DIY-Donnerstag, Kreatives Schreiben mit Clustering

Kreatives Schreiben mit Clustering #4 Held*in

23. April 2020
Die Held*in

Weiter geht es mit dem kreativen Clustering. Letzte Woche ging es um Charaktere und heute um die Held*in. Hm, da fragt sich vielleicht jemand – wo ist der Unterschied? Sind die Charaktere einer Geschichte nicht die Held*innen? Okay, das wird jetzt ein kleiner Exkurs in Profi-Schreiben. Aber  – keine Angst, das ist leicht zu verstehen.

  • Charaktere, Figuren – sind alle Menschen, die in eurem Buch auftauchen.
  • Held*in oder Protagonist*in – ist die Hauptperson eurer Geschichte.

Denn selbst, wenn das Buch sich nicht nur um eine Held*in dreht, gibt es sozusagen Haupt- und Nebenrollen in eurem Buch. Haupt- und Nebencharaktere. Damit wird erstmal keine Wertung über den einzelnen Charakter abgegeben. Wir denken zwar bei Held oder Heldin oft an den/die strahlende Kämpfer*in im goldener Rüstung, aber ihr könnt natürlich auch den Jungen unter der Treppe zum Helden eures Buches machen. Held*in bezeichnet den Platz, den ihr einer Figur in euer Geschichte gebt. Von ihm oder ihr handelt die Story. Um sie oder ihn geht es.

Die Aufgabe der Held*in

Held*in ist kein leichter Job. In der Geschichte ist es sowohl die Hauptrolle also auch der härteste Job. Während andere Charaktere der Geschichte sanfte Entwicklungen durchmachen oder auch nur mal kurz auftauchen, lastet auf der Held*in die Verantwortung für die Geschichte. Ist die Held*in langweilig, ist es das Buch. Ist die Held*in unsympathisch, wird das Buch schlecht ankommen. Unsympathisch – ach ja. Das lese ich oft in Rezensionen – mir ist die Held*in unsympathisch! – und denke mir, es ist wie im echten Leben, sehr subjektiv. Und das ist auch okay so. Für mich ist Bella in Twilight eine extrem nervige Protagonistin, aber viele Mädchen können sich wunderbar mit ihr identifizieren.

Eure Held*in ist der Dreh- und Angelpunkt der Story. Und daher kann man mit Held*innen so gut clustern.

Die Reise der Held*in

Weil Held*innen sehr oft die immer gleichen Entwicklungen in Geschichten durchmachen, gibt es dafür sogar einen Begriff: Reise des Helden oder die Heldenreise (mehr dazu). Das heißt nicht, dass alle Held*innen das Gleiche machen, sondern die innere Reise ähnlich ist. Die Entwicklung. Von naiv und unerfahren zu weiter, größer, schlauer, erkenntnisreicher. Das ist die Reise, die die Leser*in mit Gewinn mitverfolgt, weil sie ihr sagt: Auch du kannst größer, stärker und weiser werden, auch du kannst wachsen.

In der Realität sieht das oft anders aus: Da macht die Freundin zum x-ten mal den Fehler mit dem gleichen Typen und – hey – auch in bestimmten Geschichten hat man das Gefühl, dass sich das Liebespaar immer wieder streitet und zusammenkommt, der König immer wieder gegen eine neues Land Krieg führt und verliert oder gewinnt und es keinen wirklichen inneren Fortschritt gibt. Ihr erkennt ein gutes Buch daran, dass dort mehr passiert als eine Wiederholung. Dass es eine Entwicklung, eine Erkenntnis, eine Erweiterung des Horizonts für die Held*in und euch gibt.

Frodo aus dem Herrn der Ringe hat am Ende eine Erkenntnis erlangt. Nicht der Ring/die Macht war wichtig, sondern diese Erkenntnis. Die Held*in, die am Ende den Typen kriegt – ist nur dann interessant, wenn sie im Laufe der Geschichte auch eine innere Entwicklung durchgemacht hat.

Das ist die ultimative Aufgabe der Held*in – sich weiter zu entwickeln, zu wachsen.

Held*innen: vorher- nachher

Wenn ihr euch eine Held*in vor  und nach der Geschichte anseht, dann seht ihr den Unterschied. Von naiv und unerfahren – zu weise und erfahren – um es ganz simpel zu sagen.

Vorher und nachher. Holt eure Stifte und Blöcke – die Übung beginnt:

Die Vorher-Held*in
  • Sucht euch als erstes eine beliebige Figur, die ihr zur Held*in eurer Geschichte machen wollt.
  • gebt ihr oder ihm einen Namen
  • und viele Eigenschaften
  • und Besitztümer (oder auch keine)

Nehmt zum Beispiel eine der Figuren, die ihr in der letzten Woche erschaffen habt. Oder erschafft eine neue. Gebt ihr ein Leben, einen Beruf, eine Stellung. Und habt dabei im Kopf, dass es eine Entwicklung geben muss. Von der Vorher-Held*in zur Nachher-Held*in. Also erst Held*in Cluster eins und danach – Cluster zwei. Doch erstmal das eine Cluster.

Das Einfachste ist, eure Vorher-Held*in in eine missliche und unterdrückte oder schwache Position zu stecken (ja, daher hat J.K. Rowling Harry unter die Treppe verbannt …), denn von dort kann man leichter aufsteigen. Komplexere Held*innen können auch stark beginnen und dann noch stärker werden, aber wir halten es bei dieser Übung einfach. Ich mache wie immer mit.

Ab hier legt ihr los und wenn ihr fertig seid, könnt ihr schauen, was ich gemacht habe.

Vorherheldi*in clustern

Ich bin mit meiner Heldin in den Weltall gegangen. Zu jeder Held*in gehört eine Welt, doch um das Weltenerschaffen machen wir uns später Gedanken und Clustern dann auch dazu. Weil ich weiß, dass diese Heldin später aufsteigen und wachsen wird, habe ich ihr ein paar Vor- und Nachteile gegeben, die sie im Laufe ihrer Heldenreise nutzen kann oder die ihr den Weg etwas schwerer machen. So wie Harry Pottter erfährt, das er ein riesiges Vermögen hat oder den stärksten bösen Zauberer als Feind. Den Hindernisse machen eine Reise erst interessant. Äußere Nachteile wie der niedrige Stand in ihrer Gesellschaft und ihre Ungläubigkeit oder dass sie Hellseherin ist, die sie sogar gefährden und Vorteile, wie ihr Verstand und ihre Geschicklichkeit.

Es geht nicht darum, einer Vorher-Heldin nur negative Eigenschaften zu geben und sie in eine extrem missliche Lage zu versetzen. Ihre Reise/Entwicklung muss glaubwürdig sein. Daher pendelt das ein wenig aus. Jede Eigenschaft kann ihr helfen oder schaden, das macht die Reise so spannend.

Nachher-Heldin clustern

Jetzt überlegt, wie das Ende der Reise für eure/n Nachher-Helden/in aussehen könnte. Auf welchem Weg macht die Held*in die größte und wertvollste Entwicklung durch?

  • gebt der Nachherheld*in neue Eigenschaften
  • gebt ihr/ihm neuen oder anderen Besitz
  • gebt ihr/ihm neue Verbündete oder Freunde
  • Lasst eure Helden Verluste und Gewinn erleiden

Und beginnt zu clustern. Stift raus – ich mache wieder mit.

 

Die Nachher-Held*in

Meine wunderbare Sunja ist zur Herrscherin aufgestiegen. Sie hat eine großartige Entwicklung durchlaufen aber – sie ist noch lange nicht an ihrem Entwicklungsziel angelangt. Ich denke, sie hat Potenzial für eine Serie ;) Auf dem Weg hat sie ein Auge verloren, aber sie ist auch besonnener geworden. Ein paar Altlasten aus ihrer Vergangenheit habe ich auch entdeckt, denn die Liebe zu dem Diener wird sicher noch mal ein Problem in Band 2 werden. Ebenso ihr Machthunger und der Zoff mit den Marsianern.

Aber natürlich ist es eine irrsinnige Entwicklung von einer Dienerin zu einer Herrscherin. Von dem Jungen unter der Treppe zum mächtigsten und bekanntesten Zauberer der Welt. Wir alle mögen große Geschichten!

Ich hoffe, eure Nachher-Held*innen sind auch größer und reifer oder mächtiger geworden. Im Übrigen kann man die Sache auch umdrehen und in einer Geschichte eine Heldin*in absteigen lassen. Auch eine spannende Reise, auf der man viel lernen kann. In Geschichten gibt es kein besser oder schlechter, was zählt, ist einzig der Weg, der zurückgelegt wird, die Entwicklung, die die Held*in durchlebt.

Hui, jetzt werde ich diese Geschichte einer Königin im Weltall erstmal wieder aus meinem Kopf entlassen. Im Mai geht es dann um die Antagonist*in oder Feind*in. Denn auch die machen eine Entwicklung durch und werden geclustert.

Bis dann – bleibt gesund

xoxo

Katrin

#clustering #rbpub #redbugwriting #schreibtipps

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1 Comment

  • Reply Kreatives Schreiben mit Clustering #5 Feind*in - Red Bug CultureRed Bug Culture 21. Mai 2020 at 16:02

    […] nur Groll (auf die Nachbar*in) – keine echte, spannende Geschichte. Wie ich schon letzte Woche sagte: Geschichten handeln von Veränderung. Vom Wachsen. Und heute füge ich hinzu: Vom Integrieren der […]

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