Auf der anderen Seite - Traumtexte

#36 Judy Chicago

29. Juni 2022

Das Problem des Schriftstellers, überhaupt des Künstlers, ist doch, daß er sein ganzes werktätiges Leben versucht, auf das poetische Niveau seiner Träume zu kommen.
(Heiner Müller)

Intro und Textverzeichnis


 #36 Judy Chicago

The Dinner Party is about to begin.
Vor mir liegt eine saalbreite Tischdecke auf einem schienbeinhohen Podest. Vielleicht zwölf mal zwei Traummeter glatter Stoff in der glänzenden Farbe karamellisierten Zuckers. Ich knie mich vor die Längsseite des Tuchs, breite die Arme aus, so weit es geht, (es geht sehr weit) und ich schiebe die erstaunlich weiche Decke vorsichtig ein, zwei Zentimeter zusammen. Wundere mich, dass ich so behutsam sein kann (wundere mich nicht, dass ich die Decke überhaupt zusammenschiebe).
Das Tuch faltet sich auf. Kleine, bernsteinfarbene Adern entstehen. Ziehen sich als tektonische Verwerfungen über die Decke. Ich schiebe langsam weiter.
Unter den Fingerkuppen spüre ich zarteste Impulse, als sich an den Schnittpunkten und Verästelungen gläserne Blumenstängel und -kelche aus der Decke drücken. Sie poppen auf, langsam und doch wie Pilze im Zeitraffer. Sie drehen, winden, entfalten sich. Wachsen zu sanftbunten Knospen, Blüten, Schirmen aus dickem und hauchzartem Edelsteinblumenglas. Lebendig? Ja.
Eine, zwei, drei Blumen an jedem Platz. Wo will ich sitzen?

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