Auf der anderen Seite - Traumtexte

#23 Das Telefon

2. März 2022

Das Problem des Schriftstellers, überhaupt des Künstlers, ist doch, daß er sein ganzes werktätiges Leben versucht, auf das poetische Niveau seiner Träume zu kommen.
(Heiner Müller)

Intro und Textverzeichnis


 #23 Das Telefon

Erst irgendwo im Wind unter der Markise eines Cafés auf einer Strandpromenade. Meine Kinder, zwei kleine Mädchen, beide etwa gleich alt, ungefähr fünf, spielen draußen. Spielen Eisverkaufen, nicht mit imaginierten Hörnchen, wie ich zuerst denke, sondern mit Eiswürfeln. Die sind zum Teil geschmolzen. Die Mädchen schieben sie in großen würfelförmigen Eimern vor sich her über die sandige Promenade. Werden dabei nass. Ihre Kleidchen sind nass und es ist kalt. Winternebel. Ich rufe die Mädchen rein. So geht das nicht, ihr seid ganz nass. Das ist zu kalt.

Ich will zu Hause anrufen, damit jemand trockene Kleidchen bringt. Vor mir baumelt ein altes grünes Tastentelefon. Ich versuche zu wählen. Es sind lauter unterschiedlich große Gummitasten über das Telefon verteilt, ohne Ziffern. Ich verwähle mich. Eine französische Stimme meldet sich. Irgendeine Lotterie. Ich lege auf. Als ich es wieder versuche, ist die Stimme noch immer in der Leitung. Ich probiere alle möglichen Tasten. Ziehe den Stecke raus. Aber die Stimme redet weiter. Eins der Mädchen sagt, dass es sich auskennt. Zieht kleine Schubladen am Telefon auf. Aber ich weiß schon vorher, dass das nichts bringt. Stecke das ganze Telefon in den Rucksack. Wir gehen los.

Ich bin auf dem Weg. Jetzt mit dem Hund. Ein hügeliger Wald, den ich aus der Kindheit kenne, ein alter Querfeldeinpfad führt tief hinunter in unser Flusstal. Wir sind auf dem Rückweg. Aber woher? Das Gelände wird unwegsamer, steiler, weit unten sehe ich eine wenig befahrene Straße, die Böschung geht in eine senkrechte Befestigungsmauer über. Zu hoch, um zu springen. Ich rufe den Hund zurück. Da kommen wir nicht runter. Wir gehen nach links an der Böschung entlang bis ein sandiger Weg nach unten führt. Für einen kurzen Moment, weiß ich, wo ich bin. Ich kenne den Ort aus der Wirklichkeit und anderen Träumen. Der Hund hat natürlich keinen Plan.

Wir überqueren die Straße, gehen auf der anderen Seite in dem jetzt lichteren Wald weiter. Kommen an einen Waldweg, an einen provisorisch asphaltierten Fahrweg mit vielen Schlaglöchern und Teerflicken. Beinahe eine schmale Straße. Ein Stück weiter stehen sogar wie französische Kleinstadthäuser, Dorfhäuser. Auf Klappstühlen am Straßenrand und an den Kreuzungen sitzen Männer, die als Zuschauer an einer Veranstaltung teilzunehmen scheinen. Wimpel hängen über der Straße. Längst verblasst. Seit Jahren immer wieder hervorgeholt und zwischen die niedrigen Häuser gespannt.

Als wir an den Männern in ihren verschlissenen Festanzügen vorbeigehen, prahlen sie damit, dass sie jeden Tag zu Fuß, mit Fahrrad oder E-Roller den ganzen Weg zur Schleuse gehen. Das ist vielleicht mal eine Viertelstunde, denke ich. Frage auf englisch for political reasons, as a traditional celebration or as a religious task. Sie wissen es nicht. Es ist einfach so. Schon immer.
Ich frage nach dem Weg nach Cerez, wo ich hin muss oder will, aber keine Ahnung habe, wo das ist. Wundere mich schon beim Fragen, dass mir immer wieder präzise Orts- und andere Namen im Traum geläufig sind, von denen ich auf der anderen Seite noch nie gehört habe.
Der Energetischte streckt seinen Arm aus: immer diese lange Straße nach durch das Dorf, an der Olio-Tankstelle nach links und dann immer weiter geradeaus und dann noch mal fragen.

Ich laufe los. Der Hund um mich herum. Eine verrümpelte Gegend. Die Tankstelle sieht wieder aus wie die Traumversion der Kunstgießerei. Aber ich gehe dieses Mal nicht rein. Ich gehe nach links. Laufe bis es fast dunkel wird. Kühe, Schafe und schweineähnliche Tiere laufen hier herum. Der Hund versucht sie im Vorbeilaufen abwechselnd zu pimpern oder lebendig anzuknabbern. Reißt ihnen sogar manchmal kleine Fleischstücke aus dem Fell. Dann entdeckt er einen großen aufgehängten Fleischberg, zwischen Dönerspieß und Trockenfisch. Er läuft hin und legt seinen Kopf an das teilweise mit Federn oder Flossen durchsetzte Fleisch, leckt. Eine alte Frau versucht, ihn zu verscheuchen. Schaut mich genervt an. Schiebt das Fleisch beiseite.

Wir gehen weiter. Ich in der Hoffnung, auf dem richtigen Weg zu sein. Dem Hund ist das egal. Er ist ganz bei sich und den Gerüchen in seiner Nase, die als kleine Sternchen in seinem Kopf explodieren. Die Straße geht durch ein Haus, einen Schuppen, eine Werkstatt, eine hölzerne Halle. Alles aus einer zurückgebliebenen, aufgegebenen Zivilisation. Hohe Tische, Theken, Pritschenbetten. Tücher hängen zwischen Balken, trennen Bereiche ab. Alles ist unübersichtlich. Ich lege mich auf eine Pritsche. Keine Ahnung, ob das erlaubt ist, oder vielleicht sogar gewünscht. Ist das eine Herbege? Ein Pilgerlager.  Die Pferdestation in Once upon a Time in the West? Ich sollte meine Landkarte aufladen. Suche in meinem Armeerucksack voller Kabel, Auflader, Trafos, Kulturtaschen und Erste Hilfe Etuis. Finde das grüne Tastentelefon und einen passenden Adapter für die lose unter einem Nachttisch hängenden fremdländischen Steckdosen. Der Hund liegt auf dem Boden.

Jemand kommt. Aufgeregt. Redet auf mich ein. Welche Sprache ist das? Das geht nicht. Das macht alles kaputt. Der Circuit bricht zusammen. Oh, ich verstehe diese Sprache. Er sieht in meine Tasche. Entdeckt etwas. Und ich dürfte hier auch auf keinen Fall rauchen. Ich rauche nicht. Meint er telefonieren? Meint er Rauchzeichen? Meint er Feuer machen? Ich drehe mich auf die Seite, stecke den Adapter in die Steckdose. Schiebe den Rucksack unter meinen Kopf, ziehe die Kapuze über die Augen, decke mich mit einer harten Wolldecke zu.

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