Autobiographisches Schreiben

AUTOBIOGRAPHISCHES SCHREIBEN – #11 INTERLUDE

28. August 2019
Interlude

Liebe Autor*innen, liebe Leser*innen, nach den ersten zehn Beitragen zu autobiographischem Schreiben möchte ich heute in einer Art Interlude eine kurze Zwischenbilanz ziehen.

Wir haben zusammen sehr unterschiedliche autofiktionale Bücher gelesen. Die Anlässe, aus denen die Bücher entstanden sind, die Herangehensweise der Autor*innen, die Erzählperspektiven und Stilmittel sind sehr verschieden.

Ich möchte hier noch einmal einige Aspekte, die wir an autofiktionalen Texten erkennen konnten, darstellen. Wenn ich im folgenden bestimmte Titel als Beispiel für einen bestimmten Aspekt heranziehe, heißt das nicht, dass ich die jeweiligen Bücher auf diesen Aspekt reduzieren und vor allem nicht, dass ich den anderen Büchern diese Blickwinkel absprechen möchte.

Der wichtigste Aspekt, und da unterscheiden autofiktionale Texte vielleicht am meisten von rein fiktiven Texten, ist sicher der Anlass, aus dem ein Buch oder ein Text überhaupt geschrieben wird.

Schreibanlässe
#1 Ich und die Welt

Ein Anlass kann z.B. sein, etwas aus der eigenen Geschichte, etwas persönlich Erlebtes aufzuschreiben, das über die eigene Erfahrung hinaus für andere wertvoll sein kann, eine gewisse Allgemeingültigkeit hat. Etwas in Hinblick auf einen Leser zu schreiben, für den diese Erfahrung wertvoll sein kann.

Besonders eindrucksvoll gelingt es Saša Stanišić in Herkunft. Er verwebt seine eigene Geschichte, seine Erfahrung als Flüchtlingskind, als Flüchtlingsjugendlicher und Erwachsener in Deutschland mit den politischen Ereignissen auf dem Balkan, die zu dieser Flucht geführt haben. Völlig unaufdringlich, sogar ohne Schuldzuweisung wird die Absurdität dieses Krieges und die nur mühsame Rückkehr zur Normalität, die schwelende Feindseligkeit nach dem Zerfall Jugoslawiens miterzählt.

Ganz ausdrücklich hat auch Alina Bach in Die Liebe in dunklen Zeiten ihre Leser im Sinn, die dann oft auch Betroffene sein können, denen sie durch die Schilderung ihrer Erfahrungen im Umgang mit einem geliebten depressiven Menschen Mut machen kann.

#2 Traumata

Ein ander Anlass kann die Aufarbeitung eines traumatischen Erlebnisses sein.

Annie Ernaux versucht in Die Erinnerung eines Mädchens die Jahrzehnte zurückliegende Missbrauchserfahrung zu verarbeiten, zu verstehen und sich ihre eigene Identität zurückzuerobern. Schreibt sie doch in der dritten Person, wenn sie sich in die damalige Zeit begibt.

Bei Thomas Melle in Die Welt im Rücken ist es nicht ein einziges traumatisches Erlebnis, sondern eine ganze Serie traumatischer Jahre. Die Auswirkungen seiner bipolaren Störung, die er gnadenlos beschreibt, zerstören sein gesamtes Selbstbild, das er sich schreibend neu zusammensetzt.

#3 Die Poesie der Welt

Ein dritter Anlass ist das Erleben der Wirklichkeit in seiner poetischen Dimension. Und das Bedürfnis nach der Versicherung der eigenen Existenz in dieser poetischen Wirklichkeit.

Das machen Tomas Espedal, Merethe Lindstrøm, Isabelle Lehn. Bei allen dreien spielt daher auch die Darstellung und die Reflexion der eigenen Schreibarbeit eine große Rolle.

#4 Rechtfertigung

Und natürlich wird Autofiktion auch geschrieben, um sich für Handlungen, Entscheidungen zu rechtfertigen. Um Schuld die real oder vermeintlich auf einem lastet, einzugestehen oder abzuwehren. Ich werde mich in einem der nächsten Beiträge einmal mit einem Text beschäftigen, bei dem dieser Anlass im Vordergrund steht.

Stilmittel
#1 Fiktion

Fast alle Autoren, die autofiktional schreiben reflektieren die Möglichkeit oder Unmöglichkeit etwas Wahrhaftiges darzustellen.

Etwas kann wahr sein aber nicht stimmen, sagt Merethe Lindstrøm. Durch Übertreiben und Erfinden kommt man der Wahrheit näher, der Essenz der Wahrheit, meint Stanišić. Espedal lässt immer wieder seiner Einbildungskraft freien Lauf. So kann es gewesen sein, so muss es gewesen sein. Die Möglichkeit, aus Erinnerung und Fiktion Wahrhaftigkeit zu generieren, wird oft genutzt.

#2 Zeitebenen

Zeitebenen werden oft parallel bzw. erzählt. Selten ist ein autofiktionaler Text so linear chronologisch wie Die Liebe in dunklen Zeiten. 

Oft wird die biographische Vergangenheit mit dem gegenwärtigen aktuellen Schreibprozess überblendet.

#3 Textarten

Oft wechseln die Erzählebenen. Reale oder fiktionale Textarten, wie Briefe, Tagebücher, Aufzeichnungen, Behördenkorrespondenz können miteinander abwechseln, als gefundene oder erfundene Quelle dienen, wie Fotos, Filme, Tonbandaufnahmen etc.

#4 Weglassen

Aber wie für alle anderen fiktionalen Texte gilt auch für Autofiktion.

  • Sie sollten ein klares Genre bedienen.
  • Sie sollten einen Spannungsbogen haben.
  • Der Leser sollte einer Active Question folgen können. (Denn warum sollte er das Buch sonst lesen?)
  • Und sie sollten ein Thema haben.

Das beiden wichtigsten Stilmittel sind also vermutlich: Weglassen und Streichen.

Um sich ganz darauf zu konzentrieren: what’s it all about?

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