Kreatives Schreiben mit Clustering

Kreatives Schreiben mit Clustering #8 Situationen

6. August 2020
Situation

Heute geht es um Situationen. Eine Situation ist mehr als ein Ort (mehr zu Orten und Clustering), mehr als ein Ereignis und ich würde sogar so weit gehen zu sagen, ein gutes Buch besteht hauptsächlich aus wahrhaftigen, guten, interessanten Situationen. Wobei „gut“ hier nicht meint, dass es unbedingt eine gute Situation ist, in der eure Protagonisten sind, sondern eine, die treffend beschrieben ist und im Handlungszusammenhang perfekt passt.

Das Wort Situation bezeichnet die Lage oder Position, die Gebundenheit an Gegebenheiten oder Umstände, aber auch (psychologisch) die Beschaffenheit bzw. Wirksamkeit einer definierten oder (klar) eingegrenzten Region oder eines Gebietes. (Wiki)

In der oberstehenden Definition wird auch deutlich, dass Situation nicht nur persönlich sein muss oder lokal begrenzt ist. Die Pandemie, die wir gerade erleben, ist auch eine Situation und wie wir gerade alle sehen und erfahren, hat sie große Auswirkungen auf unser privates und berufliches Leben.

Situationen in Geschichten

Situation betrifft den Menschen in der Welt. Demgegenüber beschreibt der Begriff Lage einen mehr objektiv vorhandenen Zusammenhang.

Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen euren Charakteren und der Situation, in der sie sich befinden. Eine bestimmte Situation kann eine Charakter herausfordern oder behindern, eine glückliche Gelegenheit sein oder eine Chance.

Ich bin gerade dabei den 6. Band einer Serie (Playing-Serie) zu schreiben und weil meine Serie diesmal exakt im Jetzt spielt, kommt meine Handlung und kommen damit auch meine Charaktere im letzten Band in die Frühphase der Corona-Epidemie. Zuerst wollte ich das auf jeden Fall vermeiden und habe überlegt, ob ich einfach so tue, als ob alles ein Jahr früher spielt, aber das ist tatsächlich gar nicht so einfach, denn es waren ja schon fünf Bände geschrieben und veröffentlicht. Denn wenn man viele Zeitbezüge in ein Buch einbaut – Songs erwähnt, die zu einem früheren Zeitpunkt noch nicht released sind oder Ereignisse – oder auch Plattformen und Apps, oder Technik einbaut, die zu einem früheren Zeitpunkt noch nicht existiert hat, wird es schnell ganz eng.

Also habe ich mich entschlossen, es als Herausforderung zu sehen und erstaunlicherweise festgestellt, dass eine Pandemie nicht nur eine sehr interessante Situation für eine Geschichte ist, sondern – da besonders die Künstler von dieser Ausnahmesituation betroffen sind – es tatsächlich sehr viel Sinn macht, direkt im Zeitgeschehen zu bleiben, weil es interessante Story-Plotpoints gibt.

Für mich war es ein sehr seltsames Gefühl, als mir klargeworden ist, dass ab jetzt alle zeitgenössischen Bücher anders geschrieben werden müssen, weil sich umarmen//reisen//Konzerte geben//Bekanntschaften machen etc vielleicht für immer verändert sein werden. Und zwar – ganz egal wo auf der Welt und ob auch egal, ob einige diese Pandemie für eine Täuschung der Regierung halten.

Historische Situationen

Und, ja. Irgendwann sehen wir dann auf eine historische Situation zurück und  können sie als abgeschlossenes Ereignis betrachten. Das ist das spannende an historischen Romanen, die die Charaktere in eine vergangene Situation setzen. Hier kann die Autor*in entscheiden, was die Figuren der Geschichte sagen und denken, aber so ziemlich alles andere ist festgelegt. Kleidung, Manieren, Umgang, die politische Situation, die gesellschaftliche Stellung. Jede Geschichte, die eine reale Zeit für eine Handlung wählt, ist an die jeweiligen Gegebenheiten gebunden:  Handys gab es im 18. Jh nicht und im 21. Jh spielen Pferde keine wesentliche Rolle mehr im Stadtverkehr.

Das ist auch der Grund, warum man historische Romane so genau recherchieren muss. Vielleicht auch, weshalb viele Autor*innen sich lieber für eine Fantasy-Welt entscheiden, da dort alles möglich ist. Aber ist das wirklich so? Nun, zumindest muss eine neu erschaffene Welt eigene Gesetze haben und ihren eigenen Gesetzen dann auch folgen. Wir wollen wissen, ob es Drachen gibt und ob sie fliegen können Ist das etabliert, dann wundern wir uns nicht mehr, wenn die Prinzessin auf einem Drachen entführt wird.

Situation und Konflikt

Situationen im eigenen Leben sind meist eher undramatisch. In einer Geschichte wird ganz bewusst eine dramatische Situation herausgegriffen, weil so Spannung und Erwartung entsteht. Manchmal erleben wir das auch im eigenen Leben, wenn wir oder andere einen Unfall haben oder eine bedrohliche Krankheit. Okay, ja, jeder von uns wird diese Situationen früher oder später erleben und vielleicht am Ende sogar sagen: Diese Zeit war hart aber intensiv.

Genauso ist es mit dem „dunklen Geheimnis“ der Protagonisten einer New Adult-Geschichte. Es  vermittelt den Wunsch nach einer Lösung und Auflösung und macht einen ansonsten eher einfache Liebesgeschichte komplizierter. Ich finde ja, es ist langsam genug mit „dunklen Geheimnissen“, sie sind mittlerweile ein New-Adult-Klischee und tuen dem „Genre“ nicht gut und erinnern immer mehr an Heftchenroman-Dramatik, wo verlorene Väter, uneheliche Töchter und Söhne und ein tiefes Drama der Vergangenheit so zuverlässig zu finden sind wie das Happy End. But – that’s just me, hoping for better stories …

Clustern von Situationen

Die Clustering-Methode funktioniert immer dann, wenn man mit einer Idee oder einem Charakter oder einem Ort beginnt und sich schnell einen Überblick darüber verschaffen will, wie viel diese Idee hergibt. Übrigens auch im richtigen Leben. Hey, ich könnte dieses Jahr nach Spanien reisen! Und statt Pros und Cons aufzulisten, kann man diese auch in miteinander verbundene Clusterblasen packen und so herausfinden, welches Clusterbild einem am Ende besser gefällt.

Und jetzt geht es in die Praxis. Mittlerweile seid ihr ja schon Profis. Ihr könnt meine Cluster als Übung benutzen oder aber als Anregung, euch euren eigenen Clusterbaum zu erschaffen, angepasst an eure derzeitige Schreibsituation.

Situationen können sich schnell ändern. Auch das macht eine spannende Geschichte aus. Und heute habe ich etwas Besonders für euch. Ihr clustert zu zwei Bildern. Bild eins ist eine VORHER-, Bild zwei eine NACHHER-Situation.

Clustering – VORHER-Situation

Hierbei kommt es darauf an, möglichst viele Worte zu finden, um die Situation „normal“ zu beschreiben. Dinge, die euch nicht auffallen, weil sie normal sind. Unauffällig. Das kann die Situation im Zugabteil sein, aber ihr könnt auch auszoomen. Stichworte: Berufsverkehr//Wochentag. Oder ihr wählt Worte wie: sicher//pünktlich. Manchmal fällt erst auf, was sich geändert hat, wenn man die zweite Situation sieht. Das Danach. Dann lasst einfach einige Clusterfelder frei und kommt später zurück.

Clustering – Die NACHHER-Situation

Und nun zu Situation zwei. Okay, irgendetwas ist zwischen Bild eins und Bild zwei passiert. Die Situation hat sich verändert. Zwischen den Bilder passiert die Handlung. Wenn ihr jedes Bild genau betrachtet, seht ihr, wo sich Dinge verändert haben und welche Details für das Dazwischen wichtig sind. Darüber kann man dann ein spannendes Kapitel oder auch eine ganze Geschichte schreiben.

Auch eine Möglichkeit wäre übrigens, im Text einfach von Bild eins oder Situation eins, direkt zu Situation zwei zu springen. Allein durch die sogfältig Beschreibung  der Dinge auf Bild eins und Bild zwei entsteht in der Vorstellungskraft des Lesers ein Dazwischen.

Natürlich bleibt hier vieles unserer Fantasie überlassen. Gut so. Jeder, der die Geschichte zwischen Vorher und Nachher erzählt, wird vermutlich auf etwas anderes Gewicht legen.

So entstehen viele Geschichten. Was macht ihr aus Vorher und Nachher? Was mag dazwischen passiert sein? Zombie-Apokalypse oder Überfall der Schlammmonster. Oder ist dies nur der letzte Reisende im Zug an der Endhaltestelle?

 

Ich habe zwei Worte eingesetzt, aber ihr seht die Situation vielleicht ganz anders. Endlich Ruhe, das Abteil für mich. Hm? Füllt die Clusterfelder und überrascht – euch selbst.

Gespür für Situationen

Oft sind Situationen sprachlos. Doch ihr müsst natürlich trotzdem Worte finden, die der Leser*in einen Hinweis geben. Ich fand keine Wort//Ich wusste nicht, was ich sagen sollte// mögen ehrliche Worte von Zeugen sein, aber ihr Autor*innen dürft sie weder euch noch den Leser*innen sagen. Findet Worte!

Findet schöne Situationen, beschreibt sie, viel Glück dabei.

Okay, was passiert nächsten Monat? Hm, so richtig entschieden bin ich noch nicht, daher – Lasst euch überraschen.

Bis dann

xoxo

Katrin

#redbugwriting #schreibtipps #rbpub #clustern

 

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