtzeitig durch den Sicheheitschek schaffen, oder?“ Ticketgeraschel, hin und her Gewende. Das leise Piepen, der Body Scanner im Hintergrund. Warum sind alle hier so ruhig?

1510

Jetzt doch ein paar Tropfen. Das Proviant aus frischgebackenem Brot und einem harten salzigen Käse aus dem Taschentuch gewickelt.  Auf einem großen Feldstein sitzend, lässt Luther kauend, die Beine baumeln.

2017

Mein Herz beginnt zu rasen. „Du hast recht, wir können das unmöglich schaffen. So langsam wie die da vorne herumhantieren…Entschuldigung, hallo, sorry, Entschuldigung…wir müssen nach Rom, ich glaube unser Flug geht gleich und ich bin mir nicht sicher, ob wir es durch die Sicherheitskontrolle schaffen…“ Die Herde wird unruhig.

1510

Luther beobachtet ein paar Schafe, die am Wegesrand grasen. „Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte…“ Zieht die Kutte enger.

2017

Die Uhr tickt erbarmungslos, die Zeiger verschwimmen vor meinen Augen. Dann endlich! Rucksack aufs Förderband geschmissen, alle Ketten und Ringe heruntergezerrt, das Kleingeld, die Schuhe…Und durch den Bodyscan. Hinter mir höre ich meinen Freund gefragt werden, Welche Nationalität sind sie? „Sie, nochmal zu mir. Zeigen sie mir mal ihre Füße.“ Dynamit in den Socken? Ich hebe brav die Füße, dann ab zu den Sachen. Alles wahllos übergeschmissen und ab durch diese typisch leeren Flughafenflure. Hinter mir höre ich meinen Freund rennen. Meine Haare wehen im Klimaanlagenwind, all meine Sachen flattern hinter mir her. Der Rollkoffer rast.

1510

„Und dann, mitten in all dem Regen und Sturm, schlug ein Blitz dicht vor mir in die Erde ein, und ich konnte beiseite springen und betete zu Gott er solle mich verschonen. Eine Düsterns bezog den Himmel, dass ich die Schwärze nicht von der Schwärze der Nacht unterscheiden konnte…“ Die Augen der Zuhörer weiten sich gespannt. Ein Kind starrt den Mönch mit halb offenem Mund an. Rotz rinnt langsam.

2017

Sohlenquietschen, Kleingeldgerassel. „Nach Rom!“ Ich strecke der Stewardess mein verschwitzt- und zerknittertes Ticket entgegen. „Sie sind zu spät. Der Flugsteig ist geschlossen.“ Ächzen. Langsam lasse ich das Ticket sinken.

1510

„Doch da durch den sturmtosenden Himmel fährt ein Licht zu mir hinab, so grell und so schrecklich, dass ich in die Knie gehe. Und ich spüre, wie es mich für einen Augenblick ganz durchfährt und da weiß ich!“ Die groben Hände fahren durch die Luft. Weiter hinten beginnt ein Kind zu weinen.
„Gott hat mich zu sich geholt! Ich soll ein Mönch werden!“ Stille. Ehrfucht.

2017

„Aber…wir sind doch hier. Und…“ ich deute hilflos durch die Glastür hinter der ich den Bus sehen kann, in dem sich die Passagiere stapeln. Mit einem zynischen Auspuffstöhnen fährt der Shuttle ab. Ohne uns. Wir sinken auf die festinstallierte Wartebank. Ich spüre, dass mir Tränen in die Augen steigen. Wir haben uns doch so beeilt…

1510

Die Bauern winken, Luther bedankt sich für den Apfel, den er in seine Kutte gleiten lässt. Den hebt er sich für später auf.

2017

Geschlagen schleichen wir zurück. Durch den leeren Flughafen Flur, durch die Sicheheitskontrolle. Ich spüre dass uns Blicke folgen. Leises Getuschel. Ein mitleidvolles, stilles Raunen.

1510

Er denkt über den Blitzschlag nach. Nie wieder danach hat er eine solche Klarheit gespürt. Am Punkt größter Verzweiflung war ihn eine Gewissheit durchfahren, wie sie im bis daher unbekannt war. Kopfschüttelnd blickt er auf die Füße. Dieselben Füße, aber ein anderer Luther.

2017

Wir haben versagt. Die Schlange war zu lang. Was tun? Aufgeben? Nein. So schnell kriegen sie uns nicht. Ich stehe vom Bordstein auf. „Wir gehen zum Schalter.“ Wir fliegen nach Rom. Komme was wolle. Mein Freund blickt mich mit blitzenden Augen an. Und fasst den Griff vom Rollkoffer. „Let’s do this“.

1510

Luther ist eingekehrt. Die Herberge riecht nach Holz und Rauch. Die knarzende Treppe hinaufgestiegen, das warme Flackernde Licht malt Schatten an die Wände. Die Schlafkammer ist klein, aber gemütlich.

2017

Zwei Minuten später haben wir zwei Tickets für den nächsten Flug. Morgen früh. Selbe Zeit. Wir werden da sein. Pünktlich. Schweigend fahren wir zurück nach Hause. Grimmige Entschlossenheit im Blick.

1510

Luther dreht sich auf die andere Seite. Ist es nicht seltsam, das Schlafen in einem fremden Bett? Macht das nicht schon das Reisen aus? Ein anderer Ort, andere Geräusche. Er denkt über die morgige Wanderroute nach.

2017

Anorak abgeschmissen. Um 17.oo ins Bett. Warrior Mode. Um zwölf sind wir wieder wach. Bereit. Draußen regnets. Pah. Wir haben Schlimmeres erlebt.

1510

Der morgen ist grau. Feine Tautröpchen setzten sich auf die filzige Kutte, glänzen im ersten Sonnenlicht. Sein Magen knurrt. Etwas Bewegung wird ihm guttun. Beherzt schreitet er aus. Einem neuen Tag entgegen.

2017

Es ist noch dunkel. Wir gehen zur Haltestelle. Wollen zum Nachtbus mit fünfmal umsteigen. Im blinkenden Licht drängt sich eine Gruppe Partygänger um ein leuchtendes iPhone wie um ein wärmendes Feuer. „Nee 36 kommt der X zweier, der ist schon weg. Ich glaub der nächste müsste 44…“
Mein nasser Finger klatscht auf die Anzeigetafel. Der Nachtbus. Fällt aus.
Der Regen ist stärker geworden. Meine Turnschuhe sind durchgeweicht. Aber immerhin halten die Mülltüten dicht, die wir um unsere Rucksäcke gewickelt haben. Its not all bad.

1510

Luther steht unter einer großen Eiche, der Regen prasselt um ihn herum. Er blickt in die nebelverhangene Landschaft. Warmer Dampf, der von den Feldern aufsteigt. Der letzte Atem des Sommers. Ein malerisches Bild. Er holt den Apfel hervor, den er geschenkt bekommen hat. Er schmeckt nach Herbst. Süß und fruchtig.

2017

Zum Bahnhof gelaufen. Der Regio. Unsere letzte Chance. Er steht schon. Nichts wie rein da. Vorläufige Erleichterung. In mir brennt ein Feuer der Entschlossenheit.

1510

Der Schauer hat die Erde aufgeweicht, lässt alles duften. Luther weicht Pfützen aus, blickt kurz in seine eigenes, gewelltes Spiegelbild. 30. Ein wichtiges Alter. Das spürt er schon jetzt.

2017

Ausgestiegen, Koffer im Griff. Rein zum Check In. Ha. Ganz leer. Wir grinsen uns an. Schlängeln uns durch das leere Labyrinth von Absperrungen. Entspannt den Koffer aufs Rollband. Schuhe zieh ich gleich mal aus. Wollen sie meine Socken sehen? Sicher nicht? Wir haben noch Zeit! Ein Sicherheitsbeamter macht gnädig einen Sprengstofftest.

1510

Ein Karren rumpelt an ihm vorbei. Nasses Stroh. Grüßen, Reden, Luther darf ein Stück mitfahren. So sieht die Landschaft ganz anders aus. Zieht in lockerem Tempo und regelmäßigen Schlaglochstößen an einem vorbei. Perfekt, um über Rom nachzudenken.

2017

Wir teilen uns einen Kaffee. Haben wir Hunger? Wir wissen es nicht. Aber wir fühlen uns stark. Haben noch zweieinhalb Stunden. Bis der Flieger geht.

1510

„He, sie!“ Einer fuchtelt mit den Armen. „Hier wird ein starker Mann gebraucht!“
Ein Karren hat sich festgefahren. Das Pferd schnaubt und trampelt. Die Nüstern unruhig aufgebläht. Zwei Männer schieben schon von hinten, die nackten Füße in den Schlamm gestemmt. Erste Schneeflöckchen sinken vom weißen Himmel herab.

2017

Wir schieben uns genüsslich in die Sitzbank. Ein Fensterplatz war nicht mehr drin. Aber dafür nebeneinader. Wir sind zufrieden mit uns. Kopfhörer auf. Musik an. Reisen kann manchmal Spaß machen. Kurz nach dem Abheben sind wir beide eingeschlafen.

1510

Der Karren ächzt und quietscht, die Männer stöhnen. Luther spürt, wie unter der Kutte der Schweiß rinnt. Noch einen letzten Stoß. Und mit dem Ruck fasst das Rad ein Stück Weg. Das Pferd setzt wiehernd zum Trab an. Man lacht erschöpft, klatscht in die Hände.

2017

Ich blinzele, meine Beine sind eingeschlafen. Der Kopf meines Freunds rollt im sanften Takt des Flugzeugs hin und her. Wir setzten zum Landeanflug an.

1510

Seine Schulter schmerzt vom Stemmen. Der Karren hat ihn Zeit gekostet. Es ist kälter geworden.

2017

Rom ist heiß. Jemand hat die ehemaligen Aschenbecher im Flughafenshuttle als Kaugummi-Ablage umfunktioniert. So wie es aussieht, haben alle Reisenden, die nach ihm kamen, diesen Anstoß begeistert aufgenommen. Wir kichern. Gucken aus dem Fenster. Zeigen auf Läden die es bei uns auch gibt. Zeigen auf Läden, die es bei uns nicht gibt. Lachen über uns selbst. Lauter als unsere knurrenden Mägen.

1510

In einiger Entfernung entdeckt er eine Kirchturmspitze in die Luft ragen. Er zieht die Kapuze über den Kopf und schreitet schneller aus. Die Sandalen fangen an zu scheuern.

2017

Ich falle aufs federquietschende Bettgestell. Arme und Beine weit von mir gestreckt. Mein Freund macht den Ventilator an. Jetzt erstmal ne Pizza.

1510

Luther lässt sich auf die Strohmatratze sinken. Noch anderthalb Tage bis Ilmenau.

Martin Luther 2017

Martin Luther #32 Der Schriftsteller

10. August 2017
„Wenn ich schreib, fließts mir“

Ich hätte nie angefangen, Bücher zu schreiben, wenn es keine Computer gäbe. Ich habe das Zehn-Finger-System auf einer Schreibmaschine gelernt und trotzdem – ich hätte niemals ein Buch auf einer Schreibmaschine geschrieben. Wer sich noch erinnert – allein die Tasten herunterzudrücken! Ich habe viele, viele Seminararbeiten mit einer Tipp-Ex-Flasche begleitet und das Aufkommen der Fotokopierer gefeiert, weil man so überkorrigierte oder zusammengeschnippelte Texte noch halbwegs ordentlich aussehen lassen konnte.

Und jetzt stelle ich mir vor, man hat auch keinen tollen Kugelschreiber oder Ballpen oder zumindest einen Füller, sondern eine Feder und ein Tintenfass und Blätter, die wir vermutlich heute eher Kleenex nennen würden.

Produktivität und Kreativität

Ich habe ja schon einmal drüber gebloggt, wie außerordenlich produktiv Luther war und wie effektiv, wenn es darum ging, sein Wort in Schriften oder Predigten zu verbreiteten. Ich habe seine Reisen/Briefe/Predigten mit den Social-Media-Anstrengungen heutiger Influencer – denn das war Luther eindeutig – verglichen. Aber wir wissen ja auch alle, dass viel nicht immer gut heißt. Und wer am lautesten schreit, nicht immer am meisten zu sagen hat.

Um fair zu sein: Luther schrieb nicht deshalb viel, damit seine Schriften in großem Umfang gelesen werden. Da gab es nicht unbedingt eine Strategie, obwohl er und Cranach, der viele seiner Schriften gedruckt hat, ein gutes Team waren. Da war noch etwas anderes und als Künstlerin kommt mir, je ausführlicher ich Luther studiere, immer mehr der Gedanke, dass sich gerade in Luthers Schreiben ein künstlerisches Talent gezeigt hat, das er unbedingt ausleben wollte – und musste.

Eine rasche Hand …

Manchmal frage ich mich, warum ich überhaupt schreibe. Ich meine, ich hatte immer Schwierigkeiten mit Grammatik und Rechtschreibung und auch, wenn ich gerne viel rede, ist schreiben schon etwas anderes. Die Anfänge waren auch sehr mühsam. Was in meinem Kopf so leicht und elegant herumflog, landete extrem arschbombenmäßig auf dem Papier, und meine eigenen Worte dann wieder zu lesen, war sehr qualvoll.

„Ich habe eine rasche Hand und einpromptes Gedächtnis. Wenn ich schreibe, fließt’s mir zu, ich brauche nicht zu pressen und zu drücken …“ (Luther nach Schilling S. 537)

Da denke ich natürlich gleich an Geburt und dass das Schreiben für Luther tatsächlich nicht so sehr ein Aufschreiben als ein Durchdenken war. Und die Feder glitt dann einfach über das Papier. Luther schrieb – statistisch gerechnet – jährlich 1800, also täglich 5 Druckseiten. Mit. Der. Hand. 1523 erschienen 346 Schriften auf Deutsch von Luther, was hieß, dass ein Fünftel der auf Deutsch verfassten Bücher dieses Jahres von Luther waren. Zurzeit kommen jährlich 90 000 Bücher heraus und ich rechne das jetzt nicht aus. Zu deprimierend. Genau – die Zeiten haben sich geändert.

Sehr hilfreich war natürlich auch die Tatsache, dass Luthers Sprache weitgehend frei von Dialekt war, da er aus Mitteldeutschland kam.

„Ich habe keine, gewisse, sonderliche, eigene Sprache im Deutschen, sondern brauche der gemeinen Sprache, dass mich beide, Ober- und Niederländer verstehen mögen.“ (Luther nach Schilling, S. 537 f)

Gelebte Sprache

Okay, das sind alles rationale Gründe: Große Produktivität, Buchdruck in der Nähe, die richtige Sprache. Aber was ist mit dem … Rest? Viel zu schreiben heißt ja noch nicht, von Vielen verstanden zu werden, denn auch darin war Luther ganz herausragend – zu erkennen, was „das Volk“ verstehen kann und will und wie er ihnen Sachverhalte erklären musste. Denn das konnte er. Drastische Bilder und Formulierungen – kein Problem für Luther. Er hatte alles drauf: Spott, Ironie, Sarkasmus, Zynismus, Assonanzen, Stabreime. Derbe Wortwahl – zarte Worte. Dabei orientierte er sich weniger an dem, was er las oder was auf Lateinisch ständig – auch vom Papst – gepredigt wurde, sondern viel eher an der gesprochenen Sprache des Volkes.

Die buchstaben sind todte wörter, die mundliche rede sind lebendig wörter die geben sich nicht so eigentlich und gut in die schrift, als sie der Geist oder Seele des Menschen durch den Mund gibt. (Luther zitiert nach Schilling)

Oh, ja. Und ich erinnere mich, was für ein enormer Unterschied es war, als ich (endlich) anfing, so zu schreiben, wie ich denke/drauflosrede und diese ganze Grammatik-Rechtschreibproblematik – erstmal – außenvorgelassen habe. Nicht nur, weil Lektoren ja auch einen Job haben wollen, sondern weil es dann endlich floss und strömte.

Wortschöpfer

Um einfach auch Freude an der Sprache zu haben …

Viel mit wenig Worten fein kurz anzeigen können, das ist Kunst und große Tugend. (Luther)

Und manchmal waren es für Luther Wortschöpfungen, die es besser trafen, als die Worte, die es schon gab. So erfand der Schriftsteller unter anderem:

  • Blutgeld
  • friedfertig
  • gastfrey
  • morgenland
  • Nachjagen
  • plappern
  • kleingläubig
  • Nächstenliebe

Worte, die wir auch heute noch benutzen, als hätte es sie immer schon gegeben, dabei hat Luther sie – erfunden.

Sprichwörter

Luthers Interesse an der deutschen Sprache und deren Anwendung zeigt sich auch in seinem Interesse an Sprichwörtern, die er in seinem letzten Lebensjahrzehnt zu sammeln begann. Am Ende hatte er fast 500 zusammen. Sprichtwörter bringen Dinge und Ansichten auf den Punkt, das hat Luther gefallen, zum Beispiel Texte mit Sprichwörtern …

„… so gut zu machen, dass es jedem gefallen soll.“ (Luther)

Es jedem gefallen soll … ja, Verleger reden gerne davon, wie wichtig das ist und manchmal ist es ihnen dann auch egal, wie gut es ist. Beides hinzukriegen – ist die Kunst.

„Er nympt kein blat furs maul“

Das bewundere ich an Luther, dem Schriftsteller: Er bemühte sich um eine gute, eine kunstvolle Sprache; wenige Worte, mit denen er viel ausdrücken konnte. Er war ehrlich und offen, mal derbe, aber dann auch wieder sehr sensibel. Wenn es sein musste, machte er sich die Sprache zu eigen, knetete sie, passte sie seinen Gedanken an. Doch er wollte sich auch verständlich machen, von allen verstanden, gemocht werden – und blieb dabei doch auf erstaunliche Weise – er selbst.

Martin Luther 2017

Martin Luther #31 Luthers Spiritualität

4. August 2017

Luthers Spiritualität. Geht das überhaupt?

Immer wieder, wenn ich mich mit Luther beschäftige und versuche zu verstehen, wie der drauf war, komme ich an den Punkt, an dem ich mich frage: was hat der geglaubt?

Keine Frage: er hat an einen Gott geglaubt, an einen personalen Gott. Und an ein Leben nach dem Tod.

Und sein Gott war echt zum Fürchten. Hat ihm im wahrsten Sinn des Wortes Höllenfurcht eingeflößt. Dass wir irgendwie gottgefällig leben sollten, nach zwei oder zehn Geboten, unseren Nächsten lieben sollen, keinen größeren Scheiß anstellen, jedenfalls nicht mit Absicht. Geschenkt. Das macht Sinn, auch ohne Himmel, Hölle, Fegefeuer. Aber nichts konnte man tun, um gut genug zu sein. Immer war noch was, ein Triller mehr, der einen zum Sünder machte.

Wie damals, als ich im Kinderzimmer lag und mir Sorgen um die Kinder in Vietnam machte, die von Bombern, Hubschraubern und Flammenwerfern gefunden, getötet und zerfetzt wurden. Dann habe ich meine Hände gefaltet und für sie gebetet, und gleichzeitig dafür, dass meinen kleinen Geschwistern sowas nie passiert. Und dann ein Triller: ja lieber Gott, du weißt schon, dass ich das Ernst meine, nicht nur gut vor dir dastehen möchte, ich meine wirklich im Ernst. Und noch ein Triller, nein ich sag das jetzt nicht nur so, meine kleinen Geschwister sind mir wichtiger, ja sollte vielleicht nicht, aber du weißt schon und noch einen Triller. Du kannst ja in mein Herz sehen, das ist rein, oder doch nicht, will dir nur eitel gefallen und noch ein Triller … und das kann ewig so weiter gehen.

Als es dann so richtig kracht 1505 in einem Gewitter bei Stotternheim, ergreift Luther die Gelegenheit, sich von Papa und der vorgezeichneten Karriere als Jurist zu befreien, und verspricht der Heiligen Anna, ins Kloster zu gehen. Eigentlich genau das, was man sich als Jugendlicher mit Anfang zwanzig nur wünschen kann. Dass man einen Hinweis bekommt, was man mit seinem Leben anfangen will, soll, muss.

Und Paulus?

Interessanterweise hat sein späteres großes Vorbild, Paulus aka Saulus, ein ganz ähnliches Erlebnis gehabt. Während seiner Mission, die Christennester im vorderen Orient auszuheben, ist ihm die Erkenntnis gekommen, mal die Perspektive zu wechseln.

Lukas beschreibt es in der Apostelgeschichte so (in Luthers Übersetzung):

Saulus wütete immer noch mit Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn. Er ging zum Hohenpriester und erbat sich von ihm Briefe an die Synagogen in Damaskus, um die Anhänger des (neuen) Weges, Männer und Frauen, die er dort finde, zu fesseln und nach Jerusalem zu bringen. Unterwegs aber, als er sich bereits Damaskus näherte, geschah es, dass ihn plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte. Er stürzte zu Boden und hörte, wie eine Stimme zu ihm sagte: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Er antwortete: Wer bist du, Herr? Dieser sagte: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst.

Seine Begleiter standen sprachlos da; sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemand. Saulus erhob sich vom Boden. Als er aber die Augen öffnete, sah er nichts. Sie nahmen ihn bei der Hand und führten ihn nach Damaskus hinein. Und er war drei Tage blind und er aß nicht und trank nicht.

In Damaskus lebte ein Jünger namens Hananias. Zu ihm sagte der Herr in einer Vision: Hananias! Er antwortete: Hier bin ich, Herr. Der Herr sagte zu ihm: Steh auf und geh zur sogenannten Geraden Straße und frag im Haus des Judas nach einem Mann namens Saulus aus Tarsus. Er betet gerade und hat in einer Vision gesehen, wie ein Mann namens Hananias hereinkommt und ihm die Hände auflegt, damit er wieder sieht. Hananias antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört, wie viel Böses dieser Mann deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat.

Auch hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle zu verhaften, die deinen Namen anrufen. Der Herr aber sprach zu ihm: Geh nur! Denn dieser Mann ist mein auserwähltes Werkzeug: Er soll meinen Namen vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen. Ich werde ihm auch zeigen, wie viel er für meinen Namen leiden muss. Da ging Hananias hin und trat in das Haus ein; er legte Saulus die Hände auf und sagte: Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Weg hierher erschienen ist; du sollst wieder sehen und mit dem Heiligen Geist erfüllt werden. Sofort fiel es wie Schuppen von seinen Augen und er sah wieder; er stand auf und ließ sich taufen.

Im Brief an die Galater schildert Paulus selbst den Sachverhalt unter Weglassung des pyrotechnischen Spektakels etwas schlichter:

Als es aber Gott wohlgefiel (…) dass er seinen Sohn offenbarte in mir …,

In jedem Fall eine plötzliche INNERE Eingebung, Offenbarung, Erkenntnis.

Aber während Saulus – jetzt Paulus – sich gleich an die Arbeit macht und seine Missionsreisen beginn, gehen die Zweifel für Luther auch im Kloster weiter: Er hadert, zittert und kommt nicht zur Ruhe voller Selbstzerfleischung und Anfechtungen. Er kann einfach nicht gut genug sein.

Luthers Meditationspraxis

Bis er eine neue Form der spirituellen Praxis (er)findet. Er meditiert. Aber offensichtlich anders, als wir uns Meditation vorstellen. Er sitzt nicht stundenlang im Lotussitz, sondern liest die Bibel. Aber er liest sie nicht nur, er meditiert über sie, wie über einem Mantra. Stundenlang, täglich. Er ist sich sicher, »…dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort Und er versucht, den Text nicht einfach intellektuell zu verstehen. Man solle »meditieren, aber: nicht allein im Herzen, sondern auch die (…) geschriebenen Worte im Buch treiben und reiben, lesen und wiederlesen mit fleißigem Aufmerken.« 

Obwohl er selbst oft plötzliche innere Erkenntnisse hatte und auch Paulus selbst von einer inneren Offenbarung redet, hält er sich fest an das geschriebene, nein offenbarte Wort der Bibel. Denn Gott will dir seinen Geist nicht geben ohne das äußerliche Wort. Ich stelle mir das so vor, dass er wirklich dem Text zugehört hat. Ein Lauschen, das er da beschreibt mit treiben und reiben, lesen und wiederlesen. 

Und offensichtlich erfährt er eine radikale Befreiung von seinen Ängsten, Selbstzweifeln. Die Besinnung auf den Bibeltext kann er sich von den Gesetzen, Dogmen und Vorschriften des institutionalisierten (katholischen) Glauben lösen. Er erfährt einen neuen Glauben. Was er ein bisschen dabei vergisst ist, dass er diese Erkenntnis zwar in Predigten weitergeben kann, die unmittelbare Erfahrung aber jeder individuell für sich machen muss. Jedenfalls, wenn sie nicht wieder äußerlich bleiben soll.

Und da sind wir wieder bei der Frage vom Anfang: geht das überhaupt. Gehört nicht die individuelle mystische Erkenntnis, Erfahrung durch eigene innere meditative Praxis unbedingt dazu, wenn ich Glauben erfahren will. Bleibt es sonst nicht bei einem äußerlichen ausgedachten, nachgebeteten Gehorsamsglauben.

Ich frage mich also, ob diese Unbedingtheit der Bibelauslegung gegenüber der individuellen innerlich erfahrenen Erkenntnis nicht genau zu den rechthaberischen Ausgrenzungen aller Andersdenkenden beim späten Luther geführt hat? Seien es Karlstadt, Müntzer oder die verstockten Juden. Entweder du glaubst, was ich für richtig erkannt habe, oder du bist draußen.

Immerhin konnte Luther bei Paulus nicht nur seine grandiose Gnadenlehre finden, sondern auch die Ausgrenzungslehre: Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht.

 

Starke Charaktere

Starke Charaktere #7 Trickster

2. August 2017
Das Leben ist ein Spiel …

Okay, Trickster, wer oder was soll das sein? Schauen wir mal als erstes auf die Griechische Mythologie. Dort sind Trickster Figuren/Wesen Charaktere, Götter/Halbgötter, die mit Hilfe von Tricks die Ordnung im (göttlichen) Universum durcheinanderbringen.

Die typischen Trickster sind an ihrem zwiespältigen Charakter zu erkennen. Auf der einen Seite brechen sie die Regeln, um den Menschen Gutes zu tun, auf der anderen Seite jedoch auch, um Konflikte (meist zwischen den Göttern) zu provozieren. (Wikipedia)

TricksterEin ganz typischer Trickster ist Loki. Obwohl der nordische Gott Sohn eines Riesen ist, gilt er als Asengott und um es nicht unnötig kompliziert zu machen, lassen wir es mal so. Wobei – genau diese Ambivalenz macht diese Charkatere aus! Irgendwie sind sie ständig mehr als eine Person und auf ihre Loyalität kann man selten zählen . Loki hilft den Göttern, spielt ihnen aber auch Streiche und nimmt dafür auch gerne mal die Form eines Lachses oder einer Fliege an. Ja, genau. Sehr lustig – wenn man nicht betroffen ist.

Eigenschaften der Trickster

Eigenschaften? Uhh, genau hier wird es schwammig. Warum sich klar definieren lassen, wenn sich nicht festzulegen doch gerade der Spaß an der Sache ist?

„Der schiere Reichtum an Tricksterphänomenen kann einen leicht dazu verführen, dass der Trickster undefinierbar sei. Zu definieren heisst Grenzen zu ziehen, und Trickster scheinen erstaunlich resistent zu sein gegen Eingrenzungen. Sie sind zwanghafte Grenzübertreter.“ ( William J. Hynes/William G. Doty, „Mythical Trickster Figures: Contours, Contexts, and Criticisms“, Tuscaloosa 1993, S. 33.)

Ein Trickster/Gauner oder Schwindler, ist eben gerade jemand, der den Wechsel seiner Persönlichkeit zur Kunst entwickelt hat. Denkt an den Joker im Kartenspiel: Ein Trickster kann alles sein. Und weil er so oft die Form wechselt, hat er meist auch einen zwiespältigen Charakter.

Es gibt auch eine freundlichere Sichtweise. In der sind sie Kulturheroen, also Helden/Götter, die eine Kulturtechnik erfinden oder übermitteln. Denkt an Prometheus. Oft finden die (anderen) Götter das gar nicht so gut. Feuer, Ackerbau … Wollen wir wirklich, dass die Menschen jetzt auch noch das Feuer haben? So richtig gut machen sie den Job da unten auf der Erde nicht, also … think about! Und ja, bis heute können wir darüber streiten, ob uns Fortschritt weiterbringt oder Schaden anrichtet. Vermutlich beides, sagt der Trickster, der nicht einsieht, warum er sich entscheiden muss.

Funktion der Trickster

In Geschichten haben Trickstercharaktere bestimmte Funktionen.

  • Aufdecken von Heuchelei
  • Zeigen der wahren Motive
  • Schwächen offenbaren
  • Ego des Helden durch Humor stutzen
  • Eingreifen in unklaren Situationen
  • Prozesse (wieder) in Gang bringen
  • Entspannung durch Humor und Komik
  • Betrug aufdecken
  • Falschheit aufzeigen

Trickster bringen nicht nur Spaß und Unterhaltung, sondern Prüfen den Helden und seine Motive. Für mich ist Ron in Harry Potter nicht nur ein Freund, sondern auch ein Trickster. Jemand, der viel Komik in die Situationen bringt, der aber nicht so dumm ist, wie er manchmal tut und sehr wohl seine eigenen Stärken hat. (Zum Beispiel Schach spielen kann …)

Trickster sollte man nicht unterschätzen. Manchmal sind sie sogar attrkativer als die Helden, deren Edelmut und Größe auch etwas langweilig werden können.

Shakespeare hattte das schon genau raus und daher kommen bei ihm Trickstercharaktere gerne und oft in seinen Theaterstücken vor. Ja, genau, Puk aus dem Sommernachtstraum, ist so einer. Ein Daemon oder eine Elfe, worüber man sich nicht so genau klar ist, aber das kennen wir ja schon.

Ich mag Tricksterfiguren, weil sie meist ganz direkt ihre Meinung sagen. Für mich ist Kolja aus „Kissing one more“ einem Trickster sehr ähnlich, da er ein doppeltes Spiel spielt. Ihn zum Helden einer Geschichte zu machen, hat richtig viel Spaß gemacht.

Okay, das war meine letzter Beitrag zu starken Charakteren. Im August mache ich einen (Schreib-)urlaub und im September gibt es neue Blogbeiträge. Wenn ihr Wünsche oder Vorschläge für Themen habt, kommentiert gerne.

Eine gute Zeit!

xoxo

Katrin

#redbugwriting #rbpub #amwriting

Martin Luther 2017

Martin Luther #30 – Warum Luther eine gute Story ist

27. Juli 2017
Martin Luther #25 Angst vor dem Scheitern

Die Person Luther ist der Held in der Geschichte der Reformation. Und wer schon mal, mit einem Auge halb zugefallen im Geschichtsunterricht gesessen hat, weiß, dass es bei der Wirksamkeit von Geschichten nicht selten auf ihren Unterhaltungswert ankommt. Katrins geniale Blogreihen über das Schreiben einer guten Story, haben mich inspiriert, die  Luthers Story mal genauer anzusehen.

Warum also, ist Luthers Leben (immer noch) eine gute Geschichte?

Eine gute Idee

Bestsellerautor Ken Follett legt an eine gute Idee für eine Story folgenden Maßstab an: Sie produziert mit Leichtigkeit mehr als 50 dramatische Szenen.

Wenn dir jemand sagt;

“Okay da ist dieser Luther, und er kriegt raus, dass die ganze katholische Kirche ein falsches Spiel treibt. Und das gesamte Heil der Christenheit hängt davon ab, ob er den Schwindel aufdecken und beseitigen kann.”

Dann fallen einem schnell mehr als 50 dramatische Szenen ein.

Wer ist der Held?

Wer wissen will, was einen Helden ausmacht, kann in Katrins Blogreihe über starke Charaktere reinlesen. Da erklärt sie im Detail, welche Eigenschaften und Verhaltensweisen ein guter Held an den Tag legen muss, um sich als zentrale Figur in einer Story zu beweisen. Hier ein kleiner Ausschnitt. Katrin sagt, Helden müssen:

– ungewöhnliche Entscheidungen treffen

– mutig und unerschrocken handeln

– Herausforderungen annehmen

– für ihre Ziele kämpfen

– für bestimmte Werte eintreten

– ihre Werte verteidigen

– Erfahrungen machen

– durch Krisen stärker werden

– über ihre eigenen Bedürfnisse hinausdenken

– Respekt einfordern

– nicht aufgeben

Auf den ersten Blick wird klar, dass der Held unserer Reformationsgeschichte diese Kriterien erfüllt. Das heißt wir sind, ob wir den Hauptcharakter nun sympathisch finden oder nicht, auf seiner Seite. Wir identifizieren uns mit ihm. Wir feuern ihn an, zittern mit ihm, wollen dass er gewinnt.

Einer für alle

In ‘The Art of Suspense’, einer Vorlesung über die Entstehungsgeschichte des Thrillers, macht Ken Follett deutlich; in jedem guten Thriller geht es nicht nur um das Überleben des Hauptcharakters, es geht um mehr. Das Abwenden eines Krieges, das Verhindern einer Epidemie oder…die Rettung der Christenheit. Check.

Wir haben also einen starken Helden und einen spannenden Plot. Es ist Gefahr im Spiel und es geht um mehr als das Wohl eines Menschen. Es geht um eine große Sache.

Ein guter Held braucht einen guten Feind

Was wäre Harry ohne Voldemort, Frodo ohne Sauron oder Luther ohne den Papst. Ein Held mit einer Aufgabe, braucht jemandem der ihn zum Kampf herausfordert. Der deutlich macht, an mir kommst du nicht so leicht vorbei. Der all das repräsentiert, gegen das der Held sich auflehnen, gegen das er ankommen, über das er herauswachsen muss.

Was die katholische Kirche als Feind besonders attraktiv macht, finde ich, ist das Setting, das sie bietet. Der überschwängliche Luxus, die Ausschweifigkeit, der Sinn fürs Verbotetene, fürs Lüsterne. Die Intrigen, Machtspiele und die schiere Übermacht der ganzen Institution. Denn obwohl man in Luthers Story darauf hoffen soll, dass all das ein wohlverdientes Ende findet, ergibt es doch ein Bild, dass man sich gerne ansieht. Die Verschlagenheit der Gegner, das Übermaß der Sünden, das macht nicht nur Angst, das macht auch irgendwie Spaß. Und heizt die Aufgabe des Helden zusätzlich an.

Katrin sagt:

“Helden und Feinde/Antagonisten sind wie die zwei Seiten einer Münze. Wenn ihr also euren Feind und stärksten Gegner des Helden erschafft, dann macht ihn stark und böse und mächtig, denn nur so kann euer Held ebenfalls groß und stark und mächtig werden. Und zeigen, wie kräftig und stark er selber ist.”

Stärken und Schwächen

Wenn der Feind so attraktiv geworden ist, dass man schon fast das Handtuch werfen will und sagen: Okay mach du so weiter wie du denkst, du scheinst ja einen Plan zu haben. Dann braucht der Held etwas was im Leser den unbedingten Wunsch entfacht, den Helden gewinnen zu sehen. Und das ist interessanterweise eine Schwäche. Damit wir uns mit jemandem identifizieren können, braucht es einen Held der sich anstrengen muss, gegen seine inneren Dämonen anzukämpfen.

Und wie Uwe im letzten Lutherbeitrag schon beleuchtet hat… Luther ist kein Heiliger.

Luther ist ein Besserwisser und Streithahn, ein Zweifler und Grobian. Jemand, der sich selbst im Weg steht und mitunter die größte Gefahr zum Scheitern der Mission in sich trägt.

“Seit mutig und lasst eure Helden mit einer wirklichen Schwäche starten. Etwas, das man nicht so leicht ausbügeln kann.”  Katrin über Charaktere

Luthers Auenland

Natürlich reicht es nicht, dem Held ein Problem vor den Latz zu knallen, mit dem er sich überhaupt nicht identifizieren kann. Denn selbst der widerstrebendste Held muss in letzter Konsequenz aus sich selbst heraus entscheiden, die Herausforderung anzunehmen. Und Frodo kämpft nicht für das abstrakte Gute oder einen sympathischen Vorgesetzten, Frodo kämpft fürs Auenland. Und Luther – für sein Seelenheil.

Als Autor der Reformationsgeschichte wärst du jetzt bereit, Freunde und Verbündete hinzuzufügen, dem Helden Prüfungen und Hindernisse in den Weg zu stellen, Nebenstories zu entwickeln und epische Zusammentreffen von Feind und Held zu inszenieren. Ken Folletts knackiger Advice:

“Immer ist eine Person in Gefahr. Immer eine Liebesgeschichte.”

Und selbst die gibt es in Luthers Story. Eine geflohene Nonne, frisch aus dem Fass. Für sie gibt er sogar das Mönchsein auf.
Ist es zynisch, so mit dem Leben Luthers zu verfahren? Muster an ein Menschenleben anzulegen?
Luthers Geschichte ist anziehend, spannend, ungewöhnlich. Sie hat alle Elemente einer guten Story. Das ist es, was sie für uns heute noch faszinierend macht.
Ich denke, es ist unsere Art uns die Welt begreifbar, Vergangenes erlebbar zu machen. Wir erzählen Geschichte/n. Wir kreieren Stories.  Und schließlich ist das Leben ist eine Story. Weil Stories wie das Leben sind.

Starke Charaktere

Starke Charaktere #6 Schwellenhüter

26. Juli 2017
Schwellenhüter

Schwellenhüter? Vielleicht in einem Fantasyepos, aber soll das ein Charakter für eine Liebesgeschichte oder einen Krimi sein? Aber sicher! Wie ich ja schon in den Blogbeiträgen davor gesagt habe, sind Charaktere in Geschichten nicht einfach „nur“ Personal, sondern sie übernehmen – am besten immer – eine Funktion innerhalb der Geschichte. Jedenfalls in gut geschriebenen Geschichten. In schlechten Geschichten tauchen Charaktere einfach auf und verschwinden wieder und eigentlich weiß man überhaupt nicht so genau, warum sie aufgepoppt sind. Meist fällt einem das in der Überarbeitung auf, und man streicht diese überflüssigen Charaktere dann wieder. Gut so.

Ganz oft passiert das in Drehbüchern, also das Streichen, weil man ja weiß: Jeder Charakter ist ein Schauspieler, der am Ende bezahlt werden muss. Aber selbst, wenn man alles gedreht hat, also einen Schauspieler engagiert hat, Geld ausgegeben hat, fallen ganz viele Szenen und manchmal ganze Rollen dem Schnitt zu Opfer. Das ist hart für den Schauspieler, geschieht aber im Sinne einer starken und klaren Geschichte. Warum erzähle ich das? Weil wirklich jeder Charkater eurer Geschichte eine Funktion haben sollte. Auch die kleinen Nebenrollen. Und – genau – jetzt sind wir bei den Schwellenhütern.

Tore bewachen

Oft stehen sie genau dort, auf der Schwelle einer Tür oder eines Eingangs und verwehren den Eintritt. Nein, in diese Stadt kommst du nicht, nicht in dieses Gebäude, nicht in dieses Büro, nicht an diesen Job, nicht an diese Information.

Im Grunde wollen sie dir nichts Böses, sie sind meist vollkommen neutral. Die Vorzimmersekretärin tut nur ihren Job! Der Typ beim TÜV, der dich mit einem Schaden wieder zurückschickt und damit deine Reisepläne crasht, hat keine bösen Absichten, er ist einfach in diesem Moment: Dein Schwellenhüter.

Eigenschaften von  Schwellenhütern

Euer Schwellenhüter muss kein Mann, nein, noch nicht einmal ein Mensch sein. Denkt an Fluffy, den sabbernden Hund in Harry Potter, der auf der Falltür liegt. Schwellenhüter
Denn dummerweise liegen oder stehen Schwellenhüter immer – genau im Weg. Dem Weg, denn der Held oder die Heldin gehen muss. Und ich setze noch eins drauf: Schwellenhüter müssen noch nicht einmal lebende Wesen sein. Es kann genauso eine körperliche Behinderung oder eine Barrikade auf der Straße sein. Meist ist es schöner, wenn der Schwellenhüter lebendig ist, denn dann kann er reagieren. Den Helden wirklich in den Wahnsinn treiben. Oder ihm mächtig Angst einjagen. Wenn ich an ein paar typische Eigenschaften denke …

  • stur
  • unflexibel
  • angepasst
  • unkreativ
  • grob
  • gehorsam
  • befehlshörig
  • unintelligent

Sie sind nicht wirklich mächtig, aber in diesem einen wichtigen Moment, haben sie das Schicksal des Helden in der Hand und meist überhaupt kein Verständnis für seine Situation. Sie sind oft mit Weisungen oder einem Befehl ausgestattet „Lasst ihn/sie nicht durch!“ „Haltet die Stellung!“ „Keine Ausnahmen!“ Etwas, was einen in den Wahnsinn treibt – bis man sich erinnert, dass die Eigenschaften der Schwellenhüter natürlich auch ihre Schwächen sind: Unintelligent, unkreativ? Das heißt nur, dass der Held all seine Intelligenz und seine Kreativität einsetzen muss. Gehorsam? Aber wem gegenüber? Wenn man behauptet, den Chef zu kennen, kommt man damit vielleicht sogar am Schwellenhüter vorbei.

Funktionen der Schwellenhüter

Aber noch mal sei gesagt: Die Schwellenhüter sind nicht von sich aus böse. Keine Feinde. Es ist einfach ihr Job, die Stadt zu bewachen, den Chef abzuschirmen und so weiter. Ein kleiner, vermutlich mies bezahlter Job. SchwellenhüterFür den Helden und damit auch für die Geschichte haben sie allerdings einen enorm wichtigen Job. Durch sie wird der Held herausgefordert. Ein Ziel, das einfach zu erreichen ist, würde keine große Entwicklung für den Helden bedeuten, also helfen Schwellenhüter dem Helden, über sich hinauszuwachsen. Manchmal stellen sie dem Helden Fragen und Rätsel, manchmal sind sie einfach nur stärker.
Denkt an Gollum in „Herr der Ringe“. Wenn er nicht wäre, wäre alles so viel – einfacher. Aber das soll es nicht sein. Der Widerstand ist sogar nötig, damit die Heldin sich beweisen kann, geprüft, gefordert wird.

Kampf dem Schwellenhüter

Kerberus ist ein mehrköpfiger Hund, der in der griechischen Mythologie den Zugang zur Unterwelt bewacht. SchwellenhüterSicher das Vorbild für Fluffy bei Harry Potter. Orpheus, der seine Geliebte aus der Unterwelt befreien wollte, hat ihn mit seinem Gesang und seinem Lyraspiel besänftigt. Kurz: Ihn ausgetrickst. Schwellenhüter müssen nicht immer bekämpft werden, sie können überlistet, ausgetrickst oder auch überredet werden. Dabei muss der Held entweder eine besondere Gabe einsetzen oder sich einen ungewöhnlichen Weg überlegen. SchwellenhüterUnd meist vor allem seine inneren und äußeren Ängste (auch Schweinehund genannt) überwinden.

Praktische Anwendung

Wenn ihr jetzt überlegt, wie ihr einen Schwellenhüter in eure Geschichte einbauen sollt, dann – stopp! In der Regel sind es keine Charaktere, die man am Anfang seiner Geschichte schon kennen oder angelegt haben muss. Sie machen aber oft sehr viel Sinn, wenn ihr an eine Stelle in eurer Geschichte kommt, an der ihr bemerkt, dass der Heldin noch ein paar Hindernisse in den Weg gelegt werden müssen. Nehmen wir an, eure Heldin will unbedingt boxen, wird aber als Mädchen nicht in den Boxclub des Dorfs aufgenommen. Klar, der Bürgermeister, der den Boxclub leitet, ist ihr Feind. Okay, sagt sie sich, dann will sie wenigstens zusehen! Aber an der Tür steht immer der gleiche Wachmann, der sie nicht reinlässt. Kein echter Feind, einfach nur ein Hindernis auf ihrem Weg.

Und hier merkt ihr schon, dass Schwellenhüter gerne auch vermehrt in Geschichten auftauchen können. In dieser oder jeder Gestalt, denn der Held hat eine lange Reise und Entwicklung vor sich und überall liegen Hindernisse im Weg oder müssen Schwellen überschritten werden, auf denen ihr die Schwellenhüter postieren könnt. Manchmal fällt einem auch in der Überarbeitung auf, dass der Held manche Hindernisse zu leicht aus dem Weg geräumt hat und man ruhig noch einen Schwelllenhüter einbauen kann. Wichtig ist nur, dass der Held bei jedem Schwellenhüter eine andere Fähigkeit zeigen oder Aufgabe lösen muss. Lasst eure Heldinnen also nicht immer (wieder) beweisen, dass sie sportlich oder stark sind, sondern lasst sie jede Schwelle mit einer anderen Fähigkeit überschreiten.

Okay, genug, ich habe das Wort Schwellenhüter jetzt so oft verwendet, dass mein SEO gerade auf giftgrün wechselt. Und ich denke, ihr habt schon verstanden. Nächste Woche? Ich dachte, ich schließe diese Blogreihe mit den Trickstern ab. Ahhhh, ja, ich liebe diese windigen Charaktere.

Bis dahin eine gute (Ferien)zeit

xoxo

Katrin

#redbugwriting #rbpub #amwriting

Red Bug Books

Sommeraktion – Love on Paper #4 Sommernächte

24. Juli 2017
Sommeraktion – #4 Sommernächte

Die vierte Woche unserer Sommeraktion, in der es einen Monat lang um „Love on Paper“ geht. Diese Woche feiern wir die Sommernächte, die man am besten im Garten mit einem Sommerbuffet genießt.

Begleitet wird unser Sommerspecial von einer Preisaktion: Das E-Book von „Love on Paper“ gibt es den ganzen Juli für 2,99 Euro – Der beste Moment sich 374 Seiten Sommerlektüre zu holen.

#4 Sommernächte

Ein lauer Sommerabend im Garten, ein gedeckter Tisch mit vielen Stühlen. Wir bitten zum Sommerdinner.

Simon aus Love on Paper kann kochen. Sogar sehr gut. Im Gartenrestaurant seines Vaters, aber auch ganz privat – für Maya:

Als ich in die Küche komme, steht Simon vor dem geöffneten Kühlschrank, während Luis aufgeregt herumhüpft.

»Maya, er macht Frühstück für uns!«

»Hey, wir sind nicht so verhungert, wie es vielleicht aussieht.«

Simon dreht sich zu mir um. »Dann müsst ihr euch von Luft und Liebe ernähren. Einkaufen ist nicht so euer Ding, oder?«

Luft und Liebe?

»Ich bin nicht dazu gekommen. Zu viel Arbeit in diesem Biergarten. Warte mal. Wie hieß der doch gleich?«

Simon lacht. »Doch nicht etwa diese Ausbeuter in der Luise

»Genau. Kennst du den Juniorchef?«

»Nur flüchtig.«

Luis sieht von Simon zu mir.

»Kennt ihr euch?«

»Nein«, sagen wir gleichzeitig und grinsen.

Simon dreht sich zum Kühlschrank. »Tja, also zurück zu euren Vorräten. Die stehen hier schon länger, oder?«

Stimmt. Das meiste ist über einen Monat alt. Immerhin haben wir Eier und Butter und Milch. Dann gibt es noch eine Gurke, die ich vor zwei Tagen gekauft hatte, ein paar Möhren, einen verwelkten Salat, ein Bund verschrumpelte Radieschen und sehr viele Weißweinflaschen.

»Habt ihr Mehl? Dann könnte ich Pancakes machen.«

Luis reißt einen Arm hoch. »Wow, Pancakes!«

Simon sieht mich fragend an.

»Also, das musst du nicht.«

Auch wenn ich nicht das Gefühl habe, meine Mutter ersetzen zu müssen, bin ich sehr wohl in der Lage, ein Frühstück zu machen. Luis sieht das offenbar anders und tötet mich mit Blicken.

Ich gebe auf. »Okay, ja, das wäre super.«

Ich beuge mich zu Luis, während Simon die Lebensmittel im Kühlschrank sortiert.

»Was habt ihr denn gestern Abend gegessen?«

Luis deutet auf den Papiermüll, in dem zwei Pizzakartons liegen.

»Der Pizza-Typ hat nach dir gefragt. Wo warst du denn gestern?«

»Unterwegs.«

Simon dreht sich zu uns. »Kann ich alles benutzen?«

»Klar«, sagt Luis.

Simon bringt mit wenigen Handgriffen Ordnung in unsere Vorräte und das Durcheinander von halb bis ganz verdorbenen Lebensmitteln. Er legt eine Gurke, Eier und Milch heraus und wirft weg, was schlecht geworden ist. Der Kühlschrankinhalt wird auf einmal sehr viel übersichtlicher, da nur noch Weinflaschen darin liegen.

Simon kommentiert es nicht, sondern schließt ihn einfach wieder. Kein Thema.

»Wo steht euer Mehl?«

Luis hüpft los. Simon baut sich auf dem Küchentisch einen Arbeitsplatz. Ich hole ihm eine Schüssel, Holzbrett, scharfe Messer, Luis reicht ihm Mehl und einen Schneebesen. Es ist ganz selbstverständlich, dass Simon das Kommando übernimmt. Er nickt zu Luis.

»Kannst du Eier trennen?«

Luis starrt ihn verdutzt an.

»Eier was?«

Simon schlägt ein Ei auf der Schüsselkante auf und trennt es einhändig. Bei jedem anderen hätte es angeberisch ausgesehen, aber Simon ist zu sehr Profi, um es überhaupt zu bemerken. Er reicht Luis ein Ei und schiebt ihm zwei kleine Schlüsseln hin. Luis starrt ehrfürchtig auf das Ei. Küchenarbeit oder Kochen hat ihn bisher nie sonderlich interessiert, er deckt den Tisch oder wäscht ab. Maximal.

Simon zeigt ihm, wie man das Eigelb in den zwei Eierschalen hin und hergleiten lässt, um das Eiweiß sauber zu trennen.

Luis ist begeistert. »Kann ich noch eins?«

Simon lächelt. »Natürlich. Du bist eine 1A-Küchenhilfe.«

Er sieht sich um. »Was habt ihr für Pfannen?«

Ich deute auf die drei beschichteten und schon reichlich verbeulten Pfannen, die in unserem Regal stehen. Simon dreht sie einzeln in der Hand, als wären sie Tennisschläger, die man auf ihre Tauglichkeit prüfen muss. Okay, stimmt schon, sie sind alt.

»Geht schon«, sagt er, als hätte er meine Gedanken gelesen.

»Okay, dann Pancakes und dazu könnten wir Gurkencarpaccio machen.«

Luis sieht von seinen zwei Eierschalen auf. »Gurken was?«

Simon schneidet die Gurke im Profitempo in hauchdünne Scheiben – ein weiteres Kunststück – fächert sie auf einem Teller auf und gibt etwas Olivenöl und Essig dazu.

»Und das passt zusammen?«

»Pancakes sind neutral«, sagt Simon, ohne aufzusehen. »Man kann sie mit Ahornsirup essen, aber auch pikant.«

Während der Kaffee durch die Kaffeemaschine läuft, beobachte ich, wie Simon konzentriert arbeitet. In seiner eigenen Welt. Er kann schreiben und kennt sich mit Literatur aus. Er kann kochen. Er fährt Motorrad und kommt super mit Teenagern zurecht. Wie viele gute Seiten hat dieser Typ eigentlich?

»Maya!«

Luis deutet stolz auf die Schüssel mit dem Pancake-Teig.

»Ich darf sie machen!«

»Yeah«, sage ich und wundere mich über meinen kleinen Bruder.

Simon zeigt Luis, wie heiß das Fett in der Pfanne sein muss, und setzt sich dann zu mir an den Tisch.

»Musst du nicht aufpassen?«

Simon lächelt. »Das schafft er schon.« (Love on Paper S.123)

Simon kocht nicht nur, er hat auch eine Philosophie, wenn es ums Kochen geht: Beste und regionale Zutaten. Okay, dann wäre das Geheimnis wohl gelüftet, was wir diese Woche verlosen und in ein Päckchen packen.

Wenn ihr ein Überraschungspäckchen mit(Brandenburger/Berliner) Spezialitäten gewinnen wollt, kommentiert bis zum 31. Juli 2017 24 Uhr unter diesem Beitrag.

Wir haben gelost: Gewinnerin ist Margareta Gebhardt! Herzlichen Glückwunsch :)

Wer ein Printbuch von Love on Paper gewinnen möchte, kann hier noch kommentieren.  Oder hier für Printbuch und Soundtrack. Und wer einen Buchgutschein gewinnen möchte …

Viel Glück!

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Martin Luther 2017

Martin Luther #29 ist unerträglich

21. Juli 2017

Luther ist unerträglich

Audible — kennt das jemand? Es ist der Hörbuchkanal vom großen A. Amazon. Mit meinem neuen Kindle fire kam ein Probeabo, das ich sofort gekündigt habe. Aber offensichtlich nicht richtig, denn ich hatte, wie mir irgendwann auffiel, noch ein paar Monate weitergezahlt. Und jetzt entsprechend viele Hörbücher frei. Also hab ich mir mal ein paar Luthertexte als Hörbuch runtergeladen. Unter anderem seine Tischreden. Gelesen von Uwe Ochsenknecht, der sich mächtig reinhängt. Trotzdem legt das, was man da zu hören bekommt, den Schluss nahe: Luther ist unerträglich.

Was er über die Weibsbilder oder die Türken und die Juden schwadroniert, würde man sich in keiner Eckkneipe fünf Minuten lang anhören. Nein, man würde gar nicht erst in Eckkneipen gehen, in denen die Gefahr bestünde, so etwas über sich ergehen lassen zu müssen. Wie kommt es, dass jemand, der die Welt unbestritten vorangebracht hat, so einen Müll labert? Und wie kommt es, dass wir das so unsäglich finden, während an seinem Tisch nicht nur gespannt gelauscht, sondern sogar noch geflissentlich mitgeschrieben wurde.

Stufen des Bewusstseins

Vielleicht gibt darauf ein anderes Hörbuch eine Antwort. Ich hatte mir nämlich auch The Future of Spirituality: Why it must be integral gedownloaded. Ein Gespräch mit KenWilber, dessen Theorien zur Evolution des Bewusstseins ich seit Jahren verfolge. Er erinnert noch einmal daran, dass viel darauf hindeutet, dass das Bewusstsein unterschiedliche Stufen durchläuft. Und zwar sowohl auf der individuellen Ebene, also in der Entwicklung von der Geburt zum reifen Erwachsenen als auch auf der kollektiven, gesellschaftlichen Ebene.

Demnach haben sich die Weltsichten im Laufe der Entwicklung zu immer größerer Offenheit und Komplexität entfaltet. Ganz grob wären das folgende Stufen: archaisch, magisch, mythisch, rational, pluralistisch, integral. Es entwickelt etwa die Fähigkeit andere Perspektiven einzunehmen. Von der Ich-Perspektive zur Du– und Es-Perspektive. Man kann über sich hinaus empfinden vom Ich zum Wir, zum Wir Alle — und zwar wirklich ALLE, auch die anders denkenden, aussehenden, glaubenden …

Gleichzeitig geht Wilber davon aus, dass Individuen unterschiedliche Entwicklungslinien (von Intelligenz) durchlaufen. Da wären beispielsweise kognitive, emotionale,  soziale, ethische, kinästhetische, musikalische, künstlerische oder spirituelle Intelligenz etc. Es könnte jemand kognitiv sehr weit entwickelt sein, moralisch aber total unterbelichtet, eher die unangenehmen oder gefährlichen Typen. Und es gibt begnadete Musiker, Tänzer oder Fussballer, die vermutlich keine binomische Formel anwenden können. Wilber empfiehlt: Suchst du einen spirituellen Lehrer, geh zu den tibetischen Mönchen, aber Vorsicht: kulinarisch sind sie nicht über Yak-Butter hinausgekommen.

Das mythische Weltbild

Als in den Siebzigern im Westen eine Welle des Interesse an östlichen Lehren aufkam, waren viele liberale kalifornische Hippies nicht schlecht überrascht, mit welch konservativen, patriachalen Ansichten ihre spirituellen Meister anreisten. Denn – egal, wie weit man auf einer der Entwicklungslinien fortgeschritten ist, man wird sie immer auf der Stufe interpretieren, auf der man gerade steht.

Und Luther stand eindeutig nicht auf der rational, pluralistischen Stufe, wie die meisten von uns heute, sondern auf der mythischen Stufe, wie leider noch einige wenige von uns.

Diese mythische Ebene ist gekennzeichnet von Gruppenzugehörigkeit, Fundamentalismus, Patriotismus, Ethnozentrismus. Diese mythischen Weltsichten sind auch geprägt durch absolute Rechthaberei. Wer nicht für mich ist – ist gegen mich. Meine heiliges Buch hat recht. Wer nicht an meinen Gott glaubt, liegt falsch. Meine Leute haben immer recht.

Wer daraus folgert, dass Luther und jede Religion zu verdammen ist, verwechselt die religiös, spirituelle Linie mit der mythischen Ebene. Auf der mythischen Ebene kommt es zu den unsäglichen Auseinandersetzungen der Buchreligionen, wo man an jeden Buchstaben glauben muss. Und dann noch in der Form, wie es einem die jeweiligen Priester, Rabbi oder Imame auslegen. Auf der mythischen Ebene bekriegen sich Nationalstaaten und bekämpfen sich ethnische Gruppen, auf der mythischen Ebene prügeln sich die Hooligans der verschiedenen Fussballclubs.

Es ist nicht die spirituelle, religiöse Linie, die das Problem darstellt, sondern das Verweilen auf der mythischen Ebene.

So gesehen hat der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann recht, wenn er in seinem gerade erschienenen Buch über die Reformationszeit sagt: »Die Reformation steht noch aus«.

 

Starke Charaktere

Starke Charaktere #5 Freunde

19. Juli 2017
Hilfreiche Freunde

Liebe Freunde, vielleicht habt ihr euch in den letzten Blogbeiträgen gefragt, ob Mentoren oder Feinde wirklich nötig für eine gute Geschichte sind? Muss ich diese Archtetypen überhaupt einbinden? Geht es nicht auch ohne? Nun, Geschichten sind unter anderem deshalb so beliebt, weil sie Abbilder für das echte Leben, die Realität sind. Und zwar egal, ob es Fantasygeschichten sind, in Hobbingen, New York oder Unterschlurzheim spielen.Vermutlich liegt es daran, dass wir Menschen hier auf der Erde sind, um uns weiterzuentwickeln. Zu wachsen. Körperlich, aber auch geistig. Und vermutlich sind wir uns diese Woche ganz einig, dass FREUNDE in dieser Hinsicht absolut unverzichtbar sind.

Jeder braucht – einen Freund

In Geschichten haben Freunde oft viele Funktionen. Manchmal kann ein Freund zum Feind werden oder auch ein Mentor sein, aber wenn ihr einen Freund-Charakter entwerft, dann hat er immer ganz ähnliche Eigenschaften und Funktionen. Ganz grundsätzlich  helfen und unterstützen Freunde euren Hauptcharakter, und zwar sowohl körperlich als auch mental. Ich habe ja gesagt, dass der Held auf jeden Fall AKTIV sein muss. Das heißt aber nicht, dass er alles alleine machen muss. Und genau da kommen die (hilfreichen) Freunde ins Spiel.

Eigenschaften von Freunden

Was ist ein (bester) Freund? Nun, obwohl das jeder anders beantworten würde, ähneln sich die Antworten vermutlich in der Hinsicht, dass jeder möchte, dass ein Freund auf der eigenen Seite steht. Tut er das nicht, dann ist er eher – genau – ein Feind. Also kann man schon einige Eigenschaften aufzählen, die Freunde in Geschichten haben sollten, damit sie dem Held beistehen können:

  • Loyalität
  • Großzügigkeit
  • Selbstlosigkeit
  • Mut
  • Ehrlichkeit
  • Aufrichtigkeit

Das sind Eigenschaften, die das Urteil und die Hilfe des Freundes vertrauenswürdig und hilfreich machen. Klar, wer nicht ehrlich zu euch ist – was für eine Hilfe kann der sein? Oder jemand, der sich ängstlich verdrückt, wenn es haarig wird? Auch nicht sehr hilfreich. Und dann gibt es noch ein paar Eigenschaften, die Freunde zwar nicht haben müssen, aber haben können. Einfach, weil es die Geschichte bunter und netter macht. Denn die Freunde können etwas in das Drama einbringen, was der Held, der ja auf einer sehr seriösen und ernsten Reise ist, nicht so gut kann: Sie dürfen, witzig, abgedreht, schräg und albern sein. Über sie darf der Leser lachen. Ausnahme? In Komödien kann der Held derjenige sein, über den gelacht wird. Meist die ganze Zeit.

Der Freund oder die Freunde übernehmen in Geschichten bestimmte Funktionen/Aufgaben.

Funktionen von Freunden für den Helden

Und diese Funktionen übernehmen sie nicht nur für den Helden, sondern auch für den Leser. Ein Beispiel: Wie kann der Leser die Gedanken des Helden erraten? Sofern er keine Selbstgespräche führt oder endlose innere Monologe – gar nicht. Viel schöner und auch dynamischer ist es, wenn der Held seine Gedanken mit dem Freund AUSTAUSCHEN kann. Auf diese Weise werden nicht nur alle Pros und Cons einer Situatuion aufgezeigt, sondern kann auch eine Strategie erläutert werden oder die innere Zerrissenheit des Helden deutlich gemacht werden. Dies geschieht meist im Dialog (und darüber sollte ich auch mal ausführlicher bloggen …). Hieraus ergeben sich ganz logisch folgende Funktionen der Freunde:

  • unterstützen
  • beistehen
  • Mut machen
  • auflockern
  • herausfordern
  • warnen
  • beschützen
  • zurückhalten
  • erinnern
  • klären

Ja, richtig, im Grunde sind Freunde auch so etwas ähnliches wie Mentoren. Ich bin ja der Meinung, dass Ron in Harry Potter für Harry ein Freund ist und Hermine (die ja auch ein wenig das Alterego von J.K. Rowling ist) eher die Funktion einer Mentorin übernimmt. Manchmal sind die Grenzen hier verschwommen, was aber überhaupt nicht schlimm ist, wenn man so meisterlich schreibt wie J.K. Rowling.

Ein Freund, ein guter Freund

Aus alle diesen Gründen ist ein Freund-Charakter so großartig und in all meinen Büchern einfach unverzichtbar. Ich mag, dass die Freunde-Charaktere viel mehr Freiheiten für mich als Autorin haben. Ein Freund kann komplett abgedreht sein wie Hendrik in „Lass uns fliegen“. Oder herausfordernd wie Gerion in „Flying Moon“. Eben all die Abgedrehtheiten zeigen, die ein Held nicht haben darf, da er auf einer Heldenmission ist und das – ist eine ernste Angelegenheit.

Wenn ihr also Freund oder Freundinnen für eure Helden erschafft, dann nutzt den Freiraum für interessante, bunte Charaktere. Das gilt übrigens auch für die Freunde der Feinde. Natürlich sind diese hilfreich und solidarisch mit dem Feind. Unterstüzen den Feind im Kampf gegen den Helden. Und meist sind es auch etwas schräge, besonders fiese oder übertrieben dumme Charaktere.

Okay, was bleiben noch für Charakter-Typen übrig? Ich könnte die Blogreihe doch eigentlich hier beenden und sagen: Damit kommt ihr hin. Helden, Feinde, Mentoren, Freunde – das reicht. Aber eigentlich wird es ja jetzt erst richtig spannend, wenn die Charakter-Archetypen kommen, die viel unscheinbarer sind, aber wichtige Funktionen in euren Geschichten übernehmen? Die sogar mehrfach in eurer Geschichte auftauchen können. Wie – die Schwellenhüter. Und was das genau ist, erzähle ich euch dann nächste Woche.

Bis dahin eine tolle Zeit, im Urlaub oder auf dem Balkon

xoxo

Katrin

#redbugwriting #rbpub #amwriting

Red Bug Books

Sommeraktion – Love on Paper #3 Musik

17. Juli 2017
Sommeraktion – #3 Musik

Die dritte Woche unserer Sommeraktion, in der es einen Monat lang um „Love on Paper“ geht. Jede Woche erzählen wir etwas mehr über das Buch und ihr könnt gewinnen.

Begleiten werden wir unser Sommerspecial mit einer Preisaktion: Das E-Book von Love on Paper gibt es den ganzen Juli für 2,99 Euro. Der beste Moment sich 374 Seiten Sommerlektüre zu holen.

#3 Musik

Jetzt sind wir mal ganz fies und geben euch einen Ohrwurm für den Sommer mit. Oder gleich mehrere.

Welche Songs spielen bei Love on Paper eine Rolle? Tja, da gibt es einige: Sarah Mc Lachlan mit „Angel“, oder Brandi Carlile mit „Heart’s Content“. Oder ein klassischer Songs wie „Somewhere Over the Rainbow“. Love on Paper hat eine bittersüße Mischung an tragischen, lustigen und romantischen Szenen und genauso ist auch die Musik. Aber, hey, Moment mal, Love on Paper hat ja sogar einen eigenen Soundtrack!

Was eigentlich ein kompletter Zufall war, denn es sollte nur ein Buchtrailer werden und dann hat Lenny einfach einen ganzen Song komponiert.

Musik und Schreiben

Und was wäre der Love on Paper Song? Der für das Buch und die Helden steht? Wer immer mit Musik schreibt, weiß auch, was seine Protagonisten hören, oder? The Shins! Musik, die etwas edgy ist, kein Mainstream, aber doch so eingängig, dass man sie einfach immer wieder hören möchte. Okay, der definitive Ohrwurm – gleich mal als Video.

Sountrack gewinnen

Natürlich könnt gibt es auch diese Woche wieder etwas zu gewinnen. Diesmal ein Printbuch von Love on Paper und dazu die Love on Paper-Songs auf CD. Kommentiert einfach bis zum 31. Juli 2017 24 Uhr unter diesem Beitrag.

Uuuund die Gewinnerin ist: Jennifer Hempel Gratulation!

Wer seine Chance auf ein Printbuch erhöhen will, kann auch hier noch kommentieren und wer einen Buchgutschein gewinnen möchte …

Viel Glück!

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