Autofiktion, Rezension

“Dry” von Christine Koschmieder

5. August 2022
Rezension Dry von Christine Koschmieder
“Dry” von Christine Koschmieder

Dry ist ein Roman, kein Memoir, kein Sachbuch”, schreibt Christine Koschmieder in einer Vornotiz zum Buch und weist ausdrücklich darauf hin, dass die Kinder – die in den Roman sehr viel Raum einnehmen – nicht Oleg, Tillie und Karl heißen. Und widmet es Karenin, Lotta und Mattis. Mit dem Zusatz: Ein paar mehr Antworten, ein paar mehr Fragen.

Dry von Christine KoschmiederDer Verlag sagt über das Buch: “ein mutiger autofiktionaler Roman”. Autofiktion interessiert mich, uns hier auf dem Blog. Die Vermischung von Realität, Memoir, Autobiographie und dem Schreibprozess. Denn Leben und Schreiben sind für Autor:innen in der Regel eng miteinander verbunden.

Das Buch liest sich extrem gut und flüssig. Koschmieder hat einen eigenen Sound, knapp, ohne jede Eitelkeit. Manchmal ein wenig harsch sich selbst gegenüber, aber so ehrlich, wie man ehrlich sein kann, wenn man sich selbst beobachtet. Ein gut geschriebenes Buch von einer Autorin, die das Schreiben versteht. Dieses Buch kann ich sofort empfehlen, insbesondere, wenn einen das Thema interessiert. Und doch bleiben für mich einige Fragen offen, die sowohl die Ausführung, den Umgang mit dem Thema als auch die Einordnung in die Gegenwartsliteratur betreffen. Das mag nur etwas für Literatur-Nerds wie mich sein, wer mir hier weiter folgen mag – gerne.

Was für ein Buch

“Wild poetisch, cool, politisch, persönlich und heilsam. Was für ein Buch!” Isabel Bogdan

Was für ein Buch!, sagt Isabel Bogdan und ich habe mir eine ähnliche Frage gestellt, nur anders betont: Was für ein Buch – ist das eigentlich? Wo gehört es hin, wo würde man es einordnen? Denn nach dem Lesen, weiß ich sicher, was es alles nicht ist. Oder nicht so ist, wie man es erwartet. Und das macht das Buch in gewisser Weise aus. Dass es sich nicht einordnen lässt, sich gegen alles sperrt, was man aus ihm herausziehen will: Informationen, Gefühle, Antworten, Erkenntnisse, Ausblicke. Koschmieder nennt es einen Roman – Ist es ein Roman?

Was macht sie anders. Was lässt sie weg? Und einmal ganz naiv gefragt – worum geht es in diesem Roman? Nicht nur oberflächlich, sondern tiefer gehend. Und – ich sage es noch einmal – allein, dass diese Fragen bei mir aufpoppen, ist schon eine große Leseempfehlung.

Handelt DRY vom Trinken?

“Dry handelt vom Trinken und wie es den Lebenslauf bestimmt. Und es handelt vom Aufhören.” (Klappentext)

Hm. Handelt das Buch wirklich vom Trinken? Eigentlich nicht. Das ist eine Erleichterung, denn den Alltag und dann meist Abstieg oder Absturz von Süchtigen zu verfolgen, ist schmerzhaft. Ich denke an Panikherz, den autobiografischen Roman von Benjamin von Stuckrad-Barre, der 2016 bei Kiepenheuer & Witsch erschien. Man ist nicht wirklich gerne dabei, auch wenn auch von Stuckrad-Barre so gut schreiben kann, dass man dranbleibt, eintaucht.

Christine Koschmieder DryUnd doch macht es das “Genre”(Suchtbücher?) aus. Die Schilderung des schillernden, überhöhten oder deprimierend eintönigen Alltag, in dem Alkohol oder eine andere Droge anfangs zum Spaß konsumiert werden. Der Wunsch nach Aufmerksamkeit, das Gefühl der Überforderung, es gibt viele Gründe. Bücher zum Thema Alkoholsucht handeln von den Krisen, in denen der Alkohol zum Betäubungsmittel wird. Den Weg in die Sucht, mehr und mehr, bis zum endgültige Tiefpunkt, der dann die Umkehr, den Entzug möglich macht.

Doch das ist hier anders. Ich könnte sofort etliche Bücher nennen, in denen mehr getrunken wird, “man” ständig betrunken ist, ohne, dass es ein Thema wäre. Und ich muss dafür noch nicht mal bis in den Norden zu Espedal, Fosse und Lindstrøm gehen. Kurz gesagt: Ich habe hier überhaupt kein Suchtverhalten entdecken können. Hier und da mal ein Glas Wein mit der Freundin, was sehr normal in die Handlung eingefügt wurde.

Wenn dies also ein Buch über “Das Trinken” ist – dann ist die Frage, wo und wann es stattgefunden hat? Doch vielleicht ist genau das gewollt. Es wurde mehr oder weniger vor der Außenwelt verborgen, es wurde vor dem Selbst verborgen – bis es nicht mehr ging. Das konsequente Verschweigen der Präsenz von Alkohol in diesem Buch, das den Alkohol oder das “Trocken werden” thematisiert, hat mich trotzdem bis zum Schluss irritiert.

Worum geht es in Dry?

Dry hat eine besondere Gliederung, Komposition und Kapitelaufteilung, die mir gut gefällt. Es gibt drei Teile, die sich mit Jugendzeit, Kindheit/Mutter sein und dem Aufenthalt in einer Suchtklinik beschäftigen. Dem ersten Teil ist ein kurzes Kapitel, der Einblick in den Alltag der Klinik, vorangestellt, sodass eine Art Rahmenhandlung entsteht. In diesem vorangestellten Kapitel wird die Aufgabe beschrieben, die man den Insassen/Kranken/Süchtigen – hier fehlen eindeutig ein paar bessere Worte in der deutschen Sprache – aufträgt: Schreibt eure Lebenslinie. Was so viel heißt wie: Tragt auf der horizontalen Linie eure wichtigen Lebensereignisse ein und auf der Vertikalen den Alkoholkonsum. Alles klar, da könnten wir wohl alle mitzeichnen, egal ob wir süchtig sind oder nicht. Denn in schwierigen Lebenssituationen entgleitet einem das Leben leichter.

Christine Koschmieder erzählt uns nicht, was sie auf der Lebenslinie eingetragen hat, das erfahren wir in den folgenden Kapiteln. Diese machen große Sprünge, gehen auch mal zurück in die Kindheit oder vor in die Gegenwart. Sehr dankbar bin ich daher für die Kapitelüberschriften, die mir immer die gleichen Informationen geben: Um welches Jahr es sich handelt, in welcher Straße die Protagonistin gewohnt hat, in wie vielen Zimmern und mit wem. Beispiel:

Totale Sonnenfinsternis  (1999) Lützowstraße, 4 Zi, mit Nina, Luc und Karl

Die Kapitelüberschriften machen auch gleich klar, wo hier und im ganzen Roman der Schwerpunkt liegt. In den Lebensumständen/Wohnorten und Lebensbegleiter:innen: Partner, Freundinnen, Eltern, Kinder. Bevor ich diesen Gedanken weiterspinne, ein kleiner Einschub:

Alkohol, Frauen, Arbeitswelt

Kristi CoulterSchon seit ein paar Jahren – und wie immer sind uns die angloamerikanischen Länder ein wenig voraus – gibt es eine Debatte um Alkoholkonsum bei Frauen und ein Outing von Frauen, deren Alkoholkonsum stark mit ihrer Arbeit, der Arbeitswelt, in der sie sich befinden und ihrem Arbeitsverhalten zusammenhängen. Vielleicht konkreter gesagt: Mit dem Wunsch oder dem Versuch, in einem Patriarchat zurecht zu kommen, mit allen Ups and Downs.

Ich habe eine gute NDR-Dokumentation darüber gesehen. Alkohol: Erfolgreiche Frauen und die Sucht.

In der Doku erklärt ein Arzt: Frauen, die in die Arbeitswelt eintreten, bekommen jetzt die Probleme, unter denen viele Männer schon länger leiden. Einsamkeit, viel unterwegs sein, sich an der Bar mit Kollegen betrinken, Deadlines nur mit Alkohol bewältigen. Alkohol wird zum Tröster, später zum Problem.

Hier möchte ich auch ein paar Bücher empfehlen, obwohl der Markt gerade überflutet mit Erkenntnisse ist – doch für Kreative ist es eben immer ein wenig anders, daher von mir:

  • Holly Whitaker: Quit Like a Woman: The Radical Choice to Not Drink in a Culture Obsessed with Alcohol Bloomsbury Publishing.  2020)
  • Kristi Coulter: Nothing Good Can Come from This: Essays MCD x FSG Originals. 2018
  • Kristi Coulter: Klar im Kopf: Warum ich aufgehört habe, mir das Leben schönzutrinken. Goldmann Verlag. 2019
Das Leben dazwischen

Zurück zu Koschmieder, zu ihrem Buch. Und der Widmung. Ein paar mehr Antworten, ein paar mehr Fragen. Diese Fragen und Antworten, möchte sie den drei Menschen geben, denen sie das Buch widmet (vielleicht ihren Kindern). Das erinnert mich an das 12 Stufen-Programm von Alkoholikern.

  • 8. Auflistung aller Personen, denen man Unrecht getan und Schaden zugefügt hat, und die Bereitschaft und den Willen zur Wiedergutmachung entwickeln.
  • 9. Wo immer möglich, diese Personen entschädigen, außer, wenn sie oder andere dadurch verletzt würden.

Der zumeist private Weg, sich mit allen Menschen auseinanderzusetzen, den man durch sein Suchverhalten Schaden zugefügt hat. Ein paar mehr Antworten …

Das ist interessant, denn ich als Leserin – habe erstmal keine Fragen. Wieso auch? Für mich ist Christine Koschmieder – okay. Totally fine. Wenn ich in ihren Wikipedia-Eintrag gehe, dann finde ich ein interessantes Leben:

Koschmieder studierte Intercultural Communication and European Studies sowie Theater-, Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Leipzig. Seit 2003 betreibt sie die Literaturagentur Partner + Propaganda für zeitgenössische Literatur aus Deutschland, (…) Koschmieder ist Mitglied im Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren. Außerdem macht sie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Non-Profit-Organisationen.[3] 2013 war sie Stipendiatin der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen.

Ihr Debütroman Schweinesystem war 2014 unter den sieben Finalisten für den aspekte-Literaturpreis[4][5] und für den Hallertauer Debütpreis nominiert.[6] Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung stellte es im Herbst 2014 unter den sechs wichtigsten deutschen Debüts vor.[7]

Ich zitiere das hier so lange, weil all das, nichts von dem, in ihrem Roman vorkommt. Und das ist tatsächlich ungewöhnlich für einen Roman, der vom Verlag autofiktional genannt wird. Das kennen wir so gut von Knausgård, Melle und Lehn und und und. Dass es in ihren autofiktionalen Bücher so direkt um den Alltag geht, so ehrlich und so offen, und dass das Schreiben – das ja offensichtlich gerade stattfindet – immer mit thematisiert wird. Schriftsteller:innen schreiben, bekommen Preise, haben Lesungen. Besonders, wenn sie wie Koschmieder ein Teil des Kulturbetriebs sind. Koschmieder hat sogar eine eigene Literatur-Agentur. Nichts davon?

Doch, doch, sie redet schon manchmal von Studium oder dem Schreiben – aber nicht so. Es ist nie der Mittelpunkt ihres Lebens. Also habe ich doch eine Frage: Wieso geht es in Koschmieders Roman nie um das Schreiben, die Freude über Preise, Anerkennung, die Arbeit in ihrer Agentur, andere Schriftsteller:innen, den Verlag?

Das Leben dazwischen

Eine Antwort – die ich nicht unbedingt mag – könnte sein: So ist das eben für Frauen. Ihr Leben spielt sich häufiger dort ab, wo keine Preise vergeben werden, keine Deals geschlossen werden, wo Kinder zu versorgen sind, besonders, wenn man alleinerziehend wie Koschmieder ist. Immer noch?,  mag man hier fragen? Tatsächlich fehlt vielen Frauen, die in die Alkoholabhängigkeit abdriften, gerade das. Ein familiäres Umfeld, eine Partner:in, Geborgenheit, Freund:innen.

Christine Koschmieder hatte das, beschreibt das. Freund:innen, Kinder, Partner. Wieso hast du – Christine Koschmieder – angefangen zu trinken? Nicht wie von Stuckrad-Barre, weil dir der Fame über den Kopf gestiegen ist, der Glamour, die Umgebung von anderen, die ständig trinken und sich besaufen, sondern eher, weil dein Privatleben so fordernd war? Mit drei Kindern von drei Männern und einer großen Liebe, die mitten im Leben gestorben ist?

Ich sehe zu “Dry”, dem Buch, das gerade neben mir liegt. Hardcover, farbige Banderole, 24,70 Euro. Ein guter Kandidat für einen weiteren Preis, weitere Stipendien.

Ich lese den Dank am Ende des Buches, der mit Klinikinsassen und Familienmitgliedern beginnt, dann an Suchtberaterin und einem Psychologen geht. Dann an befreundeten Schriftsteller:innen und Vorableserinnen und schließlich, im letzten Abschnitt, an den Verlag und die Mitarbeiter dort gerichtet ist.

Das ist sie wohl die Antwort. Die Reihenfolge, in der Koschmieder ihr Umfeld, ihre Leben sortiert. Das Private, die Menschen  in der unmittelbaren Umgebung vorweg, das Hilfssystem danach und ganz zum Schluss, das, was einige Arbeit nennen, andere Bestimmung, Kreativität, Selbstverwirklichung,

Es folgt eine Liste mit Literatur und ein Tipp, wo man Hilfe findet.

Ich mag das Buch. Ich finde, es ist weder ein Roman, noch ein autofiktionales Buch. Kategorien langweilen mich, also ist das keine Wertung. Koschmieder sagt, es ist kein Sachbuch, es ist kein Memoir. Im Internet finde ich:

Ein Memoir ist ein erzählendes Sachbuch, also keine fiktionale Erzählung. Menschen – in der Regel Frauen – schreiben ihre ungewöhnliche Lebensgeschichte auf. Memoirs sind immer Ich-Erzählungen von nicht Prominenten.

Ich stimme zu, Dry ist mehr als ein erzählendes Sachbuch. Es sticht aus den Büchern über das Trinken und Aufhören hervor, mit einem anderen Ansatz. Es geht um Selbstwert und Selbstvertrauen. Um das Leben außerhalb von Arbeit und Öffentlichkeit. Um Familie, Freunde:innen, das Leben an unterschiedlichen Orten und in Wohnungen, mit mehr oder weniger Zimmern. Es geht um das, was Menschen unabhängig von Ruhm und Prominenz, Arbeit und Arbeitswelt zum Trinken bringt.

Bücher von Christine Koschmieder
  • Dry, Roman. Kanon Verlag, Berlin 2022
  • Trümmerfrauen. Ein Heimatroman. Edition Nautilus, Hamburg 2020.
  • Schweinesystem. Roman. Blumenbar, Berlin 2014.

Christine Koschmieder: “Dry”, Kanon Verlag Berlin; 1. Edition ( August 2022)

Analoges Rezensionsexemplar vom Kanon Verlag. Danke :)

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