Auf der anderen Seite - Traumtexte

#38 Nachtwind

17. August 2022

Das Problem des Schriftstellers, überhaupt des Künstlers, ist doch, daß er sein ganzes werktätiges Leben versucht, auf das poetische Niveau seiner Träume zu kommen.
(Heiner Müller)

Intro und Textverzeichnis


 #38 Nachtwind

Wie durch eine Scheibe oder auf einer weiten 3D Projektion sehe ich in eine Stadtlandschaft. Sie ist alt und futuristisch zugleich, so vertraut als wäre ich schon dort gewesen. Schon oft dort gewesen, beinahe dort aufgewachsen und gleichzeitig so fremd, wie aus einem Marvel Film, den ich noch nicht gesehen habe.
Rechts im Vordergrund brennt ein Kaufhaus. Obwohl es von einem anderen Gebäude verdeckt ist, sehe ich die Flammen. Sehe sogar innen die hölzernen Wandpaneele brennen, den schmiedeeisernen Fahrstuhl herabfallen, die Rolltreppen und die hölzerne Revuetreppe für die Mannequins in sich zusammenstürzen. Nein, sehen kann ich das von meinem hohen Fensterplatz aus nicht, ich weiß es nur.

Ein noch viel größeres Feuer brennt aber viel weiter hinten im linken Hintergrund. Dort steigen enorme schwarze Rauchwolken in den Himmel, nein nicht in den Himmel. Von dem ist längst nichts mehr zu sehen. Alles schwarzer Rauch. Es knallt. Zwei überdimensionale Escape Rutschen haben sich explosionsartig aufgeblasen. Menschen springen mit den Füßen voran aus Fenstern und Mauerlöchern, rutschen in Sicherheit. Doch da löst sich wie in Zeitlupe eine Lawine aus Stein. Die gesamte Wand gleitet weg und mit ihr die beiden Rutschen. In einem sekundenschnellen Dollyzoom rase ich auf die weggleitenden Rutschen zu. Schaue in einem extremen Close up in das Gesicht eines jungen, glatzköpfigen Mannes. Befinde mich nur wenige Zentimeter vor seiner runden, randlosen Brille, durch die mich seine Augen entsetzt anstarren, bevor sie unvermittelt zu gelassener Akzeptanz wechseln.

Vielleicht ist es ein zweiter Traum, vielleicht aber auch noch der gleiche. Schaue ich immer noch in die Brillengläser des Mannes? Vielleicht sind sie in das Nachtfenster vor meinem Schreibtisch gemorpht.
Denn es ist Nacht und ich sitze hier über den Dächern in meiner Schreibstube. In meiner Windstube. Manchmal kommt es mir so vor, als würde dieses kleine Dachzimmer sich im Wind wiegen, oder sich ducken, wenn er hier wie so oft die Äste der haushohen Birke gegen das kleine Fenster über meinem Schreibtisch peitscht. Auch jetzt weht wieder ein kräftiger Nachtwind. Die Windstube schwankt. Aber am Horizont blinkt ruhig das rote Warnlicht des Fernmeldeturms.

Zweige klatschen ans Fenster. Dann klopft ein Ast an die Hauswand, einer ans Fenster. Noch einer. Ich schaue aus dem fahlblauen Licht vom Laptop auf — direkt in die Gesichter zweier Kinder. Das größere vielleicht vier, der kleinere … wirklich noch klein, kann der überhaupt schon laufen? Es sind, glaube ich, Jungs, die da draußen auf dem Blech der schmalen, abschüssigen Fensterbank sitzen.
Ich winke ihnen mit einer Hand zu. Mit der anderen Hand schließe ich das Fenster, das wie immer auf Kippe steht. Um einen Fensterflügel ganz öffnen zu können, muss ich den Laptop zuklappen. Sofort ist auch das blaue Licht weg, es ist dunkel.
Ich öffne ruhig das Fenster. Lade die Kinder ein, hereinzukommen, auf den Schreibtisch zu klettern. Der Wind fegt welke Blätter ins Zimmer, aber die Jungs kommen nicht. Ich erwische den Kleinen, hebe ihn hinein. Der größere ist erleichtert und lacht. Will jetzt allein die selbstgebastelte Hölzchen- und Bindfädenleiter wieder hinunterklettern.
Ich renne mit dem Kleinen auf dem Arm ein unendliches Treppenhaus hinunter, weinend, schreiend, Rotz und Tränen, lass den Jungen nicht abstürzen.

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