Martin Luther 2017

Martin Luther #7 Wie reden Engel?

16. Februar 2017

Wie reden Engel?

Diese Frage muss sich Luther doch oft gestellt haben, als er die Bibel übersetzte. Aus dem Konfirmandenunterricht habe ich mitgenommen, dass Luther der Verehrung von Engeln sehr kritisch gegenüberstand. Man brauchte sie nicht, um mit Gott reden zu können. Obwohl er sie nicht für verehrungswürdig hielt, har er aber offensichtlich nicht nur an die Existenz von Engeln, Dämonen und Teufeln geglaubt, sondern sie auch wahrgenommen.

Begriffe ändern sich.

Nach der Ächtung im Wormser Edikt war Martin Luther vogelfrei. Das hört sich eigentlich gut an. Frei wie ein Vogel, wer möchte das nicht sein? Ungebunden umherfliegen, tun und lassen können, was einem beliebt. Bis zum 16. Jhd wurde der Begriff auch eher so benutzt. Vrî als ein vogel ûf dem zwî sagt zum Beispiel Konrad von Würzburg im 13.Jhd. Erst im 16. Jhd wurde der Begriff im Sinne von Rechtlosigkeit genutzt. Wer vogelfrei war, konnte straflos getötet werden, ihm durfte weder Essen noch Behausung gewährt werden. Falls er verheiratet gewesen sein sollte, wurde seine Frau vorsorglich zur Witwe erklärt.

Im Gehäus auf der Wartburg

Luther hatte Glück, mächtige Freunde – und plötzlich viel Zeit. Man entführte ihn auf die Wartburg. Dort machte er sich, wie wir alle gelernt haben, daran, die Bibel zu übersetzen.

Habe ich mir immer sehr gemütlich vorgestellt. Schöngeistig in einer Schreibstube mit Ruhe und Stift. Eigentlich genauso wie bei Dürer, der ein paar Jahre vorher seinen Hieronymus ins Gehäus gesetzt hatte. Man muss wissen, Hieronymus hatte gut 1100 Jahre vor Luther in Bethlehem große Teile der Bibel ins Lateinische übersetzt. Seine Vulgata war die maßgebliche Bibelübersetzung für die katholische Kirche. Dürer hat seinen Stich ab ca. 1510 verbreiten lassen. Gut zehn Jahre später sitzt Luther auf der Wartburg und übersetzt. Zufall. Irgendwie lag das wohl in der Luft.

Vergleicht man Dürers Meisterstich mit dem Lutherreliquienzimmer auf der Wartburg, sieht das doch ganz ähnlich aus. Mit Sicherheit kannte Kurfürst Friedrich der Weise Dürers Kupferstich, als er das Zimmerchen auf der Wartburg einrichten ließ. Gut, es fehlen die wichtigen Attribute des Heiligen Hieronymus. Der Kardinalshut, das Stundenglas und der Totenschädel, die ihn immer an die Vergänglichkeit des irdischen Daseins erinnern sollten. Und natürlich der Löwe. Dem soll Hieronymus der Legende nach, während seines Eremitendaseins in der Wüste, einen Dorn aus der Pranke gezogen haben. Woraufhin der Löwe ihm ein zahmer Begleiter wurde.

Auch um Luther ranken sich Legenden. Er soll sich z.B. nächtlichen Angriffen von Dämonen und Teufeln durch einem gezielten Wurf mit dem Tintenfass gewehrt haben. Der berühmte – oft nachgemalte – Fleck der verspritzten Tinte ist auf dem Bild leider nicht mehr zu sehen. Leider auch keine Spur von den Dämonen.

 Wartburg

Übersetzungsprobleme

In dieser Stube hat Luther die Bibel also ins Deutsche übersetzt. Erstmal das Neue Testament. Ins Deutsche? Das ist ein anderes Thema, eigentlich hat er das Deutsche mit der Bibelübersetzung neu erfunden. Aber da Sprache ein sehr wandlungsfähiges Ding ist, fällt es schwer, den originalen Luthertext heute zu lesen. Er ist mittlerweile mehrfach “modernisiert” worden. Whatever.

Ich könnte mir vorstellen, dass auch die Suche nach den richtigen Worten Luther manchmal heftig zugesetzt hat, und dass die Worte und die Tinte einfach nicht so aus der Feder liefen, wie sie sollten. Da kann man schon Mal ein Tintenfass werfen.

Die Verkündigung

Folgendes Szenario: 1 Kapitel im Lukasevangelium: Gott möchte einen Menschensohn auf die Erde schicken. Er hat dazu Maria ausgewählt, die ihm diesen Sohn gebären soll. Um Maria darauf vorzubereiten, schickt Gott seinen Engel Gabriel zu Maria, der ihr die Sache erklären soll. Was sagt nun der Engel?

Der von mir hochverehrte Eugen Drewermann hat in einem Interview zu seinem neuen Buch über Luther Folgendes erläutert:

»Im Lateinischen in der Übersetzung, die die katholische Kirche bis heute beibehält, steht: ›Du bist voll der Gnade.‹ Und Luther sagt neun Jahre später im Brief zum Dolmetschen: ›Das geht überhaupt nicht. Die Deutschen denken dann an ein gefülltes Bierfass.‹ Und es steht griechisch nicht da. Griechisch steht da das Partizip Passiv Perfekt von einem Wort, das von Gnade abgeleitet ist. Sagt man jetzt ›du Begnadigte‹, dann wäre Maria freigesprochen worden von ihrer Schuld, sozusagen in Huntsville noch gerade dem Galgen entronnen. Das wird der Engel nicht gemeint haben. Oder wollte er sagen: ›du Begnadete‹? Dann wäre in Maria etwas wie Beethoven oder Goethe zu vermuten. Auch nicht ist das gemeint. Luther schreibt neun Jahre nach seiner Bibelübersetzung: ›Ich hätte sagen sollen: So redet der Engel. Es grüßt dich Gott, du liebe Maria.‹«

In unserer Familienbibel (Lutherbibel revidierte Fassung von 1984) heißt es in LK 1,23: Sei gegrüßt, du Begnadete! Irgendwie weiß man, was gemeint ist.

Wie reden Engel?

Die Frage, die aber doch eigentlich im Raum steht ist. Halloooo! Engel? Wie reden die denn überhaupt? Welche Sprache? Hört man die? Ich meine, mit den Ohren. Oder pflanzen sie einem Gedanken direkt ins Gehirn, ins Herz? Woher kommen die plötzlichen Eingaben, Intuitionen, unausweichlichen Entscheidungen? Da haben es die bildenden Künstler vielleicht etwas einfacher als die Autoren.

Der Engel, Gott und die Taube

Sie haben sich natürlich auf unzähligen Darstellungen dieser wichtigen biblischen Geschichte angenommen. Auf den beiden Stichen hier – von Martin Schongauer und Albrecht Dürer – scheint der Engel jedenfalls gar nicht den Mund aufzumachen. Er segnet die Botschaft nur irgendwie ab. Maria sitzt demütig mit dem Rücken zum Engel. Ihre keusche Unschuld durch die Lilie der Reinheit symbolisiert. Die Message selbst scheint irgendwie auch mit der Taube zu tun zu haben, die wohl den Heiligen Geist darstellt. (Damals kann es die berühmte Trinität ja noch nicht gegeben haben, sondern nur eine Dualität aus Gott und dem Heiligen Geist, oder?) Überbringt die Taube, der Geist Gottes, also die Botschaft? Auf beiden Darstellungen scheint Maria den Engel jedenfalls nicht wirklich wahrzunehmen.

Wie reden Engel

Bei Martin Schongauer sitzt er noch weit im Hintergrund. Die Botschaft kommt als feiner Strahl direkt aus Gottes Wolke. Hier stören die Engelsflügel nicht. Im Gegenteil sie können in ihrer voller Pracht ausgebreitet werden. Der Strahl Gottes trifft Maria trotzdem und zwar mitten in den Scheitel. Man spürt direkt, wie die Botschaft mit einem kleinen Pikser in ihr Hirn gepflanzt wird.

Dreißig Jahre später, um 1510, muss der Engel seinen Flügel extra zurückklappen, um die Nachricht, die Gott aus den Wolken sendet, nicht zu stören. Maria hat zwar die Augen geöffnet, sie scheint aber zu lauschen. Schon fast auf die Botschaft zu reagieren. Whaaaaat? Sie kann es nicht fassen. Und Gabriel sitzt nur dabei: Maria, reg dich nicht auf, alles klar, du machst das schon. Du Begnadete, voller Gnaden Begnadigte, du hast Gnade bei Gott gefunden, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären und du sollst ihm den Namen Jesus geben.

Da fliegt das Tintenfass.

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2 Comments

  • Reply Roland 17. Februar 2017 at 11:40

    Hi Uwe,

    du hast wieder gekonnt das schwierige Thema Luther (für sich allein betrachtet) hier mit Humor unter die ‘new adults’ -eure Leserzielgruppe – gebracht. Besonders erheitert hat mich der vermeintliche Dialog von Erzengel Gabriel mit Maria, bei der Verkündung der unbefleckten Empfängnis …

    ‘Maria reg dich nicht auf, alles klar, du machst das schon….’

    Dabei müsste er kaum die Engelsflügel beiseite klappen, damit die Inspiration bei einer heutigen Jungfrau ankäme. Spaß beiseite, es geht darum, dass Luther versuchte dem ungebildeten Volk seine Botschaft auf Deutsch zu vermitteln. Damit jeder sich ein Bild von der Heiligen Schrift machen konnte, nicht nur die Mönche und Gelehrten, die des Latein mächtig waren und damit ein Monopol der Deutung oder Auslegung besaßen. Man kann fast sagen, dass das die ersten Vorboten von Demokratie (in deutschen Landen) war. Darum ist Luther so interessant, auch heute noch.

    Denn die Sprache ist lebendig und wandelt sich. Zwar muss man, wenn man der Jugend etwas entwachsen ist (sorry, man muss das heute mit Anglizismen ausdrücken, sonst ist man sowas von out) als0 den young and new adults , oft ganz gewaltig seine geistigen Flügel nach hinten klappen, damit die Inspiration vorbeikommt, aber das mache ich gerne.

    Ich freue mich sehr über euren Mut dieses Thema auf eurem Blog zu führen.

    Macht so weiter, ihr macht es gut!

    Roland

    • Reply Uwe 17. Februar 2017 at 12:32

      Hallo Roland, danke für deinen ermutigenden Kommentar.
      Über Luthers Beitrag zur Entwicklung der deutschen Sprache werde ich sicher im Laufe des Jahres noch einen Beitrag schreiben.
      Was mich gewundert hat ist, dass Luther, der der Engelverehrung ja kritisch gegenüberstand, offensichtlich mit der Existenz von Engeln keine Probleme hatte. So wie es in der Offenbarung 18,10 steht, als Johannes sich vor einem Engel niederwerfen will, den er ja offensichtlich sieht, antwortet der Engel: »Tu es nicht! Ich bin dein und deiner Brüder Mitknecht!« Interessant.
      Liebe Grüße
      Uwe

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