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#17 Leichenkeller

19. Januar 2022

Das Problem des Schriftstellers, überhaupt des Künstlers, ist doch, daß er sein ganzes werktätiges Leben versucht, auf das poetische Niveau seiner Träume zu kommen.
(Heiner Müller)

Intro und Textverzeichnis


 #17 Leichenkeller

Sand knirscht unter meinen Schritten im Untergeschoss eines Krankenhauses. Kann aber auch der Keller, Kerker einer zeitlosen Burg sein. An Abandoned Place, doch noch halb intakt. Eine Heilstätte? Eine Pathologie? Verlassen, aber in Betrieb? Fliesen, hellblau, mattgrün auf dem Fußboden. Kaltes Licht, viel Schatten. Schwere Luft fließt dickflüssig aus Lüftungsschächten hinter vergitterten Fenstern in zwei angrenzende Räume. Die Flügeltüren sind ausgehängt und lehnen an der Wand. Eine Milchglasscheibe ist zersplittert, das ist es vermutlich, was unter meinen Sohlen knirscht. Vorsicht, von der Decke hängen lose Kabel.

Im Zentrum beider Räume steht jeweils ein brusthoher Doppelbettseziertisch mit alten Laken. Ich will mich hinlegen, endlich schlafen. Einen Platz schaffen für mich auf einem der Tischbetten. Schiebe eine nackte Frauenleiche beiseite, die halb vom Laken verborgen ist. Die Haut ist schon abgezogen. Eine anatomisches Objekt. Es ist eklig, aber nicht so eklig, dass ich mich nicht hinlegen kann, das Laken als provisorische Grenze zusammengeknäuelt.

Nein, es geht doch nicht, so kann ich nicht schlafen. Außerdem flackert das Licht. Ich habe keine Schlafbrille. Und außerdem bemerke ich erst jetzt, dass es nicht eine, sondern zwei Leichen sind neben mir. Die zweite am anderen Rand des Tisches unter einem Laken ist schon sauber in zwei Teile zerlegt. Der Rumpf oberhalb der Beckenknochen von Hüfte, Po und Beinen getrennt. Dafür aber mit Haut. Gevatter Tod aus meinem Märchenbuch. Das ist alles zu eng.

Ich raffe mich auf, die Leichen in den anderen Raum zu tragen. Das ist vielleicht ein Fehler, vielleicht sollte ich besser aufwachen. Aber es ist zu interessant. Sehe mir zu, wie ich jetzt zeitlos in vielen Versuchen die Leichen oder die Teile hin und her trage. Wie ich mich bemühe, meine Arme unter die erste zu schieben und sie vorsichtig hochzuheben, ohne dass sie zerfällt. (Wie bei meinem knochenfederleichtem Großvater kurz vor seinem Tod.) Der Kopf fällt herab, ich fange ihn mit einem dritten Arm auf. Schaffe es, sie auf dem Tisch in dem anderen Raum abzulegen.

Beim nächsten Mal rutscht sie mir aus den Armen, ich spanne meine Arme um die Taille, sie hängt senkrecht mit dem Kopf nach unten, die staksigen Beine über meinem Kopf, sie ist aktiv sperrig, wie mit vorkommt. Sträubt sich. Spannt sich an. Ich sehe nichts, gebe auf. Jemand, das bin ich wohl selbst, hilft mir beim Tragen und ich lege sie zurück auf den ersten Tisch. Jetzt geht es leichter, wenn nicht alles gleichzeitig wäre. In kaltem Licht hebe ich sie sanft unter Schultern und Hüfte hoch, der Kopf fällt leicht nach hinten, bleibt aber dran. Ich weiß, dass es aussieht, als trüge ich eine Wasserleiche durch ein romantisches Gemälde. Allerdings ist das was da leuchtet nicht ein schönes nasses Kleid, sondern kaltes blaues Fleisch.

Ich lege sie ab auf dem zweiten Betttisch im angrenzenden Raum. Mit dem Kopf zu den Füßen einer noch sehr frischen jungen Leiche, höchstens vierzig. Sie wacht auf, beschwert sich, will nicht neben einer schon so lange toten Leiche liegen. Auch nicht, wenn ich sie in einen Glaswanne lege? Ginge das? Leg dich doch bitte wieder hin.

Ich versuche, ganz viele Klemmlampen auszuschalten, damit sie nicht so blenden und alle immer wieder aufwecken. Dabei schalte ich versehentlich auch den Fernseher aus, der auf einer Stahltreppe hinter mir steht. Tom hatte von der oberen Galerie aus die ganze Zeit durch die Stahlgitter ferngesehen und beschwert sich jetzt, dass seine Bluetooth Kopfhörer kaputt gehen, wenn der Fernseher ausgeschaltet wird. Was ist jetzt mit dem Ton? Ich will mich nicht darum kümmern.

Habe endlich die Glaswanne. Nicht viel größer als eine lange Auflaufform, aber groß genug für die menschlichen Reste hier. Die Frische mit der dunklen glatten Haut beobachtet alles kritisch, sitzt noch aufgestützt. Kurz sehe ich ihr Geschlecht. Nicht hinsehen. Bloß nicht weiter in diese Richtung träumen. Ich bin so müde. Will mich endlich hinlegen.

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