Autobiographisches Schreiben

AUTOBIOGRAPHISCHES SCHREIBEN #16 KARL OVE KNAUSGÅRD II

2. Oktober 2019
Knausgard

Liebe Leser*innen, liebe Autor*innen, heute soll es noch einmal um Sterben von Karl Ove Knausgård gehen. Sterben ist der erste Teil des sechsbändigen autobiographischen Projekts »Min Kamp«.

Ich gebe zu, ich habe bisher nur die Bände Sterben und Spielen gelesen. Werde aber in der nächsten Zeit – auch in Hinblick auf meinen letzten Beitrag – Lieben lesen, in dem Knausgård mehr über das Familienleben zwischen Kindergeburtstagen und Schreibtisch schreiben soll.

In diesem Beitrag möchte ich auf drei auffällige Gestaltungsmerkmale eingehen, die für mich charakteristisch für Knausgård und insbesondere für den Band Sterben sind.

  • Zunächst erzählt Knausgård mit einer Pseudogenauigkeit, wie ich sie – nicht abwertend gemeint – nennen möchte.
  • Dann unterbricht er immer wieder Erzählsituationen durch assoziative Gedankenschleifen und abschweifende Erinnerungen.
  • Das dritte sind die Reflexionen über die Glaubwürdigkeit und Authentizität von Erinnerungen selbst.
Pseudogenauigkeit

Über insgesamt mehr als 4500 Seiten erzählt Knausgård aus seinem Leben. Dabei nutzt er ein interessantes Paradox. Denn er erinnert sich scheinbar mit einer Präzision an Situationen und Details von zurückliegenden Ereignissen, die völlig unglaubwürdig ist. Aber gerade diese Genauigkeit der Beschreibung suggeriert er Glaubwürdigkeit und Authentizität.

Da gibt es zum einen Dinge, die sich oft wiederholen und die sich in der Erinnerung verankert haben. Etwa das Auto, das aus der Einfahrt fährt. Die Rücklichter, die sich entfernen.

Oder unabdingbare regelmäßige Abläufe, wie das Aufschließen der Autotür, das Umdrehen des Zündschlüssels, das Gang einlegen, das Blinker setzen, das Anfahren, das nach links und rechts schauen. Daran muss man sich nicht im Einzelnen erinnern, um es in einer Situation zu beschreiben.

Detailgenauigkeit

Aber Knausgård kann sogar nach Jahren noch beschreiben, welche Kleidung etwa ein Kioskverkäufer trug, bei dem er mal Zigaretten, eine Cola und eine Tüte Chips gekauft hat. Und er beschreibt das Outfit auch. Selbst dann, wenn es weder außergewöhnlich noch bemerkenswert ist, und für die »Story« keine größere Rolle spielt, als das Hemd, das mein Nachbar gestern trug.

Selbst wenn jemand täglich und ausführlich Tagebuch schriebe, würde man darin wohl kaum erwähnen, dass man sich erst die Schuhe zubindet, dann die Türklinke herunterdrückt, bevor man die Tür aufmacht, um dann nach draußen zu gehen …

Fotografisches Gedächtnis oder Erfindung

Man müsste also mit einer Art von fotographischem Gedächtnis gesegnet oder verflucht sein, das jedes Detail abspeichert und abrufbar macht, ohne Rücksicht darauf, ob es eine Bedeutung hat oder nicht. Und genau so schreibt Knausgård. Durch die scheinbar präzise Beschreibung unendlicher Details und die unendliche Wiederholung immer gleichen Details, weist er allem eine gleiche Wichtigkeit zu. Lenkt die Aufmerksamkeit auf Selbstverständlichkeiten, wie das Einlegen des Gangs vor dem Losfahren und auf Nebensächlichkeiten, wie die Sportkleidung eines Kioskverkäufers.

Jede Nichtigkeit bekommt Bedeutung. Die Langeweile erfordert Aufmerksamkeit. Und die Stilisierung erzeugt den Eindruck von Authentizität.

Da ist Knausgård plötzlich sehr nah an Instagram.

Assoziative Abschweifungen

Ein weiteres Mittel, das Knausgård nutzt, auf die Spitze treibt, möchte ich die assoziativen Abschweifungen nennen. Er schildert zum Beispiel, wie er am Tisch der Großmutter beim Abendessen sitzt. Der Fisch auf seiner Gabel, führt ihn seitenlang auf Fischmärkte, inclusive der Beschreibung der Hemden der Fischverkäufer, von dort auf Angeltouren, an Lagerfeuer, zu früheren Fischessen etc. bis der Leser fast vergessen hat, dass er ja in der Küche der Großmutter mit einem Stück Fisch auf der Gabel sitzt. Durch diese Schleifen, Wiederholungen, Rückkopplungen, entsteht ein eigentümlicher Sog, der den Leser, wenn er sich denn darauf einläßt, in die Lage versetzt, sich selbst stückweise biographische Versatzstücke zu einem Bild zusammenzusetzen.

Statt unrealistisch eindeutiger Kausalzusammenhänge entsteht eine kaleidoskopartiges Bild eines Lebens, in dem sich immer mehr Stücke in einer Art biographischem 3D-Puzzle zusammenfügen.

Reflexionen über die Authentizität von Erinnerungen

Die vielleicht interessantesten Passagen sind unter diesem Gesichtspunkt, diejenigen in denen Knausgård die Unschärfe von Erinnerungen reflektiert. Er beschreibt zum Beispiel, wie er einmal mit der Großmutter auf dem Fischmarkt ist.

Großmutter, die eine Pelzmütze und einen dunklen knöchellangen Mantel trug, stellte sich vor eine der Auslagen in die Schlange, während ich zu eine mit lebenden Krabben gefüllten Holzkiste ging.

Wieder beschreibt er sehr genau die Datails, wie die Pelzmütze, etc. und macht die Szene sehr lebendig, präsent. Um sich ein paar Sätze später zu fragen:

Wann mochte ich mit Großmutter in der Fischhalle gewesen sein. Ich hatte mich in meiner Kindheit nur selten wochentags bei meinen Großeltern aufgehalten, also war es vermutlich in den Winterferien, die Ingve und ich einmal bei ihnen verbracht hatten. 

Die konstruierte Erinnerung

Im weiteren Verlauf stellt er die Erinnerung immer mehr in Frage:

Das bedeutete, dass an jenem Tag auch Ingve dabei gewesen sein musste. In meiner Erinnerung tauchte er allerdings nicht auf und die Krabben, die konnten dort nicht gewesen sein. Die Winterferien waren immer im Februar und um die Zeit gab es keine lebenden Krabben zu kaufen.

Er legt also durchaus offen, dass seine Erinnerungen oft konstruiert sind, zusammengefasst aus vielen verschiedenen Ereignissen, und zu einem Bild verdichtet.

Damit macht er deutlich, dass Erinnerungen per se kuratiert sind. Niemand erinnert sich an die Ereignisse, wie sie wirklich waren. Jeder Erinnerung ist immer auch Interpretation. Und diese Interpretation unterliegt vom Augenblick des Erlebnisses ständigen Wandlungen. Ständig wird etwas uminterpretiert, vergessen, hinzugefügt, weggelassen, miteinander in Beziehung gesetzt, durch neue Erfahrungen überlagert.

Die Großmutter erzählt einmal eine in der Familie längst bekannte Anekdote. Sie hat als junges Mädchen bei einer steinreichen etwas senilen Witwe gearbeitet, die ihr Bargeld überall in der Wohnung verteilt hatte. Nun gibt die Großmutter der bekannten Anekdote diesmal eine neue Pointe. Sie beichtet, oder gibt damit an, dass sie sich des öfteren, etwas von dem Geld genommen hat, sozusagen als Ausgleich für die schlechte Bezahlung.

Der richtige Zeitpunkt

Offensichtlich hat die Großmutter genau jetzt das Bedürfnis, ihre Erzählung genau zu diesem Zeitpunkt mit genau dieser kleine Pointe zu krönen. Weder die beiden Enkel, die der Großmutter überrascht lauschen, noch wir Leser haben eine Ahnung, ob die Großmutter wirklich das Geld genommen hat. Vielleicht weiß sie es selbst nicht. Möglicherweise hat sie es sich selbst so oft erzählt, dass sie es nun glaubt. Vielleicht ist einfach auch nur der Zeitpunkt gekommen, es jetzt zu erzählen.

Und was sollen wir als Leser glauben?

Hat die Großmutter das Geld wirklich genommen? Erfindet sie ganz bewußt diese Pointe, obwohl sie weiß, dass es nicht stimmt? Glaubt sie es selbst, weil sie es sich so oft selbst gewünscht und erzählt hat, dass es eine Wahrheit für sie geworden ist?

Was glauben die Brüder, was glaubt die literarische Figur Karl Ove da am Küchentisch bei der Großmutter?

Was glaubt der Schriftsteller Knausgård?

Oder hat vielleicht sogar er die Pointe für diese Geschichte erfunden?

In diesem kleinen lapidaren Absatz treibt Knausgård also ein turbulentes Spiel auf verschiedenen Realitätsebenen.

Und natürlich geht das auch in das Schreiben ein. Dabei muss sich Knausgård nicht explizit auf die Privilegien künstlerischer Freiheit berufen. Erinnerung ist immer interpretiert, stilisiert und gestaltet. Nie kann es darum gehen, wie etwas ist, oder wie etwas gewesen ist, sondern immer darum wie etwas erzählt wird im Augenblick des Erzählens. Genau das zeigt Knausgårds und das macht die Authentizität seines autobiographischen Mammutprojekt aus.

 

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