„Das Grüne Kleid“ von Hermann Mensing
„Das Grüne Kleid“ ist eine Liebesgeschichte, heißt es auf dem Klappentext, doch eine normale Liebesgeschichte sollte man nicht erwarten. Im Gegenteil, es ist eher eine Trauergeschichte um eine Liebe, die irgendwann und eher als erhofft enden muss.
Mensing macht das von Anfang an klar, es ist der Ton, die Stimmung des Buchs, das Ende, das von Anfang an alles überschattet. Doch das sollte niemanden davon abhalten, dieses Buch zu lesen, ganz im Gegenteil.
„Das ist der Anfang einer Geschichte, die in jedem Club in jenem Jahr des letzten Jahrhunderts im letzten Jahrtausend begann und in diesem endet.“ (S. 8)
In jedem Jahr des letzten Jahrhunderts sind im Buch die späten 70er Jahre oder die frühen 80er an. Die Zeit, als noch ständig und immer geraucht wurde, man CDs in Player geschoben hat und auf Frank Zappa-Konzerte gegangen ist.
Eine Liebesgeschichte, die sofort Jahrzehnte umspannt, mal hin und dann wieder zurückspringt zwischen erstem Kennenlernen und Kinder kriegen oder haben, zwischen Hoffnung und Verzweiflung.
Sound/Erzählstimme
Die Erzählstimme ist oft lakonisch und distanziert, doch im nächsten Moment poetisch und sanft, um dann wieder nüchtern zu werden. Dieses Auf und Ab, der Wellengang von Informationen und Sprache hat einen eigenen Sog. Hat man einmal angefangen zu lesen, zieht einen der mal schnoddrige, mal präzise und nüchterne Sound durch das Buch, man will immer mehr wissen, tiefer in die Story eintauchen.
Am nächsten Tag sind sie an Bord eines Schiffes. Die See ist rau, der Mond taumelt übers Heck, sie kämpfen mit der Seekrankheit und als Piräus in Sicht kommt, sitzen sie auf einer Bank amBug, kalkweiß und erschöpft, und sie sagt, irgendwann werden wir Kinder haben, oder? Ja, sagt er, irgendwann werden wir Kinder haben, und sie werden wieder Kinder haben, und als er das sagt, weiß er natürlich nicht, dass sie drei Tage, bevor ihr erster Enkel das Licht der Welt erblickt, sterben wird. (S. 66)
Setting/Stimmung
Was sofort überzeugt, ist das stimmiges Setting. Mensing fängt mit großer Sicherheit und Kenntnis die Zeit zwischen den späten 70er Jahren und Anfang der Zweitausender ein. Das kann man sich nicht anlesen oder recherchieren, alles fühlt sich auf die ein oder andere Weise erlebt und sehr authentisch an. Doch es sind nicht nur die Äußerlichkeiten, die hier lässig eingebunden werden: Das Rauchen, die alten Autos, die Alliierten in Deutschland, die Fahrten ins Ausland, das alternative Leben sondern auch die Stimmung zwischen Paul und Charlotte, ihre Träume und Ängste, ihre chaotisch-liebevolles Leben, erst ohne, dann mit Kindern.
Der Autor
Mensing schreibt seit vierzig Jahren. Diese handwerkliche Sicherheit spürt man an jeder Stelle, eine Souveränität und Unabhängigkeit, ein eigner Stil und Sound, ein Selbstbewusstsein, denn er weiß, was er tut und wie er es tun will. Dabei bleibt Mensing seiner Generation loyal verbunden, ohne in Sentimentalität oder Nostalgie zu verfallen.
Fazit
Wir werden uns sicher in Zukunft stärker fragen, wo die Bücher sind, die sich nicht nur gut lesen lassen, sondern auch Charakter haben. Eine eigene Persönlichkeit, mit Ecken und Kanten, ein eigener Stil und Sound. Jede Generation hat eine andere Geschichte zu erzählen, doch jede Generation hat etwas ähnliches zu berichten, was nur sie kann und uns fehlen würde, wenn es nicht Dichter wie Mensing gäbe, die diese Stimmung für uns in Literatur verwandeln würden.
„Das Grüne Kleid“ von Hermann Mensing
- Roman
- Klappenbroschur: 196 Seiten
- Et: 24. März 2026
- Verlag: Elsionor





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