Autobiographisches Schreiben

AUTOBIOGRAPHISCHES SCHREIBEN – #13 WILDE & VOGEL und GOLDEN DELICIOUS

11. September 2019
Wilde & Vogel

Liebe Autor*innen, liebe Leser*innen, heute geht es in der Reihe über autobiographisches Schreiben aus aktuellem Anlass um ein Theaterstück. Das Stück heißt: Staub – Dust – אבק. Ich hatte das Glück, es am Sonntag auf der at.tension 8 zu sehen. Es ist die erste Zusammenarbeit der beiden Duos Wilde & Vogel und Golden DeliciousRegie geführt haben Hendrik Mannes und Antonia Christl.

Wilde & Vogel

© Dana Sinaida Ersing

Das Figurentheater Wilde & Vogel hat seine Heimat im Westflügel Leipzig. Da sie regelmäßig auch hier in Potsdam zu sehen sind, kenne ich sie schon aus sehr vielen Inszenierungen. Immer wieder haben mich die Musikerin Charlotte Wilde und der Figurenbauer und -spieler Michael Vogel mit ihren überraschenden, poetischen, innovativen und kreativen Aufführungen fasziniert. Ich war also sehr gespannt.

Das Duo Golden Delicious kannte ich noch nicht. Es setzt sich aus der Objektspielerin Inbal Yomtovian und dem Tänzer und Performer Ari Teperberg zusammen. Beide kommen aus Israel. Seit der Aufführung bin ich Fan.

Eine große schwarze Bühne.

Sie ist leer. Bis auf einen kleinen beleuchteten Kreis, ein rundes Tuch auf dem Boden. Requisiten sind um das Tuch gruppiert. Halb geöffnete Schachteln und Schatullen. Knallig rot: eine Gasflasche und ein Elektroschweißgerät. Eine Geige, eine Ukulele. Ein Notenständer. Zwei kleine Sitzbänke.

Reise nach Jerusalem. Daran muss ich denken, als die vier Spieler auf die Bühne kommen und versuchen, sich auf die zu schmale Bank zu setzen. Irgendwann haben sie sich dann arrangiert. Endlich sitzen sie, zum Teil auf einer Arschbacke. Vielleicht eine Anspielung darauf, dass es nicht so einfach ist, die vier Individualisten der beiden Duos unter einen Hut, bzw. auf eine Bank zu bekommen.

Schreiben aus der Erinnerung

Ich habe hier natürlich keinen Text. Und muss mich auf meine Erinnerung stützen. Muss mich verlassen auf den Eindruck, den das Stück nach einmaligem Sehen auf mich gemacht hat. In meinen Augen ist es ein sehr autobiographisches, autofiktionales Stück. Es zeigt sehr schön – und deswegen passt es in diese Blogreihe – wie aus fragmentarischen autobiographischen Bruchstücken ein großes zusammenhängendes Stück entstehen kann. Überlappungen, Überschneidungen, Verflechtungen als Methode autofiktionalen Erzählens könnte das Thema für heute sein.

Es geht um Erinnerungen. Zunächst spricht Inbal Yomtovian über das Meditieren. Über die Gedanken, Erinnerungen, die immer wieder hochkommen. Auch die Erinnerung an eine kleine schwarze Zypresse, die irgendwann nicht mehr weiterwächst. Dann übernimmt Ari Teperberg. Erinnert sich an ein Geräusch in seinem Kopf, das er als Kind wahrnahm. (whusch, whoosch, whusch, whusch). Für ihn das Geräusch von Albträumen. Das Geräusch seines eigenen Herzschlags.

Präzise Erinnerungen

Michael Vogel läuft – sich erinnernd – über das runde Tuch. Dabei beschreibt er die Wohnung seiner Großeltern. Erläutert den Mitspielern jeden Raum. Wo hing das Bild vom Onkel in der Wehrmachtsuniform? Hier stand der Schwarz-Weiß Röhrenfernseher. Man schaut die WM in Argentinien. Der Großvater raucht Kette. Maradona macht das Tor mit der Hand Gottes. Hat er das falsch in Erinnerung? Ist das ein Hinweis darauf, wie sich Erinnerungen ineinander verschlieren? Denn Fussballfans wissen, dass die WM in Argentinien 1978 stattfand, die Hand Gottes schlug 1986 in Mexico zu. Argentinien wurde Weltmeister. Oder habe ich das nur falsch in Erinnerung, und er hat gar nicht von der WM in Argentinien gesprochen? Erinnerungen eben. Man kann sich nicht auf sie verlassen.

Im nächsten imaginierten Raum hängt das Telefon, natürlich fest montiert. Mit Schnur und Wählscheibe. Inbal Yomtovian dreht den Finger in der Luft, wählt. Und hier ist das Schlafzimmer, in dem sich die Großmutter umgebracht hat. Eine Etage höher hat der Onkel gewohnt. Und sie gehen in die Pilzn. Pilze finden. Nicht suchen.

Verwobene Erinnerungen

Jede Figur bleibt bei ihrer ganz persönlichen Erfahrung. Und zu der gehören auch die Geschichten, die sie aus der Familie und den Familienlegenden kennt. Alles bleibt fragmentarisch. Alles ist präzise. Aber auch verschwommen. Und alles wird miteinander verwoben. Alles geht auf der Bühne ineinander über, im Spiel, im Gesang, in der Musik.

Eine mit Helium gefüllte Plastiktütenqualle erinnert Ymtovian daran, wie die Großmutter eine am Strand angespülte Qualle wertschätzte. Nicht kosher, aber vielleicht essen andere Leute ja so etwas. Der schlecht, aber kosher kochenden Großmutter muss man viele Rezepte vorenthalten. Dann erinnert Ymtovian sich an die rituelle Reinigung der Schwester, die im flachen Wasser zu scheitern droht. Vogel tunkt unterdessen seine Hände in eine mit Wasser gefüllte Plastikdose.

Kollektive Erinnerungen

In einem, hier darf ich das Wort mal verwenden, furiosen Monolog rekapituliert Ari Teperberg sein Leben. Und zwar rückwärts von dem Moment an, wie er jetzt auf der Bühne steht. Ich bin Ari. Ich bin hier. Er erzählt, wie er dorthin, auf die Bühne gekommen ist, über das Anstehen an der Kompolette kurz vor dem Auftritt, über die im Zelt durchfrorene Nacht davor, über frühere Auftritte, über die schmerzhafte Trennung von seinem Lover, sein Studium, Kindheit, Geburt, die Eltern, bis zu seiner Zeugung. Die Großeltern tauchen auf. Alle vier, bevor sie sich kennenlernten, zwischen Kriegsjahren, Holocaust, Wäschereien. Irrfahrten über Generationen. Eine Tour de Force von individuellem Erleben. Überblendet mit gemeinsamen Erinnerungen, erzählten und vielleicht vererbten Familientraumata. Über kollektive Menschheitserfahrungen und die Entstehung des Lebens zurück bis zum Urknall. Ein einziger langer Faden. Oder ein großes Geflecht aus vielen langen Fäden.

Individuelle Erfahrungen überschneiden sich. Genauso wie auch die Lebenswege sich vielleicht überschnitten haben, oder überschnitten haben könnten. Persönliche Erinnerungen und Familiengeschichte(n) verschmelzen und werfen ein flackerndes Licht auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts. In allen Figuren hängen die Traumata der direkten Angehörigen und der historischen Vorfahren.

Fragmentarische Erinnerungen

Und sie werden, das macht die überraschende Leichtigkeit des Stücks aus, als gegeben hingenommen. Als wolle man sich nicht über die Erinnerungen definieren lassen. Als wolle man sich losmachen von Traumata. Von immer wieder repetierten Legenden. Und vor allem von Opferrollen. Im lapidaren Erzählen. Die eine Großmutter war im KZ, die andere hat Selbstmord begangen. Man geht in die Pilzn. Der eine hört seinen Herzschlag im eigenen Schädel. Ein Albtraumgeräusch. Der andere setzt sich imaginäre Kopfhörer auf und lauscht in die Vergangenheit. My uncle was a pilot. A Funker. He listened. A Funker. He talked to people.

Inbal Yomtovian wird Michael Vogels Großvater und raucht Kette, vor dem Fernseher. Ein Fuß muss amputiert werden, dann kommt der Schlaganfall. Dann das andere Bein weg, unter dem Knie, dann wieder das erste über dem Knie. Spätestens hier trifft die Geschichte meine Erinnerung an den eigenen Vater. Ich werde nicht der einzige im Publikum gewesen sein, der sich erinnert fühlt.

Aus den Erinnerungsfetzen wird ein Teppich, der kollektive Erfahrungen aufscheinen läßt. Und jeder kann mitweben. Jeder ist eingewoben.

Ererbte Erinnerungen

Erinnerungen, Verhaltensweisen, Einstellungen werden gleichsam geerbt. Sie werden absorbiert, verkörpert und wiederholt. Wie schwer es ist, Erinnerungs- und damit auch Verhaltensmuster zu überschreiben, zeigt Charlotte Wilde. In einem komisch, ernst, bedrückend und einfachem Bild. Sie schildert, wie sie als Schulkind immer Schwierigkeiten hatte, das Fahrrad aus der Einfahrt zu steuern. Einhändig, mit dem Apfel in der Hand. Denn sie musste gleichzeitig bis zum allerletzten Moment der Mutter zuwinken. Die stand erwartungsvoll auch bis zum allerletzten Moment, und vielleicht noch länger, am Fenster und winkte. Sie sollte nicht enttäuscht werden.

Heute, selbst Mutter, steht sie am kleinen Fenster in der Haustür. Sie winkt ihrem Sohn zu. Und der gibt sich Mühe, bis zum allerletzten Moment zurück zu winken. Und dabei mit dem großen Schulranzen auf dem Rücken das Fahrrad aus der Einfahrt zu lenken.

Es fordert viel Aufmerksamkeit, solch sehr stabilen Ketten zu unterbrechen. Heute sagt man wohl Achtsamkeit. Und es braucht viel Energie.

Die kommt am Ende des Stücks aus einem Schweißgerät, das diesen Faden als wunderschön glühenden Schweißdraht durchbrennen lässt. Wilde & Vogel Wilde & Vogel

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