Auf der anderen Seite

#29 Matschepampe

13. April 2022

Das Problem des Schriftstellers, überhaupt des Künstlers, ist doch, daß er sein ganzes werktätiges Leben versucht, auf das poetische Niveau seiner Träume zu kommen.
(Heiner Müller)

Intro und Textverzeichnis


 #29 Matschepampe

Das Kind spielt mit einem Ball. Schießt oder wirft, oder lässt ihn kullern. Pass auf, dass er nicht wegrollt. Es hört nicht. Absichtlich. Der Ball rollt den Abhang hinunter, auf die Straße zu. Auf der anderen Seite der Straße ist ein Brüstungsmauer. Das Kind läuft dem Ball hinterher. Ich rufe, aber es kommt heile über die weinig befahrene Schnellstraße. Der Ball rollt an der Mauer entlang, stürzt durch eine Lücke in der Mauer in die Tiefe.

Der Ball fällt mir vor die Füße, denn ich grabe hier unten tief unter der Mauer einen Graben, es ist wohl ein Zufluss zum Lietzensee, oder vielleicht ein Abfluss unter dem Wasserfall am Kreuzberg. Er muss tiefer werden der graben, nicht viel breiter, aber tiefer. Das Wasser muss fließen, wieder fließen. Der Wasserfall, ich lasse Wasser einlaufen. Ich schaue nach oben ins Helle, Grelle, woher der Ball gekommen ist. Dort ist es windig, stürmisch jetzt bei einer Bö, einem Windstoß weht die Kaffeemaschine weg. Fliegt von der Mauerbrüstung zehn, zwanzig Meter weit. Zerbricht. Ich bin gleichzeitig da. Sammle die Splitter auf, mache mir Gedanken, wie ich die Spielkinder schützen könnte, unmöglich, es sind bestimmt noch Glassplitter im Boden. Früher oder später wird sich jemand schneiden. Unvermeidlich.

Ein Vater buddelt im Sandkasten. Findet aber keine Teile der Kaffeemaschine, sondern das Stück von einem alten abgeknickten Wasserrohr. Viel besser. Ein sehr seltenes historisches Matschepamperohr.

In dem immer gleichen oder ähnlichem Park-Café sitze ich am Tisch. Hinter mir eine Stimme, tiefe Stimme. Eine alte, fast vergessene Freundin, aus einer weit entfernten Stadt. Sie setzt sich zu mir ans Fenster. Sie trägt eine lila Ganzgesichtsmaske, eher eine Strumpfmaske mit Mundloch als eine Sturmhaube, ich denke, das ist ja genau das Gegensteil von FFP2. Und grinse im Schlaf. Sie erwähnt ein geheimes Projekt. Ach, darum ist sie hier.

Plötzlich scheint es Konsens zu sein, dass alle losgehen.

Ich laufe mit einer anderen alten Freundin links an einer großen fünfzig Meter hohen Mauer entlang, alle anderen rechts. Rechts scheint es besser zu sein, aber ich hole allmählich auf.
Dann gleite ich durch mehrere mit Ketten umrandete Glas„kästen“, gläserne Fahrstühle? Man muss sehr tief, fast krabbelnd unter den Ketten hindurch. Rechts, links. Doch, doch, das ist richtig so. Dann fährt so ein Fahrstuhl hoch, als hätte man in einem Videospiel aus Versehen ein Level freigespielt. Zwei alte Kunstakademiefreunde sind dabei, seltsam sie sind ist wieder ganz normal, nicht zu spüren von Verschwörungstheorien. Vielleicht, denke ich im Traum, gibt es hier keine Pandemie, oder ich es ist noch nicht so weit, in der Vergangenheit, vor Corona. Oben verteilen sich alle in Gruppen.
Ich bin allein, einsam, traurig. Fülle das Gold aus dem Fahrstuhl ein. Eine Etage über mir höre ich Lachen. Die anderen sind zusammen. Amüsieren sich.

Im Eingangsbereich eines Supermarkts bleibt der Ball in einer Ecke unter einem Einkaufswagen liegen. Das Kind hebt ihn auf. Die anderen kommen schon durch die Kassen, haben alles. Wir können weiterfahren.

Ach, wären wir nur zu zweit, dann ginge das schneller, jetzt dauert es bestimmt ewig bis alle eingepackt haben, eingestiegen und endlich bereit sind loszufahren.

Der Parkplatz ist eine moorige Wiese. Eine Weide. Aus einer großen Pfanne mit Fleischstreifen, Keulen, Steaks wird ein Stück nach dem anderen auf eine große Schüssel gelegt. Das etwas korpulente Mädchen neben mir findet alles eklig. Jetzt öffnet der Griller auch noch ein Tütchen Gewürz, rieselt es über den Fleischberg. Es bilden sich rotbraune Schlieren. Eine chemische Reaktion. Das Mädchen ist angewidert. Jetzt auch noch die Sattelbremsspur, ich wusste, dass es an Scheiße erinnert.

Der Griller selbst, sehr dick, amerikanisch dick mit einer Riesenspeckfalte unter dem Bauch und über der Hose, ganz in schwarz, hat in der Tischkante eine Leiste angebracht, einen überdimensionalen Rechenschieber, auf dem er vorführt, dass man fünfzehn Jahre länger lebt, wenn man dünner ist und den ganzen Scheiß nicht isst. Er schiebt den Läufer und die Zunge des meterlangen Rechenschiebers hin und her. Murmelt vor sich hin. Keine Nudeln, keine Pommes bei 50 Kilo zwölf Jahre, bei 120 Kilo, keine Soße, 15,7 Jahre …

Reis esst Reis. Das kommt von einer anderen Stimme.

Etwas entfernt steht zwischen niedrigen Drahtzäunen ein fremder Freund auf der matschigen Weide. Ich erkläre ihm, dass ich träume, dass das alles hier ein Traum ist und dass ich manchmal Zeichen bekomme, um es zu bemerken, wie zum Beispiel die Sache mit dem flachen Handystein. Bin dann gar nicht mehr sicher, ob das überhaupt stimmt, oder ob ich das erfinde, weil der fremde Freund so skeptisch guckt. Dann sagt er: Siehst du, und da bin ich. Ich bin ja hergeschickt, um dir zu sagen, im richtigen Augenblick, dass du träumst.

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