Buchblogger, Mindful Monday

LGBT – Gedanken zu einem Buchtrend

1. Mai 2017

LGBT. Es ist der neue Trend im Buchgeschäft. Genauso wie Sex. Nachdem die gleichgeschlechtliche Liebe in allen Facetten und Spielarten beschrieben wurde, wendet man sich jetzt vermehrt dem Thema Homo/Bi/Transsexualität zu. Doch leider nicht immer mit der entsprechenden Sensibilität. Daher wird viel diskutiert und auch wir haben ein paar Gedanken dazu.

Okay, für diesen Beitrag musste ich als Autorin & Verlegerin ran und Gesicht zeigen. Und, ja, ich finde das richtig. Manchmal kann man sich nicht hinter einem Label vestecken und muss es persönlich machen.

LGBT Was ist das? Worum geht es?

Der Begriff LGBT ist für uns Europäer noch realtiv neu. Im Englischen ist der Begriff seit 1990 geläufig. Es ist das Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender, also Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. Warum fasst man alle diese sexuellen Orientierungen in einem Begriff zusammen? Weil die Probleme/Nöte/Bedürfnisse dieser Gruppen oftmals sehr gleich sind. Meist müssen sie mit der gleichen Art von Vorurteilen kämpfen, nämlich dass ihre sexuelle Orientierung als unnormal oder unnatürlich angesehen wird. In vielen Fällen kann es die Karriere ernsthaft gefährden, wenn man sich outet und in manchen Bereichen  – Fußball – ist Homosexualität immer noch ein Tabu.

My way

Ich hatte eine ziemlich wilde Jugend. Ich habe mit 40 Menschen in einem besetzten Haus gewohnt. Das war politisch, aber auch aufregend, lebendig, extrem. Punks, Studenten, Freaks, Künstler, Musiker, Männer, Frauen, Kinder, Schwule, Lesben, Menschen mit Handicap, Verbrecher, Spießer – eine kleine Gemeinschaft in einer großen Gemeinschaft. Manchmal hat man ein Label bekommen: Anarchist! Oder eines gefunden: Hetero. Oder eines abgelehnt: Verbrecher. Erfahrungen sind großartig.

Ich habe viele Erfahungen gemacht und mich am Ende für Heterosexualität entschieden. Oder einen Jungen. Oder besser: für einen MENSCHEN, mit dem ich leben will. Ich weiß noch, dass ich mir ziemlich lange sicher war, dass ich lesbisch bin, da Mädchen mir körperlich einfach besser gefallen haben. Ich finde, es ist gar nicht so leicht, herauszufinden, wen und was man liebt.

Selbsterkenntnis, Selbstfindung

Das große Thema meines Lebens ist Selbstfindung. Und auch das Thema all meiner Bücher. Dabei spielt es für mich keine Rolle, ob meine Protagonisten schwul, lesbisch oder hetero sind. Es ist immer das Gleiche: Finde heraus, was du bist, wer du bist, wie du bist, was dir gefällt, was du magst.

Ganz klar, ist es leichter in unserer Gesellschaft, wenn man so ist, wie der Großteil der Menschen. Aber das gilt für alles, nicht nur die sexuelle Orientierung. Ich bin eine Außenseiterin. Als Künstlerin, als Agentin, als Autorin. Als jemand, der bei der Heirat nicht den Namen seines Mannes angenommen hat. Aus 1000 Gründen und jetzt gerade, weil ich meinen Verlag verlassen habe, statt mich seinen Vermarktungsstrategien zu unterwerfen.

Autoren und Trends

Alle Arten von Sex und Erotik liegen gerade im Trend. Klar, satteln da viele Autoren auf und legen sich Zweit- oder Drittpseudonyme an, um diesen Trend auch noch „bespielen“ zu können. Ich mag das nicht, aber ich will hier nicht über andere Autoren richten. Das muss jeder für sich entscheiden.

Ich will aber auch nicht aufhören, etwas zu (be)schreiben, bloß weil es im Trend liegt. In meinem ersten Jugendbuch „Radio Gaga“ (2005) gibt es eine explizite Sexszene. Die ist gut geschrieben, darauf bin ich stolz. Ich fand großartig, dass mein Verlag (Beltz & Gelberg) hier nichts gekürzt hat. Aber ich habe damals ziemlich viel Ärger bekommen. Man solle das lassen im Jugendbuch. Lehrerinnen haben mir böse Briefe geschrieben und mich ermahnt. Okay, ich bin ein Rebell, das gehört irgendwie zu meiner Persönlichkeit. Aber ich finde es auch ohne Rebellion wichtig, angemessen und ehrlich über Sex zu schreiben. Und zwar auch jetzt noch, wo es im Trend liegt.

In meinem Radio Gaga on Air (2006) gibt es Ruben. Er ist schwul und verliebt sich in den Hauptcharakter. Das war damals kein Trend, sondern hat sich ergeben. Es passte in die Geschichte, zum Charakter. Ich bin nicht schwul. Und ich will das trotzdem schreiben. Denn ich kann das, ich muss das und ich will das erzählen.

Ich fände es auch absurd, wenn man – zum Beispiel – Andreas Steinhöfel verbieten würde, über heterosexuelle Liebe zu schreiben. Es kommt nicht darauf an, wer oder was, sondern WIE etwas beschrieben wird. Daher werde ich mir nicht von der LBGT -Community sagen lassen, dass ich kein Recht habe, über Schwule, Lesben oder, oder, oder zu schreiben. Ich schreibe über MENSCHEN nicht über Label.

Verlage und der Markt

Sex und LBGT liegen im Trend. Und Trends sind großartig für das Geschäft. Daher werden sie von vielen Verlagen in jeder Weise ausgenutzt. Das heißt aber nicht, dass jetzt lauter gute Bücher über – zum Beispiel – homosexuelle Liebe verlegt werden würden. Leider. Mal abgesehen davon, dass es die schon gibt. Aber der Trend muss trendig sein. Also ins Schema passen. Erst dann kann er vermarktet werden.

Ein Beispiel? Im 3. Band meiner Kissing-Trilogie (erschienen im Oetinger-Verlag) geht es hauptsächlich um ein Jungspärchen. Doch auf dem Printcover umarmen sich ein Junge und ein Mädchen. Hm. Als ich nachgefragt habe, warum das so sein muss, wurde im Verlag herumgenuschelt. Schon klar. Mit einem Junge-Mädchen-Pärchen war man auf der sicheren Seite, hoffte mehr Leser zu gewinnen. Was im Buch steht – war zweitrangig. (Die Cover habe wir deshalb nicht im E-Book übernommen und ganz eindeutig anders gestaltet.)

Beim Sex ist es ähnlich. Mir hatte eine Übersetzerin noch 2010 gesagt, ich würde in Amerika erhebliche Schwierigkeiten mit meinen Sexszenen in Radio Gaga bekommen, doch nach Shades of Grey ist dass Thema wohl erledigt. Oder nein, eigentlich nicht. Denn auch Sex wird tatsächlich nur dann breitflächig akzeptiert, wenn er in ein bestimmtes konservatives Schema passt: Die Jungfrau trifft auf den maskulinen Hengst. Deshalb regt man sich im prüden Amerika über Pornograhie in John Greens erstem Jugendbuch auf, findet es aber vollkommen okay, dass Mr. Grey seine Anastasia auspeitscht.

Diese Doppelmoral kotzt aber nicht nur die LGBT-Communitiy an. Ich finde es auch unerträglich, welches Bild von Heteropaaren in bestimmten Büchern gerade präsentiert wird. Als müssten alle Frauen jung, schön und jungfräulich sein und alle Männer stark, reich und sehr aggressiv beim Sex.

Die Verantwortung der Leser

Jeder kann entscheiden, was er liest. Und jeder kann entscheiden, was er schreibt. Verlage können entscheiden, was sie veröffentlichen. Buchblogger können entscheiden, welche Verlage und Bücher sie hochjubeln. Oder überhaupt erwähnen.

Wir leben in einem wunderbaren Land, in dem jeder seine Meinung sagen kann. Nur ist es für einige Menschen schwieriger, dies zu tun, da ihre Meinung, ihre Lebensweise, ihr Liefstyle oder ihre sexuelle Orientierung nicht in den Mainstream passen. Ich wünsche mir daher sehr viel mehr Sensibilität bei diesen Themen. In den Verlagen, bei den Bloggern, bei den Lesern, bei den Autoren. Und nehme mir in Zukunft vor, noch viel sensibler und selbstbewusster mit diesen Themen umzugehen.

Ich sage das selten: Aber an dieser Stelle interessieren mich eure Kommentare. Denn ich wünsche mir eine sehr offene Diskussion über das Thema – hier oder/und überall.

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1 Comment

  • Reply Autoren: Medienlese 29.04.-05.05.2017 – Dembelo 6. Mai 2017 at 08:31

    […] LGBT – Gedanken zu einem Buchtrend […]

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