Psychological Landscapes

#11 – Der Fluss

2. Juni 2021
Psychological landscapes #11 Der FlussAus welchen Elementen setzt sich die Landschaft zusammen?

Psychological landscapes #11 Der Fluss

Psychological landscapes #11 Der Fluss

Welche Wirkung entwickelt sie dadurch?

Ein Fluss bewegt sich durch die Landschaft, begrünt und bewässert sie. Flüsse sind Fortbewegungsmittel, Tränke, Lebensraum. Manche treiben träge lehmgetränktes Wasser durch den dichten Dschungel, andere reißen sprudelnd Zweige mit ins Tal. Wieder andere schlängeln sich rund durch weite Graslandschaften. Flüsse sind Wege aus Wasser, sie weisen eine Richtung. Stromaufwärts oder abwärts schwimmen, mit oder gegen den Strom.

Oft können wir die Quelle nicht sehen, aus der ein Fluss entspringt und nur ahnen, wohin er mündet. Stromschnellen, Seitenarme, Wasserfälle, Teiche, Seen, Biegungen. Auf seinem Weg durch wechselnde Landschaften singt ein Fluss den Song der Fortbewegung.

Flüsse teilen Ufer, machen manche Wege ungangbar. Sie schwellen an, greifen selbstbewusst über die Wiesen, verengen und verdichten sich, sie können Tunnel durch Stein graben, Splitter rundschleifen, ganze Landstriche zum Blühen bringen. 

So wie Zeit in unserer Vorstellung stetig verfließt, so macht auch ein Fluss auf den stetigen Wandel aufmerksam, den das Leben mit sich bringt. Die einzige Konstante, come rain, come shine, ist der Fluss. Selbst wenn der Strom zum Erliegen kommt, trockene Erde in der Hitze aufspringt, das Flussbett ist noch immer sichtbar. Und wenn in den Bergen Regen fällt, füllt es sich wieder mit frischer Bewegung.

In welcher Beziehung steht die Landschaft zu dem Charakter, der sich in ihr bewegt?

 

Butch und Sundance sitzen in der Klemme. Sie sind über sonnige Felsen gekraxelt, durch lichten Wald gestolpert, haben im Zwielicht gelegen und die Laternen schaukeln sehen, die ihnen sagen, dass Verfolger ihnen dicht auf den Fersen sind. Sie haben sich die Köpfe gekratzt, die Ellenbogen in die Seiten gerammt, durch die Zähne geflucht, ihre Spuren verwischt. Aber all das hat sie nicht weiter geführt als hierhin. An ein schmales Stück Felsen an dessen Rand der Abgrund zischt. Verfolger im Nacken, Revolver an der Wange, Kante vor der Nase. Verflixt und zugenäht.

Inwiefern spiegelt die Landschaft die Gefühlswelt des Charakters wieder?

Sie sind auf Grund gelaufen, in die Ecke gedrängt, knirschend zum Stillstand gekommen. Schachmatt. Auf der nächsten Bergkette verschluckt die Silhouette des Feinds das Sonnenlicht. Zwischen den Kiefern glänzen Flintenläufe. Durch die steinigen Anhöhen hallen die Hufschläge des Verfolgertrupps. Kopflos gerannt, schlitternd gestoppt, in den Windschatten geklemmt, auf der Schattenseite des Felsens nach Luft schnappen. Die Gedanken rasen. Hocken. Ungehalten übers angehalten sein. Könnte sein, das mein Blut in den Sand sickert, mein Hut zwischen die Zweige fliegt. Könnte sein, das das der letzte Sonnenstrahl im Auge ist. Bis das Rauschen durchs Trommelfell dringt. Einen Gedanken zum klingen bringt. In dieser ausweglosen Situation gibt es einen, der einen Weg kennt. In der bewegungslosen Panik gibt es einen, der sich unbeeindruckt weiterbewegt. Der Fluss der in der Schlucht strudelt, kümmert sich nicht um richtig oder falsch. Er fließt, wohin es ihn zieht. Er bahnt Wege durch steiniges Terrain, kennt neue Ufer, bleibt in Bewegung.

Welche psychologische Funktion hat die Szene innerhalb der Geschichte?

Manchmal hocken wir an einer Klippe, den Rücken an die Wand gepresst. Kauern in einer Höhle, die Füße gerade so trocken. Und der einzige Ausweg aus der Misere ist der Fluss. Kein Gehen, Klettern, Ziehen oder Schieben macht das Weiterkommen möglich. Jetzt heißt es, sich hinzugeben. Mitnehmen zu lassen. In der Hoffnung und dem Vertrauen, dass flußabwärts bessere Zeiten auf uns warten. Das der Fluss weiß, wo es hingeht, selbst wenn wir es fast vergessen haben.

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