DIY-Donnerstag, Lettering

Red Bug Lettering #6: How To Spitzfeder

31. Mai 2018
Beitragsbild Lettering Lukas Horn

Spitzfederkalligrafie. Spitzfederkalligrafie! Das Wort ist ein Sing-Sang im Ohr. Es schreit nach Klassik. Und es ist ein Evergreen im Design, da es die Grundlage für gute Letterings und tolle Fonts ist. Ich habe schon früh angefangen, mich für diese Kunst des Schreibens zu interessieren, weil es nicht nur Spaß macht, sondern auch sehr meditativ, sehr beruhigend ist.

Ich lege dir mein Spitzfeder-Tutorial ans Herz und zeige dir alle Basics. Also lass uns loslegen!

Material – Was brauche ich?

— eine Spitzfeder, mittelhart bis weich
— Federhalter
— Tusche
— Papier zum Beschreiben & Papier als Unterlage
— ggf. Lineal & Bleistift

Feder – Die Spitzfeder

Beitragsbild Lettering Lukas Horn

Hier siehst du ein paar meiner Spitzfedern. Es gibt verschiedene Formen, Farben und Aussparungen. Wichtig ist bloß die Spitze. Wenn sie spitz zuläuft wie auf dem Bild, bist du an der richtigen Adresse!

Du bekommst sie im Internet, in größeren Kaufhäusern oder in Schreibwarenläden (manche haben noch sowas). Dort findest du auch den Federhalter und Tusche.
Frag auch einfach mal in deiner Familie herum. Mir wurden schon oft alte Federn geschenkt. Gerade ältere Menschen haben oft noch interessante Schreib- und Zeicheninstrumente herrumliegen. Wenn du Glück hast, gibt es gleich eine tolle persönliche Geschichte dazu (also nicht vergessen zu fragen!).

Spitzfedern gibt es in verschiedenen Härten. Wir benutzen hier mittel bis weich. Aber falls du dir welche kaufst, kannst du gleich gucken was sie noch alles an unterschiedlichen Federn dahaben. Es gibt verschiedene Hersteller, aber das Wichtigste ist, dass die Spitze sich so wie im unteren Bild spreizen lässt.

Beitragsbild Lettering Lukas Horn

Verwechlungsgefahr gibt es mit den Federn hier unten. Ganz links, die Feder mit dem Knick, ist zwar auch eine Spitzfeder, sie ist aber für eine schrägere Schreibweise geeignet. Die werde ich hier, der Einfachheit halber, auslassen. Daneben sind drei Exemplare zu sehen, die scheinbar spitz zulaufen, aber wenn du genau hinschaust, siehst du, dass sie leicht flach und teilweise sogar abgeschrägt sind. Die benutzen wir hier nicht.

Beitragsbild Lettering Lukas Horn

Federhalter

Beitragsbild Lettering Lukas Horn

Den Federhalter gibt es meistens genau da, wo du deine Feder kaufen kannst. Such dir einen aus, der dir gefällt. Alle funktionieren auf dieselbe Weise. Es gibt auch sehr aufwändig bearbeitete Halter, die Skulpturen ähneln, aber das spielt fürs Schreiben keine Rolle und lenkt manchmal nur ab.

Tusche

Beitragsbild Lettering Lukas Horn

Das Besondere an Tusche ist, dass viele Pigmente enthalten sind.

Vergleich: Apfelsaft hat immer einem großen Anteil Wasser. Würde man das Wasser so gut wie komplett entfernen, hast du Apfelsirup. Apfelsaft schmeckt erfrischend nach Apfel, ist also eher leicht. Apfelsirup hingegen besitzt die geballte Ladung an Apfelgeschmack (eine Geschmacksexplosion). Das ist dasselbe wie mit der Tusche, sie ist wie ein Sirup (aber sie ist natürlich nicht so zäh wie man sich Sirup vorstellt), bloss, dass anstelle des Apfelgeschmacks jetzt eine geballte Ladung Pigmente (also Farbanteil) drin ist. Ja, genau so wollen wir es!

Nimm eine dunkle Tusche. Am besten schwarz, dunkellila, -blau, oder -rot. Hersteller: Egal.

Wenn du eine Farbe anstatt Schwarz nimmst, suche dir eine aus, die dich inspiriert, oder die einfach toll aussieht (dann macht das Schreiben noch viel mehr Spaß, finde ich).

Alternativ kannst du auch Tinte nehmen, oder etwas verdünnte schwarze Farbe aus der Tube (natürlich nur wenn es nicht anders geht, ich mache es auch manchmal).
Die Feder tauchst du später ins Tuschefass. Falls das jedoch zu hoch ist, empfehle ich, dass du deine Tusche in ein kleines Näpfchen umfüllst.

Papier

Ich benutze oft recyceltes Kopierpapier, was es überall zu kaufen gibt.

Es ist wichtig, dass deine Tinte auf dem Papier liegen bleibt, also sich nicht ins Papier saugt.

Und dass dein Papier nicht zu grob ist, so dass die spitze Feder im Papier hängen bleibt. Papier ist eine kleine Wissenschaft für sich und ich habe auch erst viel rumprobiert. Meistens sammele ich altes Papier. Zum Beipsiel Zettel, die nur auf einer Seite bedruckt sind. So etwas hab ich oft herumliegen und es ist perfekt zum Üben. Also schaut euch auch mal um!

Die richtige Unterlage

Wenn du mit Feder schreibst, denk daran, dass du auch klecksen wirst. Das passiert so oder so, auch bei mir öfters. Lege dir eine Zeitung oder Papier unter, so das der Tisch nicht schmutzig wird.

Vorzeichnen & Grundlinien ziehen

Ich bin ein Verfechter von freiem Schreiben. Sich nicht einschränken lassen. Aber ich gestehe, in der letzten Zeit passiert es doch ab und zu, gerade für professionelle Projekte, dass ich das Lineal heimlich ansetze und vorplane (psst, aber nicht weitererzählen!). Hier gilt: Wenn du gerne mit vorgezogenen Linien arbeitest oder arbeiten willst, gerne! Ziehe mit Lineal Linien vor, auf denen du schreibst, um die Orientierung zu behalten. Bist du eher ein Freigeist und es schränkt dich ein, verzichte drauf! Aber trotzdem empfehle ich, dass man beide Richtungen mal probiert hat (damit man weißt, was einem am besten gefällt).

Eintauchen

Bevor du richtig eintauchst – und damit meine ich in eine Art Meditations- & Konzentrationszustand (die reinste Ruhe, glaube mir) – gebe ich dir noch einen Tipp für das Eintauchen der Feder in die Tusche. Möchte sie nicht so richtig an der Feder haften, liegt dass meistens daran, dass ein Hauch von Maschinenöl auf der Feder liegt. Das passiert durch die Herstellung und das ist eine Sache, bei der ich am Anfang gar nicht wusste ob ich zu ungeschickt zum Schreiben mit Feder bin, oder ob die Feder kaputt war. Eine zweite Möglichkeit, warum die Tusche nicht haften will, kann sein, dass die Feder durch das Anfassen ein wenig fettig worden ist.

Die Lösung klingt erstmal abschreckend, aber sie hilft erstaunlicherweise zu 100%.

Um den Rest Öl oder Fett loszuwerden, halte ich die Feder unter eine Feuerzeugflamme (direkt in die Spitze der Flamme, dort wo es also am heißesten ist). Vorher habe ich mir das offene Fass Tusche bereitgestellt. Die schöne Feder wird jetzt rußig-schwarz. Halte sie aber so lange hinein, bis die Spitze der Feder orange zu glühen anfängt. Leg jetzt das Feuerzeug beiseite und die Feder schnell (nicht hastig, aber nur solange deine Feder noch heiß ist) in die Tusche. Es zischt kurz und dann bist du bereit fürs Schreiben. Du wirst jetzt bemerken wie toll die Tinte am Metall haftet.
Diesen Trick mache ich hauptsächlich bei neuen Federn. Mehr als einmal würde ich das erhitzen einer Feder nicht weiterempfehlen.

Jetzt bist du bereit

Erstmal: Wie funktioniert die Spitzfeder und worauf muss ich achten?
Generell ist das Besondere an der Spitzfeder, dass sie sich, wenn du aufdrückst, spreizt.

Wenn du nur leicht aufdrückst, entstehen dünne Linien, wenn du stark aufdrückst entstehen dicke Linien. Das ist die ganze Magie hinter der Spitzfeder und das ist auch genau das, was du jetzt übst.

Hoch Runter Hoch Runter Hoch

Der Dick-Dünn-Kontrast ist am Anfang extrem wichtig. Damit du auch siehst was du tust. Die Federn sind aus Stahl und sie halten ganz schön was aus. Also hab keine Angst vor dem Aufdrücken.

Um ein Gefühl für deine neue Feder zu bekommen, teste das Auf und Ab, wie ich in dem Video. Mehr musst du erstmal nicht wissen, um Buchstaben malen zu können.

Schreibschrift Style mit der Spitzfeder

Wie im Video oben gezeigt, ist das Schreiben mit der Spitzfeder ein Wechsel aus Auf und Ab und Druck und wenig Druck. Das Prizip kannst du jetzt auf das Alphabet unten anwenden. Schwarze Linien sind die Abbewegung (Aufdrücken erzeugt dicke Striche) und die blauen sind die Aufbewegung (fast kein Aufdrücken, dadurch dünne Linien). Probiere es aus. Wenn du dich bereit fühlst, schreibe ganze Worte. Die schwungvolle Bewegung für diese lebhafte Schrift kommt aus dem ganzen Arm und der Schulter.

Also, immer locker bleiben.

 

Beitragsbild Lettering Lukas Horn

Frust beim Spitzfederschreiben:
Was oft passiert, ist, dass sich, wenn man nicht feinfühlig genug aufdrückt (passiert mir öfter mal), die Feder auf dem Papier beim schreiben entleert. Dann hast du einen dicken Farbklecks auf dem Papier. Das ist vielleicht ärgerlich wenn du gerade einen total langen Text nur in Spitzfederschrift schreibst. Aber fürs Üben sind Kleckse und Tropfen viel, viel eher eine hochwillkommene Inspiration. Mein Logo ist übrigens von solchen Klecksen inspiriert. Mein Kalligrafieprofessor hat mir erst die Faszination für diesen kleinen „Fehler“ nahegebracht.

Es ist der Zufall und das Leben, gebündelt in einem kleinen Tropfen. Also genieße alles was beim Schreiben so nebenher geschieht.

Falls die Tusche deiner Feder beim Schreiben mitten drin leer geht, habe keine Angst nochmal einzutauchen und im Strich neu anzusetzen. Mit richtiger Tusche geht das. Es bleibt meistens auch viel Tusche auf dem Papier ‘liegen’. Das ist gut so, pass nur auf, dass du nicht mit dem Ärmel eintauchst.

Konstruierter Style mit der Spitzfeder

Falls du eher ein Fan von geometrischen Formen bist, dann schau dir mal diese Vorlage an. Sie ist, wie gesagt, konstruiert und auch mit Spitzfeder zu schreiben.

Beitragsbild Lettering Lukas Horn

Tricksen & Schummeln

Beim Schreiben dieser Schriftart wird dir auffallen, dass viel getrickst und geschummelt wird. Weil sie so geometrisch ist, gibt es Elemente, wie zB. die Serifen (die kleinen horizontalen Striche an den Enden der Buchstaben), die dann einfach dünn gezeichnet werden. Oder die Tropfen (i-Punkt, oder oberhalb beim c), die manchmal gekonnt, ein richtiger Farbtropfen sind, aber oft auch vorgezeichnet und ausgemalt sind.

Mehr Vorlagen zum Üben

Guckt euch die Fonts auf dem PC an, da gibts nämlich welche, die mit der Spitzfeder geschrieben wurden.

Das ist eine super Vorlage zum Üben. Du kannst sie dir in groß ausdrucken.

Schaut genau was in den Buchstaben passiert. Ähnlichkeiten zwischen den einzelnen Buchstaben, Unterschiede etc.

Meistens findest du Fonts unter irgendetwas mit Bodoni oder Script im Namen.

Trocknen lassen & sauber machen

Wenn du fertig mit dem Schreiben bist, spül deine Feder gut ab und trockne sie anschließend mit Papiertuch. Es soll weder Tusche, noch Wasser mehr zu sehen sein.

 

Toll dass du mitgemacht hast! Ich freu mich übrigens über Fragen in den Comments. Also, falls dir etwas unklar ist, schreib einfach.

think green, think free & follow (erstmal) the rules

Lukas

 

P.S.: Hier ein paar Links für Materialien die ich so benutze

Tusche (ist eine größere Variante, du kannst auch ein kleineres Fass nehmen)

hier

Spitzfeder & Federhalter

hier

You Might Also Like

6 Comments

  • Reply #1: Lettering Workshop 2019 – Wortvorwort - Red Bug CultureRed Bug Culture 31. Januar 2019 at 22:59

    […] kann von hier an mitmachen, oder sich vorher ein paar Basics anschauen. (Basics: #1 #2 #3 #4 #5 #6 #7 #8 […]

  • Reply 12 Schreibaffirmationen zum Selberlettern #1: Mut - Red Bug CultureRed Bug Culture 1. März 2019 at 14:40

    […] #2 #3 #4 #5 #6 #7 #8 […]

  • Reply 12 Schreibaffirmationen zum Selberlettern #2: Atem - Red Bug CultureRed Bug Culture 15. April 2019 at 21:21

    […] #2 #3 #4 #5 #6 #7 #8 […]

  • Leave a Reply