DIY-Donnerstag, Graphic Novel, Wie entsteht eine Graphic Novel

#10 Parzival

22. Oktober 2020
Parzival oder Der Rote Ritter

Wer sich heute mit Parzival beschäftigt, kommt um den Roten Ritter nicht herum. Zumindest nicht mehr seit 1993. Da erschien »Der Rote Ritter — Eine Geschichte von Parzival« von Adolf Muschg. Seitdem liest man Wolframs Parzival mit anderen Augen.

John Wayne oder Deadwood

Es ist, als schaute man einen John Wayne Klassiker, nachdem man Deadwood gebingt hat.
Da ist der weiße Stetson nicht nach jeder Schießerei wieder sauber, das Hemd nicht frisch gebügelt, wenn man aus dem Fluss steigt. Hier steckt man bis über die zerlatschten Stiefel im Schlamm, verreckt eher am Fieber, Syphillis und Unterkühlung als an aus der Hüfte geschossenen Revolverkugeln, die so oft gar nicht zünden und oft nicht einmal aus kürzester Entfernung treffen. Die Hände zittern, die Wunden schwären und die Zähne fallen aus dem entzündeten Zahnfleisch.

Und während Wolframs Ritter sich auf den Turnieren in ehrenvollen Zweikampf mit ihren Lanzen vom Pferd stechen, kommt es bei Muschg zu Massenschlägereien, in die sich Freund, Feind, Pferd und Knappen einmischen, und bei denen man mit allem aufeinander losprügelt, was einem in die Finger kommt, da quetscht, schneidet, sticht man drauflos und hackt »einander kurz und klein«.

Ich will das an einer Stelle einmal verdeutlichen, in dem ich den Wolframtext mit der Passage aus Muschg gegenüberstelle. Parzival hat den Roten Ritter gerade getötet, indem er ihm seinen Hirschfänger ins Gesicht, vermutlich ins Auge geworfen hat, weil er scharf auf seine Rüstung ist. Er glaubt eine coole Rüstung, ist alles, was er zum Rittersein braucht. Egal.
Jetzt möchte er der Leiche gerne die Rüstung abziehen.

Bei Wolfram heißt das so:

 

Parzvâl der tumbe
kêrt in dicke al umbe.
er kund im al geziehen niht:
daz was ein wunderlîch geschicht:
helmes snüer noch sîniu schinnelier,
mir sînen blanken handen fier
kund ers nicht ufgestricken
noch sus her ab gezwicken.
vil dickers doch versuochte,
wîsheit der umberuochte.

 

Etwa:
Der tumbe Parzival
dreht den Toten hin und her,
kann ihm aber nicht die Rüstung ausziehen:
dumme Geschichte:
weder Helmschnüre noch Beinschienen,
konnte er mit seine bloßen Händen aufzurren
oder abreißen.
So oft der von Weisheit unberührte
es auch noch versuchte.

Bei Adolf Muschg …

…geht diese Situation über eine halbe Buchseite. Ich fasse zusammen:

Parzival packt den Toten mit blut- und hirnverschmierten Fingern, reißt an dessen Helm herum, bekommt ihn nicht herunter, nur der Helmschmuck bricht ab. Er selbst blutet auch stark durch seinen Wams hindurch, noch von dem heftigen Lanzenstoß, den Ither im verpasst hatte, aber es macht ihm nicht aus. Er zerrt weiter, dreht den Toten um, versucht das Kettenhemd aufzuschließen. Das klemmt. Jetzt macht er sich mit zitternden Fingern an der Halsberge zu schaffen, die Helm und Kettenhaube zusammenhält. Zieht die Knoten aber noch fester, statt sie zu lockern. Immerhin lässt sich die Panzerhose etwas herunterziehen. Die Polsterung quillt heraus, und unter der leinernen Bruochhose erscheinen die Genitalien des Toten als »faltig verhaarte Hoden, ein Stumpf mit gespaltenem Kopf« Aber weiter als bis über die Knie, bekommt Parzival auch die Hose nicht herunter. Brüllend, schwitzend und weinend, zerrt er die Leiche in ihrem Panzer »wie ein Hund« hin und her.

In einer unglaublich bilderreichen Sprache, - das Buch ist gut und gerne doppelt so lang, wie Wolframs Parzival – beschreibt er eine untergehende, dekadente Feudalgesellschaft angefettelter Artusritter, Trevrizent als hochnäsigen, klugscheißenden, geschwätzigen Therapeuten, Gurnemanz als furstrierten Pädagogen, der sich seine Schüler mittlerweile mühsam selbst aquirieren muss und sich lieber seinem Hobby widmet, als seine obsolet gewordene Weisheiten von sich zu geben, Herzeloyde als übegriffige, inzestiöse Mutter, deren Verhältnis zu ihrem Sohn an emotionalem Missbrauch grenzt. Turniere, die von geschäftstüchtigen Bürgern als mittelalterliche Ritterspiel veranstaltet werden.

Wie John Wayne …

… den Moral- und Ehrenkodex einer ganzen Nation hochhält, vergewissert sich eine mittelalterlich, feudale Gesellschaft im Parzival ihrer Werte.
In Deadwood und im Roten Ritter werden diese Werte in die Nähe ihrer sozialen und historischen Wirklichkeit gebracht und ihr allmählicher Untergang vorgeführt.
Deutlicher noch wird dieser Bedeutungswandel, wenn die Männer nicht mehr unter sich sind.
John Wayne klatscht Kitty im Saloon auf den Hintern und sie nimmt es mit einem koketten, vielleicht schmollenden Augenzwinkern. Anders in den Bordellen Deadwoods.
Wolrams Parzival »raubt« der Frau Jeschute ihr Ringlein, eine Brosche und einen Kuss. Eine Szene, die der heutige Leser als Vergewaltigungsszene liest. Und wirklich Muschg beschreibt drastisch eine brutale Vergewaltigung.

Und der Gral?

Auch bei Muschg macht sich Parzival auf die Suche nach dem Gral. Auch, weil er nichts anderes zu tun hat. Seine eroberte Burg muss, kann er nicht regieren, dass hat ihm das aufstrebende Bürgertum schon aus der Hand genommen.

Und Parzival findet auch hier den Gral auf den üblichen Umwegen und stellt fest, was wir immer schon geahnt haben und seit Kung Fu Panda wissen: »There is no Secret Ingredient«. Es ist alles in dir.

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