{"id":18211,"date":"2020-02-19T23:08:18","date_gmt":"2020-02-19T22:08:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.redbug-culture.com\/blog\/?p=18211"},"modified":"2020-02-20T00:14:13","modified_gmt":"2020-02-19T23:14:13","slug":"autobiographisches-schreiben-24-thomas-glavinic","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.redbug-culture.com\/blog\/2020\/02\/autobiographisches-schreiben-24-thomas-glavinic\/","title":{"rendered":"AUTOBIOGRAPHISCHES SCHREIBEN #24 THOMAS GLAVINIC"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ein Mann schreibt einen Roman. Der Mann hei\u00dft Thomas Glavinic, der Roman hei\u00dft \u00bbDie Arbeit der Nacht\u00ab und der Mann will das, was alle wollen: Erfolg. ER hat ein Manuskript, eine Literaturagentin, Kopfschmerzen, Angst vor Hodenkrebs, viel zu viel Alkohol und leider zumeist unertr\u00e4gliche Mitmenschen. Und er hat auch einen netten Kollegen, der selbst einen Roman geschrieben hat, <i>Die Vermessung der Welt<\/i>, dessen Verkaufszahlen die Mutter unseres Autors zu dem Aufschrei bringen: &#8222;Wann schreibst du denn mal so was?\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">So lautet einer der Klappentexte des Romans \u00bbDas bin doch ich\u00ab von Thomas Glavinic. 2007 im Carl Hanser Verlag erschienen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\"><a href=\"https:\/\/www.redbug-culture.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/GLAVINIC.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-18214 alignleft\" src=\"https:\/\/www.redbug-culture.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/GLAVINIC-186x300.png\" alt=\"Glavinic Das bin doch ich\" width=\"186\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.redbug-culture.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/GLAVINIC-186x300.png 186w, https:\/\/www.redbug-culture.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/GLAVINIC.png 345w\" sizes=\"auto, (max-width: 186px) 100vw, 186px\" \/><\/a>In vierundzwanzig<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Kapiteln entwirft Thomas Glavinic in \u00bbDas bin doch ich\u00ab eine eitle, zum Alkohol tendierende Autorfigur, die zwischen Minderwertigkeitsgef\u00fchl und Hybris von einem Fettn\u00e4pfchen in die n\u00e4chste Peinlichkeit trampelt. Dabei sich nicht entbl\u00f6det, Frau und Kind zu vernachl\u00e4ssigen. In vierundzwanzig Anekdoten wartet der Autor zuerst auf die Vermittlung seines Buches durch seine Agentin, dann auf die Ver\u00f6ffentlichung, sp\u00e4ter hofft er \u2013 Spoiler \u2013 (vergeblich), auf die Longlist des Deutschen Buchpreises zu kommen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>W\u00e4hrenddessen telefoniert er dauernd mit seinem Freund <em>Daniel<\/em>, der ihm die Verkaufszahlen seines neuen Buchs \u00bb<em>Die Vermessung der Welt<\/em>\u00ab durchgibt 25.000, 50.000, 250.000 \u2026<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 u<\/span>nd betrinkt sich bei jeder Gelegenheit. Nicht um zu provozieren, sondern weil er gegen\u00fcber dem Kulturbetrieb nicht zwischen Anbiederung und Abscheu entscheiden kann. Die Karikatur eines hypochondrischen Schriftstellers in einer Literaturbetriebssatire also?<\/span><\/p>\n<p>So kann man das Buch lesen und sich streckenweise am\u00fcsieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5 class=\"p1\"><span class=\"s1\">Oder doch Autofiktion?<\/span><\/h5>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">In dieser Blogreihe sind uns immer wieder Autor*innen begegnet, die \u00bbautobiografisch\u00ab \u00fcber ihr Schreiben schreiben. Oft kommen da auch die Erfahrungen mit dem sogenannten Literaturbetrieb zur Sprache. Meist der sehns\u00fcchtige Wunsch nach Anerkennung und Erfolg. Manchmal \u2013 seltener \u2013 auch der Umgang mit dem \u00fcberw\u00e4ltigenden Erfolg, z.B.bei Knausg\u00e5rd. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Oft \u00bberfinden\u00ab die Autoren ein Alter Ego gleichen Namens. Und schreiben \u00fcber B\u00fccher, die sie ver\u00f6ffentlicht haben oder ver\u00f6ffentlichen wollen. Das Schreiben nimmt naturgem\u00e4\u00df einen gro\u00dfen Raum im Leben einer Schriftstellerin ein. In Isabelle Lehns \u00bbFr\u00fchling\u00ab etwa schreibt eine Autorin \u00bbIsabell Lehn\u00ab an dem Buch, das der Leser gerade in H\u00e4nden h\u00e4lt. <\/span><\/p>\n<h5>Der entbl\u00f6\u00dfte Autor?<\/h5>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Dieses Spiel mit den unterschiedlichen Wirklichkeitsebenen von realem Autor, Autorfigur treibt Thomas Glavinic auf die Spitze. Der Held, oder Antiheld seines Buches ist Schriftsteller, Familienvater, hei\u00dft Thomas Glavinic und steht schon im ersten Satz des Buches nackt vor dem Leser. Derartig entbl\u00f6\u00dft will er sich aber selbst nicht anschauen, weil er bef\u00fcrchtet, schlimme Dinge zu sehen. (In diesem Fall Anzeichen f\u00fcr Hodenkrebs) Erst einen Augenblick sp\u00e4ter kann er einen Blick auf sich selbst nicht vermeiden. Immerhin mit zugekniffenen Augen. Ein programmatischer Einstieg f\u00fcr ein Buch \u00fcber Selbstbespiegelung.<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\"><i>Ich gehe ins Bad. Bevor ich die Unterhose ausziehe, wende ich mich vom Spiegel ab. Den Kopf starr geradehaltend, damit mein Blick nicht doch noch auf mein Geschlechtsteil f\u00e4llt, steige ich in die Duschkabine. Beim Rausgehen, als ich den Blick in den Spiegel nicht vermeiden kann, kneife ich die Augen zusammen.<\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Der nackte, hypochondrische Autor in \u00bbDas bin doch ich\u00ab hat einen Namen: Thomas Glavinic. Er hat gerade ein Manuskript beendet und f\u00e4llt nun in ein Schreibloch. Eine f\u00fcr ihn schwer aushaltbare Wartezeit zwischen dem Abschluss eines Manuskripts und der Ver\u00f6ffentlichung.\u00a0Und das Buch, auf dessen Ver\u00f6ffentlichung er wartet ist \u00bbArbeit der Nacht\u00ab. Ein Buch, das der echte Thomas Glavinic ein Jahr zuvor auch bei Hanser ver\u00f6ffentlicht hat.\u00a0<\/span><\/p>\n<h5 class=\"p1\">Eine Satire?<\/h5>\n<p><span class=\"s1\">In dieser Reihe \u00fcber autobiografisches Schreiben ist deutlich geworden, dass Schreiben \u00fcber sich selbst auch immer einen Anteil Fiktion mit sich bringt. Das Leben l\u00e4\u00dft sich nicht eins zu eins abbilden. Goethe unterscheidet schon im Titel seines autobiografischen Textes, in dem er seinen fr\u00fchen Jahre als ambitionierter Schriftsteller beschreibt \u00bbDichtung und Wahrheit.\u00ab Unvermeidlich hat man es immer mit einer Wertung, Interpretation, Auswahl von Ereignissen zu tun. \u00bb\u00dcbertreiben und Erfinden\u00ab nennt es Sas\u00e1 Stani\u0161i\u0107.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Kann es also sein, dass Glavinic einfach ma\u00dflos \u00fcbertreibt, dazuerfindet, die Dem\u00fctigungen, die soziale Inkompetenz und die Hypochindrie steigert, um sie umso deutlicher und schmerzlicher darzustellen?<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Das ist lustig, bis man sich des Fremdsch\u00e4mens f\u00fcr diesen Schriftsteller \u00fcberdr\u00fcssig wird und endlich einmal etwas vom Innenleben des Helden erfahren m\u00f6chte. Wie f\u00fchlt es sich f\u00fcr ihn an, wenn er sich mal wieder \u00bbdaneben\u00ab benommen hat. Ist es kalkulierte Provokation, oder doch eher Angst, dass man nicht hineinpasst. <\/span><\/p>\n<h5 class=\"p1\"><span class=\"s1\"><b>Namen, Fakten und Details<\/b><\/span><\/h5>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\"> Der Absurdit\u00e4t der Anekdoten wird entgegengearbeitet, indem m\u00f6glichst viele Details, \u00bbFakten\u00ab und Klarnamen gedropped werden und im Literaturbetrieb bekannte Menschen auftreten. Michael Kr\u00fcger, Karin Graf, Heinke Hager, Jonathan Safran Foer, Daniel (Kehlmann), Denis Scheck etc pp. auch viele Lokalgr\u00f6\u00dfen der Grazer Szene. Nicht nur in der Literatur eine weit verbreitete Methode, um Glaubw\u00fcrdigkeit zu erzielen. Je absurder die L\u00fcge, desto stimmiger sollten die bits and pieces sein.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Dadurch stellt sich der Leser nicht die Frage, jedenfalls habe ich das in keiner Rezension gefunden, warum die Romanfigur ein Manuskript fertig schreibt, ohne einen Verlag zu haben. Sollte ein etablierter Autor, der hofft, den Deutsche Buchpreis zu gewinnen, nicht in der Lage sein, \u00fcber seine renommierte Agentin einen Verlagsvertrag auf Grundlage eines Expos\u00e9s und einer Leseprobe zu bekommen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Also vielleicht eine <\/span> durch viele \u00bbFakten\u00ab beglaubigte\u00a0<span class=\"s1\">ins satirisch, karikaturhafte \u00fcberzogene Autofiktion?<\/span><\/p>\n<h5><span class=\"s1\">Authentizit\u00e4t und Lesererwartung<\/span><\/h5>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Nicht nur. Man kann auch ein Spiel mit den Realit\u00e4tsebenen von Texten in das Buch hineinlesen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Glavinic verarbeitet im Buch immer wieder Texte aus der \u00bbrealen Welt\u00ab, die Authentizit\u00e4t suggerieren, wie etwas Rezensionen im Perlentaucher. <\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\"><i>\u201eBei Perlentaucher lese ich, jemand schreibt in der S\u00fcddeutschen, Daniel sei der beste Autor seiner Generation. Ich zucke zusammen. Das bin doch ich!\u201c<\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">In der \u00bbrealen Welt\u00ab dagegen, weist Glavinic immer wieder darauf hin, das die Figur <em>Thomas Glavinic<\/em> nicht mit dem Autor Thomas Glavinic identisch ist. Das Buch \u2013 so steht es auch auf dem Cover \u2013 ist ein Roman. Wer das Buch liest, erf\u00e4hrt also nichts, jedenfalls nichts gesichertes \u00fcber den Schriftsteller. Das w\u00e4re also ein Buch \u00fcber einen Schriftsteller, der nur \u00bbzuf\u00e4llig\u00ab so hei\u00dft wie der Autor des Buchs.<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Mag sein, dass das ein Spiel mit den Erwartungen der Leser*Innen nach Authentizit\u00e4t ist.\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"p5\"><span class=\"s1\">In Glavinic neuestem Buch, \u00bbDer Jonas-Komplex\u00ab liest man, <em>\u00bbWer wir sind, wissen wir nicht. Beim letzten Durchz\u00e4hlen kam ich auf mindestens drei Personen, die jeder von uns ist. Erstens die, die er ist, zweitens die, die er zu sein glaubt, und drittens die, f\u00fcr die ihn die anderen halten sollen.\u00ab<\/em><\/span><\/p>\n<p>Kommt da nicht zumindest auch noch die Person dazu, die man gern verstecken m\u00f6chte, die man nicht zeigen m\u00f6chte, die man nicht sehen m\u00f6chte. Wir hoffen die ganze Zeit das der Schriftsteller in \u00bbDas bin doch ich\u00ab einmal die Augen \u00f6ffnet und in den Spiegel schaut. Und uns erz\u00e4hlt, was er dann sieht. Aber das tut er nicht.<\/p>\n<p class=\"p5\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Mann schreibt einen Roman. Der Mann hei\u00dft Thomas Glavinic, der Roman hei\u00dft \u00bbDie Arbeit der Nacht\u00ab und der Mann will das, was alle wollen: Erfolg. ER hat ein Manuskript, eine Literaturagentin, Kopfschmerzen, Angst vor Hodenkrebs, viel zu viel Alkohol und leider zumeist unertr\u00e4gliche Mitmenschen. Und er hat auch einen netten Kollegen, der selbst einen Roman geschrieben hat, Die Vermessung der Welt, dessen Verkaufszahlen die Mutter unseres Autors zu dem Aufschrei bringen: &#8222;Wann schreibst du denn mal so was?\u201c So lautet einer der Klappentexte des Romans \u00bbDas bin doch ich\u00ab von Thomas Glavinic. 2007 im Carl Hanser Verlag erschienen. 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