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#20 Sanduhr

9. Februar 2022

Das Problem des Schriftstellers, überhaupt des Künstlers, ist doch, daß er sein ganzes werktätiges Leben versucht, auf das poetische Niveau seiner Träume zu kommen.
(Heiner Müller)

Intro und Textverzeichnis


 #20 Sanduhr

Im Teich einer längst verlassenen Villa, einem aus dem Sommer übrig gebliebenes Kinderplanschbecken, einem bemoosten, nur noch mit Regenwasser gefüllten Pool im verwilderten Garten, treiben Herbstblätter, Insekten, kleine Tiere und Gipshände, die struggeln, nicht zu ertrinken. Ist es in einem Kindergarten, in dem ich nie war, im Kinderladen, in dem ich in meinen Zwanzigern gearbeitet habe, im Kinderhaus, in dem meine drei Kinder waren? Oder ist es der Garten meiner Kindheit?
Ich jedenfalls bin kein Kind in diesem Traum, schaue aus der Entfernung zu und fische gleichzeitig ein paar Wesen heraus. Die Kinder rundherum finden das eklig. Sowohl, dass die Tierchen langsam ertrinken, aber auch, dass ich sie herausfische, anfasse, an Land bringe, in ihre Kindersphäre, das ist kein Spiel, kein Schauspiel, das ist Leben, das ist Tod. Sie ziehen die Nase hoch und lecken sich, ohne es zu merken, den Rotz von der Oberlippe.

Es ist kalt.
Der Ärmel meines Anoraks ist bis zum Ellenbogen nass, jetzt auch darunter der Pullover.

Ich fische weiter. Handtellergroße Insekten, schwarze Schmetterlinge, wie modernde Blätter, die schon zu lang im Wasser liegen. Alle mit vielen dünnen Beinchen, mit denen sie gegen die kreiselnde Strömung strampeln, sich über Wasser halten, oder wenigsten knapp unter der Oberfläche. Manche vergeblich. Geben auf.
Kaum setze ich so ein Insekt oder eine Gipshand auf die Wiese, krabbeln sie weg. Unglaublich schnell, eine kleine Lichtspur, dann sind sie weg, als wären sie nie da gewesen. Andere fliegen los von der ausgestreckten Hand, bevor sie den Boden berühren. Woher nehmen sie die Energie, haben sie nicht gerade noch leblos im Wasser getrieben, vollkommen erschöpft?

Da treibt noch eine apfelgroße Kastanie im Becken, ihr sind acht oder ein Dutzend Astbeinchen gewachsen, Wurzeltriebe. Ich sage den Kindern telepathisch, sie sollen sie selbst herausholen. Sie trauen sich nicht, zögern. Eins probiert’s dann aber doch. Zwischen zwei spitzen Fingern fühlt sich die Kastanie unter der stachelingen Haut hohl und matschig an. Sie bewegt sich. Auch ich spüre es in meiner Handfläche. Ein spitzer Kreischer. Das Kind, es  lässt sie los. Das Ding fliegt an meinem Kopf vorbei, ist schnell außer Sicht, ich höre noch das Gebrumm.

Sehr langsam dagegen hängt schräg unter dem Laub, fast nicht zu erkennen ein mittelgroßer Goldfisch. Auch er hat kleine Füßchen, aber es sind nicht seine. Es sind die Füße von Schmarotzertierchen, die sich von unten langsam in ihn hineingefressen haben. Auch die überlange Schwanzflosse, mit der er sich so unbeholfen vorwärts treibt, ist eigentlich eine Krabbe, oder ein blasser Scampi, der den Fischschwanz abgefressen hat und nun an dem Hinterteil des Fisches hängt, und weiter knabbert, weiter knabbert, weiter knabbert mit mikroskopisch kleinen Kieferzangen.

Nachbarskinder lugen hinter Tannen. Mir kommen Zweifel, ob das so gut ist, dass ich hier eingreife, nicht einfach alles ertrinken lasse. Was bilde ich mir ein. Die Kinder haben recht. Was sie für eklig halten, ist vielleicht gefährlich.

Ich drücke einen Siegelring in feinsten weißen Quarzsand, mit dem das Becken jetzt gefüllt ist. Der Ring hinterlässt einen Abdruck, der mir sagt, dass der Fisch zwölftausendfünfhundert Jahre alt ist. Ich frage mich im Traum, wie das denn gehen soll. Wie kann der Fisch denn so alt sein? Wie kann er dann in diesem Becken, sein, das hier erst ein paar, vielleicht hundert Jahre steht? Ich wundere mich, dass es mich nicht wundert, dass der Siegelstempel das Alter eines Fisches kennt. Hab ich sowas schon mal gelesen?
Nein, ich träume auch gleich die Antwort, die mir plausibel machen soll, woher ich das denn wissen könnte:
An einem kleinen quadratischen Tischchen mit Schachbrettintarsien aus Sand sitzen zwei Mönche in weißen Kutten. Oh, das sehe ich erst jetzt, es sind Kardinäle. Sie spielen ein seltsames Schach mit den Quasten ihrer dunkelroten Hüte und drücken dabei ihre Siegelringe in den Sand des Tischchens.
—Siebzig. Du bist also siebzig.
—Das wusstest du doch sowieso. Das heißt gar nichts. Hier mein Notizbuch. Versuche es damit. Wie alt ist das?
—Du musst es vorher anlecken, damit der Sand weiß, dass es deins ist.
Es liegt also am Sand und gar nicht an dem Siegelstempel?
Lecken? Er weigert sich. Das kommt ihm häretisch vor. Tut es dann aber doch. Er legt das Notizbuch mit der angeleckten Seite in den Sand. Der Stempelabdruck verfärbt sich rot. Das Buch scheint zu verbrennen, aber es glüht nur. Es ist auch zwölftausendfünfhundert Jahre alt.

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