Auf der anderen Seite

# 16 Broken ID

12. Januar 2022

Das Problem des Schriftstellers, überhaupt des Künstlers, ist doch, daß er sein ganzes werktätiges Leben versucht, auf das poetische Niveau seiner Träume zu kommen.
(Heiner Müller)

Intro und Textverzeichnis


 #16 Broken ID

Vor dem Getränkeautomaten in der hinteren Ecke der Pausenhalle steht jemand vor mir in einer kurzen Schlange. Also träume ich wieder, schon wieder von der alten Schule, denke ich im Traum.
Zwei, drei Schritte, es geht schnell vorwärts. Vor mir nur noch ein mittelalter Mann, kein Lehrer, auch fremd hier. Auch er will eingelassen werden. In den Automaten? In die Schule? Die Klassenräume? In eine Aufführung, Ausstellung. Ich müsste es doch wissen, ich stehe doch auch an. Wozu?

Der Mensch vor mir zückt sein Portemonnaie, hat seinen Ausweis parat. Braucht man einen Ausweis, um sich heiße Rinderbrühe mit Kakao zu ziehen? Er hält dem Mann hinter einem niedrigen Klapptisch seine Karte. Der scannt sie ein, indem er mit einer speziellen Zahnarztbrille darauf schaut. Er schaut hoch. Seine Augen sind hinter den Brillenzylindern nicht zu sehen. Dann verschwindet er kurz hinter dem Automaten. Das bedeutet nichts Gutes.

In meinem Rücken aber spüre ich eine gute Energie. K. tanzt in einem Pelzmantel sehr cool ganz für sich durch die Aula, nein durch das Foyer, die Pausenhalle. Hätte ich nicht gedacht, dass sie so ausgelassen, glücklich entspannt ist. (oder ist das ein anderer Traum, in dem ich mit Schraubstollen unbeschwert über den  glatten Boden aus polygonen Kunststeinplatten schliddere?)

Der Aufseher kommt genervt zurück.
—Hey, der Schutz gilt nicht. Da ist kein Schutz drauf. So kommste hier nicht rein.
Ich finde den Türsteherton unangemessen für eine »Autoritätsperson« hinter einem »offiziellen« Counter.
Wo bin ich hier?
Wo will ich überhaupt hin?

Lange Diskussion vor mir über die Gültigkeit von SCHUTZ. Ich bin zunehmend genervt, dass der Typ vor mir so uneinsichtig ist und alles aufhält. Es ist doch klar, dass er nicht hier reinkommt. Nicht an diesem Gatekeeper hier vorbei. Nicht mit Argumenten und nicht ohne SCHUTZ.
Endlich. Ich komme dran. Meine ID hat einen Riss.

Jetzt ist also der Zeitpunkt, den ich vorhersehe, vielleicht sogar herbeiwünsche, von dem ich weiß, dass er kommt, nach der ersten Eisnacht des Herbstes, als ich die Windschutzscheiben freischabe und die Karte als Eiskratzer benutzte. Ich weiß, ahne, fürchte, habe gesehen, vorausgesehen, was gleich erst passiert. Unvermeidlich passieren wird. Weil ich die Energie nicht shiften kann, will. Es muss so sein. Es ist so. Schon immer gewesen. Die Karte bricht unter dem Scannerblick ganz auseinander. Ich denke, naja wird sich auch so scannen lassen. Ist aber nicht so einfach. Das Hologramm geht über beide Hälften. Der Türsteher hat beide Teile in der Hand. Schiebt sie auf dem Tisch hin und her, als wüsste er überhaupt nicht, wie die Teile zueinander passen könnten. Obwohl er sich nicht wirklich bemüht, die Bruchkanten aneinander zu halten, leuchtet seine Brille plötzlich grün auf.

Und ich bin endlich drin. Portschlüsselautomatisch. Ich weiß gar nicht wo. Schule? Uni? Akademie? Kino? Ich gehe, fahre, schwebe einfach los. Ich werde schon was finden. Ich hieve mich über eine hüfthohe Lokstufe und frage mich, was das sein soll, eine Lokstufe? Ich rieche den Bahngleisgeruch im Rangierbahnhof vom Bottroper Hafen. Es ist nicht der Bahndammschotter, auch nicht das kalte Eisen der Schienen, sondern ja, vermutlich das dunkle Holz der imprägnierten Schwellen. Ja Schwellen, das ist gemeint, denke ich im Traum. Ich wuchte mich über eine Schwelle, eine Peter-Handke-Schwelle. Schaue hinunter in einen Hörsaal. In den Chemieraum? Nein größer. Ein altertümliches Auditorium, das Audimax, eine anatomisches Theater? Eine Sackgasse?

Ich klappe einen Tisch herunter und fange sofort an, die drei Typen zu zeichnen. The dwosch, nie gehört, bringen vor den Hörsaaltafeln ein Stand-up-Programm. Eine Zeitreise, die gleichzeitig Theater, Song-Contest, Performance und Ausstellung ist.
Hinten stehe ich jetzt auf einem mehrere Meter hohem Podest. Eine eigenen Bühne. Der Technikbereich für Licht und Tonmischung? Der Saal wird geschlossen. Das Licht geht aus. Ich will mit meinem Handy leuchten. Aber die zerbrochene ID ist gleichzeitig mein Handy. Ich lege meine Karte auf den Overheadprojektor und versuche die Teile, die jetzt riesig vergrößert auf die Bühnenwand projiziert werden, mit Sekundenkleber zu kleben. Das ist offensichtlich, versehentlich die bessere Show, denn zuerst versuchen The dwosh die Projektion in ihr Programm zu integrieren, sind dann aber froh, dass ich ganz übernehme. Der Kleber hält natürlich nicht. Die Karte bricht stattdessen, vor aller Augen, weiter  auseinander. Jeweils in acht bis zehn schmale Streifen auf jeder Seite. Jeder Streifen leuchtet und pritzelt an den Bruchstellen. Die Show wird immer besser, aber die Karte immer unrettbarer.
Ein Teufelskreis. Kreis? Eher eine Spirale, Downward Spiral, Hurt, Trent Reznor oder sogar eine gegenläufige Doppelhelix, (weil die Karte elektronenmikroskopisch vergrößert erscheint?)

Jetzt sind auch noch zwei Typen auf dem Podest. Ich soll gehen. Der Parkschein ist abgelaufen. Das kann doch niemand durch die vereisten Scheiben sehen – die ich aber doch freigekratzt habe. Oder nicht? Ich versuche zu erklären, was passiert ist. Dass ich Tesa brauche, um meine ID zu kleben. Wo ist die überhaupt?
Die Teile haben sich auf den Brettern des Podestes verteilt, verloren. Ich versuche, dazwischen die Stücke der ID zu finden. Jetzt ist der Boden auf dem Podest auch noch mit Erde, Ranken, Tannengrün bedeckt. Kletterpflanzen, Efeu.

Von unten kommt Gejammer durch die Ritzen zwischen den Brettern. Ein Hund? Eine zur Kugel aufgeblasenen kleine Hundepuppe. Babypuppe. Mein Kind? Jemand oder etwas malt einen Spielzeughund, den ihm ein anderes Kind abgenommen hat, mit dem Finger in die Luft. Das durchsichtige wie eine Seifenblase schwebende Kind weint leise vor sich hin.
–Sagen Sie doch mal was zu ihrem Kind.
–Das überlassen Sie mal mir.
(Obwohl ich glaube, dass sie recht hat.)

Ich versuche, das Podest von der Wand zu drücken, damit ich unter dem Podest weitersuchen und die heruntergefallenen Teile der Karte aufheben kann. Ich finde auch noch Teile. Wie bekomme ich sie jetzt nach Hause, ohne sie wieder zu verlieren oder noch weiter zu zerkrümeln.

Ich leere erstmal eine Hosentasche. Für die kleinen Teile. Hoffentlich hat die kein Loch, vom Handy. Von den messerscharfen Bruchkanten der ID. Was da alles in den Hosentaschen ist. Ein Stück Tafelkreide, ein zerknülltes Taschentuch mit Resten von Desinfektionsflüssigkeit. Auch Kleingeld. Die Kopfhörerkabel verheddern sich schon im Efeu, während sie noch in der Tasche sind und ich sie noch gar nicht angefasst habe. Ich habe nur eine Hand frei. Mit der anderen umklammere ich die kleinen Teile. Bruchstücke meiner Identity.

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