Auf der anderen Seite

#21 Am Kanal

16. Februar 2022

Das Problem des Schriftstellers, überhaupt des Künstlers, ist doch, daß er sein ganzes werktätiges Leben versucht, auf das poetische Niveau seiner Träume zu kommen.
(Heiner Müller)

Intro und Textverzeichnis


 #21 Am Kanal

Die Kneipe zwischen den Schleusen am Kanal ist unterirdisch provinziell, verwandelt sich in das (anders aussehende) Wohnzimmer von B. und C. Spießig, bieder, Häkeldeckenstyle. Es ist der Geburtstag einer Tante oder Oma. Wir sitzen da eine Weile. B. und C. eingeklemmt irgendwo hinten tiefen Sesseln. Okay wir gehen. Hoffentlich gibt es einen Bus. Doch vor der Tür stehen VIP Shuttle. Katrin steigt ein. Da erinnere ich mich, dass wir ja mit Auto (Han San) da sind. Ich sage, fahr du Shuttle, ich komme mit dem Auto nach.
Will losfahren von der Insel, zu viel Verkehr und dann werden die Schleusenbrücken gerade hochgefahren. Endlich komme ich los, weiß aber den Weg gar nicht.
Habe meinen Mantel in dem Café vergessen. Soll ich nochmal zurück? Gott sei Dank, das Handy liegt auf dem Beifahrersitz, ich versuche das Ziel einzutippen. Das geht nicht so leicht. Vorher muss ich lauter riesige weiße Bestätigungskreuze analog aufmalen und grüne Häkchen. Mikey bitte. Meine Fingernägel schreiben. Check. Da fällt mir ein, ich kenne das Ziel gar nicht. Mikeeeey? Die Adresse steht schon auf dem Handy. Ich fahre los.
Hätte ich mich nicht wenigstens von B. und C. verabschieden sollen?

Dann laufe ich mit Chappi an einem Kanal entlang. Ist es derselbe? Der Betonweg endet in einer Baustelle. Schotterberge, Container, Lastwagen, Kranwagen, Betonpumpen verstopfen den Tunnel. Wir steigen über alles hinweg. Dann geht es nicht weiter, wir müssen auf die andere Seite oder zurück. Ich klettere von hinten auf einen Betonmischer. Chappi stemmt sich in die Leine, will nicht weiter. Kommt dann aber doch mit ein paar Sprüngen auf den Ausleger einer Betonpumpe. Der einzige Weg über den Kanal. Der Typ auf dem Mischer ist wenigstens nicht hysterisch. Kein Runter da, weg von der Baustelle, sondern Zum Kanal geht es da an der Seite lang.
Danke Mikey. Wir kämen da sonst nicht durch. Nicht rüber über den Kanal. Es gibt nur die Gitterrostbrücke an seinem Betonpumpenschlauch. Ich halte mich mit einer Hand an dem glucksenden Ding fest, mit der anderen halte ich Chappis Leine. Zwei- dreimal rutscht er mit einer Pfote durch das Gitter. Er geht mutig weiter. Der Kran schwenkt bis auf ein zwei Meter über den Uferweg auf der anderen Seite. Der Schlauch würgt. Beton pladdert. Spritzt aufs Ufer. Wir springen ab. Landen neben einem Reiterschild auf einem Schotterparkplatz.

Jetzt bin ich mit Isa auf dem Betonufer, das gleichzeitig auch Kopfsteinpflaster mitten in der Stadt ist. Isa und ich holen uns noch eine Pommes, Mayo, Currywurst. Ich bin noch satt vom Geburtstagskartoffelsalat. Wir suchen etwas. Wir laufen hin und her. Planlos. Mir ist leicht schlecht. Wir müssen etwas finden, was?
Ich spüre, es ist nicht in der Stadt, sondern am Ende des Kanalwegs an der Schleuse. Wo? Im Wasser?
Jetzt wird klar, wir müssen den ganzen Weg zurück. Also los. Gleichzeitig Zeitdruck, weil ich mit Katrin zu einem Filmfestival verabredet bin. Ich rufe Isa. Es ist sie aber nicht. Sie sitzt links an der Ufermauer. Wir gehen los. Der Weg wird jetzt eine Betonmauer, Piste, Wand, Gang, verschorfter Beton, Glas. Wir steigen eine steile, nein, senkrechte Betonvierkantröhre hoch. Ein Versorgungsschacht? Ein nie fertig gebauter Fahrstuhl? Noch ohne Kabel. Ich glaub, wir sind falsch. Wir müssen doch nach unten. Runter. Zum Wasser. Wir suchen doch etwas im Wasser. Wo ist der Kanal? Der Schacht klappt zusammen. Schulterbreit. Ich klemme zwischen dem rauen Beton. Überraschend keine Panik, Isa hält sich fest. Wenn es nur nicht noch enger wird oder von meinem Schulterdruck ganz auseinander bricht. Es bricht auseinander. Wir stehen in einem Museumsfoyer.
Wir gehen weiter. Teppichboden. Nächster Fahrstuhl. Diesmal größer, rundherum ausgekleidet mit Kupferblech. Roter Teppich spiegelt sich im Kupfer.
Mentaler und körperlicher Kampf mit dem übergroßen, jungen Wärter im Fahrstuhl. Ein psychologischer Test.
Offensichtlich werden wir überwacht. Jetzt geht der Fahrstuhl nicht mehr auf und der Test geht weiter. Ich muss Katrin anrufen. Es ist schon 16:00 und um 17:00 ist Premiere. Mein Handy ist weg. Es ist noch im Foyer, oder der Aula, oder schon auf einem der Stehtische beim Empfang. Es leuchtet. Gott sei Dank. Bin wieder im Fahrstuhl.
Wecke mich auf.

Vorher der Rasenmähertraum mit dem Jungen, der zwischen den Rasenmähertreckern auf der Vorgartenspielwiese einfach verschwindet. Alle suchen ihn. Er ist der gleiche, wie später im Fahrstuhl. Vierzehn Jahre später.

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