Das magische Objekt - Dinge in Geschichten

#04 – Der Apfel

20. Mai 2020
Das magische Objekt - Dinge in Geschichten #4 - Der Apfel
Das magische Objekt - Dinge in Geschichten #4 - Der Apfel

 

Der Mensch kennt den Apfel gut. Er begleitet ihn schon eine Weile. Auf rumpelnden Karren, in weichen Körben. Als Most in warmen Fässern. Im Schulranzen, am Weihnachtsbaum und natürlich, in unseren Geschichten.

Ob er einem vom schweißdurchtränkten Kopf geschossen wird oder durch das Blätterdach hervor blitzt. Äpfel üben eine besondere Faszination auf uns aus. Sie symbolisieren Weiblichkeit, Liebe, Sexualität, Fruchtbarkeit. Erkenntnis, Entscheidung, Macht und Reichtum. 

Der Apfelbaum

Was für eine Art von Baum stellst du dir vor, wenn du an den Baum des Lebens, inmitten vom Paradies, denkst? Hoch, groß, dicht beblättert, mit kräftigem Stamm? Dabei muss es doch, der Frucht zufolge, ein Apfelbaum gewesen sein. Diese kleinen, knorrigen, zärtlich robusten Bäumchen. Manchmal nicht einmal mannshoch. Mit freundlichen Stämmen, an denen sich leicht hochklettern lässt. Einen Apfel zu pflücken, das bereitet keine großen Schwierigkeiten. Zumindest physisch. Psychisch hingegen, kann dem Ernten eines Apfel eine ganze Menge innewohnen.

Den Apfel pflücken

Umgeben vom sanftem Blätterrauschen, hin und wieder ein zufriedenstellend dumpfer Ton, wenn eine reife Frucht zu Boden fällt. Die Sonne steht so, dass sie nur mildwarm durch die Kronen fällt. Leg deinen Kopf an den Stamm, sieh hinauf. Hier bist du ein Gärtner. Ein Ernter. Ein König.

Zwischen Himmel und Erde hängt die Frucht, unschuldig. Wippt lustig, wenn der Wind sie streift. Zwei Blätter, der Stiel, leicht zu durchbrechen. Zarte Haut, leicht zu durchbeißen.

Der Biss in den Apfel

Auf den ersten Blick sieht sie so einfach aus. Unschuldig, rotwangig, herzhaft und nährend. Du bist direkt versucht, hinauf zu greifen und sie dir zu pflücken. Ein freudiger Biss ins saftige Fruchtfleisch und du kannst ihre Süße schmecken und dich an ihr stärken. Doch was lauert hinter dem ersten Biss? Mehlige Enttäuschung, Das Gift einer Schlange? Welches geheime Potential steckt in ihren Kernen. Welche innere Weisheit wartet auf dich, wenn du bis zum Gehäuse vorgedrungen bist.

Der Mensch macht sich am Apfel schuldig.

Die Frucht reift, hängt, fällt unschuldig vom Baum. Was der Mensch aus dem Apfel macht, ist entscheidend. So wie bei allen anderen Dingen auch. Als Ur-Frucht, stellvertretend für alle anderen Früchte, steht der Apfel im Zentrum der Geschichte über die Entdeckung unserer Schuld.

Ein Apfel ist keine exotische Versuchung. Sondern eine, die in deinem Garten hängt. Dann sind es gerade die vertrautesten Dinge, die die größte Verunsicherung auslösen können. So oft in einen Apfel gebissen, bis du an einen kommst, der vergiftet ist. So oft am Baum vorbeigegangen, bist du weißt, was er dir wert ist. Es kann passieren, das ein Vater denkt, man meint den Apfelbaum im Hof, dabei ist der Teufel gekommen, um seine Tochter zu holen.

Siehst du auch richtig hin? Hörst du gut zu? Oder hast du die Hand schon ausgestreckt, um nach dem Apfel zu greifen, der dir aus der hohlen Hand gereicht wird.

Ein Apfel ist ein Instrument

Eine Wiese voller Äpfel, die duften und zum Aufsammeln bereit sind. Einen Garten voller reifer Früchte. Spähst du einem anderen über den Zaun? Hoffst, von den Früchten seiner Arbeit zu kosten? Wo der Apfel auf der einen Seite, süß, nährend und unkompliziert ist, wird er auf der anderen Seite, zu einem Instrument von der Intrige. Wer den (goldenen) Apfel in Händen hält, hat die Macht, über Gut und Böse zu entscheiden. 

Wurzel, Blüte, Frucht, Kern.

Das besondere an einem Apfel, im Gegensatz zu anderen Dingen, ist, dass man ihn essen kann. Der Weg der Erkenntnis ist ein lebendiger Prozess. Beißen, kauen, verdauen. Und weiterführend, neu aussäen, ziehen, pflegen, reifen lassen.

So wie jede Erkenntnis, braucht eine Frucht Zeit, um zu reifen. Versuchst du zu früh, einen Apfel zu schmecken, zieht sich dir das Zahnfleisch zusammen. Man muss geduldig unter dem Baum sitzen können und die Früchte reifen sehen. Bis die Sonnenstrahlen golden werden und die Wespen summen. 

Ein Apfelbaum trägt nicht jedes Jahr

So unscheinbar ein Apfelbaum wirken mag, ist er doch aus unserem Leben und unseren Geschichten kaum wegzudenken. Ein Baum, der in der Erde wurzelt und aus ihren Tiefen gespeist wird. Dessen Äste sich dem Sonnenlicht entgegen recken. Der, wenn du Glück hast und Geduld, reife Früchte trägt. Ein Apfelbaum trägt nicht jedes Jahr. Umso kostbarer ist die Ernte, wenn nach den zarten Blüten, Äpfel kommen. 

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