DIY-Donnerstag, Kreatives Schreiben mit Clustering

Kreatives Schreiben mit Clustering #6 Freund*in

18. Juni 2020
Freund und Freundin

Was ist eine Freund*in? Nun, das hat sicher jeder eine eigenen Vorstellungen. Ich denke aber, es gibt eine Reihe von Eigenschaften, die wir uns alle von Freunden wünschen:

  • Loyalität
  • Ehrlichkeit
  • Zuverlässigkeit
  • Hilfsbereitschaft
  • Zuneigung
  • Kameradschaft
  • Erreichbarkeit
  • Offenheit
  • Unterstützung
  • Vertrauen
  • Großzügigkeit
  • Selbstbewusstsein
  • Einfühlungsvermögen
  • Tatkraft

Eine Freundin*in, die all diese Eigenschaften hat, wäre fast schon etwas erschreckend. Manchmal haben wir mehrere Freunde, die verschiedene dieser Eigenschaften haben und die wir auch zu unterschiedlichen Zeiten ansprechen. Den kräftigen Kumpel – wenn wir Hilfe beim Umzug brauchen. // Die modebewusste Freund*in, wenn es um ein Outfit für eine Party geht//die ehrliche Freund*in – wenn es um eine wichtige Beratung geht. Am liebsten hätten wir alle dieser Eigenschaften selbst, aber meist ist die eine oder andere besser oder schlechter ausgepärgt. Hier kommt die Freund*in ins Spiel.

Freunde in Geschichten

FreudinIn Geschichten übernehmen Freund*innen – Funktionen. Das klingt erst einmal sehr sachlich und wenig nach dem, was wir mit einer Freund*in verbinden: Wir denken eher an eine Seelenverwandte*n, eine Begleiter*in, eine Vertraute*n. Doch natürlich übernehmen Freunde in unserem Leben auch Funktionen. Sie stützen und unterstützen uns (und wir sie) sie ermuntern und beraten uns (und wir sie.) Und dies ist auch eine Funktion, die sie in Geschichten übernehmen. Sie stützen und unterstützen die Held*in. (Es gibt auch Verräter*innen … doch das ist ein anderes Thema).

Meist haben Freund*innen andere Charaktereigenschaften als die Held*in, damit sie die Qualitäten der Held*in ergänzen oder ausgleichen können. Eine schüchterne Heldin hat eine sehr offene, freche Freundin. Eine unvernünftige Heldin hat einen vernünftigen Freund. Eine schlampige Heldin einen ordentlichen Freund.

Freunde unterstützen das Team der Held*in. Sie helfen beim Lösen der Aufgabe oder Challenge, sie begleiten auf Reisen und kämpfen Schulter an Schulter mit der Held*in um den Sieg im Kampf. Sie sterben sogar manchmal auf dem Weg und opfern sich für die Sache, die die Held*in dann am Ende zum Erfolg führen muss.

Freunde von Feinden

Auch Feinde haben Freunde. Doch während die Beziehung von Held*innen zu ihren Freund*innen eine gute, unterstützende ist und aus Liebe, Zuneigung und Verständnis erwächst, zeigt der Feind auch in Freundschaften sein Schattengesicht. So unterdrückt, manipuliert und kommandiert er seine Freund*innen eher herum. Kein Feind kann eine liebende Beziehung zu seinen Freunden haben, weil er sonst kein richtig fieser Feind mehr wäre.

Muss es immer so klischeehaft sein?

Klischees sind Erzählmuster, die so oft verwendet werden, bis sie allgemein bekannt und langweilig werden. Klischees sollte man immer vermeiden. Was oben steht, ist das simple Grundprinzip. Doch auch Geschichten haben sich über die Zeit entwickelt und sind vielschichtiger geworden. Gute Geschichten haben sowohl facettenreiche Held*innen – die durchaus auch einmal schlechte Eigenschaften haben können – als auch facettenreiche Feind*innen, die auch ein paar gute und liebenswürdige Eigenschaften haben können. Schwarz und weiß, gut und böse, wird manchmal grau, darf aber nie so weit miteinander verschlieren, dass wir nicht mehr wissen, was die Geschichte uns eigentlich erzählen will.

Freund*innen sind Verstärker

Eine Freundin bringt die Eigenschaften der Heldin deutlicher zum Vorschein. In der Interaktion mit der Freundin, erkennen wir ihre besonderen Eigenschaften. Gibt es ein Gegenüber, ist es leichter, die Held*in zu verstehen. Hat die Held*in eine epingelige Freundin, tritt die Großzügigkeit der Held*in deutlicher hervor.

Hat die Heldin*in schwierige Aufgaben zu lösen, können Freunde Teile davon übernehmen, Kuppler*in und Agentin, Spionin und Mitkämpferin werden. Je nach Art der Geschichte sind die äußeren oder die inneren Qualitäten einer Held*in wichtiger. Im Kampf machen starke Freunde Sinn, bei der Lösung kniffleliger Aufagaben ist Intelligenz hilfreich. Da Held*innen, die alle guten Eigenschaften haben, sehr unglaubwürdig sind, kann man so einige Eigenschaften auf die Freunde „auslagern.“

Was geht in der Held*in vor?

Sehr oft ist die Freund*in nötig, um die Gefühlszustände und Gedanken der Held*in deutlich zu machen. Ein innerer Monolog kann uns über die Gedanken der Held*in aufklären, aber wie wir wissen, entsteht so keine lebendige Diskussion. Freunde bringen Argumente gegen verrückte Aktionen ein oder haben selbst verrückte Vorschläge. Sie bringen Bewegung in die Geschichte.

Gibt es Geschichten ohne Freunde? Nun, selbst wenn der Held (Wie – zum Beispiel – beim Fänger im Roggen) allein durch die Stadt zieht, dann findet er immer wieder Gesprächspartner und kurzzeitig Verbündete, die dann an die Stelle von einem Freund oder einer Freundesgruppe treten.

Freund*in clustern

Nun geht es an die Praxis. Dafür habe ich einen „alten“ Helden wiederbelebt. Lucian, vielleicht erinnert ihr euch. Er ist 15, mitten in der Pubertät, in der man Freunde bekanntlich am nötigsten hat. Die Aufgabe lautet: Gebt Lucian einen Freund und eine Freundin. Achtung: Kein Love-Interest. Und das ist schon etwas schwierig, denn Lucian hat keine*n Partner*in.

Beide Freund sollten ihn ergänzen oder herausfordern, sich aber auch voneinander unterscheiden. Heißt: Lucian hat zwei Freunde, einer ist männlich, die andere weiblich. Alter und ethnische Herkunft – vollkommen egal. Alter auch. Warum nicht seinen kleinen Bruder zum besten Freund haben? Oder die uralte Nachbarin. Aber es muss deutlich werden, wieso diese Freunde Lucian so gut unterstützen können. Welche Eigenschaften seine eigenen ausgleichen, ergänzen, vervollständigen. Wo er herausgefordert wird (der Bodybuilder-Freund? Die Kickboxerin-Freundin?) oder vielleicht extrem bestätigt (der andere NERD-Freund).

Los geht’s.  Zur Erinnerung noch einmal Lucians Clusterbild.

 

Und jetzt baut ihr seine Freunde. Dazu könnt ihr das gleiche Clusterschema verwenden oder ein eigenes machen. Macht es so verrückt und aufgefallen wie möglich.

 

Ein Freund, ein guter Freund

Wenn ihr die Übung beendet habt, seht ihr vermutlich schon eine gewisse Dynamik zwischen den Charakteren. Je nachdem wie ihr euch entschieden habt, ergeben sich Handlungsmöglichkeiten für Lucian. Doch noch ist nicht klar, in welcher Umgebung seine Geschichte spielt. Welches Ziel er hat. Welche Aufgabe. Oder?

Freund*in Clustering Red Bug BooksDenn sobald ihr ihm Freund*innen gebt, bewegt sich die Geschichte schon in eine bestimmte Richtung. Das ist der Grund, warum viele Autor*innen mit den Charakteren beginnen, wenn sie schreiben.  So lässt sich eine Geschichte – ganz ohne Plotten – zusammnebauen.

Schon wenn ihr Freunde für den Helden Lucian wählt, könnt ihr Muster erkennen. Geht es um eine körperliche Transformation? Der stille Lucian wird zum besten Schwimmer? Geht es um Technik? Erfindet er etwas? Besucht ihn ein Alien – und wird vielleicht zum besten Freund?

Als nächstes macht es Sinn, sich etwas mehr um die Umgebung der Story zu kümmern. Also Orte und Zeiten. Das kann man nämlich auch hervorragend clustern. Wo spielt die Geschichte? In welcher Zeit?

Nächsten Monat sind dann erst einmal die Orte dran. Wo spielt die Handlung? Wie kann ich den Ort lebendig weden lassen? Wie erschaffe ich eine Story-Welt?

Bis zum Juli – genießt den Sommer

xoxo

Katrin

#redbugwriting #schreibtipps #kreativesschreiben #rbpub

 

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