{"id":17421,"date":"2019-10-23T23:45:13","date_gmt":"2019-10-23T21:45:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.redbug-culture.com\/blog\/?p=17421"},"modified":"2024-11-28T13:44:22","modified_gmt":"2024-11-28T12:44:22","slug":"autobiographisches-schreiben-19-peter-handke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.redbug-culture.com\/blog\/2019\/10\/autobiographisches-schreiben-19-peter-handke\/","title":{"rendered":"AUTOBIOGRAPHISCHES SCHREIBEN #19 PETER HANDKE"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Leser*innen, liebe Autor*innen, heute m\u00f6chte ich hier, nicht nur wegen der aktuellen Debatte um Peter Handke, den Nobelpreistr\u00e4ger, dessen Erz\u00e4hlung <i>\u00bbWunschloses Ungl\u00fcck\u00ab <\/i>vorstellen. Das Buch ist 1972 bei Suhrkamp erschienen. Zur Neuauflage nach 30 Jahren schw\u00e4rmt Ulrich Greiner:\u00a0<i>Dass Peter Handke (geboren 1942) zu den gro\u00dfen Dichtern geh\u00f6rt, daran gibt es schon deshalb keinen Zweifel, weil er Wunschloses Ungl\u00fcck geschrieben hat, eines seiner innigsten und wahrhaftigsten B\u00fccher.<\/i>\u00a0<small>DIE ZEIT vom 2. August 2012<\/small><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.redbug-culture.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Peter-Handke-Wunschloses-Unglueck.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-17418 alignleft\" src=\"https:\/\/www.redbug-culture.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Peter-Handke-Wunschloses-Unglueck-183x300.jpeg\" alt=\"Peter Handke Wunschloses Ungl\u00fcck\" width=\"183\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.redbug-culture.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Peter-Handke-Wunschloses-Unglueck-183x300.jpeg 183w, https:\/\/www.redbug-culture.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Peter-Handke-Wunschloses-Unglueck.jpeg 366w\" sizes=\"auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im November 1971 hatte Handkes Mutter Selbstmord begangen. Sieben Wochen sp\u00e4ter versucht Handke in seiner Erz\u00e4hlung \u00bb<i>diesen Freitod (\u2026) zu einem Fall zu machen.\u00ab <\/i>Er schreibt das Buch in wenigen Monaten.<\/p>\n<h5>Autofiktion oder Biografie<\/h5>\n<p>Nun k\u00f6nnte man einwenden, dass das Buch nicht in diese Reihe \u00fcber autobiographisches Schreiben geh\u00f6rt. Es handelt sich doch wohl eher um ein biographisches und nicht um ein autobiographisches oder autofiktionales Buch. Das ist richtig. Und er erz\u00e4hlt nicht nur von seiner Mutter, sondern von der Lebenswirklichkeit einer ganzen Frauengeneration. Aber nat\u00fcrlich beschreibt Handke, indem er das Leben seiner Mutter beschreibt, auch sich selbst mit.<\/p>\n<p>Und nicht nur als der Sohn, der mit der Mutter aufgewachsen, sich von ihr gel\u00f6st und eine enge Beziehung zu ihr hatte, sondern auch als der Schriftsteller. Der Schriftsteller, der sich an die Arbeit macht und dieses Buch schreibt.<\/p>\n<p><i>Ja, an die Arbeit machen: denn das Bed\u00fcrfnis, etwas \u00fcber meine Mutter zu schreiben, so unvermittelt es sich auch manchmal noch einstellt, ist andrerseits wieder so unbestimmt, da\u00df eine Arbeitsanstrengung n\u00f6tig sein wird, <\/i>schreibt er auf den ersten Seiten des Buches, auf denen er das Bed\u00fcrfnis, \u00fcber die Mutter zu schreiben, erl\u00e4utert.<\/p>\n<p>Dabei reflektiert Handke die unterschiedlichen Modi, in denen er schreibt. Diese \u00e4ndern sich je nachdem, ob er \u00fcber jemand dritten, in diesem Fall seine Mutter, oder sich selbst, den Schriftsteller schreibt. Offensichtlich kann er von dem schreibenden Ich in der Erz\u00e4hlung Abstand nehmen. Ihn gleichsam von au\u00dfen aus der Vogelperspektive beschreiben. Beschreibt er eine real existierende Person, wie seine Mutter, ist das Gegenteil der Fall. Der Abstand wird immer kleiner und er versucht, sich sozusagen in die Figur hineinzuschreiben.<\/p>\n<h5>N\u00e4he und Distanz<\/h5>\n<p>Im Buch gibt es einen l\u00e4ngeren \u2013 in Klammern gesetzten \u2013 Einschub, in dem Handke diese unterschiedlichen Schreibverh\u00e4ltnisse erl\u00e4utert.<\/p>\n<p>Er m\u00f6chte den Freitod seiner Mutter <i>zum Fall <\/i>machen, der f\u00fcr andere, von Bedeutung sein k\u00f6nnten. Daher sieht er sich veranlasst, erz\u00e4hlerische Distanz aufzubauen. Denn, so schreibt er in dem Einschub, <i>aber nur die von meiner Mutter als einer m\u00f6glicherweise einmaligen Hauptperson in einer vielleicht einzigartigen Geschichte ausdr\u00fccklich absehenden Verallgemeinerungen k\u00f6nnen jemanden au\u00dfer mich selber betreffen \u2012 die blo\u00dfe Nacherz\u00e4hlung eines wechselnden Lebenslaufs mit pl\u00f6tzlichem Ende w\u00e4re nichts als eine Zumutung.\u00a0<\/i><\/p>\n<p>Gleichzeitig sieht er die Gefahr, dass die eigentliche Person, um die es geht hinter den Abstraktionen verschwindet. Wirklich nur noch zum Fall wird. Ihm ist bewusst,\u00a0<i>das Gef\u00e4hrliche bei diesen Abstraktionen und Formulierungen freilich ist, da\u00df sie dazu neigen, sich selbst\u00e4ndig zu machen. Sie vergessen dann die Person, von der sie ausgegangen sind \u2012 eine Kettenreaktion von Wendungen und S\u00e4tzen wie Bilder im Traum, ein Literatur-Ritual, in dem ein individuelles Leben nur noch als Anla\u00df funktioniert.\u00a0<\/i><\/p>\n<p>Er sieht zwei Gefahren, <i>einmal das blo\u00dfe Nacherz\u00e4hlen, dann das schmerzlose Verschwinden einer Person in poetischen S\u00e4tzen.<\/i><\/p>\n<p>Das gelte zwar<i> f\u00fcr jede literarische Besch\u00e4ftigung, besonders aber in diesem Fall, wo die Tatsachen so \u00fcberm\u00e4chtig sind, da\u00df es kaum etwas zum Ausdenken gibt.\u00a0<\/i><\/p>\n<h5>Tatsache und Beschreibung<\/h5>\n<p>Hier geht es nicht um Erfinden und \u00dcbertreiben wie bei Stani\u0161i\u0107, sondern darum, das labile Gleichgewicht zwischen Tatsache und Beschreibung, zwischen Ereignis und Darstellung des Ereignisses nicht zu verlieren.<\/p>\n<p><i>Anfangs ging ich deswegen auch noch von den Tatsachen aus und suchte nach Formulierungen f\u00fcr sie. Dann merkte ich, da\u00df ich mich auf der Suche nach Formulierungen schon von den Tatsachen entfernte.<\/i><\/p>\n<p>Aus der Psychoanalyse ist bekannt, dass sich ein Subjekt an einer<i> Linie der Fiktion <\/i>entlang konstruiert. Daher liegt es nahe diese Linie der Fiktion zu (er)finden, wenn man im Erz\u00e4hlen einem Menschen gerecht werden will.<\/p>\n<p>Handke versucht es mit <i>bereits verf\u00fcgbaren Formulierungen, dem gesamtgesellschaftlichen Sprachfundus. <\/i>Statt von den Tatsachen auszugehen, sortiert er, wie er schreibt: <i>aus dem Leben meiner Mutter die Vorkommnisse, die in diesen Formeln schon vorgesehen waren; denn nur in einer nicht-gesuchten, \u00f6ffentlichen Sprache k\u00f6nnte es gelingen, unter all den nichtssagenden Lebensdaten die nach einer Ver\u00f6ffentlichung schreienden herauszufinden.<\/i><\/p>\n<h5>Der Formelvorrat f\u00fcr eine Biographie<\/h5>\n<p>Die Herausforderung liegt nun f\u00fcr Handke darin, durch die\u00a0<i>nicht-gesuchten, \u00f6ffentlichen Sprache <\/i>das Individuelle und Besondere der Mutter durchscheinen zu lassen.<\/p>\n<p><i>Ich vergleiche also den allgemeinen Formelvorrat f\u00fcr die Biographie eines Frauenlebens satzweise mit dem besonderen Leben meiner Mutter; aus den \u00dcbereinstimmungen und Widerspr\u00fcchlichkeiten ergibt sich dann die eigentliche Schreibt\u00e4tigkeit. Wichtig ist nur, da\u00df ich keine blo\u00dfen Zitate hinschreibe; die S\u00e4tze, auch wenn sie wie zitiert aussehen, d\u00fcrfen in keinem Moment vergessen lassen, da\u00df sie von jemand, zumindest f\u00fcr mich, Besonderem handeln \u2012 und nur dann, mit dem pers\u00f6nlichen, meinetwegen privaten Anla\u00df ganz fest und behutsam im Mittelpunkt, k\u00e4men sie mir auch brauchbar vor.\u00a0<\/i><\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Abschnitten dieses Einschubs, reflektiert Handke den Unterschied zwischen dem autobiographischen und dem biographischen Schreiben. Hier mit sich selbst als der Hauptperson, auf der anderen Seite mit einer anderen Person, in diesem Fall seiner Mutter.<\/p>\n<h5>Der Autor als Kunstfigur<\/h5>\n<p>Interessanterweise gelingt ihm, wie er schreibt, normalerweise die Objektivierung der eigenen Person, des schreibenden Autors. Er wechselt dann vom beschreibenden Autor zum Beschriebenen. Entfernt sich aus seiner Innenwelt und betrachtet sich von au\u00dfen.\u00a0Bei seiner Mutter gelingt ihm das nicht.<\/p>\n<p><i>Eine andere Eigenart dieser Geschichte: ich entferne mich nicht, wie es sonst in der Regel passiert, von Satz zu Satz mehr aus dem Innenleben der beschriebenen Gestalten und betrachte sie am Ende befreit und in heiterer Feierstimmung von au\u00dfen, als endlich eingekapselte Insekten \u2012 sondern versuche mich mit gleichbleibendem starren Ernst an jemanden heranzuschreiben, den ich doch mit keinem Satz ganz fassen kann, so da\u00df ich immer wieder neu anfangen mu\u00df und nicht zu der \u00fcblichen abgekl\u00e4rten Vogelperspektive komme.<\/i><\/p>\n<p><i>Sonst gehe ich n\u00e4mlich von mir selber und dem eigenen Kram aus, l\u00f6se mich mit dem fortschreitenden Schreibvorgang immer mehr davon und lasse schlie\u00dflich mich und den Kram fahren, als Arbeitsprodukt und Warenangebot \u2012 dieses Mal aber, da ich nur der Beschreibende bin, nicht aber auch die Rolle des Beschriebenen annehmen kann, gelingt mir das Distanznehmen nicht. Nur von mir kann ich mich distanzieren, meine Mutter wird und wird nicht, wie ich sonst mir selber, zu einer beschwingten und in sich schwingenden, mehr und mehr heiteren Kunstfigur. Sie l\u00e4\u00dft sich nicht einkapseln, bleibt unfa\u00dflich, die S\u00e4tze st\u00fcrzen in etwas Dunklem ab und liegen durcheinander auf dem Papier.\u00a0<\/i><\/p>\n<h5>Die Beschreibung des Unbeschreiblichen.<\/h5>\n<p>W\u00e4hrend wir im Alltagsbewusstsein die Wirklichkeit oft in einer zeitlichen Abfolge von Ursachen und Wirkungen erleben (wollen), steckt f\u00fcr Handke genau dort die Fiktion. Um der <i>\u00e4u\u00dfersten Sprachlosigkeit,<\/i> in der sich Handke durch den Suizid immer wieder findet, zu begegnen, fingiert er eine kausale, temporale Abfolge von Ereignissen. Und in dieser Diskrepanz scheint sogar etwas Komisches auf.<\/p>\n<p><i>\u00bbEtwas Unnennbares\u00ab, hei\u00dft es oft in Geschichten, oder: \u00bbEtwas Unbeschreibliches\u00ab, und ich halte das meistens f\u00fcr faule Ausreden; doch diese Geschichte hat es nun wirklich mit Namenlosem zu tun, mit sprachlosen Schrecksekunden. Sie handelt von Momenten, in denen das Bewu\u00dftsein vor Grausen einen Ruck macht; von Schreckzust\u00e4nden, so kurz, da\u00df die Sprache f\u00fcr sie immer zu sp\u00e4t kommt; von Traumvorg\u00e4ngen, so gr\u00e4\u00dflich, da\u00df man sie leibhaftig als W\u00fcrmer im Bewu\u00dftsein erlebt.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>H\u00f6chstens im Traumleben wird die Geschichte meiner Mutter kurzzeitig fa\u00dfbar: weil dabei ihre Gef\u00fchle so k\u00f6rperlich werden, da\u00df ich diese als Doppelg\u00e4nger erlebe und mit ihnen identisch bin; aber das sind gerade die schon erw\u00e4hnten Momente, wo das \u00e4u\u00dferste Mitteilungsbed\u00fcrfnis mit der \u00e4u\u00dfersten Sprachlosigkeit zusammentrifft. Deswegen fingiert man die Ordentlichkeit eines \u00fcblichen Lebenslaufschemas, indem man schreibt: \u00bbDamals \u2012 sp\u00e4ter\u00ab, \u00bbWeil \u2012 obwohl\u00ab, \u00bbwar \u2012 wurde \u2012 wurde nichts\u00ab und hofft, dadurch der Schreckensseligkeit Herr zu werden. Das ist dann vielleicht das Komische an der Geschichte.)<\/i><\/p>\n<p>Indem Handke diese Momente der \u00e4u\u00dfersten Sprachlosigkeit zu formulieren versucht &#8211; schafft er Welt durch Sprache.<\/p>\n<p>So gesehen kann er behaupten er k\u00e4me von Tolstoi, Homer, Cervantes. Manch ein Autor heute kommt von Handke, vielleicht auch, ohne es zu merken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: white;\">Peter Handke, Peter Handke, Peter Handke<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Leser*innen, liebe Autor*innen, heute m\u00f6chte ich hier, nicht nur wegen der aktuellen Debatte um Peter Handke, den Nobelpreistr\u00e4ger, dessen Erz\u00e4hlung \u00bbWunschloses Ungl\u00fcck\u00ab vorstellen. Das Buch ist 1972 bei Suhrkamp erschienen. 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