Auf der anderen Seite - Traumtexte

#32 Citroën

11. Mai 2022

Das Problem des Schriftstellers, überhaupt des Künstlers, ist doch, daß er sein ganzes werktätiges Leben versucht, auf das poetische Niveau seiner Träume zu kommen.
(Heiner Müller)

Intro und Textverzeichnis


 #32 Citroën

Eine ausgeschlachtete Industriehalle unten am Fluss. Es riecht nach frischem Beton und Wind weht um die Pfeiler. Trägt den Duft von Flusswasser und Regen in die Halle. Fenster gibt es keine mehr.
Ich soll die neuen Fensterrahmen schweißen und darüber auf Konsolen an der Wand entlang Stahlträger für die Laufkatze und den Kran.
Ich sehe von oben in den ehemaligen Frühstücksraum. Dort stehen noch die alten Spinde. Und zwei Schlangen haben sich gebildet. Alle warten dort in roten Overalls. Ich schaue an mir hinunter. Ich habe meine schwarze Cargohose an und einen schwarzen Sweater.

Ein Vorarbeiter wird vom Bauleiter angesprochen, um sich was anzusehen. Es entsteht eine Lücke in der Schlange. Soll ich da runter gehen, mit aufrücken, die Lücke frei lassen? Ich schweiße doch hier oben schon. Es gibt Ärger in der Schlange.
Es geht mich nichts an. Der Lichtbogen pritzelt. Reißt ab. Und von hier oben sehe ich den Fluss. Die Frachter und ein kleines Stück vom Hafen. Es riecht so gut, Wasser und Beton.

Nach der Arbeit liege ich weit weg von der Halle in eine Wolldecke gehüllt auf dem sandigen Grasboden hinter der Straße neben einem Citroën DS und schlafe, will schlafen. Ruhe mich aus. Ein Campingplatz, ein Feriencamp, ein Lager? Ein sehr weites Gelände. Die Zelte, Wagen und Gebäude liegen sehr weit auseinander, aber das spüre, weiß ich alles nur, gesehen habe ich es nicht.

Dann kommen die Geliebte und ihr Freund, steigen in den Citroën. Ich stelle mich schlafend und schlafend höre ich den Freund, oder bilde ich mir das nur ein im Traum. Ich würde ihm den hier gern schenken, ich habe ja noch den blauen. Aber die Verantwortung für den Wagen ist zu groß, er würde nicht anspringen, bei jemandem, den er nicht kennt. Er ist doch schon so alt.

Im Liegen strecke ich ein Bein aus, streiche mit dem Fuß an der Kante der Rückbank entlang. Sie ist schon etwas angeknabbert und ausgefranst. Ich will den Wagen gar nicht haben, oder doch?

Dann fährt der Freund mit der Geliebten rückwärts weg. Ich ziehe den Fuß rechtzeitig aus dem Wagen. Die Wagentür fällt zu. »Bis nachher.«

Ich bin total genervt, dass sie mich einfach liegen lassen. Sie wissen so absolut gar nichts. Wo soll ich denn hin? Ich wohne hier doch nicht. Was, wenn ich jetzt zur Arbeit müsste.

Was verdiene ich da überhaupt?

Ich gehe über das Lager. Die Decke umgeschlagen. Über den Kopf gezogen. I Like America and America Likes Me, denke ich im Traum.
Höre einen Streit zwischen einem Fremden und jemand, den ich vielleicht kenne.
Was heißt, du merkst das schon, ich habe die so angeschaut und du hast es nicht gemerkt. Soll ich noch doller schauen? Du merkst es einfach nicht.
Du hast die Augensprache noch immer nicht gelernt.

In die Decke gehüllt gehe ich weiter. Ich habe doch ein Motorrad. Ich kann doch das Motorrad nehmen. Das Ruhrtal herunter fahren. Den Fluss entlang. Zum Meer.

Ich bekomme wahrscheinlich 400 Euro. Oder Mark. Hoffentlich wenigstens 400. Sehr gut, aber das ist doch nichts und ich weiß es nicht einmal.

Fahre mit meiner wehenden Wolldecke auf dem Motorrad am Kai entlang. Steige ein paar Stufen auf der weißen Metalltreppe hoch, die auf die Kaimauer führt. Hinter mir oder vor mir spüre ich noch jemand. Nimmt man die zweiundzwanzig Meter Traufkante eines Berliner Miethauses zum Vergleich, so schätze ich, ist das Wasser ist sicher dreißig Meter unter mir.
Es gibt keine Gangway und auch keine Reling. Ich muss einen großen Schritt machen auf die obere Kante der Schiffswand. Es gibt nicht mal ein Deck. Eine Leiter führt innen an der blauweißen Schiffswand nochmal so tief in den Schiffsbauch hinunter.
Ich drehe mich um. Klettere ein paar Sprossen hinab. Das geht besser, als ich dachte. Von den Seiten treten immer wieder Matrosen und Offiziere in Schiffsuniform dazwischen. Sie kommen anscheinend direkt aus der glatten Schiffswand heraus. Oder haben sich mühelos daran entlang gehangelt bis zur Leiter. Ich kann es nicht erkennen.
Ich halte mich an einer Sprosse fest, warte, bis etwas weniger los ist auf der Leiter. Dann lasse ich mich mit gespreizten Beinen mehrere Sprossen auf einmal an der Leiter runterrutschen. Immer wieder. Kontrolliere das Tempo mit dem Druck, den ich mit den Füssen von außen auf die Holme mache. Stoppe immer wieder nach fünf, sechs Metern. Ein Offizier ranzt mich an, was mir einfiele, so ginge das nicht, wir seien hier nicht bei der Feuerwehr. Das sei nicht nur gefährlich, sondern vor allem gegen die Schiffsetikette.

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