Martin Luther 2017

Martin Luther #2 Luther und Cranach

12. Januar 2017
Luther und Cranach

Wie schafft man es in einer Welt ohne Handys, ohne Fotoapparat, ohne Internet und Fernsehen, dass die Welt dein Gesicht kennt? Man stelle sich das vor: 1520. Papst Leo X. droht Martin Luther mit der Exkommunikation, sollte er nicht binnen 60 Tagen 41 seiner 95 Thesen widerrufen. Und Lucas Cranach der Ältere zeichnet und malt. Nimmt Stellung als Maler. Und er malt nicht nur ein Bild, sondern ganze Portraitserien von Martin Luther. Er gibt dem Reformator ein nachdenkliches, oder sanftes oder würdiges Gesicht und uns allen eine Ahnung davon, wie Luther damals aussah. Wie kam es eigentlich dazu?

Religion und Kunst

Lucas Cranach der Ältere. Luther als Junger Jörg 1521 oder 22

Ich bin atheistisch erzogen. Das heißt, ich bin nicht wirklich getauft, habe keine religiöse Erziehung erhalten und in der Religionsstunde mit den anderen zwei Atheisten in der Turnhalle auf den Matten gesessen und die Freistunde abgetrödelt. Mir hat nichts gefehlt, bis ich mein Kunstgeschichtsstudium begann und mich im Seminar zur Mittelalterkunst gefragt habe, wer der Typ am Kreuz ist, der ständig auf den Bildern auftaucht.

Lucas Cranach der Ältere. Luther als Mönch 1520

Okay, ich übertreibe. Jesus war mir zu dem Zeitpunkt allerdings ebenso vertraut/unvertraut wie irgendein Rapper, der gerade angesagt war. Man hat davon gehört, aber sonst … Es war klar, dass das auf Dauer ein Problem werden würde, da Ikonographie sehr wichtig in der Kunstgeschichte ist. Da ich eine ehrgeizige Studentin war, habe ich mein Archäologie-Nebenfach also gegen Evangelische Theologie eingetauscht. Und bin bei einem der interessantesten Fachbereiche der FU gelandet, wo Theologie sehr offen und philosophisch behandelt wurde. Ich fand alles superspannend, ich habe die Bibel – ganz – gelesen und wurde Luther-Fan.

Kunst und Politik

Lucas Cranach der Ältere gemalt von seinem Sohn oder Selbstportrait. 1550

Lucas Cranach der Ältere war auch nicht irgendein Maler, sondern seit 1505 Hofmaler beim Kurfürsten Friedrich dem Weisen von Sachsen in Wittenberg und arbeitete in dessen Schlosswerkstatt. Was machen Hofmaler? Sie sind für die Ausstattung der Schlösser und Kirchen mit Gemälden verantwortlich, sie fertigen Portraits der Herrschaftsfamilie an, sie verzieren aber auch Bücher mit Zeichnungen oder vergolden Dekorationen bei Festakten. Okay, eine ziemlich weitreichende Berufsbeschreibung. So war das damals. Künstler verstanden sich als Handwerker/Unternehmer/Geschäftsleute. Sie nahmen am gesellschaftlichen Leben teil und mischten sich ein.

Um 1510 zieht Cranach zurück in die Stadt, hat 1513 einen Weinausschank und vertreibt zwischen 1515-20 Druckgrafiken, die er in seiner Werkstatt herstellt. 1520 kauft er sich eine Apotheke und ist zugleich als Buchhändler, Papierhändler und Verleger tätig. (Okay, gerade spüre ich eine sehr innige Verbindung). Er bringt 1522 Martin Luthers Septembertestament heraus, die Übersetzung des Neuen Testaments in die deutsche Sprache, eine Revolution. Cranach ist nicht nur ein Maler, er ist ein Mann von Welt. Ein Renaissancemensch mit vielen Talenten, einer von denen Menschen, die die Welt gestalten, egal ob mit Pinsel oder Politik.

Die Freundschaft von Luther und Cranach

Lucas Cranach der Ältere 1529. Martin Luther und seine Frau Katharina von Bora

Luther und Cranach haben sich in Wittenberg kennengelernt. Sie waren politisch und religiös/philosophisch einer Meinung, sie waren aber auch einfach gute Freunde. Cranach und seine Frau waren Trauzeugen bei Luthers Hochzeit und Paten des ersten Sohn von Luther. Doch es ging nicht nur um einen Freundschaftsdienst, wenn Cranach Luther gemalt hat.

Lucas Cranach der Ältere. 1532. Luther

Wenn man sich die unterschiedlichen Lutherbilder von Cranach ansieht,  dann erscheint der Reformator sympathisch, friedlich, weise, belesen. Kurz: Sehr positiv und stark dargetellt.

Luthers Image

Das Image ist mehr als ein Bild. Es steht für den Ruf, die Reputation. Ein gutes Image ist das, was jeder Künstler, jeder Geschäftsmann, jeder Politiker gerne hätte. Genau das brauchte Luther, der gerade das politische und religiöse System erschüttert hatte. Er wollte die Welt – positiv – verändern. Doch wie sollten die Masse der Menschen das verstehen?

Luther und Cranach

Lucas Cranach der Ältere. 1546 Luther ein seinem Todesjahr.

Ich war eine nerdige Studentin und habe meine Semesterferein gerne mal in der Kunstgeschichtlichen Bibliothek vergebracht, um die Werke meiner Lieblingskunsthistoriker zu studieren. Ich finde es immer besonders spannend, wenn mir jemand seine persönliche Sicht auf ein Thema, einen Sachverahlt oder einen Menschen vermittelt. Martin Warnke hat meiner Meinung nach das beste Buch zu den Lutherbildnissen geschrieben: Cranachs Luther. Entwürfe für ein Image.

Man will sein Image verbessern? Heute kann man ein YouTube- Video machen, ein TV-Interview geben, twittern, facebooken und sich so von seiner besten Seite zeigen. Bilder sind stark. Cranach wusste das schon damals.

Bis zum Tod
Luther und Cranach

Lucas Cranach Werkstatt um 1600. Luther auf dem Sterbebett.

Cranach starb sieben Jahre nach Luther. Das letzte Bild aus der Cranach-Werkstatt von Luther entstand um 1600. Da war Luther schon fast 54 Jahre tot, aber berühmt. Ich hätte Lust, das Bild sorgfältig zu analysieren, wie ich es in Kunstgeschichte gelernt habe. Das Lächeln – nicht friedlich, eher energisch – das weiße, schlichte Hemd, der Schatten um den Kopf. Die Inschrift …

Aber eigentlich liebe ich es an Bildern, dass man das eigentlich nicht tun muss. Man kann das Bild auch so schön finden, bewundern, befragen, emotional verstehen. Genauso wie die Freundschaft von Cranach und Luther.

Und vielleicht sollte ich auch wieder mehr malen … hm.

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2 Comments

  • Reply Roland 13. Januar 2017 at 11:42

    Hi Katrin,

    Du bist aber für jede Überraschung gut! Luther ins Bewußtsein der von der Religion (sowie von der Kunst des Mittelalters) weitgehend uninteressierten young adult Leserschaft bringen zu wollen …. das verdient allen Respekt und meine persönliche Hochachtung!

    Du bist über dein Kunstgeschichte-Studium zum Verständnis gekommen, welchen gewaltigen, weltverändernden geistigen Einfluss der Mut eines Mannes zur Folge hatte, mit seinen 95 Thesen gegen die herrschende Klasse, gegen die Mächtigen anzutreten.

    Mut ist das Stichwort. Nicht alles so hinzunehmen, zu beklagen, zu jammern, in Resignation zu verfallen. Gegenüber dem Mittelalter geht es uns nicht nur gut, sondern richtig rosig. Auch werden wir, in unseren Breitengraden zumindestens, nicht mehr geknechtet, gefoltetert, verbrannt. Trotzdem hört man rundherum überwiegend nur Ängste, Überdruß, Klagen als stünde der Weltuntergang kurz bevor. Dazu tragen die Medien beträchtlich bei, mit ihren immer neuen Katastrophen-Meldungen, schlimmsten Zukunftsszenarien.

    Jeder von uns, sollte den Mut haben, auch mal positiver über das Heute und das mögliche Morgen zu denken und zu sprechen. Man muss deshalb nicht gleich berühmt werden (wollen). Helfen würde es aber schon.

    In diesem Sinne lobe ich deinen Mut, solch ein Thema hier wöchentlich in deiner Kolumne unter Deine Leserschaft bringen zu wollen.

    Roland

    PS. Mir fällt auf, dass ich wohl (zu mindestens seit ich Deine Beiträge verfolge) der Einzige bin, der hier teilweise kontrovers und frech kommentiert. Ich werde mich doch nicht unbeliebt machen -;

    • Reply Katrin 13. Januar 2017 at 14:21

      Hi Roland,

      danke für den Kommentar. Ich selber bin ganz schlecht im Kommentieren, ich surfe lieber under cover duch das Netz, als bin ich immer – positiv – überrascht, wenn meine Beiträge kommentiert werden. Nein, ich denke, Du machst dich überhaupt nicht unbeliebt. Jedenfalls nicht bei uns :) Klar, ist es gut kontrovers zu kommentieren, dann geht die Diskussion erst richtig los!
      An diesem Spot wechseln wir uns übrigens ab. Also Uwe, ich und Isabel (in dieser Reihenfolge), was ich besonders spannend finde, weil es dann drei Sichtweisen auf Luther gibt und drei Winkel, von denen man sich ihm annähert. Es ist auch ein Experiment, aml sehen, vielleicht kommt am Ende auch ein sehr persönliches (Sach)-Buch dabei heraus. Ich bin ein großer Fan von Mentalitätsgeschichte also nicht nur einen sachlichen Zugang zu einem geschichtlichen Thema zu finden. So etwas wie die Schulbücher der Zukunft … lg Katrin

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