Martin Luther 2017

Martin Luther #17 Gnade dir Gott

27. April 2017
Gnade Golgatha

Okay, heute ist es anscheinend soweit. Ich muss von dem Moment berichten, an dem ich erstmalig verstanden habe, was Luthers Lehre von der Gnade bedeutet. Von dem Moment, an dem sie für mich Bedeutung bekommen hat.

Abortion

Mitte der Achtziger – nach der Hausbesetzerzeit, mitten in dem Strudel der Neufindung, wir wohnten und arbeiteten gerade mit drei anderen Künstlern in einer Kreuzberger Fabriketage – haben wir ein Kind gezeugt und abgetrieben. Keine große Sache.

Meine Eltern waren erleichtert. Ihre Mutter, erzähl Papa nichts davon. Beratung bei Pro Familia. Ich kann mich nicht mal mehr erinnern, welche Indikation. Es war noch vor der „Fristenlösung“ von 1993, nach der ein Schwangerschaftsabruch heute zwar rechtwidrig ist, aber strafrechtlich nicht verfolgt wird. Termin im Krankenhaus. Doppelzimmer mit einer anderen Schwangeren, die sich auf ihr Kind freute. Dann Tränen. Der Reue. Der Ohnmacht. Betäubtes durch die Straße laufen und die Gewissheit, etwas ganz Falsches, ganz Schreckliches, nicht Wiedergutzumachendes getan zu haben. Etwas Endgültiges. Etwas engültig dämlich Falsches. Wir liebten uns, aber die Liebe hatte zu etwas Schrecklichem geführt, wir hatten ein Leben zerstört, ein hoffnungsvolles Leben, bevor es überhaupt eine Chance hatte. Unsere Liebe war zerstörerisch. A lethal weapon. Das konnte nicht gut sein. Wir haben uns getrennt.

Ich hatte nicht hingehört, war zu laut gewesen, nicht aufmerksam genug. Ich habe mein Motorrad verkauft, das Schlagzeug. Habe aufgehört, Fleisch zu essen. Keinen Alkohol mehr und … keinen Sex. Und vor allem nie wieder Kunst machen. Bloß nicht wieder glauben, etwas Schöpferisches machen zu dürfen. Wo ich gerade ein Geschöpf getötet hatte. Einfach nur still sein, die Klappe halten. Zuhören. Aufmerksamer werden. Awareness war noch nicht in aller Munde. Nichts hat geholfen.

Niemand hat mich festgenommen, wie bei einer Hausbesetzung, oder einer Straßenschlacht. Niemand hat mich bestraft, ich hatte nicht Verbotenes getan. Es gab keine Strafe, nur ein schlechtes Gewissen.

Es war nicht auszuhalten.

Nach Monaten dann schoss es mir in den Kopf. Er musste mir doch helfen können. Er kannte mich doch. Ich hatte ihn seit der Konfirmation nicht mehr gesehen.

Superintendent Wilhelm Winkelmann. Eine Erscheinung, wie Luther persönlich. Riesige Hände, Glatze, die einer Tonsur glich, und ein freundlicher Blick, der einen bis in den hintersten Winkel ansah. Nein, sah. Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass er vermutlich der erste Intellektuelle war, dem ich bis dahin begegnet war. Meine Schullehrer waren es jedenfalls nicht und die meisten Pfarrer sind es vermutlich auch nicht. Ich rief ihn an und saß kurze Zeit später in seinem Büro im Pfarrhaus. Schwere Ledersessel. Schwerer Schreibtisch, unendlich viel Bücher. War er eigentlich größer als ich, oder kam es mir nur so vor?

Gab es nicht so etwas wie Beichte? Konnte ich nicht irgendetwas tun, eine Absolution bekommen. Er hörte mir ernst zu. Ich hatte wohl gehofft, dass er mir sagt, Kopf hoch, alles nicht so schlimm. Doch es kam genau umgekehrt. Er hat mir damals sehr deutlich gemacht, wie überheblich, unbedacht und eben tödlich war, was ich getan hatte. Es war schlimm, ernst und ich würde es nicht wiedergutmachen können. Er lächelte mich an, er konnte ernst lächeln.

Steine werfen

Und er hat mir die Verse aus dem Johannesevangelium mit der Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin erzählt. Mit dem berühmten Satz: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Genau das war mein Problem, ich hätte ja liebend gern ein paar Steine abbekommen, eine Art Strafe. Es gab niemanden, der sagen konnte, geh in den Knast, zahle Bußgeld, bete ein paar Vaterunser.

Die Geschichte ging aber noch weiter: Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Das war es also. Ich musste nichts tun, konnte nichts tun. Musste nur glauben, dass das stimmt. Dass ich mit Vergebung und unverdienter Gnade rechnen konnte. Er hat noch lange mit mir geredet. Aber das war alles. Einfach nur glauben. Es war nicht einfach. Aber es hat gutgetan.

Als Winkelmann sechs Jahre später unsere erste wunderbare Tochter taufte, hat er mich wieder angelächelt und ich wusste, dass es stimmt.

 

 

 

Beitragsbild mit Auschnitt aus meiner Bronze ›Golgatha_1‹

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