Psychological Landscapes

#3 – Himmel und Erde

20. Januar 2021

„What we do in life echoes in eternity“
What we do on earth determines our heaven.

Gladiator

Gladiator ist ein Film  von Ridley Scott aus dem Jahr 2000. Mit Russell Crowe, Joaquin Phoenix, Connie Nielsen, Oliver Reed, Richard Harris. Das Drehbuch schrieben David Franzoni, John Logan, William Nicholson. Der Film wurde mit fünf Oscars ausgezeichnet, darunter dem Oscar für den Besten Film. Und er ist ein tolles Bespiel für den Einsatz von Landschaften, um eine Geschichte zu erzählen.

Maximus

Maximus ist ein römischer Feldherr. Bevor wir das wissen, lernen wir ihn kennen als einen Mann, der seine Heimat vermisst. Mit nachdenklichem Blick, der weit in die Ferne zu reichen scheint. Das warme gelb und grün seiner Erinnerung weicht einem düsteren und kühlen Blau, nachdenklichem Grün, Schwarz und Braun. Es ist Winter. Schnee liegt in der Luft. Vor uns erstreckt sich ein Schlachtfeld, an dessen Rand ein nicht einsehbarer Wald liegt. Nebel, oder der Rauch erloschener Fackeln, wabert durch feuchte Hügel, auf denen, abgeholzt, die Stümpfe verkohlter Bäume stehen, wie Kreuze auf einem Friedhof. Eine verwüstete, aufgebrochene Ebene. Hügel, natürlich oder aufgeschüttet. Grabhügel, Schanzen, Deckung. Wo vorher Wald stand, ist jetzt offenes, ungeschütztes Land, auf dem ein Konflikt ausgetragen wird. Es handelt sich um die Grenze Roms, die von germanischen Kriegern angegriffen und umkämpft wird. Es ist früher morgen. Die Sonne geht hinter den fahlen Wolken auf. Es ist der Auftakt zur Schlacht und der Auftakt von Maximus Geschichte.

Aus welchen Elementen setzt sich die Landschaft zusammen?
Welche Wirkung entwickelt sie dadurch?

Hier geht es nicht darum, etwas aufzubauen. Etwas zu kreieren. Angespitzte Baumstämme werden zu provisorischen Mauern. Stabil konstruiert, aber nur für die Dauer der Schlacht. Danach werden alle Zelte abgebaut, die Feuerstellen mit dem Fuß verscharrt. Eine Narbe in der Natur. Eine kahle Stelle, aufgewühlt, entwurzelt. 

Die Reste der Bäume, die aus der Erde ragen, leben vielleicht noch. Sind noch Zeugen der Verwüstung, des Umwälzen, Herumtrampelns. Ihre Wurzeln ziehen noch Wasser. Die Nadeln an heruntergerissenen Ästen sind noch grün. Hier gab es vor kurzem noch Leben. Ruhe, stille Einsamkeit. Unbeobachtete Natur. Jetzt rumpelt und knirscht es überall. Rufe. Die Erde zittert, Spaten knirschen durch die Verwurzelung. Wipfel wurden gekappt, Äste abgeschlagen, Stämme gefällt, Wurzeln umgewälzt. Wo Rom sich breitmacht, muss die natürliche Struktur weichen. Rom braucht Platz.

Rom braucht Hügel, auf denen die Herren stehen, ein Schlachtfeld für die Soldaten. Wälle, Mauern und Barrikaden. Aus diesen Landschaften zieht Rom ihre Macht. Wie Saft aus einem reifen Pfirsich. Das Echo der Hufschläge hallt nur noch leise im Colosseum wieder. Die Rufe, das Krachen umstürzender Bäume, das Klirren von rohen Klingen, Schädelknirschen, das Rauschen des Windes. Das alles geht unter, im geschäftigen Trubel von Roms sauber gefegten Straßen. Zwischen den Tuchhändlern und Kaufmännern, Straßenkünstlern und Feilscherinnen hört man den Wald nicht mehr. Und noch weniger in den langen Fluren aus Marmor, den stillen Schritten auf glattem Stein. Hier und da schleift eine Toga den Boden, klimpert ein Schlüssel am Bund. Ansonsten nur das Flüstern vieler Stimmen. Hinter Türen, Vorhängen, deinem Rücken.

In welcher Beziehung steht die Landschaft zu dem Charakter, der sich in ihr bewegt?

Genau wie die Landschaft vor ihm, ist Maximus von Schlachten gezeichnet. Noch ist er stark, wie die Wurzeln der Bäume. Jung genug, wie das Grün an den abgeschlagenen Ästen. Aber lange kann er den Verwüstungen des Krieges nicht mehr standhalten. Mit dem neuen Tag bricht auch für Maximums ein neues Kapitel an. Obwohl er auf dem Schlachtfeld erfolgreich ist, befindet er sich als Feldherr in einem ständigen Zustand der Entwurzelung. So, wie die Erde um in herum umgepflügt, zerwühlt, aufgebrochen ist und die Bäume ihren Halt verloren haben, ist auch Maximus von seiner Lebensgrundlage getrennt. 

Die straff organisierten Truppen Roms, in ihren geschmückten Rüstungen und vergoldeten Harnischen. Rom, das ist der Inbegriff von Zivilisation. Ordnung, Sauberkeit, Hierarchie. Die straff organisierten Truppen, in ihren geschmückten Rüstungen und vergoldeten Harnischen. Im Wald sitzen grobe Gestalten hinter den Bäumen, bis unter die Zähne bewaffnet. Bärtige Barbaren in Pelzen, Fetzen, Lumpen, Leinen.

Der Kaiser und sein Gefolge sind auf dem Hügel, der das Schlachtfeld überblickt. Maximus bewegt sich zwischen der Ebene, dem Schlachtfeld, und dem Plateau, auf dem die Herren sitzen, hin und her. Er ist das Bindeglied zwischen den einfachen Soldaten und denen, die sie befehlen.

Die Hoffnung ruht auf Maximus, der mit seiner pragmatischen und leidenschaftlichen Art, eine Brücke zwischen der Institution Rom und den Menschen schlagen kann. Das wird schon deutlich, in der Art und Weise, wie er seine Truppen animiert. Er schafft es, sie auf bodenständige Art und Weise mit einer Vision zu inspirieren.

Inwiefern spiegelt die Landschaft die Gefühlswelt des Charakters wieder? 

Wir können aus seinem Gesicht schließen, diese Landschaft ist nicht sein Zuhause. Hier ist er bei der Arbeit. Und er macht sie gut. Kann mit Entbehrungen, Gewühl, Gerangel und Karambolage umgehen. Krieg ist sein Beruf, Schlachtfelder sein Arbeitsgebiet. Vielleicht ist er in den Augen der anderen, seiner Soldaten und Anführer, zu dem geworden, was sie jeden Tag beobachten können. Ein fähiger Anführer, der Menschen animieren und inspirieren kann, für eine gute Sache zu kämpfen.

Aber in seinem Kopf, in seinen Träumen, ist er Vater, Ehemann und Landwirt. Er will das Korn zwischen seinen Fingern spüren, sich an dem erfreuen, das mit Einsatz und Liebe wächst und gedeiht. Schlachten sind nicht kreativ. Sie stabilisieren nur die Hoffnung Roms, noch ein wenig länger die Überhand zu behalten. Die Landschaft der Auseinandersetzung ist von Gegensätzen, Widersprüchen und Konflikt gezeichnet. Man arbeitet gegen die Natur, nicht mit ihr. Man nutzt sie, zu eigensinnigen Zwecken.

Im ersten Bild des Films sehen wir Maximus durch ein Kornfeld gehen, seine Hände die Ähren streifen. An diesen Ort sehnt er sich zurück. Müde vom Krieg, von Schlacht und Schlamm und Blutvergießen.
Dort warten seine Frau und sein Sohn auf ihn.

Die Felder seines Guts, sind ein Lebensraum. Sie ernähren seinen Haustand, sie bietet Frieden, Freiraum und Familie. Eine fruchtbare Landschaft, deren subtile Rauheit die Energie unterstreicht, die es gekostet hat, sie zu beackern, zu bepflanzen, zu bewirtschaften. Ein Ort, an dem Wildnis nutzbar gemacht wurde. Korn wiegt sich im Wind, Zypressen säumen den Weg zum Anwesen. So, wie Maximus selbst, strahlt diese Landschaft Wärme, Ruhe und Kraft aus.

Welche psychologische Funktion hat die Szene innerhalb der Geschichte?

Die erste Sequenz des Films dient dazu, den aktuellen Status Quo des Helden zu zeigen. Wo befindet sich Maximus zum Beginn der Erzählung. Mit welchen Problemen und Herausforderungen schlägt er sich herum, welche offensichtlichen Stärken und Schwächen hat er? Was hofft, befürchtet, ahnt er.

Das Leben ein Schlachtfeld. Dunkel, brutal, unordentlich. Rom kann, so hofft Maximus, Licht in dieses Dunkel bringen. Etwas mehr Ordnung und Struktur, Sauberkeit, Bewusstsein in das matschig verschlammte Durcheinander bringen, mit dem sich das Leben manchmal verwechseln lässt. Seine Vorstellung von Frieden, Liebe und einem guten Leben liegt in den fruchtbaren Hügeln seiner Heimat.

Für Maximus ist das Leben ein Kampf. Nicht weil er es liebt, sich mit Leuten anzulegen, sondern weil er es zum Beruf gemacht hat, für eine Sache zu kämpfen. An sie zu glauben, sie zu verteidigen und notfalls auch für sie zu sterben.

In dieser ersten Sequenz der Geschichte werden die ersten deutlichen Kontraste aufgespannt, die sich im weiteren Verlauf der Geschichte immer weiter anreichern. Insbesondere Maximus Vorstellung vom  Himmel und seiner Lebensrealität auf der Erde.

Himmel und Erde

Als ich ein Kind war, habe ich, eine Zeit lang, jedes Landschaftsbild mit zwei Balken begonnen. Einen blauen oben, einen grünen unten. So. Himmel und Erde sind definiert. Dann eine Sonne, links oben in die Ecke. Es werde Licht. Gut.

Rahmen

Mit Himmel und Erde haben wir, in den meisten Landschaften, unseren Rahmen gebaut. Oben und unten sind klar definiert. Die ersten zwei Bezugspunkte geben uns Halt für alle weiteren Elemente.

Oben und unten

Himmel und Erde bilden nicht nur einen Rahmen, sondern auch einen Kontrast: oben und unten. Dieser Kontrast besteht nicht nur physisch, sondern auch psychologisch. Durch ihren Gegensatz spannt sich ein Raum auf, in dem Leben und Geschichte passieren kann.

Der Himmel

Ist der Himmel puderweiß, kündigt sich Schnee an?

Der Himmel ist unser Instrument für kleine Prophezeiungen. Er ist die Projektionsfläche, auf der sich die gundlegendsten Veränderungen abzeichnen. Wird es hell oder dunkel, zieht es sich zu oder bleibt es klar, ist es warm oder kalt, spät oder früh.

Unsere Beobachtungen des Himmels haben immer eine dramaturgische Komponente. Ob wir schief heraus spähen, wird wohl Regen geben heute, oder den Nacken in den Kopf legen, keine Wolke am Himmel. In zehn Minuten ist es dunkel. Bald kann man wohl die Sterne sehen.

Geschichten passieren schon da, wo es uns oft gar nicht auffällt. Wir erzählen uns die Geschichte von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Von Sternen, Regengüssen, nahenden Gewittern.

Der Nachthimmel

Während tagsüber das Licht den Eindruck vermittelt, als würden wir unter einer hellblauen Kuppel herumlaufen, beschützt von zarter Atmosphäre, eröffnet der Nachthimmel neue Perspektiven. Wenn der Schleier des Tageslichts genommen wird, können wir unsere Verbindung zum Universum erspähen.

Das Firmament

Der Nachthimmel erlaubt uns einen unverstellten Blick in Universum. Sterne, Lichtjahre entfernt, blinken immer noch sichtbar, bilden funkelnde Muster, in denen wir Geschichten und die Zeit ablesen. Wir orientieren uns am Nachthimmel. Der Nordstern weist den Weg, Konstellationen helfen uns, uns auf der Erde zu verorten. Ein Koordinatensystem aus hellen Punkten vor dem unendlichen Indigo des Alls. Was am Himmel geschieht, was im Himmel geschieht, beeinflusst uns auf der Erde und umgekehrt.

Die Erde

Himmel existiert für uns immer im Kontrast zur Erde. Oben und unten. Was der Himmel gibt, nimmt die Erde bereitwillig. Flüsse schwellen an, Erde schwemmt auf, friert zu, birgt Keimlinge, wird hart und heiß, bäckt, lässt sich davontragen. So wie bei Sonne und Mond, wirkt es, als wäre der Himmel aktiv und die Erde passiv. Der Himmel schleudert blitze, die Erde nimmt sie auf. Es regnet, es regnet, die Erde wird nass.

Ohne die Erde würde das Potential des Himmels sich in (der) Luft auflösen. Wasser einfach durch die Atmosphäre fallen, Schnee im Wind verwirbeln. Die Sonne würde ihre Strahlen bin ins unendliche strecken, ohne, dass ein Blatt ergrünt. Die Erde hält das Material, das vom Himmel aktiviert wird. Sie ist Mutterboden, Hummus, Lehm aus dem das Leben geformt wird.

Was die Erde für uns mysteriös macht, ist, das viele ihrer Vorgänge im Verborgenen liegen. Die Erdoberfläche ist für uns undurchsichtig. Wollen wir herausfinden, was unter ihr liegt, müssen wir graben, schaben, umwälzen. In der Erde nach Informationen zu suchen, heißt, sich die Hände schmutzig zu machen. Bäume treiben ihre Wurzeln tief in sie hinein, vor Kälte und Hitze geschützt. Finden dort Wasser, Nährstoffe, neues Leben.

Bewusstsein und Unterbewusstsein

Wenn wir unser Bewusstsein durch eine zarte Horizontlinie in zwei Hälften teilen, dann ist oben all das, was wir bewusst wahrnehmen. Das, was wir wissen, kennen, was uns vertraut, akzeptabel, richtig, schön und gut erscheint. Im persönlichen Sinne das, womit wir uns identifizieren können. Unser Selbstbewusstsein, unsere Ideen und Erkenntnisse. Die Spähre der Sonne und des Lichts.

Unter der Linie beginnt die Welt des Unbewussten. Das, was uns in Träumen  begegnet, uns von innen motiviert, ängstigt, begeistert, antreibt, ohne das wir genau sagen können, warum. All das, was uns unlogisch, emotional, dumpf, düster, verboten, anziehend, unanständig, geheimnisvoll erscheint. Die Sphäre des Monds.

Die Sonne: aktiv, warm, heiter, hell, sengend, Ideen, Erkenntnisse, Selbstbewusstsein, Strahlkraft, Energie, Lebensmut, Heiterkeit, Hitze, Tag, Bewusstsein

Der Mond: passiv, leuchtend, kühl, geheimnisvoll, nachdenklich, anziehend, magnetisch, magisch, melancholisch, düster, unheimlich, Wildheit, Geheimnis, Nacht, Unterbewusstsein

Heilige Sphäre

In einigen Religionen ist der Himmel eine heilige Spähre, der Ort, an dem Gott, Götter, Richter, das Übernatürliche zu suchen sind.

Vielleicht liegt es an der Durchsichtigkeit des Himmels, der Tatsache, dass wir durch Licht und Luft ins Universum sehen können. Daran, das Licht und Wärme von oben kommen, fruchtbar machender Regen, Schnee, der Samen schützt. Alles Gute kommt von oben. Aber auch alles erschreckende. Blitze, Sturm und Meteoriten. Hagelsturm, Dunkelheit, Dürre.

Heute kann es einem vorkommen, als wäre unser Lebensraum eine Schneekugel. Von schützender Atmosphäre umgeben, in der sich Wetter zusammenbraut und entlädt, in der alles in einem sich ständig erneuernden Kreislauf geschieht. Zuvor lag die Vermutung nahe, das alles, was vom Himmel kommt, der der unvorstellbaren Weite entspringt, die uns umgibt. Und das damit dem Himmel ein Bewusstsein innewohnt, das über die Ereignisse auf der Erde entscheidet.


Rhythmus des Lebens

In diesen Bewusstsein verfügen Himmel und Erde über das Wissen zum richtigen Zeitpunkt. Wann kommt der Spross, wann die Frucht. Wann ist es Zeit zu keimen, zu jagen, zu brüten, zu schlafen. Ihre Kommunikation bestimmt den Rhythmus des Lebens. Die ersten Geschichten, Sagen und Mythen behandeln das, was zwischen Himmel und Erde geschieht. Erklären, warum Sonne und Mond auf- und abtauchen, warum Regen und Wind, Blüte und Frost aufeinander folgen.

Kreislauf: Zeit.

Himmel und Erde: Wo diese beiden Extrempunkte sich treffen, entsteht der Kreislauf des Lebens.  Im nächsten Beitrag geht es um ein weiteres Element: die Zeit.

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