Psychological Landscapes

#9 – Der Dschungel

5. Mai 2021
Psychological landscapes #9 - Der Dschungel
Aus welchen Elementen setzt sich die Landschaft zusammen?

Psychological landscapes #9 - Der Dschungel Psychological landscapes #9 - Der Dschungel

Welche Wirkung entwickelt sie dadurch?

Dschungel ist Leben über Leben über Leben. Geschichtet, gestapelt. Untereinander, übereinander, umeinander. Alles ist in sich verschlungen, ringt um einen Platz an der Sonne oder sucht die Kühle unter dem Wurzelwerk.

Leben und Tod liegen dicht beieinander. Dort, wo eine neue Blüte sich dem Licht entgegen dreht, rottet unter ihr der Baumstamm. Wird zersetzt, zerlegt, verdaut. Tod der Nährboden für neues Leben. Alles löst sich auf, ist kaum zu unterscheiden. Was gerade noch ein Vogel war, ist jetzt ein Häufchen Knochen unter einem herabgefallenen Blatt. Eine Libelle surrt, ein Käfer fliegt, wird, schnappzack von der Zunge des Chamäleons aus dem Leben gegriffen. Paradiesvogelgesang, eine Biene windet sich im Spinnennetz. Larven unter der Rinde, eine reife Frucht, die auf dem Boden platzt. Kerne, Samen, Sprossen, Knospen. Licht, das durchbrochen durch die Blätterschichten fällt. 

Das Volumen voll aufgedreht. Ein Tautropfen in einem Blatt. Darin ein Frosch. Darin eine Fruchtfliege. Darin Nektar. Darin Frucht. Darin Samen.  Darin Leben. Diese Fülle ist nicht zu überblicken. Man kann sich ihr nur unterordnen, sich von ihr schützen lassen. Hier kann man untertauchen. Ungesehen im Überfluss untergehen.

Sich einen Weg durch den Dschungel zu schlagen, heißt Wege zu machen, wo vorher keine waren. Bis auf plattgetrampeltes Gras, abgeknickte Zweige, einen umgefallenen Baumstamm gibt es keine Richtung. Alles passiert gleichzeitig, kommt von allen Seiten auf dich zu.

In welcher Beziehung steht die Landschaft zu dem Charakter, der sich in ihr bewegt?

Agu ist ein Junge. Aber kein Kind mehr. Er ist Soldat. Er weiß nicht, wo seine Eltern sind, aber er ist nie allein. Er hat einen Freund, Striker. Dieser Ort ist unsicher wie jeder andere. Überwältigend. Bäume, so hoch, dass man ihre Kronen nicht sehen kann, blattgewaltige Büsche, so dicht, das es innen ganz dunkel und kalt ist.

Agu ist längst über den Rausch der Eindrücke hinaus. Sein Fokus liegt auf dem, was sich in seiner Hand befindet. Ein Insekt, das Gewehr. Alles hat an seinen Augen gezerrt, sich in sein Bewusstsein gebohrt, ist im Himmel und in seinem Kopf explodiert, so dass jetzt ein dumpfer Nebel um ihn herum schwebt. Nur durchbrochen von Gewehrfeuer, Schüssen, die den Schreck zurück ins Knochenmark jagen. Dann heißt es aufschultern. Gehen. Weggehen. Sich vom Tod entfernen ohne zu wissen warum. Ferngesteuert zum nächsten Kampfplatz jagen. Dann zwischen den anderen liegen. Die Brust hebt und senkt sich. Immer noch am Leben. Aber müde. So müde, das zwischen den Farnen Frauenstimmen singen. Stimmen, wie die seiner Mutter.

Inwiefern spiegelt die Landschaft die Gefühlswelt des Charakters wieder?

Psychological landscapes #9 - Der Dschungel

Das Leben ist für Agu undurchsichtig geworden. Zu dicht, um durchzublicken. Hinter jedem Busch lauert ein Gewehrschuss oder wohlwollendes Schulterklopfen. Kein Weg scheint vorbestimmt, alles muss gesucht werden, an den Vordermann hängen, damit man den Anschluss nicht verliert. In diesem Dickicht ist man unsichtbar aber verletzlich. Wieder ins Freie zu treten, kann bedeuten ins Licht zu gehen. Für immer.

 

Welche psychologische Funktion hat die Szene innerhalb der Geschichte?

Während die Jungen Striker zudecken, wird es dunkel. Die Wärme der Sonne kühlt ab. Unter allen Kindern hatte Agu nur einen Freund. Nach allen Toden, zu denen er anwesend war, ist das der erste, der ihn völlig allein zurücklässt. In der Undurchsichtigkeit des Dschungels wird sein Freund verschlungen. Einverleibt. Bullet ate Striker. Der Dschungel nimmt ihn in sich auf. Die Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen Körper und Erde ist dünn. Sein Freund unter einem Bananenblatt.

Psychological landscapes #9 - Der Dschungel

Psychological landscapes #9 - Der Dschungel

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