Von der Idee zum Manuskript

Von der Idee zum Manuskript #9 Prokrastinieren

13. April 2016
Prokrastinieren

also sich ablenken, ist ein Modewort geworden. Eingedeutscht. Im Grunde ist es ein Wort  für: „Was du heute kannst besorgen – das verschiebe nicht auf Morgen.“ Das ist natürlich eine harte Ansage für alle Autoren, denn schreiben kann man immer, sofort, was hält einen davon ab? Nichts. Solange man noch einen Finger bewegen kann und, ach, es gibt auch Diktiergeräte. Egal wo und wann. Ich kenne Autoren – besonders beliebt bei Wattpadern – die schreiben auf ihrem Handy und mailen sich den Text dann zu. Auch so kann ein (nicht notwendigerweise gutes) Buch entstehen.

Die Angst vor dem Anfangen

Ich habe sie nicht nur vor jedem Buch, sondern jeden Tag, vor jeder Schreibeinheit – Angst. Dieses leichte Zaudern – ist jetzt echt schon der richtige Augenblick? Hat mich die Muse geküsst? Bin ich überhaupt in … Stimmung? Ich vergleiche es gerne damit, in einen See zu gehen, wenn es nicht unbedingt 35 Grad sind. Es ist etwas chilly, gerade so viel, dass man sich nicht nackt ausziehen will und schon gar nicht ins Wasser gehen. Igitt. Und dann am Ufer, Füße schon mal im Wasser, immer noch das Bedürfnis, sofort umzukehren und es sein zu lassen. Ganz schlimm, wenn man schon bis zu den Oberschenkeln drin ist, nicht mehr so richtig zurück kann, die Arme hoch erhoben, Schultern hochgezogen, Zähne zusammengebissen. Scheiß kalt. Und dann  – wusch – schwimmt man los, hechelt die ersten Schwimmzüge, scheiße kalt, scheiße kalt, und dann ahhhhh. Gott ist das herrlich! Warum habe ich solange gezögert? Ich liebe das Schreiben, wirklich, aber bevor ich anfange – der Horror.

Die Social Media Falle

Das Schreibhäusel. So hieß das früher, der Ort, in den sich der/die AutorIn zurückzog, um in Ruhe zu schreiben. Heute möchte man lachen: Ihr habt ein Schreibhaus gebraucht? Ohne Internet und Telefon und womöglich noch als Single, musstet ihr euch zum Schreiben in ein Extrahaus verziehen? Ja, doch. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass es beim Schreiben ein wenig wie mit dem Meditieren ist. prokrastinierenRuhe ist gut, immer der gleiche Ort ist gut, immer der gleiche Ablauf ist gut. Früher ging man also in sein Schreibzimmer oder sein Schreibhaus (je nach Einkommen) und schrieb. Heute verfolgt einen das WLAN in der Regel an jeden Ort und – klar! Ich beginne meinen Schreibtag auch mit Mails, schau mal bei Facebook rein, dann noch bei Pinterest und Instagram, dann zu Twitter, was ist bei Lovelybooks? Dann wieder zu Facebook. Das kann einen ganzen Tag so gehen. Vor allem, wenn man als Selfpublisher das Gefühl hat, dass es zum Schreiben dazugehört. Sinn macht. Das Moodboard zu seinem neuen Buch zu erstellen. Die Facebooknachricht eines Fans zu beantworten. Zu twittern, dass das Buch bald kommt. Zu facebooken, was man gerade geschrieben hat … äh, Moment mal. Genau.

Gute und schlechte Breaks

Breaks, Unterbrechungen, Schreibpausen gehören zum Schreiben. Nicht nur, weil einem der Rücken wehtut, der Bleistift abbricht, oder Word abstürzt. Auch weil das Gehirn zwischendurch mal einen Moment zum Nachdenken, Abspeichern, Überdenken braucht. Ein guter Break sieht bei mir so aus: Ich spüre, es läuft nicht mehr so richtig, oder ich habe gerade einen Gedanken, Absatz, Kapitel abgeschlossen. Also mache ich mich einen Tee oder einen kleinen Spaziergang, esse was oder mache mein Yoga. Wunderbar. Das Wichtigste für einen guten Break: Das Gehirn darf ausruhen. Weder etwas denken, noch organisieren, noch reden müssen, schon gar nicht nachdenken oder vorausplanen. Ihr habt nämlich nicht mit den Fingern geschrieben, sondern mit dem Kopf und der braucht eine Pause.

Körper & Geist

Okay, der Körper auch. Die Augen wollen etwas weiter als bis zur Bildschirmfläche sehen, die Beine sich vertreten, der Magen knurrt, wie immer ist man dehydriert. prokrastinierenPausen sind super. Ich mache dann auch gerne Dinge wie: Wäsche aufhängen oder bügeln. Stumpfsinnige Dinge, die minimale Aufmerksamkeit benötigen. Kochen ist eigentlich schon zu viel. In diesem Zustand, zwischen meinen Schreibphasen, war ich früher oft wie ein Zombie. Nicht ansprechbar – gereizt – hungrig – ängstlich, dass ich es nie wieder zurück an den Schreibtisch schaffe. Okay, ich übertreibe. Das Internet schien eine bessere Ablenkung zu sein. Aber – stopp – es ist eine schlechte Pause, wenn ihr – weiter sitzt – auf einen Screen starrt – eurer Gehirn mit hirnlosen FB-Posts beschäftigt – euch über negative LB-Kritiken ärgert – euch witzige Sprüche für Twitter ausdenkt. Nicht gut.

Reingrooven, rausgrooven

Die Kunst ist, sich ins Schreiben rein- und aus dem Schreiben rauszugrooven. Elegant, souverän. Reingrooven sieht bei mir an guten Tagen so aus: Ich habe gute Musik (hier drei Songs, die sich super als Schreibmusik eignen) Ich habe etwas zu essen oder Tee an meiner Seite. Ich beginne mit Lesen. Genau. Ich weiß, dass das viele Autoren machen und es ist ideal, wenn man im Schreibprozess ist: Man liest erstmal die Kapitel, die man am Tag zuvor geschrieben hat. Nur ein paar Sätze und *schwups* streicht man, überarbeitet man und bewegt sich ganz natürlich auf die weiße Fläche zu, an der man weiterschreiben muss. Denn, hey, es ist wie beim Sport, man ist schon aufgewärmt und kann dann weiterlaufen. Rausgrooven ist schon schwieriger. Für manche Schreiber funktionieren Schreibzeiten. Also täglich von – bis. Andere wollen so lange wie möglich abtauchen und lassen Störungen (der Briefträger, der Anruf, der Besuch, Hunger, die Müdigkeit) kommen. Bin ich im Flow nerven mich Unterbrechungen. Komme ich nicht richtig rein, suche ich Unterbrechungen. Wie soll man das steuern? Täglich neu.

Orte und Kulissen

Ist es ganz schlimm, muss ich andere Orte aufsuchen. J.K. Rowling hat Harry Potter 1 in einem Café geschrieben. Eher unfreiwillig, aber es hat funktioniert. Irgendwie habe ich das Gefühl, alle französischen Autoren haben nur in Cafés geschrieben. Es ist wie mit Musik beim Schreiben, eine mittlere Aufmerksamkeit ist gut für den kreativen Prozess, das leise Plappern der Leuten um einen herum, der bewegte Hintergrund, kann eine ideale Schreibatmosphäre sein. Aber dann kommt eine laute Schulklasse, eine etwas zu schrill über dreckige Windeln redende Mutti, eine zu ärgerlich telefonierende Geschäftsfrau und der Bann ist gebrochen. Nichts wie weg hier – falls man nicht im Zug sitzt. Auch für die anderen Schreiborte gilt, – nach meiner Erfahrung – dass sie einem vertraut sein sollten und auch das, was einen dort erwartet. Das gleiche Café, am besten nicht zu Stoßzeiten, der Ablauf ist gleich, und bestellen sollte man auch in regelmäßigen Abständen, damit einen die Bedienungen nicht hassen.

Nach Innen gehen

Ablenken und Ankommen gehören für mich irgendwie zusammen. Prokrastinieren ist letztendlich eine Sache, die mit außen zu tun hat, fürs Schreiben muss man nach innen gehen. Bei sich bleiben, dranbleiben, sich fallen lassen, gegenwärtig sein. Am ehesten ist es wie beim meditieren oder joggen. Ich weiß, für das eigentliche Schreiben muss ich euch allein lassen. Es ist eine private Angelegenheit. Darum ist das Thema für die nächste Woche dann schon – das Überarbeiten. Wenn ihr halb, dreiviertel oder ganz fertig mit eurem Manuskript seid, beginnt die Phase der Überarbeitung.

Habt ihr Tipps aus eurer Schreibpraxis? Dann freue ich mich über Kommentare.

See ya

xoxo

Katrin

#redbugwriting #rbpub

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply