Buchblogger, Mindful Monday

LGBT – Gedanken zu einem Buchtrend

1. Mai 2017

LGBT. Es ist der neue Trend im Buchgeschäft. Genauso wie Sex. Nachdem die gleichgeschlechtliche Liebe in allen Facetten und Spielarten beschrieben wurde, wendet man sich jetzt vermehrt dem Thema Homo/Bi/Transsexualität zu. Doch leider nicht immer mit der entsprechenden Sensibilität. Daher wird viel diskutiert und auch wir haben ein paar Gedanken dazu.

Okay, für diesen Beitrag musste ich als Autorin & Verlegerin ran und Gesicht zeigen. Und, ja, ich finde das richtig. Manchmal kann man sich nicht hinter einem Label vestecken und muss es persönlich machen.

LGBT Was ist das? Worum geht es?

Der Begriff LGBT ist für uns Europäer noch realtiv neu. Im Englischen ist der Begriff seit 1990 geläufig. Es ist das Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender, also Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. Warum fasst man alle diese sexuellen Orientierungen in einem Begriff zusammen? Weil die Probleme/Nöte/Bedürfnisse dieser Gruppen oftmals sehr gleich sind. Meist müssen sie mit der gleichen Art von Vorurteilen kämpfen, nämlich dass ihre sexuelle Orientierung als unnormal oder unnatürlich angesehen wird. In vielen Fällen kann es die Karriere ernsthaft gefährden, wenn man sich outet und in manchen Bereichen  – Fußball – ist Homosexualität immer noch ein Tabu.

My way

Ich hatte eine ziemlich wilde Jugend. Ich habe mit 40 Menschen in einem besetzten Haus gewohnt. Das war politisch, aber auch aufregend, lebendig, extrem. Punks, Studenten, Freaks, Künstler, Musiker, Männer, Frauen, Kinder, Schwule, Lesben, Menschen mit Handicap, Verbrecher, Spießer – eine kleine Gemeinschaft in einer großen Gemeinschaft. Manchmal hat man ein Label bekommen: Anarchist! Oder eines gefunden: Hetero. Oder eines abgelehnt: Verbrecher. Erfahrungen sind großartig.

Ich habe viele Erfahungen gemacht und mich am Ende für Heterosexualität entschieden. Oder einen Jungen. Oder besser: für einen MENSCHEN, mit dem ich leben will. Ich weiß noch, dass ich mir ziemlich lange sicher war, dass ich lesbisch bin, da Mädchen mir körperlich einfach besser gefallen haben. Ich finde, es ist gar nicht so leicht, herauszufinden, wen und was man liebt.

Selbsterkenntnis, Selbstfindung

Das große Thema meines Lebens ist Selbstfindung. Und auch das Thema all meiner Bücher. Dabei spielt es für mich keine Rolle, ob meine Protagonisten schwul, lesbisch oder hetero sind. Es ist immer das Gleiche: Finde heraus, was du bist, wer du bist, wie du bist, was dir gefällt, was du magst.

Ganz klar, ist es leichter in unserer Gesellschaft, wenn man so ist, wie der Großteil der Menschen. Aber das gilt für alles, nicht nur die sexuelle Orientierung. Ich bin eine Außenseiterin. Als Künstlerin, als Agentin, als Autorin. Als jemand, der bei der Heirat nicht den Namen seines Mannes angenommen hat. Aus 1000 Gründen und jetzt gerade, weil ich meinen Verlag verlassen habe, statt mich seinen Vermarktungsstrategien zu unterwerfen.

Autoren und Trends

Alle Arten von Sex und Erotik liegen gerade im Trend. Klar, satteln da viele Autoren auf und legen sich Zweit- oder Drittpseudonyme an, um diesen Trend auch noch „bespielen“ zu können. Ich mag das nicht, aber ich will hier nicht über andere Autoren richten. Das muss jeder für sich entscheiden.

Ich will aber auch nicht aufhören, etwas zu (be)schreiben, bloß weil es im Trend liegt. In meinem ersten Jugendbuch „Radio Gaga“ (2005) gibt es eine explizite Sexszene. Die ist gut geschrieben, darauf bin ich stolz. Ich fand großartig, dass mein Verlag (Beltz & Gelberg) hier nichts gekürzt hat. Aber ich habe damals ziemlich viel Ärger bekommen. Man solle das lassen im Jugendbuch. Lehrerinnen haben mir böse Briefe geschrieben und mich ermahnt. Okay, ich bin ein Rebell, das gehört irgendwie zu meiner Persönlichkeit. Aber ich finde es auch ohne Rebellion wichtig, angemessen und ehrlich über Sex zu schreiben. Und zwar auch jetzt noch, wo es im Trend liegt.

In meinem Radio Gaga on Air (2006) gibt es Ruben. Er ist schwul und verliebt sich in den Hauptcharakter. Das war damals kein Trend, sondern hat sich ergeben. Es passte in die Geschichte, zum Charakter. Ich bin nicht schwul. Und ich will das trotzdem schreiben. Denn ich kann das, ich muss das und ich will das erzählen.

Ich fände es auch absurd, wenn man – zum Beispiel – Andreas Steinhöfel verbieten würde, über heterosexuelle Liebe zu schreiben. Es kommt nicht darauf an, wer oder was, sondern WIE etwas beschrieben wird. Daher werde ich mir nicht von der LBGT -Community sagen lassen, dass ich kein Recht habe, über Schwule, Lesben oder, oder, oder zu schreiben. Ich schreibe über MENSCHEN nicht über Label.

Verlage und der Markt

Sex und LBGT liegen im Trend. Und Trends sind großartig für das Geschäft. Daher werden sie von vielen Verlagen in jeder Weise ausgenutzt. Das heißt aber nicht, dass jetzt lauter gute Bücher über – zum Beispiel – homosexuelle Liebe verlegt werden würden. Leider. Mal abgesehen davon, dass es die schon gibt. Aber der Trend muss trendig sein. Also ins Schema passen. Erst dann kann er vermarktet werden.

Ein Beispiel? Im 3. Band meiner Kissing-Trilogie (erschienen im Oetinger-Verlag) geht es hauptsächlich um ein Jungspärchen. Doch auf dem Printcover umarmen sich ein Junge und ein Mädchen. Hm. Als ich nachgefragt habe, warum das so sein muss, wurde im Verlag herumgenuschelt. Schon klar. Mit einem Junge-Mädchen-Pärchen war man auf der sicheren Seite, hoffte mehr Leser zu gewinnen. Was im Buch steht – war zweitrangig. (Die Cover habe wir deshalb nicht im E-Book übernommen und ganz eindeutig anders gestaltet.)

Beim Sex ist es ähnlich. Mir hatte eine Übersetzerin noch 2010 gesagt, ich würde in Amerika erhebliche Schwierigkeiten mit meinen Sexszenen in Radio Gaga bekommen, doch nach Shades of Grey ist dass Thema wohl erledigt. Oder nein, eigentlich nicht. Denn auch Sex wird tatsächlich nur dann breitflächig akzeptiert, wenn er in ein bestimmtes konservatives Schema passt: Die Jungfrau trifft auf den maskulinen Hengst. Deshalb regt man sich im prüden Amerika über Pornograhie in John Greens erstem Jugendbuch auf, findet es aber vollkommen okay, dass Mr. Grey seine Anastasia auspeitscht.

Diese Doppelmoral kotzt aber nicht nur die LGBT-Communitiy an. Ich finde es auch unerträglich, welches Bild von Heteropaaren in bestimmten Büchern gerade präsentiert wird. Als müssten alle Frauen jung, schön und jungfräulich sein und alle Männer stark, reich und sehr aggressiv beim Sex.

Die Verantwortung der Leser

Jeder kann entscheiden, was er liest. Und jeder kann entscheiden, was er schreibt. Verlage können entscheiden, was sie veröffentlichen. Buchblogger können entscheiden, welche Verlage und Bücher sie hochjubeln. Oder überhaupt erwähnen.

Wir leben in einem wunderbaren Land, in dem jeder seine Meinung sagen kann. Nur ist es für einige Menschen schwieriger, dies zu tun, da ihre Meinung, ihre Lebensweise, ihr Liefstyle oder ihre sexuelle Orientierung nicht in den Mainstream passen. Ich wünsche mir daher sehr viel mehr Sensibilität bei diesen Themen. In den Verlagen, bei den Bloggern, bei den Lesern, bei den Autoren. Und nehme mir in Zukunft vor, noch viel sensibler und selbstbewusster mit diesen Themen umzugehen.

Ich sage das selten: Aber an dieser Stelle interessieren mich eure Kommentare. Denn ich wünsche mir eine sehr offene Diskussion über das Thema – hier oder/und überall.

Martin Luther 2017

Martin Luther #17 Gnade dir Gott

27. April 2017
Gnade Golgatha

Okay, heute ist es anscheinend soweit. Ich muss von dem Moment berichten, an dem ich erstmalig verstanden habe, was Luthers Lehre von der Gnade bedeutet. Von dem Moment, an dem sie für mich Bedeutung bekommen hat.

Abortion

Mitte der Achtziger – nach der Hausbesetzerzeit, mitten in dem Strudel der Neufindung, wir wohnten und arbeiteten gerade mit drei anderen Künstlern in einer Kreuzberger Fabriketage – haben wir ein Kind gezeugt und abgetrieben. Keine große Sache.

Meine Eltern waren erleichtert. Ihre Mutter, erzähl Papa nichts davon. Beratung bei Pro Familia. Ich kann mich nicht mal mehr erinnern, welche Indikation. Es war noch vor der „Fristenlösung“ von 1993, nach der ein Schwangerschaftsabruch heute zwar rechtwidrig ist, aber strafrechtlich nicht verfolgt wird. Termin im Krankenhaus. Doppelzimmer mit einer anderen Schwangeren, die sich auf ihr Kind freute. Dann Tränen. Der Reue. Der Ohnmacht. Betäubtes durch die Straße laufen und die Gewissheit, etwas ganz Falsches, ganz Schreckliches, nicht Wiedergutzumachendes getan zu haben. Etwas Endgültiges. Etwas engültig dämlich Falsches. Wir liebten uns, aber die Liebe hatte zu etwas Schrecklichem geführt, wir hatten ein Leben zerstört, ein hoffnungsvolles Leben, bevor es überhaupt eine Chance hatte. Unsere Liebe war zerstörerisch. A lethal weapon. Das konnte nicht gut sein. Wir haben uns getrennt.

Ich hatte nicht hingehört, war zu laut gewesen, nicht aufmerksam genug. Ich habe mein Motorrad verkauft, das Schlagzeug. Habe aufgehört, Fleisch zu essen. Keinen Alkohol mehr und … keinen Sex. Und vor allem nie wieder Kunst machen. Bloß nicht wieder glauben, etwas Schöpferisches machen zu dürfen. Wo ich gerade ein Geschöpf getötet hatte. Einfach nur still sein, die Klappe halten. Zuhören. Aufmerksamer werden. Awareness war noch nicht in aller Munde. Nichts hat geholfen.

Niemand hat mich festgenommen, wie bei einer Hausbesetzung, oder einer Straßenschlacht. Niemand hat mich bestraft, ich hatte nicht Verbotenes getan. Es gab keine Strafe, nur ein schlechtes Gewissen.

Es war nicht auszuhalten.

Nach Monaten dann schoss es mir in den Kopf. Er musste mir doch helfen können. Er kannte mich doch. Ich hatte ihn seit der Konfirmation nicht mehr gesehen.

Superintendent Wilhelm Winkelmann. Eine Erscheinung, wie Luther persönlich. Riesige Hände, Glatze, die einer Tonsur glich, und ein freundlicher Blick, der einen bis in den hintersten Winkel ansah. Nein, sah. Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass er vermutlich der erste Intellektuelle war, dem ich bis dahin begegnet war. Meine Schullehrer waren es jedenfalls nicht und die meisten Pfarrer sind es vermutlich auch nicht. Ich rief ihn an und saß kurze Zeit später in seinem Büro im Pfarrhaus. Schwere Ledersessel. Schwerer Schreibtisch, unendlich viel Bücher. War er eigentlich größer als ich, oder kam es mir nur so vor?

Gab es nicht so etwas wie Beichte? Konnte ich nicht irgendetwas tun, eine Absolution bekommen. Er hörte mir ernst zu. Ich hatte wohl gehofft, dass er mir sagt, Kopf hoch, alles nicht so schlimm. Doch es kam genau umgekehrt. Er hat mir damals sehr deutlich gemacht, wie überheblich, unbedacht und eben tödlich war, was ich getan hatte. Es war schlimm, ernst und ich würde es nicht wiedergutmachen können. Er lächelte mich an, er konnte ernst lächeln.

Steine werfen

Und er hat mir die Verse aus dem Johannesevangelium mit der Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin erzählt. Mit dem berühmten Satz: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Genau das war mein Problem, ich hätte ja liebend gern ein paar Steine abbekommen, eine Art Strafe. Es gab niemanden, der sagen konnte, geh in den Knast, zahle Bußgeld, bete ein paar Vaterunser.

Die Geschichte ging aber noch weiter: Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Das war es also. Ich musste nichts tun, konnte nichts tun. Musste nur glauben, dass das stimmt. Dass ich mit Vergebung und unverdienter Gnade rechnen konnte. Er hat noch lange mit mir geredet. Aber das war alles. Einfach nur glauben. Es war nicht einfach. Aber es hat gutgetan.

Als Winkelmann sechs Jahre später unsere erste wunderbare Tochter taufte, hat er mich wieder angelächelt und ich wusste, dass es stimmt.

 

 

 

Beitragsbild mit Auschnitt aus meiner Bronze ›Golgatha_1‹

7 Tipps - Schneller & produktiver schreiben

7 Tipps – Schneller & produktiver schreiben #1 Einstellung

26. April 2017
Warum überhaupt schneller & produktiver schreiben?

Es beschäftigt jede professionelle AutorIn: Wie kann ich schneller & produktiver schreiben? Wie kann ich mehr Bücher veröffentlichen? Und, ja, natürlich: Wie kann ich schneller gute Bücher schreiben und veröffentlichen. Ganz berechtigt ist hier die Frage: Wieso überhaupt? Was spricht dagegen, ein oder zwei Jahre an einem Buch zu sitzen? Nun, eigentlich überhaupt nichts.
Wenn man genug Geld und Zeit hat, kann man sein ganzes Leben an einem Buch schreiben. Wenn man allerdings das Schreiben auf irgendeine Weise zum Beruf machen möchte, dann ist es sehr wichtig, dass man schnell schreibt. Warum? Weil Leser auf Lesenachschub warten, weil ein Verlag den Autor schlecht promoten kann, wenn er nur alle paar Jahre mal ein Buch veröffentlicht und weil niemand sich länger mit Autoren beschäftigt, die unproduktiv und unrentabel sind. Okay – suck it up. Schreiben ist eine wunderbare Tätigkeit, aber der Buchmarkt ist vor allem – ein Buchgeschäft.

Einstellung

Buch-geschäft. Das klingt nach Dingen, die überhaupt nichts mit dem Schreibprozess zu tun haben. Richtig. Es ist etwas komplett anderes. Daher möchte ich am Anfang dieser 7-teiligen Blogserie darüber sprechen, welche Einstellung man am besten zum Schreiben bekommen sollte, oder wie man seine Einstellung zum Schreiben erweitern kann, um schnell schreiben und viel veröffentlichen zu können.

Ich musste das auch erst lernen. Für mich ist Schreiben immer und vor allem eine kreative Tätigkeit. Ich finde es spannend, die Möglichkeiten von Sprache, Bildsprache und von Storytelling auszuloten. Das Problem: „Künstlerisches Niveau“ ist etwas, dass weder die meisten Verlage noch Leser interessiert.
Daher musste ich meine Einstellung zum Schreiben erweitern. Es gibt Serien, Filme, Bücher, die nicht unbedingt Kunst sind, aber gut gemacht. Wenn man Schreiben auch als „gute Unterhaltung“ zulässt, dann kann es trotzdem um ein sehr gutes Schreiben gehen. Zugleich eröffnen sich viel mehr Möglichkeiten.

Es ist aber auch für das literarische Schreiben gut, sich ein wenig locker zu machen. Hey, es ist nur … schreiben. Wir setzen hier keine Menschenleben aufs Spiel oder verhüten den 3. Weltkrieg. Wir schreiben ein Buch. Also ganz ruhig. Auch beim literarischen Schreiben kann schneller & produktiver schreiben eine große Hilfe sein. Das heißt nicht, dass man seine Ansprüche senken muss, sondern nur, dass man den Roman des 21. Jahrunderts vielleicht statt in zehn in fünf Jahren schreiben kann.

Schneller ist nicht besser, kann aber sehr gut sein

Meist denkt man, eine Sache würde besser werden, wenn man lange daran arbeitet oder sich lange damit beschäftigt. Was lange währt wird gut. Als Künstlerin weiß ich aber, das stimmt nicht. Gerade, wenn man das Grundhandwerk beherrscht, kann es sehr schnell gehen, wenn man eine brillante Idee umsetzt. Ich kann sogar sagen, dass ich meine besten Einfälle und Ideen immer extrem schnell umgesetzt habe. Eine sehr gute Idee entwickelt einen starken Sog. Man arbeitet fokusiert und intensiv und das Ergebnis hat eine starke Energie. Einige sehr gute Bücher der Weltliteratur sind so entstanden:

  • Bonjour Tristesse: Francois Sagan schrieb den Roman mit 18 Jahren innerhalb weniger Wochen.
  • Frankenstein: Mary Shelley schrieb den Roman mit 19 Jahren während eines Sommerurlaubs.

Zwei Dinge fallen auf. Es sind Debüts und die Autoren sind jung. Und das ist kein Zufall. Sie waren sich beim Schreiben keineswegs klar darüber, dass ihr Buch ein so großer Erfolg werden würde. Jung und unerfahren, könnte man sagen, und das war durchaus ein Vorteil, was ich in den nächsten Blogbeiträgen noch genauer ausführen werde. Hier will ich erst mal nur eines sagen: Schnell muss nicht schlecht heißen. Man kann, muss aber nicht wochenlang über seinem Manuskript brüten, damit es gut wird.

Produktiver

Genauso sieht es mit der Anzahl von Büchern aus, die man herausbringt. Ja! Mehr Bücher herauszubringen ist grundsätzlich besser, wenn man davon leben und sich einen Namen in der Buchbranche machen will.

schneller & produktiverIch weiß noch, dass ich den Gedanken, ein Buch innerhalb von wenigen Monaten zu schreiben und herauszubringen sehr merkwürdig fand, als ich mich zum ersten Mal mit Selfpublishing beschäftigt habe. Darf man das überhaupt? In meinem Verlag dauerte alles so lange, dass ich schon selber geglaubt habe, es könnte gar nicht schneller gehen. Es wäre unmöglich, ein Buch schnell herauszubringen. Unredlich. Unanständig. Frech. Gewagt. Unseriös. Okay, schupsen wir diesen Gedanken mal ganz schnell in die virtuelle Mülltonne. Ich habe in den letzten Monaten Verlagsveröffentlichungen gesehen, bei denen man sich vor lauter – nun, sagen wir es einfach mal – Gier noch nicht einmal Zeit für ein anständiges Korrektorat genommen haben. Von einem Lektorat ganz zu schweigen. Ja, auch in einem Verlag kann es schnell gehen. Es ist immer die Frage der Prioritäten. Und was einem gerade wichtig ist.

Was ich sagen will: Es ist okay, schnell zu arbeiten. Es ist okay, produktiv zu sein. Wenn man diese Einstellung erst einmal bei sich zugelassen hat, ist es sehr viel einfacher, sich Techniken anzueigenen, die einem dabei helfen, schneller, besser und auch produktiver zu arbeiten.

Spirit und Handwerk

Für das Schreiben gilt das Gleiche wie für alle Handwerke oder Künste. Ohne einen gewissen Einsatz wird man nicht erfolgreich werden. Ein Text sollte immer zwei Dinge haben: eine große Ausstrahlung/Energie und gutes Schreibhandwerk. Das eine hat viel mit dem Engagement für das Thema, der Lust am Schreiben zu tun. Das andere mehr mit Sprachgefühl und Ausdrucksfähigkeiten. Beides greift natürlich ständig ineinander. Wie in der Musik. Es gibt Rock- oder Punkmusiker, die beherrschen ihre Instrumente nicht perfekt, bannen das Publikum aber mit ihrer Power, der Energie, der Ausstrahlung. Andere – vor allem klassische – Musiker, überzeugen eher mit vollendetem Handwerk. Beides zusammen ist perfekt. Wer nicht so gut im Schreibhandwerk ist, aber viel Elan mitbringt, der kann das ausgleichen. Wer sehr gut schreiben kann, überzeugt durch sein Handwerk. Wenn man schneller & produktiver schreibt, wird man in beiden Bereichen gleichzeitig (und schneller) besser.

Techniken und Verhaltensweisen

In den nächsten Wochen werde ich euch zeigen, wie man

  • seine Schreibzeiten besser vorbereitet
  • die Arbeitsplanung und Zeitmanagment verbessert
  • schneller in den Schreibflow kommt
  • die Schreibphasen verlängern und verbessern kann
  • Texte interessanter und aufregender macht
  • Buchveröffentlichungen aufeinander aufbaut

Eine gute Zeit

xoxo

Katrin

#rbpub #redbugwriting #amwriting

Buchblogger, Mindful Monday

Mindful reading – Gedanken über das Lesen

24. April 2017
Mindful reading

Wie meint ihr das: Mindful reading? Nun, kurz nach dem Welttag des Buches, dem Tag, an dem die Rechte der Autoren, die Bücher und das Lesen gefeiert werden, möchten wir ein paar Gedanken über das Lesen mit euch teilen. Etwas, das uns schon lange auffällt, manchmal ärgert, manchmal einfach nur verwundert und in letzter Zeit ganz oft nachdenklich macht.

Hinzufügen wollen wir – als jahrelanger Verteidiger der Buchblogger-Community – nun doch auch ein paar kritische Gedanken zu den SUBs und Lesegeschwindigkeiten und der Buchauswahl einiger Buchblogger.

Hauptsache lesen?

Lesen ist eine kulturelle Errungenschaft. Ganz klar! Ein Kommunikations- und Verständigungssystem, etwas, das uns – genau wie Schreiben – mit den Grundfähigkeiten ausstattet, in unserer Gesellschaft zu arbeiten, zu kommunizieren, zu leben. Aus diesem Grund lernen wir Lesen und Schreiben schon in der 1. Klasse. Da es in unserem Land immer noch Analphabeten und Kinder mit Leseschwächen gibt, ist es wichtig, die Bedeutung des Lesens immer wieder zu betonen. Okay, da sind wir gerne dabei.

Doch in letzter Zeit wird immer öfter so getan, als ob es ganz gleichgültig wäre, WAS gelesen wird. Lesen ist mit einem SEHR WERTVOLL-Label ausgestattet, das uns immer öfter darüber hinwegsehen lässt, dass es da draußen auch eine Menge Schund gibt, der keinesfalls wert ist, gelesen zu werden. Denn er bildet nicht und trägt auch nicht zu einer besseren Kommunikation bei. Ganz im Gegenteil, man kann schon sagen, er verblödet. Denn für jeden dieser Trivialromane, wird ein gutes Buch weniger gelesen. Ein Leseslot mit etwas anderem als Literatur/guter Unterhaltung/Bildung/ gefüllt.

Wobei – schon klar – ganze viele Bücher sollen gar nicht bilden oder den Geist erheben. Sie sind … einfach nur zur Unterhaltung und Ablenkung gedacht.

Entertain me!

Trivialliteratur und Heft- und Groschenromane hat es immer gegeben. Leichte Unterhaltung, die nicht fordert, denn meist sind die Geschichten schablonenhaft einfach, voller Klischees und ohne intellektuelle oder psychologische Tiefe. Macht nichts. Jedem sein Vergnügen. Was lesen wir auf Buchblogs: „Wenn ich lese, will ich mein Gehirn abschalten.“ Und ja, mit vielen dieser Trivialromane kann man das ganz wunderbar.

Neu ist allerdings, dass diese Bücher auf einmal auf Buchtischen in Buchhandlungen, in Hardcover und mit Glanzaufmachung auftauchen. Neu ist, dass Verlage die Scheu davor verloren haben, den größten Mist zwischen zwei Buchdeckel zu pressen, statt wie früher verschämt als Groschenheft in die Zeitungskioske zu stellen. Und neu ist leider auch, dass diese Bücher mit genau den gleichen Sternchen, Herzchen, oder Teddybärchen von Buchbloggern bewertet werden wie große Literatur.

Schnell mal geschrieben

Trivialliteratur – das war schon immer eine große Industrie. Autoren haben unter Pseudonym massenhaft sehr einfach gestrickte Geschichten produziert. Egal ob Krimi, Science Fiction oder Liebesromane, das ging schnell, denn es gab eine Schablone, ein Schema: Der reiche Arzt trifft die unschuldige Schwester, der reiche Geschäftsmann die naive Sekretärin. Und zwar immer und immer wieder. In dieser Art Geschichten ist weder echte Emanzipation vorgesehen noch Entwicklung. Und am Ende – steht jedes Mal das Happy End.

Die Autoren von Heft- oder Trivialromanen haben übrigens schon immer gut verdient. Erstens, weil sie schnell geschrieben haben, und zweitens, weil sich diese Geschichten zu allen Zeiten gut verkauft haben.

Mit dem Selfpublishing haben sich nun vor allem die sonst im verborgenen und unter Pseudonym arbeitenden AutorInnen dieser Gebrauchsliteratur massiv emanzipiert. Auf einmal können sie ohne Verlag schreiben und noch viel mehr verdienen. Und da sie wissen, was das Massenpublikum will, verkaufen sie wie verrückt. Juhu. Das ist keine Ironie. Rein wirtschaftlich betrachtet ist das eine tolle Entwicklung für die Autoren und ihre Rechte.

Buchblogger

Sie sehen sich selbst als Botschafter des Buches. Sie sind schon deshalb gute und bessere Menschen, weil sie lesen. Sie haben Slogans und Merksprüche und jeder einzelne sagt: Wir sind keine Nerds, wir sind cool, denn wir lesen.

Wir wollen hier nicht alle Buchblogger in einen Topf werfen. Viele sind Botschafter der Literatur und fördern das Lesen. Doch dieser Anteil wird immer kleiner. Stattdessen tauchen immer mehr Buchblogger auf, für die ein Buch nicht anderes ist als ein neuer Nagellack, ein Kleidungsstück oder ein Cupcake. Etwas, das man auf jeden Fall in großer Anzahl besitzen muss, das einen besser aussehen lassen soll, das man schnell und mit Genuss verspeisen können möchte.

Verlage

Wir wollen hier auch nicht alle Verlage in einen Topf werfen, aber seien wir ehrlich: Für die meisten sind Bücher ein Geschäft. Heißt: Je mehr sie verkaufen, desto besser. Wundert es einen, dass es die Heftchenroman-Inhalte sind, die sich am besten und in großer Stückzahl verkaufen? Nein. Denn sie lesen sich schnell und haben übersüßen, unterhaltsamen Inhalt. Gute geistige Ernährung? Fehlanzeige.

Ironischerweise habe es gerade die Selfpublisher den Verlagen vorgemacht und gezeigt: Hey, erinnert euch, es gibt massenhaft Leute, die billige Unterhaltung wollen! Neueste Erkenntnis: Sie zahlen sogar richtig viel Geld dafür, wenn ihr die Inhalte in einen glitzernden Umschlag steckt und mit großen Werbeplakaten als Spitzenprodukte bewerbt.

Juhu!, sagen die Verlage. Wir werden reich, ohne nach großartigen und anspruchsvollen Autoren suchen zu müssen. Ohne überhaupt Wert auf einen guten Inhalt zu legen. Ja … und war da nicht noch was?

Lesen bildet?

Wer erinnert sich, dass Bücher als Kulturprodukte gelten und daher nur mit 7 % Mehrwertsteuer besteuert werden? Dieses Siegel haben der Großteil der Bücher aber schon lange nicht mehr verdient. Es ist keine Kultur, bloß weil Buch draufsteht. Im Gegenteil. Viele intelligente Apps und Computerspiele verdienen mittlerweile sehr viel eher das Prädikat Kultur und wertvoll.

Das Dilemma
  • Wenn Autoren erfolgreich sein wollen, müssen sie schnell und viel schreiben. Dafür müssen sie die Inhalte auf einfache Botschaften mit süßen und leicht verdaulichen Inhalten herunterbrechen.
  • Damit Buchblogger weiter umsonst Rezensionsexemplare von Verlagen bekommen, müssen sie schnell lesen und die Bücher sofort und am besten gut bewerten. Je einfacher ein Buch geschrieben ist, desto schneller und einfacher kann es gelesen werden. Und meist gibt es genau dafür dann die 5 Herzchen, Sternchen oder Teddybären.
  • Damit Verlage gut verdienen, müssen sie viele Bücher mit leichten und leicht verdaulichen Inhalten herausbringen.
  • Die meisten LeserInnen sehen Bücher als Unterhaltung an. Sie wollen ihr Gehirn beim Lesen abschalten und unterhalten werden.

Also sind alle zufrieden, oder?

Read less, read better – Mindful reading

Nun, vielleicht sind wir die Einzigen, die mit dieser Entwicklung ein kleines Problem haben. Vielleicht Spielverderber, weil wir nicht mitlächeln, wenn bestimmte Bücher hochgelobt werden, die in unseren Augen tatsächlich nicht mehr als ein Heftchenroman sind und immer öfter flache und vereinfachte Botschaften enthalten.

Doch wir wollen wir es zumindest einmal ganz deutlich sagen: Wenn es heißt: LEST MEHR, dann sagen wir: LEST WENIGER und BESSER.

Red Bug Books

Welttag des Buches – Blogger schenken Lesefreude

23. April 2017
Welttag des Buches

Heute ist der Welttag des Buches und als Buchlabel ein Grund zu feiern. 1995 erklärte die UNESCO den 23. April zum „Welttag des Buches“ und damit zu  einem weltweiten Feiertag für Bücher, Lesen und die Rechte der Autoren. Inspiriert wurde die UN-Organisation für Kultur und Bildung von dem katalanischen Brauch zum Namenstag des Volksheiligen St. Georg Rosen und Bücher zu verschenken.

Okay, also Rosen und Bücher …

Und Rechte für Autoren

Wir wollen heute kurz daran erinnern, dass ein Urheberrecht exisitert. Yay! Und zwar auch für E-Books. Urheberrecht heißt, dass man wertschätzt, dass Ideen nicht einfach genommen und als eigene bezeichnet werden können. Ja, das passiert doch ständig?! Stimmt. Es ist schwierig, Ideenklau nachzweisen. Also schützt man zumindest die fertigen Werke. Und das ist gut. Die fertigen Werke sind Bücher in Print und als E-Book. Beides mal gleicher Inhalt, aber – ACHTUNG: Die Nutzung eines E-Books unterliegt anderen Nutzungsrechten.

Beim Kauf eines E-Books erwerbt ihr nämlich nur ein Nutzungsrecht, das euch erlaubt, den Inhalt zu LESEN. Eine Weitergabe oder Vervielfältigung ist ausgeschlossen. Auch der Download von bestimmten Plattformen ist illegal. Wer sich noch mal an die Rechtslage erinnern möchte kann hier nachlesen.

Daher: Schützt mit Aufklärungen im Freundes- und Bekanntenkreis die Rechte eurer beliebten Autoren.

Blogger Schenken Lesefreude

Schon seit einigen Jahren nehmen wir gerne an der von Christina Meetge ins Leben gerufenen Aktion Blogger schenken Lesefreude teil.

Und verschenken heute – wie viele andere Blogger – ein Printbuch. Oder besser gesagt gleich 3 Bücher.

Lass uns fliegen

*Schreiben, leben, lieben*

Vincent und Paulina kommen aus vollkommen unterschiedlichen Schulcliquen. Die fleißige Schülerin hat doch nichts mit Vincent, dem Kiffer, zu tun? Das ändert sich, als sie sich in der Schreibwerkstatt für ein Schulprojekt kennenlernen, sich gegenseitig ihre Texte und Gedichte zeigen, sich langsam öffnen. Und schließlich ineinander verlieben. Doch um sich ihre Gefühle einzugestehen, braucht es Mut, eine Prise Verrücktheit und … die Kunst des Schreibens.

Pressestimmen:

„Mit authentischen Charakteren zeigt der Roman wie man mit Abhängigkeiten umgehen kann. Eine aus zwei Perspektiven erzählte, berührende und packende Lektüre.“
(Stefanie Liske, Eselsohr, Zeitung für Kinder- und Jugendmedien 4.2017))

„Bongard erzählt eine Geschichte um eine Handvoll Teenager zwischen Abiturstress, Liebeskummer und Familienfrust. Über Verlust, Sehnsucht, Verantwortung und Schmerz. Mit einem zarten Happy-End.“ (Steffie Pyanoe, PNN 15.6.2016,)

Wir verschenken zum Welttag des Buches  3 x „Lass uns fliegen“ in Print. Was müsst ihr tun? Ganz einfach: Folgt unserem Newsletter, kommentiert unter diesem Beitrag bis zum 1. Mai 2017 um 24 Uhr und sagt uns, was euch an dem Buch besonders interessiert.

Am 2. Mai losen wir und verkünden die Gewinner hier auf dem Blog und maílen ihnen zusätzlich.

Und hier nun die Gewinner: Wir gratulieren –

  1. Birgit
  2. Nina
  3. Melanie R.
E-Book-Ausgabe

Übrigens: Es ist gibt auch eine tolle E-Book-Ausgabe von „Lass uns fliegen.“

Sie unterscheidet sich von der Printausgabe durch ein anderes Cover und wunderbare Doodles-Zeichnungen, die sich auf die einzelnen Kapitel beziehen.

Euch allen einen wunderbaren Welttag des Buches!

Eure Redbugx

 

Martin Luther 2017

Martin Luther #16 Reformation & Aufruhr

20. April 2017
Reformation und Aufruhr

Alles hätte so schön sein können, wären da nicht diese Bauernkriege gewesen. All der Aufruhr und die Plünderungen! Und dann noch diese fünfseitige Schrift Luthers an die Fürsten: Wider die mordischen und reubischen Rotten der Bauern.  Bis heute sind die Bauernkriege ein Makel der Reformation und die Schrift ein unschöner Fleck auf Luthers Ansehen. Doch ich finde gerade diesen Punkt in der Geschichte der Reformation sehr interessant. Den Punkt, an dem etwas, das mit guter Absicht begonnen wurde, außer Kontrolle gerät und eine Eigendynamik entwickelt.

Politik und Aktion

Als ich nach dem Abitur mein Studium begann, war ich mir nicht sicher, welcher Studiengang mich am meisten interessiert. Glücklicherweise gab es eine Art Testsemester, bei dem man sich in mehrere Fächern einschreiben konnte. Ich belegte u.a. Kunstgeschichte, Journalismus und Politologie. Und alle Fächer eigentlich aus dem gleichen Grund: Ich wollte in der Welt etwas bewirken und verändern. Nur war ich mir nicht sicher, ob das besser mit Kunst, Schreiben oder Politik zu verwirklichen war.

Es mag an den Lehrern oder den Kursen gelegen haben, aber damals war Kunstgeschichte für mich staubtrocken, Journalismus ziemlich vage und Politologie – my way to go. Ich landete also am OSI (Otto-Suhr-Institut für Politik), das eine ziemlich beeindruckende Geschichte hat. In den 20er Jahren war es die Ausbildungsstätte führender Politiker der Weimarer Republik, in den 60er Jahren Schauplatz von Studentenunruhen. Ein Ort, der sowohl für exellente Lehre/Theorie als auch Umbruch und Veränderung stand/steht und noch heute das größte politikwissenschaftliche Institut der Bundesrepublik ist.

Schlagende Argumente

Ich begann mein Studium zeitgleich mit der Bewegung der Häuserbesetzung in Berlin und das 1. Semester mit einem Streik am OSI gegen die Rotstiftpolitik des Berliner Senats.

Im zweiten Semester wohnte ich schon in einem besetztes Haus. Von der Theorie war es für mich ein kurzer Weg in die Praxis einer politischen Bewegung. Im damals geteilten Berlin wurde im Westen massiv mit leerstehendem Wohnraum spekuliert. Auch ich suchte eine Wohnung. Und es waren auch überwiegend Studenten, die in die leerstehenden Hauser zogen. Studenten, die zum einen Wohnungen brauchten, und zum anderen die argumentative Power hatten, ihre Aktionen mit politischen Forderungen und Statements zu untermauern.
Für mich war ganz klar: Ich kann ein Haus nur besetzten, wenn ich ein politisches Argument für diesen „Häuserkampf“ habe. Leerstand und Spekulation war ein Argument. Mit der Besetzung sollte der Senat auf den Missstand aufmerksam gemacht werden. Seine Politik ändern, die Spekulation verbieten, mehr Wohnraum für ALLE schaffen.

Auch wenn ich in den besetzten Häusern eine der aufregendsten Zeit meines Lebens erlebt habe, war die Hausbesetzerzeit nicht als Abenteuer gedacht. Es war die Zugabe.

Luthers Reformation

Heinz Schillings Lutherbiographie ist hochgelobt und lässt sich sehr gut lesen. Sie ist vor allem etwas für Leser, die Zwischentöne interessieren. In Kapitel V „Der Kampf um die Deutungshohheit der eigenen Lehre“ dröselt Schilling auseinander, wann und wie Luthers Theorien für andere Interessen benutzt wurden. Wie er vom führenden Reformator zu einem Spielball vielerlei Interessen wurde. Und sich dabei zeitweise verlor, da er allen Seiten gerecht werden wollte.

Luther und die Bauern

Luther war kein Bauer. Er idealisierte den Bauern „als den „reinen“ Menschen und wahren Christen in einer durch Laster und Gewinnsucht verdorbenen Welt.“ (Schillling, S. 302) Das war natürlich – Quatsch. Es war eben Luthers Versuch, die Opfer der politischen und religiösen Missstände an seine Brust zu drücken, denn auch für sie kämpfte er. Nur wurden die Bauern nicht nur von kirchlichen Institutionen, sondern auch von adeligen und bürgerlichen Grundherrn erniedrigt und ungerecht behandelt. Schilling beschreibt, wie die Gräfin von Stühlingen die Bauern mitten in der Erntezeit zum Aufsammeln von Schneckenhäusern zum Aufwickeln von Garn zwingen wollte. (Schilling, S. 299). Crazy!  Da kann man schon verstehen, dass die Bauern irgendwann den Short-Cut und Aufruhr gewählt haben, anstatt abzuwarten, ob und bis sich etwas ändert.

Realitätsschock

Deckblatt der 12 Artikel

Noch zwei Wochen vor seiner Schrift „gegen die mörderischen Rotten“ glaubte Luther an eine friedliche Einigung. Die Memminger Bauernversammlung legte ihm  12 Artikel für Bauernrechte vor, die er bewerten sollte und das tat er. Diese zwölf Artikel gelten heute als die erste Niederschrift von Menschen- und Freiheitsrechten in Europa. Die zu den Zwölf Artikeln führenden Versammlungen als erste verfassungsgebende Versammlung auf deutschem Boden. Wow, hier wurde Geschichte geschrieben und Luther erkannte das. Er bot Unterstützung an, verfasste die dreißigseitige Schrift „Ermahnung zum Frieden“ und forderte darin beide Seiten – Fürsten und Bauern – zu einer friedlichen Lösung auf.

Doch in der damaligen Welt verbreiteten sich Nachrichten langsam. Und während Luther noch an den Frieden appellierte, kam es an anderen Stellen längst zu Aufständen und Plünderungen. Ganz im Sinne von Müntzer, dem Priester und ehemaligen Anhänger von Luther, der für die gewaltsame Befreiung der Bauern eintrat.

Magen und Hirn

Ich erinnere mich an die Zeit, als ich für den Häuserkampf fast täglich auf Demonstrationen ging. Transparente, Parolen, endlose Märsche durch die Stadt für die politische Sache. Und irgendwann zusah, wie Demonstranten die Scheiben eines Supermarktes einwarfen, der dann von Demonstranten und Anwohnern geplündert wurde. So faszinierend das war – Wie kann man eine Bewegung verteidigen, die dermaßen dämlich ihre eigenen Ziele und Forderungen kompromittiert?

Mir fiel es von da an immer schwerer für die Sache zu sein.

Fast alle besetzen Häuser sind schließlich gewaltsam vom Senat geräumt worden. Wenige legalisiert. Warum damals Häuser besetzt wurden, weiß vermutlich niemand mehr so genau.

Was bleibt

Interessant finde ich, dass eine Bewegung eben einen Bewegung ist. Unkontrollierbar, mit eigenem Drive. Als Anhänger muss man sehen, dass man nicht zwischen die Räder gerät. Und wer die Bewegung verstehen will, sollte denn Blick scharfstellen, um genau zu sehen, wie das alles war.

Schilling: „Die Tragik der Theologie im Bauernkrieg liegt nicht so sehr im Scheitern von Müntzers revolutionärem Konzept, das in der damaligen historischen Konstellation nie eine wirkliche Chance hatte. Sie liegt vielmehr darin, dass beide Alternativen der Kirchenerneuerung in Zweilicht geraten waren und Ansehen eingebüßt hatten.“ (S.320)

Das Zwielicht besteht bis heute. Luther schwor sich später, in kriegerischen Zeiten „seine Feder still zu halten“. Das hätte wohl kaum geklappt. Und ich merke mir, dass man  auch mit Schreiben die Welt verändern kann ;)

Hausbesetzerbilder von Armin Okulla.

10 Schritte zu deiner EPUB

10 Schritte zu deiner EPUB #9 Fonts

19. April 2017

Immer mehr Lesegeräte bieten die Möglichkeit, neben vorinstallierten Fonts, Schriftarten des Herausgebers darzustellen.

Es kann beispielsweise erwünscht sein, besondere Schriftarten in die EPUB einzubetten,

  • wenn man eine bestimmte Corporate Identity im E-Book aufrecht erhalten,
  • den Inhalt durch eine besonders abgestimmte Schriftart unterstützen,
  • oder unterschiedliche Textpassagen voneinander absetzen möchte .

Dabei gibt es folgende Punkte zu bedenken:

  • Nicht alle Lesegeräte und Leseapps unterstützen eingebettete Schriftarten.
  • Der Leser muss sich nicht für die Schriftart des Herausgebers entscheiden.
  • Nicht alle Fonts eignen sich für kleine Bildschirme.
  • Man muss die Rechte zur Einbettung der Fonts haben.
  • Die Fonts sollten in den Formaten .otf oder .woff eingebunden werden.

Lizenzfreie oder sehr günstige Fonts für die Nutzung in Publikationen findet man z.B. auf folgenden Plattformen. Auf jeden Fall im Einzelfall die Lizenzhinweise lesen und die richtige Lizenz kaufen.

Wie erfolgt das Einbetten von Fonts in die EPUB?

1. im OEBPS-Ordner

Zunächst lege ich einen neuen Ordner „fonts“ im OEBPS-Ordner an. Dort lege ich die Fonts ab.

Fonts

2. im Manifest der content.opf

Dann müssen natürlich alle Fonts als Items im Manifest der content.opf aufgelistet werden.

<manifest>

   <item id=“LukeSans-Italic.otf“ href=“fonts/LukeSans-Italic.otf“ media-type=“application/vnd.ms-opentype“/>

   …

</manifest>

3. in der CSS

Und die Schriftart wird am Anfang der CSS mit @font-face folgendermaßen referenziert:

@font-face {

font-family:LukeSans;

font-style:normal;

font-weight:bold;

src:url(fonts/LukeSans-Bold.ttf);

Die drei vorangegangenen Schritte müssen für jede eingebettete Schriftart und für jeden Schriftschnitt erfolgen.

Dann kann ich in der CSS angeben, welche Textabschnitte in dem entsprechenden Schriftart dargestellt werden sollen.

.autor {

font-family: LukeSans, Verdana, Arial, sans-serif;

font-size: 2em;

}

und 4. speziell für iBooks auch noch in der META-INF Datei

Hinweis: Für die Darstellung von eingebetteten Fonts bei iBooks muss der META-INF Ordener eine zweite xml-Datei enthalten mit dem schönen Namen com.apple.ibooks.display-options.xml

In dieser xml-Datei wird der Darstellungsmodus für „specified-fonts“ auf allen Plattformen „*“ auf >true< geschaltet.

<?xml version=“1.0″ encoding=“UTF-8″?>

<display_options> <platform name=“*“>

<option name=“specified-fonts“>true</option>

</platform>

</display_options>

 

So weit für heute zum Thema: Einbetten von Fonts in EPUB. In der nächsten Woche wird es zum Abschluss dieser Reihe um das Validieren von EPUBS gehen und ich werde das versprochene Template zum Download bereitstellen.

Bis dahin eine gute Woche!

Uwe

#rbpub #redbugwriting

 

Martin Luther 2017

Martin Luther #15 Luther, Paulus, Tauler

13. April 2017
Luther, Paulus, Tauler
1515

Die Bäume rauschen. Im Hof, vor dem Fenster fliegen die Blüten vorbei. Kühle Stille über den kalten Fliesen. Hin und wieder Fußgescharre. Knarzendes Holz, Klacken, Rascheln. Haut, die über Seiten fährt. Ein Sonnenstrahl bohrt sich durch die dicken Gläser. Der Blick wandert, nach innen gekehrt. Die schwere Baumwolle wärmt die Schultern. Kaum hörbare Atemzüge, angehalten, herausgepresst. Schritte auf dem Flur, aber die Nackenhaare bleiben liegen. Ein ganz, ganz leiser Luftzug durch den Spalt unter der Tür. Der Mitbruder ist vorüber. Nur noch das Schleifen seiner Sohlen fällt vom Rand des Bewusstseins. Die Wolken taumeln über den Himmel, rollen sich vor, vom Wind gezerrt. Der Sonnenstrahl verglüht. Feuchte Fingerkuppen, durchgeweichte Seitenränder. Die Wände atmen durch verkalkten Poren. Die Balken ziehen sich und dehnen sich unbemerkt. Knirscht die Feder, hastige Flecken, mit dem Ärmel trockengestempelt. Die Wangen glühen. Die Augen tränen. Irgendwo weht der Wind leise Stimmen über den Hof. Die Zehen angezogen und wieder ausgestreckt. Der Steiß knackt schon vom Sitzen. Die Unterarme prickeln. Und dann gluggert ein Murmeln von unten herauf. Als wäre es durch die Füße eingelassen worden. Die Handgelenke puckern. Er hat sich zur Erkenntnis durchgefressen, ist am Kern seiner eigenen Überzeugung angelangt. Läuft von unten bis oben voll von einer Zeile. Bis über den Kopfrand hinaus. Vollgesogen, der Brustkorb aufgestemmt, die Rippen vollständig zur Seite gebogen, hängt ein heißes Herz irgendwo zwischen den Worten. Eiskalte Luft eingesogen. Reißt ihn in die Höhe, zum Fenster. Jetzt kann er verschwommen die Anderen sehen, die unter den hellen grünen Blättern vorbeigehen. Die Kutten gegen den Wind festgehalten, der kühl um die Knöchel pfeift. Endlich ein Lächeln.

55

Weißt du, es war die selbe Sonne, ob du’s glaubst oder nicht, die gegen die Haut gedrückt hat, eintausendvierhundertsechzig Jahre vorher. Kannst du dir das vorstellen? Meistens sieht man den Alten seltsam glatzköpfig, mit einem Rest Haar irgendwo über der gefurchten Stirn. Die weiten Ärmel zurückgeschlagen, so dass die Hände angeleuchtet scheinen. Der hat sich Sorgen gemacht, die Worte drücken sich schon durch die Brust. Leise Silben, flüstern über die Lippen. Halten inne. Streichen. Eindeutiger. Schweißtropfen rollen, die stören ihn nicht. Er meint Menschen. Welche, die in seinen Gedanken schon mit den Fäusten fuchteln. Auf die muss man auch eingehen. Wer ist das, mit den groben Zwischenrufen, den kann man auch zum Schweigen bringen. Zuhören müssen sie. Gefesselt sein. Irgendwo unter dem Stoffgewurschtel drückt sich die schmale Wirbelsäule zwischen den dünnen Muskeln hervor. Berührt auch eine Haut Gewänder. Rippen heben und senken sich, unbedacht. Die Luft schmeckt anders, fruchtiger. Würziger. Aber der Himmel ist derselbe. Und wenn jetzt ein unsichtbarer Vorhang zurückgezogen wird, kann man den Schatten von einem anderen sehen, dunkler. Schwerer. Jahre entfernt. Aber die Worte hängen an einem Spinnfaden, der durch die Zeit gefädelt wurde. Einer macht sich Gedanken, wie er die Menge fesseln kann, und der andere greift die Worte aus der Luft. Einfach so, mit einer klobigen Hand auf den Seiten liegend.

1340

Wo eben noch jemand durchs hohe Gras gesprungen ist, die Hände zum Himmel gestreckt, als könnte er die Sonnenstrahlen fassen, die ihm die Nasenspitze kitzeln, ist jetzt alles in sich zusammengefallen. Unbelebte Masse, irgendwelche Knochen zu einem Haufen aufgestapelt, mit erschlafften Sehnen verknüpft, eine hohle Birne in der die Gedanken verhallen. Die Wände rücken näher. Auf dem Weg zum Ufer von Weinkrämpfen geschüttelt. Wo war denn das glucksende Feuer, mit dem eben noch der ganze Körper wie ein lebendiges Feuerwerk gebritzelt hat. Wo war ich stehengeblieben? Das ist der Meeresgrund auf dem die Sohlen aufschlagen, darunter gibt es nichts. Außer vielleicht die Höllenfeuer, aber wer weiß das schon. Wenn du noch einen Schritt weiter gehst, sinkt alles in die heilsame Umarmung hinein, aber noch ist der Horizont eine gebogene Linie, die einen immer weiter an der Nase herumführt. Weitergehen, umblättern, nicht nach hinten umdrehen. Auch hier greift einer durch Zeit hindurch und fasst den Dunklen an der Schulter. Bis das Schlüsselbein knackt. Geh weiter. Die Augen sind schon halb blind, sind das noch Tränen oder ist das Regen, Meer…? Zerstobene Atome, die klappernd gegeneinander schlagen, wie der rasselnde Atem eines untoten Skelettmanns. Und wenn man durch die letzte Wolke gefallen ist, erstreckt sich unter einem endlich die vertraute Geografie der eigenen Heimat. Da ist die blitzende Flussbiegung an der ich als Kind gespielt habe, hier die Hügelkette, aus der Ferne ein schiefes Lächeln, grüne Flächen, einladende Wogen freundlich gesinnten Ackerlands. Und wenn sie mir die Fackel unter die Fußsohlen halten. Den Anblick kann ich nie mehr vergessen.

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 Beitragsbild: Foto: Martina Nolte, Lizenz: Creative Commons by-sa-3.0 de

10 Schritte zu deiner EPUB

10 Schritte zu deiner EPUB #8 Tabellen

12. April 2017

Tabellen in Epub

In einem Romanprojekt wird es sicher selten zur Anwendung von Tabellen kommen. In Fachbüchern allerdings werden sie unter Umständen oft vorkommen.

Da die unterschiedlichen E-Reader Tabellen auf unterschiedliche Weise darstellen, ist es ratsam, keine zu großen und zu verschachtelten Tabellen zu gestalten. Die erste Kindle-Generation stellt jede Tabelle vereinfacht dar und sortiert den kompletten Tabelleninhalt in eine Spalte. Das Kindle Format KF8 stellt sogar verschachtelte Tabellen einigermaßen gut dar. Es ist auf jeden Fall ratsam, Tabellen so einfach wie möglich zu halten und auf unterschiedlichen Lesegeräten zu testen.

Ein einfacher HTML-Code für eine Tabelle mit zwei Zeilen und zwei Spalten sieht folgendermaßen aus:

<table>
<tr><td>Zelle_1.1</td><td>Zelle_1.2</td></tr>
<tr><td>Zelle_2.1</td><td>Zelle_2.2</td></tr>
</table>

Mit dem <table> TAG erstelle ich einen neuen Bereich in der HTML-Datei. Der <tr>TAG steht für eine Zeile, der <td>TAG für eine Tabellenzelle. Wie immer muss man daran denken, die Tags wieder in der richtigen Reihenfolge zu schließen, also von innen nach außen. Erst die Zellen, dann die Zeilen, dann die gesamte Tabelle.

CSS für Tabellen

Um die Tabelle mit CSS zu formatieren, gebe ich ihr eine eindeutig ID. Hier z.B. sinnigerweise die id=“tabelle“. Also schreibe ich<table id=“tabelle“>

Und im CSS-Stylesheet gebe ich die gewünschten Werte ein. Für Größenangaben nutze ich Prozentzahlen und keine festen Werte. Im unteren Beispiel heißt es, dass die Tabelle über die gesamte Breite des Bildschirms geht und einen dünnen Rahmen von einem Pixel hat.

#tabelle { width: 100%; border: 1px solid;}

Ich kann natürlich auch jede Zelle umrahmen, indem ich in der CSS schreibe:
td
{ border: 1px solid;}


Tabellen in Romanen

Wie gesagt, wird in einem fortlaufenden Romantext kaum eine Tabelle auftauchen müssen. Dennoch kann es vorkommen, dass man im Anhang, in der Buchvorschau, in der Autorenvita oder beispielsweise in Kapitelüberschriften mit Bildern arbeiten möchte, die zusammen mit Text in einer Zeile dargestellt werden sollen. Dazu lässt sich die Tabellenfunktion wie im unteren Beispiel anwenden.

<table id=“tabelle“>
<tr>
<td id=“logo“ ><img src=“../images/verlagslogo.png“ alt=“logo“ /></td>
<td id=“rbb“ class=“kapitel“ >The Red Bug Books Story</td>
</tr>
</table>

Tabellen in Kapitel

So weit erst einmal für heute zu Tabellen in EPUB. In der nächsten Woche wird es um das Einbetten von Fonts gehen

Bis dahin eine gute Woche!

Uwe

#rbpub #redbugwriting

Martin Luther 2017

Martin Luther #14 Evangelische Schule

6. April 2017

Erste Erfahrung mit Schule

Als wir vor zwanzig Jahren nach Potsdam gezogen sind, ist unsere älteste Tochter gerade schulpflichtig geworden. Sie wünscht sich, mit ihren Freunden und Freundinnen in Wannsee eingeschult zu werden. Das ist kein Problem, unser Atelier ist noch in Wannsee. Ich radele sowieso jeden Tag über die Glienicker Brücke. Nicht nur ins Atelier, sondern auch, um unsere beiden jüngeren Kinder ins Kinderhaus zu bringen.

Schnell stellt sich heraus, dass das mit der Schule keine so gute Idee war. Die Schüler dürfen nicht in ihrem eigenen Tempo lernen, Lineale und Schreibzeug müssen rechtwinklig auf dem Tisch liegen, die Lehrer im Stehen begrüßt werden. Na ja. Unsere Tochter wird traurig. Ich meine, ernsthaft traurig. Als dann herauskommt, dass einige Jungs manchmal in der Ecke stehen müssen (wir reden von 1997), raunt es in der Elternversammlung eher so in Richtung »hat uns damals auch nicht geschadet«. Oh doch!

Eine neue Schule

Wir machen uns auf die Suche. Gott sei Dank ist in Potsdam gerade die erste evangelische Grundschule im Land Brandenburg eröffnet worden. Auf Elterninitiative und mit Unterstützung des Evangelisch Kirchlichen Hilfsvereins.

Die Schule in einem ehemaligen Generalswitwenheim ist noch eine komplette Baustelle. Ein, zwei Räume schon bespielbar. Und mit Kara Huber, der Frau des damaligen evangelischen Bischofs, als erster Schulleiterin und einer Lehrerin wird der Schulbetrieb mit knapp dreißig Erstklässlern aufgenommen.

Diese Schule ist für uns ein Glücksfall. Da dann alle drei Kinder ihre ersten glücklichen Schuljahre auf dieser Schule verbringen, sind wir natürlich jahrelang mit dieser Schule verbunden.

Man kann es gar nicht hoch genug einschätzen, welchen Zuwachs an Lebensqualität es hat, wenn Eltern wissen, dass die Kinder jeden Tag gern zur Schule gehen, ich meine: wirklich gern. Und dass sie dort gut aufgehoben sind und ernst genommen werden, ich meine: dass ihnen wirklich zugehört wird. Nie die Frage, hast du deine Hausaufgaben gemacht, nie die Frage, musst du noch etwas für die Schule tun. Schule ist nicht Schule, wie etwas vom echten Leben Unterschiedenes, sondern ein Teil des Zusammenlebens. Ein Lern- und Lebensort.

Aus diesem Grund galt allerdings in unserer Familie auch immer, wenn du mal keine Lust hast, dich zu schlapp fühlst, was besseres vorhast, bleib zu Hause. Wenn die Schule nicht das Beste ist, was du heute machen kannst, mach was anderes. Viele sagen dann: »Hey, das könnte ich mit meine Kindern nicht machen, dann würden sie gar nicht mehr zur Schule gehen.« Was ich erstens nicht glaube, und zweitens sich dann doch auch die Frage stellt, ob das am lustlosen Kind liegt oder eben an der lustlosen Schule.

Warum ist die evangelische Schule so gut?

Am Anfang sicher, weil sie so noch klein ist, weil alle großen Enthusiasmus haben und weil alle mitarbeiten. Mitarbeiten an einer neuen Vision von Schule. Eltern, Lehrer, Erzieher, Schüler, Hausmeister. Aufbruchstimmung mit Diskussionen, Arbeitseinsätzen und belegten Brötchen. Aber die Schule ist im Laufe der Jahre gewachsen. Mittlerweile lernen 269 Kinder und etwa dreißig Erwachsene voneinander und miteinander. Der Andrang ist enorm.

Ich denke vor allem, weil nicht nur auf den Fahnen, Flyern und Websites steht, dass jeder Mensch ein Individuum ist –mit eigenen Erfahrungen, Vorlieben, Bedürfnissen. Hier fängt der Ernst des Lebens nicht erst in der Schule an, sondern geht ganz normal weiter. Genauso wie der Spaß. Kinder fangen nicht erst in der Schule an zu lernen, und Erwachsene haben nach der Schule nicht ausgelernt.

Ich will hier nicht alle pädagogischen Neuerungen aufzählen, aber natürlich hat ein gegenseitiges ernst nehmen auch Auswirkungen auf alle Bereiche, wie Schule organisiert ist. Unterricht ist in den ersten Klassen jahrgangsübergreifend. Jeder kann in seinem Tempo lernen. Es müssen nicht alle gleichzeitig das Gleiche lernen. Es gibt Wochenpläne. Keine Hausaufgaben. Es ist Zeit für Fragen und Gespräche. Man hilft sich gegenseitig, statt Abschreiben zu verhindern. Es gibt natürlich keine Noten, sondern lange Gespräche, ausführliche Briefe am Ende eines Schuljahres.

Statt eine Schulordnung gibt eine Vereinbarung, die in ausführlichen Gesprächen der Schüler, der Eltern, der Lehrer und Erzieher und dann von allen gemeinsam erarbeitet wird. Eine Vereinbarung, an der alle beteiligt sind, die alle verstehen und die alle mittragen. Statt Pflicht und Gehorsam, plötzlich Freiheit und Verantwortung.

Was hat das alles mit Luther zu tun?

Ganz platt: es ist eine evangelische Schule. Finanziert durch Schulgeld, staatlicher Förderung und eben Kirchensteuer. Gut, aber ich bin vor gut fünfzig Jahren auch auf eine evangelische Schule gegangen und da bekam ich durchaus noch die Ohrfeige des Direktors, wenn er mich beim Geländerrutschen erwischte. Vielleicht wäre das sogar ganz im Sinne Luthers gewesen, der in seinem Sermon von den Guten Werken fordert, daß der Kinder Eigenwille soll gebrochen, und sie demüthig und sanftmüthig werden. Das kann es also nicht sein. Auf den »Pädagogen« Luther kann man sich da nicht berufen.

Was ist es also dann?

Aus meiner Sicht hat Luther aber einen Riesenbeitrag geleistet für das Ernstnehmen des Individuums. Er selbst lässt sich seinen Eigenwillen nicht vom Vater brechen, der eine andere Laufbahn und auch eine andere Ehefrau für ihn vorgesehen hatte. Nach allem was die Forschung so über Luther zu Tage fördert, scheinen Demut und Sanftmut auch nicht seine hervorstechenden Eigenschaften gewesen zu sein.

Er nimmt sich selbst ernst, versucht sich zu verstehen. Er leidet an Anfechtungen, wie er es nennt. Er merkt, dass ihm da übergestülpte Regelungen und Ordnungen (von Papst und Kirche) nicht helfen. Aus diesem Leiden arbeitet er das ummittelbare Verhältnis des einzelnen zu Gott heraus. Nicht der Papst und die große Institution Kirche können Regeln vorgeben. Sondern jeder ist für sich allein mit Gott. Das kann sich natürlich sehr bedrohlich anfühlen. Jeder stirbt für sich allein. Aber im Gespräch, im Dialog miteinander können sich wandelbare neue Gemeinschaften und Gemeinden bilden, meinetwegen auch eine neue Kirche.

Und so kann eben auch Schule sein. Jeder kleine und große Mensch ist mit seinem Päckchen allein, aber das Päckchen ist auch ein großes Geschenk, das jeder einbringen kann, wenn man ihn lässt. Eine Schule muss ja nicht zwangsläufig evangelisch sein, um alle Beteiligten, auch die Kinder ernst zu nehmen. Und natürlich müssen nicht alle Menschen an einer evangelischen Schule evangelisch sein. Aber es kommt auf jeden einzelnen Menschen an. Und mit den Bedürfnissen, Erfahrungen und Fähigkeiten jedes Beteiligten können im gemeinsamen Dialog ganz neue Regeln für Schule aufgestellt werden. Dann ist »verschult« plötzlich kein Schimpfwort mehr. Und dann sieht Schule ganz anders aus.