7 Tipps - Wie schreibe ich ein spannendes Buch?

7 Tipps – Wie schreibe ich ein spannendes Buch #7 Cliffhanger

26. Februar 2020
Cliffhanger

Heute geht es um den Cliffhanger. Den „am Überhang Hängenden“ oder Klippenhänger (klingt jetzt wirklich mies). Erfunden hat ihn 1837 der britische Schriftsteller Thomas Hardy. Er brachte seinen Roman „A Pair of Blue Eyes“ in einer  monatlich erscheinenden Zeitschrift heraus und endete in einer seiner Folgen mit einem Mann, der sich an einem am Überhang hängenden Grasbüschel festhielt. Tada! Der Cliffhanger war geboren.

Werbebreak! Nun, den gab es damals noch nicht, genauso wenig wie das Fernsehen. Die fiesen Unterbrechungen in Serien habe ich in den 80ern in Amerika zum ersten Mal kennengelernt, in Serien, in denen ohne Probleme an den spannendsten Stellen – ein Auto im Flug Richtung Wasseroberfläche – einfach mal ein Schokoriegel eingeschoben wurde. Ich fand das ganz schön nervig, aber ganz sicher bin ich in diesem Moment nicht aufgestanden und aus dem Raum gegangen, was wohl der Sinn der Sache war.

Würde ich also die monatlich erscheinende Zeitschrift genauso gespannt erwarten, wenn ich mich nicht fragen würde, ob der Mann in den Abgrund stürzen wird? Vielleicht. Aber vielleicht ist zu wenig, wenn man die Leser*innen an seine Geschichte binden will. Vielleicht ist verdammt vage, wir wollen: sehr sicher!

Gute und schlechte Cliffhanger

Ich liebe an Cliffhangern die handwerkliche Herausforderung. Kann ich es schaffen, an das Ende einer an sich abgeschlossenen Handlung eine spektakuläre offene Frage zu stellen?

Nun ist der Cliffhanger zwar die Bezeichnung für eine bestimmte Situation – Mann hängt an Fels//Messer wird erhoben//Auto fliegt über Klippe – aber nicht diese eine Situation ist das Entscheidende, sondern wie ihr an diese Stelle kommt. Schlechte Cliffhanger sind wie schlechte Lösungen (siehe Deus ex machina im Konflikt-Beitrag) für Konflikte. Sie tauchen unvermittelt auf und stellen eine Frage, die nichts mit dem Gesamtzusammenhang zu tun hat. Plötzlich taucht ein neuer Charakter auf und verkündet – ich bin der Vater//Sohn//Mörder. Oder – ohne, dass es sich logisch ergibt – fällt jemand tot um//rennt weg//taucht auf.

Ein guter Cliffhanger wird dagegen langsam vorbereitet. Er kann überraschend, darf aber nicht vollkommen unlogisch sein. Gute Cliffhanger lassen sich aus dem Gesamtzusammenhang der Geschichte logisch erklären. Es sind keine spontanen und willkürlich auftauchenden Probleme, sondern Zuspitzungen von Konflikten – deren Lösung man dem Leser vorenthält. Und obwohl der Cliffhanger oft als mieser Trick bezeichnet wird, ist er eigentlich ein sehr komplexes Kunststück, das die wenigsten Autor*innen gut beherrschen.

Cliffhanger psychologisch

In den 1920er Jahren wies Bluma Zeigarnik experimentell nach, dass man sich an unterbrochene Handlungen unter bestimmten Voraussetzungen besser erinnert als an vollendete. Dieses Phänomen nennt man den Zeigarnik-Effekt.

Der Zeigarnik-Effekt ist ein psychologischer Effekt über die Erinnerung an abgeschlossene im Gegensatz zu unterbrochenen Aufgaben. Er besagt, dass man sich an unterbrochene, unerledigte Aufgaben besser erinnert als an abgeschlossene, erledigte Aufgaben. (Wikipedia)

Eine angefangene Aufgabe baut eine Art Spannung auf. Wird man sie beenden? Kann ich sie beenden? Vielleicht auch: Ich sollte/muss sie beenden. Ist die Aufgabe erledigt und abgeschlossen – kennen wir alle – stellt sich ein befriedigtes Gefühl ein. Wir fühlen uns belohnt und sind befriedigt und im gleichen Zuge -vergessen wir die Sache. Erledigt!,  sagt unser Gehirn, wozu soll ich mich damit noch beschäftigen?

Nicht gut, sagt die Autor*in, die gerne möchte, dass die Leser*in weiterliest. Lassen wir also immer noch etwas liegen, was dem Leser das Gefühl von „unerledigt„, „nicht abgeschossen“ gibt und damit die innere Spannung hochhält. Dagegen kann sich keiner wehren, das ist sozusagen programmiert.

Kapitel- Cliffhanger

CliffhangerDen Zeigarnick-Effekt können wir uns an jeder Stelle in unserer Geschichte zunutze machen. Am meisten Sinn macht er am Ende von Serienbänden oder Kapiteln. Mit einem gelesenen Kapitel assoziieren wir: Abgeschlossen. Fertig.

Also deuten wir an, dass eben nicht alles fertig ist und geben den Leser*innen einen Kick, um das nächste Kapitel, die nächste Aufgabe in Angriff zu nehmen.

Idealerweise endet jedes Kapitel mit einem Minicliffhanger. Ja, auch in der Belletristik oder hohen Literatur. Kennt ihr das, wenn ihr am Anfang eines Kapitels mal kurz vorblättert, um nachzusehen, wie groß das nächste Kapitel ist? Das tut ihr aber ganz bestimmt nicht, wenn ein Kapitel so spannend endet, dass ihr einfach weiterlesen MÜSST.

Nach dem Cliffhanger

Genauso wie ein Cliffhanger gut vorbereitet werden sollte, muss es auch nach dem Cliffhanger logisch und nachvollziehbar weitergehen. Auch hier gibt es einige Tricks, die man sich besonders gut von amerikanischen Serien abschauen kann. Kennt ihr das? Eine Serienfolge endet – zum Beispiel – mit einem Flugzeugabsturz. Also skippt man gleich weiter zur nächsten Folge, man muss wissen, wie es weitergeht. Doch nicht immer wird einem gezeigt, wie das Flugzeug zertrümmert am Boden liegt, sondern manchmal wird der Spannungsmoment hinausgezögert und genutzt, um uns erst noch etwas anderes von der Nebenhandlung zu erzählen.

Das ist riskant. Aber wenn es meisterlich gemacht wird, baut sich vor der Beantwortung der Cliffhangerfrage – Überleben alle den Flugzeugabsturz? – eine neue Frage auf. Zum Beispiel: Gab es etwa einen Anschlag auf das Flugzeug? //Wer könnte ihn verübt haben?//Sitzen wirklich alle in dem Flugzeug, die wir dort vermuten? Mit einem Mal kann die Cliffhangerfrage auf dem Hintergrund der neuen Fragen vollkommen unwichtig werden.

Denn wird uns danach gezeigt, dass das Flugzeug eine sichere Notlandung hingelegt hat, ist die erste Frage beantwortet, alle haben sicher überlebt, doch nun beschäftigen uns die neuen Fragen (mehr zu offenen Fragen): Was hat der Attentäter mit dem Anschlag beabsichtigt?//Was wird er tun, wenn er erfährt, dass alle Reisenden überlebt haben?//Wann finden die Reisenende heraus, dass sie ermordet werden sollten?

Es ist genauso wichtig, einen Cliffhanger gut vorzubereiten und auszuarbeiten, wie nach dem Cliffhanger geschickt fortzufahren. Klar, könnt ihr die Frage am Anfang des nächsten Kapites oder Bandes direkt beantworten. Ihr könnt aber auch neue Fragen im Zusammenhang mit dem Cliffhanger stellen und damit neue Spannung aufbauen.

Cliffhanger sind offene Fragen, die an dramaturgisch wichtige Stellen gesetzt werden. Sie stehen an Enden von Kapiteln und Serienbänden, können sich aber auch an Enden von Abschnitten oder sogar am Ende eines Dialogs befinden.

Cliffhanger in Dialogen

Nichts ist langweiliger als Dinge, die man vorausahnt und die dann auch genauso eintreffen. Ihr solltet immer von dem schlauen und smarten Leser*innen ausgehen. Dies vergisst man oft in Dialogen, die häufig viel zu selbsterklärend sind. Warum nicht einmal eine Frage in einem Dialog unbeantwortet und bis zur nächten Szene im Raum hängen lassen?

Cliffhanger müssen nicht nur Situationen sein, sie können auch eine offene Frage in einem Dialog sein. Das Gespräch ist nicht zuende, doch wir verschweigen der Leser*in, was noch alles gesagt wird. Seid mutig und erfinderisch mit diesen kleinen Herausforderungen. Schlaue Leser*innen lieben das.

CliffhangerZusammenfassend
  • Baut Cliffhanger an Enden von Kapiteln und an Enden von Serienbänden, um das Interesse der Leser*innen hoch zu halten.
  • Bereitet den Cliffhanger dramaturgisch vor.
  • Löst den Cliffhanger logisch und elegant auf.
  • Verbindet Cliffhanger mit dem Spannungsmittel „offene Fragen“.
  • Verwendet Cliffhanger auch in Dialogen und am Ende von Szenen.
  • Wendet auch dieses Stilmittel nur wohldosiert an.

Und vor allem: Habt keine Hemmungen Cliffhanger anzuwenden, auch wenn andere dieses wunderbare Spannungsmittel als billig bezeichnen.

Cliffhanger – sind cool.

Weiter mit Spannungsmitteln geht es in zwei Wochen. Mein nächster Tipp wird sich mit der Frage des Tempos in Geschichten beschäftigen. Wie erzählt man schnell und wie langsam und wie lässt sich dadurch Spannung aufbauen? Wie vergeht Zeit in Geschichten und wie könnt ihr sie steuern.

Bis dahin – gutes Schreiben!

xoxo

Katrin

#redbugwriting #rbpub #schreibtipps #spannung

 

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