Martin Luther 2017

Martin Luther #42 Luther und Tod

20. Oktober 2017
Luther und Tod
18. Februar 1546, Lutherstadt Eisleben

Unsere Blogbeitragsreihe über Luther geht zu Ende, und es gibt ein Thema, über das wir noch nicht geschrieben haben. Der Tod. Oder haben wir? Kann man über das Leben schreiben, ohne den Tod zu erwähnen?

Gerade Luthers Leben, ein ständiges Füßehochziehen, weil neben einem der Blitz in die Erde kracht, wirkt, wie ein Tanz mit dem Tode, eine Meditation über Sterblichkeit.

Bevor Martin sich entscheidet wer er sein will, was er tun will, wandelt er wie ein Geist auf der Erde. Einer, der schwankt zwischen Gehorsam und Pflicht. Das Leben war für ihn, schon immer schwer zu verdauen gewesen. Aber wer sich nicht entscheidet, sein Leben voll auszuleben, der kann sich genauso gut in die nächste Erdkuhle legen. Das wird auch Martin klar, als ein krachendes Licht über seinem Kopf zusammenschlägt.

Tanz mit dem Tode

Benutzen wir den Tod nicht ständig? Unsere treue Ermahnung. Lebe!
Und kneifen trotzdem die Augen zu, wenn er an uns vorbeischleicht. Hau ab. Ich arbeite. Ich lebe. Ich bin nicht soweit.

Der Tod immer hinter der Schulter, blickt über jede Handlung. Späht zu Gott nach oben. Hast bei dem ein gutes Wort eingelegt was? Ach nee, du bist ja einer von denen, die nicht daran glauben. Beichten und so. Aber gute Wörter. Gute Wörter sind was für dich, oder Martin? Hau ab. Lass mich arbeiten. Die Hände noch tief vergraben im Handeln, tintenbekleckst und rau. Gut, arbeite eben. Ich bin für dich da. Wann auch immer…du mich brauchst. Ein Grinsen.

Fragen über Fragen, die sich unser ganzes Leben lang um den Tod drehen. Was passiert danach? Wozu soll er gut sein? Fragen, die einem Tod erst beantworten kann, wenn man ihn ansieht.

Das Leben Christi zum Beispiel wird geprägt durch seinen Tod. Jesus am Kreuz, so sehen wir ihn. Tod stärker als lebendig. Das Ende, der Anfang, von einer neuen Geschichte. Wir blinzeln zu ihm hoch, wie er da hängt. So schlaff und teilnahmslos. Und denken, mann, das bin nicht ich. Nicht heute, nicht jetzt.

Dying is easy but it’s living that scares me to death

Wenn wir nicht weiter kommen, spähen wir hinüber. Er ist immer noch da. Schwarzer Pulli, gefeilte Nägel. Blickt auf. Du schreckst zusammen. Nein, noch nicht. Er feilt weiter. Die Füße auf deinem Schreibtisch abgelegt. Tu was du nicht lassen kannst.

Denn wir können es nicht lassen. Sind gekommen um zu schmecken, zu fühlen, zu hören, zu riechen, zu sehen. Manchmal tut es weh. Das endgültige Menschsein. Das Krümmen und Verneigen, das Sich winden vor dem Tod. Und dann wieder ist es hell, großartig. Göttlich. Pardon. Tod zuckt mit den Schultern. Bei dir musst du dich nicht entschuldigen. Bei mir kannst du sein, wie du bist.

Luther und Tod

Luther lässt ihn nah an sich ran. Sitzt manchmal stundenlang mit ihm. Bauchkrämpfe und Magenschmerzen. Was willst du von mir? Was denkst du denn, Martin? Die Antwort darauf, fällt immer anders aus. Aber vehement.

Luther war ein Wandler. Gegen Ende des Lebens, erschöpft, aggressiv. Was, wenn es nicht genug war? Angst beschleicht ihn. Wo vorher noch Milde war, wird es jetzt sauer. Aber trotzdem hat er umgewälzt, was lange überfällig war. Hat den Tod walten lassen. Manche Dinge müssen sterben. Damit etwas Neues entstehen kann. So auch die Hoffnung, das diese ganze Tortur, am Ende darauf hinausläuft, das etwas neues blüht. Eine zarte Knospe. Frischer und schöner als der verbrauchte Leib, der ausgeleierte Geist. Schöner, als eingestaubte Riten und nutzlose Bräuche. Wenn hinter einem die Tür zufällt, geht ein helles Licht auf. Dann schlägt man sich gegen die Stirn. Kann ich nochmal?

Luther stirbt in Eisleben. Full circle sozusagen.

Er kommt um zu schlichten und kann sich nicht halten. Der Tod zerrt an seinen Füßen. Will, dass er sich hinlegt. Das Herz ist müde, der Körper erschöpft. Seine letzten geschriebenen Worte sind demütig, ans Leben gebunden.

„Die Hirtengedichte Vergils kann niemand verstehen, er sei denn fünf Jahre Hirte gewesen. Die Vergilschen Dichtungen über die Landwirtschaft kann niemand verstehen, er sei denn fünf Jahre Ackermann gewesen. Die Briefe Ciceros kann niemand verstehen, er habe denn 25 Jahre in einem großen Gemeinwesen sich bewegt. Die Heilige Schrift meine niemand genügsam geschmeckt zu haben, er habe denn hundert Jahre lang mit Propheten wie Elias und Elisa, Johannes dem Täufer, Christus und den Aposteln die Gemeinden regiert. Versuche nicht diese göttliche Aeneis, sondern neige dich tief anbetend vor ihren Spuren! Wir sind Bettler, das ist wahr.“ 

Ist es Demut? Oder eine Anweisung, mit Luther der Legende, gnädig ins Gericht zu gehen. Verneige dich vor den Leistungen, fehlbar wie du bist. Gib dein Bestes, aber erwarte keine Huldigungen. Das einzige Lob das zählt, wirst du nie erhalten. Denn Gott lobt nicht. Gott liebt. So muss Luther hoffen, glauben, als er dahingleitet, die Finger vom Leben lässt.

Tod sieht aus wie immer. Schwarzer Pulli. Reicht ihm die Hand. Da bist du ja endlich. Hast dich wacker geschlagen.

 

***

Das war ein schönes Projekt. Absolut faszinierend, zu lesen, was Katrin und Uwe zu Luther schreiben. Sich durch Daten zu scrollen, neue Gedanken zu finden. Einen Altbekannten hin und her zu wenden, während er genervt mit den Augen rollt. Wirds denn bald was. Ja, ich finde es ist was geworden. Ein spannendes Gespräch, ein Riss in der Fassade, der, wenn man lange genug herumpult, weiter und weiter wird. Und dahinter liegt ein Ozean. Oder ein Wald. Oder ein Gebirge. Wer weiß das schon. Ein Jahr mit Luther, dass mir sehr viel Spaß gemacht hat.

Danke Uwe und Katrin für die tolle Idee. Danke Roland für deine Kommentare. Danke an alle, die gerne gelesen haben. Danke Luther, für, na du weißt schon.

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3 Comments

  • Reply Roland 20. Oktober 2017 at 13:45

    Ihr Lieben, alle zusammen,

    da habt ihr wirklich erstaunlich faszinierende Beiträge anlässlich des Lutherjahres hier geschrieben, wirklich gekonnt abseits der sonst üblichen ‚Festreden‘.
    Wenn ich nicht schon längst euer ‚Red Bugs Culture‘ Fan gewesen wäre, dann jetzt bestimmt, durch diese Luther Betrachtungen. Nun würdig abgeschlossen mit sinnigen Gedanken über das Ende des Lebens, den Tod. Allgemein wird dieser Gevatter gefürchtet, es sei denn man hat schon mal Nahtodes-Erfahrungen gemacht (leider, oder besser wunderbarer Weise ich gleich 5 Mal in meinem verrückten Leben -ich erspare euch die Details) Dadurch hat der Tod für mich selber seinen Schrecken verloren – es ist einfach das Ende des Lebens, wichtig ist nur was man dazwischen macht (so wie Luther!), was vielleicht der trauernden Nachwelt bleibt: Mindestens eine gute Erinnerung. Oder mehr: Gesellschaftliche Veränderung.

    ‚ Tot ist nur an wen man sich nicht erinnert‘

    Inzwischen leben wir, Genießen die glücklichen Momente. Verströmen Freude wann es immer nur geht. Denn der einzigste Sinn (für mich) ist: Make the best of it!

    Danke Isabel, zuviel der Ehre mich im Abspann auch noch zu erwähnen.

    Alles Liebe für euch drei Autoren und weiterhin solch gute Ideen!

    Roland

    • Reply Redbug Team 22. Oktober 2017 at 14:15

      Danke, Roland!
      Das hat Spaß gemacht und wir tüfteln schon an einem neune Projekt für 2018. Diemal werden wir ein 4er Team bilden. Wir sind schon sehr aufgeregt, wie Dir und euch allen unsere neue Blogreihe gefallen wird. Richtig Spaß macht es mit Kommentaren, daher ein besonderer Dank an dich, Roland!

    • Reply Isabel 24. Oktober 2017 at 11:23

      Yeah, danke Roland! Selbstverständlich, dich zu erwähnen! Deine Kommentare sind ja Teil des Austauschs und der Überlegungen geworden. Und wie du sicher weißt, falls du mal einen Blog schreiben solltest (wink, wink) dann sind wir die ersten die lesen! :) Beste Grüße und besten Dank.
      Isabel

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