7 Tipps - Wie schreibe ich eine gute Liebesszene

Wie schreibe ich eine gute Liebesszene #3 Drama

11. Februar 2021
Drama
Dramatik, Dramarturgie, Drama

Drama, Baby! Eine Geschichte – ist anderes als das Leben. Eine Geschichte ist verdichtetes Leben, auf den Punkt gebracht, dramatisiert. Das heißt nicht unbedingt, dass sie übertreibt, das Leben kann viel dramatischer sein, als eine Geschichte. Doch anders als im Leben, folgt eine Geschichte einem Erzählmuster, einer Dramaturgie. Meist ist es die 3- oder 5-Akte-Struktur. (Hier mehr dazu). Und was für das ganze Buch, die ganze Geschichte gilt, gilt ebenso für ein Kapitel und für eine Szene. Die große Ordnung findet ihr im Kleinen wieder.

Das heißt, auch eine Liebesszene hat eine Struktur und Dramaturgie. Das ist im echten Leben manchmal genauso, aber manchmal auch nicht.

Simpel gesagt: Eine Liebesszene hat einen Anfang, eine Mitte (Höhepunkt) und ein Ende. Und zwischen Anfang und Ende – passiert etwas. Eine Veränderung, ein Umschwung, eine Entwicklung, eine Erkenntnis.

Eine Menge kann zwischen Anfang und Ende passieren, und das muss nicht immer (nur) etwas Körperliches sein. Und das ist eine gute Nachricht, denn sie gibt euch viel mehr Freiheit, eine Liebesszene zu schreiben, als ihr vielleicht dachtet.

Beispielszene

Ich gebe euch eine Beispielszene, damit ich es besser erläutern kann. Sie kommt aus „Loving“, dem ersten Band meiner New Adult/Coming of Age- Serie. (Nicht, weil ich so ein großes Ego hätte, sondern weil ich fremde Texte nicht einfach benutzen kann :)

Die nachfolgende Szene mag ich sehr gerne. Sie ist nicht unbedingt eine typische Liebesszene, weil in ihr weder geküsst noch Sex stattfindet, aber es ist eine Liebesszene, die spätere Szenen vorbereitet und in der sich Tension, also Spannung zwischen den Charaktere aufbaut. Und sie hat eine klare Entwicklung, weshalb ich sie hier benutze.

Zur Einführung ein paar Worte: Ella erzählt die Geschichte. Sie ist mit Luca in einem Team, beide müssen für die Schule zusammen eine Arbeit zu „Stolz &Voruteil“ fertigstellen. Weil Luca sich das Bein gebrochen hat und einen Aircast trägt, treffen sie sich bei ihm. Sie sind in seinem Zimmer, Luca liegt auf dem Bett, Ella sitzt am Schreibtisch in einem reichlich chaotischen Zimmer.


Textbeispiel Loving S.68
(Luca) legt den Kopf schief und sieht mich an. „Du hast es doch auch noch nicht zuEnde gelesen, oder? Du hast dich jedenfalls nicht gemeldet.“
(Ella) „Ich habe das Buch schon zweimal gelesen, das ist nur schon eine Weile 
her, und … ich kenne das Buch jedenfalls.“
„Dann erzähl mir den Inhalt.“
„Darum geht es doch nicht. Es geht um die Sprache, wie Jane Austen das alles entwickelt. Die Art, wie sie die Dinge beschreibt. Darum lesen wir das Buch doch in der Schule.“
Er lächelt. „Na gut, dann lesen wir es jetzt eben zusammen.“
„Aber nicht auf deinem Handy!“
Luca zuckt entspannt mit den Schultern. „Von mir aus.“
Ich hole das Buch aus meiner Tasche und schlage es auf.
„Und? Wo bist du gerade?“
„Bei dem Brief. Von Darcy.“
Ich blättere zu der Stelle, etwa auf der Hälfte des Buches. Luca lässt seinen Kopf nach hinten auf den Kissenberg sinken und stöhnt. 
„Sollen wir das jetzt wirklich lesen?“
„Was denn sonst?“
Er hebt den Kopf, lächelt charmant. „Wir können ja auch ein bisschen rummachen.“
Rummachen?!
„Rummachen?“ Mein Gesicht glüht. Ja, ich war etwas verliebt in Luca, und ich mag Melanie nicht besonders, aber was soll das? 
„Hast du vergessen, dass du eine Freundin hast? Melanie?“
„Ihr seid doch gar nicht befreundet.“
„Moment mal, es geht nicht darum, ob ich mit ihr befreundet bin, sondern dass DU mit ihr befreundet bist, es …“ 
Warum diskutiere ich überhaupt? Ich schnappe mir meine Jacke und meine Tasche und balanciere zurück durch die Unordnung.
„He, warte!“
Luca erhebt sich erstaunlich schnell und geschickt von seinem Bett und hüpft oder besser stolpert mir auf einem Bein hinterher. Ich drücke die Klinke herunter, doch Luca legt seine Hand auf die Tür und drückt sie sanft, aber entschieden wieder zu.
„Tut mir leid. Sorry!“
Ich sehe ihn an, er lässt die Schultern sinken und wirkt tatsächlich zerknirscht. „Das war eine idiotische Bemerkung. Ich bin nur so … ich habe diese Verletzung und kann mich nicht bewegen und …“
Ich habe nicht vor, ihn damit einfach so davonkommen zu lassen.
„Und dann rummachen? Ernsthaft?“, sage ich streng.
„Ja, schon klar, war saublöd. Wenn du gehen willst verstehe, ich das.“ 
Er nimmt die Hand von der Tür. 

Anfang

Drama Wie schreibe ich ein e gute LiebesszeneJede Szene, also auch eine Liebeszene, hat einen Drama-Bogen. Ein Vorher und Nachher. Am Anfang dieser Szene sind beide – Ella und Luca – eher genervt von der Situation.  Beide befinden sich außerhalb ihrer Komfortzone. Ella will strukturiert arbeiten, sie liebt es zu lesen und Bücher allgemein. Doch hier sitzt sie in einem chaotischen Raum mit einem eher unwilligen Arbeitspartner.

Luca dagegen ist verletzt, sein Körper ist seine Stärke, er muss sich bewegen und ist durch den Aircast nun eingeschränkt. Er liest nicht viel und hat wenig Ahnung von Literatur, er ist von der Aufgabe, dieses Buch zu analysieren, überfordert.

Beide Charaktere sind extrem weit voneinander entfernt. Beide „leiden“ unter der Situation, wollen am liebsten weg.

Ein Anfang könnt aber auch ganz anders aussehen. Ein sich küssendes Paar, ein flirtendes Paar, ein Streit …  wichtig ist, dass der Anfang und das Ende unterschiedlich sind.

Mitte

Drama - Wie schreibe ich eine gute LiebesszeneZwischen Anfang und Ende – findet das Drama statt. Dann, wenn beide Charaktere sich austauschen, aufeinanderprallen. Hier ist es ein Dialog, der zeigt, wie unterschiedlich ihre Vorstellungen von der Arbeit, aber auch vom Leben sind. Ella hat eine genaue Vorstellung von dem Ablauf der Arbeit, Luca nimmt es eher so wie es gerade kommt.

Er will nicht lesen, Ella soll ihm alles erzählen. Kurz – er ist ein paar Tricks und Abkürzungen gegenüber nicht abgeneigt. Ella ist empört, weil sie weiß, dass der Weg Teil einer eigenen Erfahrung ist. Jane Austen zu lesen – ist tatsächlich etwas anderes, als die Geschichte in ein paar Sätzen zusammengefasst zu bekommen.

Und obwohl Ella hier eher als die etwas steife, brave Schülerin eingeführt wird, und Luca der lässige Coole ist, plädiert sie in dieser Szene für – Sinnlichkeit. Sie möchte den Text lesen, genießen, die Wirkung der Sprache spüren und Luca … verweigert diese Erfahrung.

Szenen werden dynamischer und auch dramatischer, wenn Charaktere unvorhergesehen handeln. Das Langweilige an Klischees ist, dass sie so vorhersehbar sind. Wir halten Luca für den sinnlicheren Charakter und Ella für etwas verklemmt – guess what –  hier ist es umgekert.

Der Mittelpunkt/Höhepunkt dieser Szene ist Lucas Angebot rumzumachen. Well, well … ich kenne Luca sehr gut, nach 5 Bänden sogar extrem gut und das ist ein typischer Luca-Move. Er ist verunsichert, er weiß nicht mehr weiter, er provoziert Ella. Aha, du willst Sinnlichkeit? Warum nicht gleich … loslegen? Und tatsächlich dreht sich die Situation wieder. Ella ist empört, Luca ist wieder der Lässige.

Und sie dreht sich erneut, als Ella aufsteht und geht, das Spiel verlässt, womit sie Luca – und vermutlich auch die Leser:innen – überrascht. Denn Ella mag Luca – eigentlich.

Ende

Das Ende dieser Szene beginnt, wenn Luca Ella hinterhereilt. Damit hat Ella nicht gerechnet, immerhin lag er vorher verletzt auf dem Bett.

Er springt für sie auch, Ella ist ihm wichtig, für sie kommt er in Bewegung. Eine Entschuldigungsgeste, wie jemanden Blumen zu bringen und zu sagen: Tut mir leid.

Als er dann hinter ihr steht und die Tür zudrückt – ist aus dem großen Abstand zwischen beiden – ein sehr kleiner geworden. Als Luca sich entschuldigt, wird aus dem anfänglich etwas groben Verhalten eine sehr nette Geste. Er gesteht Ella seine Verunsicherung ein, sie kann gehen, aber … will sie es noch?

Die Szene hat sich entwickelt, die beiden Charaktere stehen an einem neuen Punkt. Auch körperlich, von weit entfernt im Zimmer, bis zu ganz nah beieinander an der Tür. Wir sind beruhigt, wir haben das Gefühl, nicht nur den Charakteren, sondern auch uns ist etwas geschenkt worden. Wir haben mit ihnen eine (ja, ich sage es noch mal) Entwicklung durchgemacht.

Drama = Bewegung

Drama in eine Liebesszene zu bringen, heißt, den Charakteren eine äußere und innere Entwicklung zuzugestehen. Sie dürfen und müssen sich entwickeln. Es muss etwas passieren. Oft vergisst man das, wenn man eine intime, eine Kuss- oder Sexszene schreibt. Der größte Fehler wäre dabei, sich zu sehr auf das Technische zu konzentrieren.

Wie kommen beide von A nach B. Also ins Bett, auf den Balkon, in den Regen – dorthin, wo wir die Szene spielen alssen wollen. Das ist auch wichtig, aber vor allem muss es einen dramatischen Grund für die Entwicklung und Bewegung in der Szene geben. Was steht für beide auf dem Spiel? Was können sie verlieren? Was hält sie ab?

Konflikt

Auch wenn es in Liebesszenen zuerst darum geht, dass zwei Menschen sich für einander öffnen, sich näher kommen, sich Gefühle eingestehen, müsst ihr als Autor*in umgekehrt fragen: Wie kann ich Hindernisse schaffen, die beide überwinden müssen? Ein Konflikt muss kein Streit sein, es kann auch ein innerer Konflikt sein. Scham oder frühere Verletzung. Es können Menschen dazukommen, die die Szene unterbrechen, es kann ein Missgeschick oder ein Missverständnis geben.

Achtet aber darauf, nicht zu viel künstliche Tension zu schaffen. Als Kritik kommt dann oft: Warum haben die Charaktere denn nicht miteinader geredet? Prüft eure Widerstände und Konflikte, ob sie glaubwürdig und nachvollziehbar sind. Und habt Spaß, wenn ihr schreibt, lasst eure Charaktere verrückte und ungewöhnliche Dinge machen oder sagen, überrascht euch selbst.

Okaaayyy …

In der nächsten Woche geht es um – die Kussszene. Was macht sie zu einer besonderen Szene und wie kann man sie am besten schreiben?

Bis dahin –

xoxo

Katrin

#schreibtipps #redbugwriting

 

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply