7 Tipps - Wie schreibe ich ein spannendes Buch?

7 Tipps – Wie schreibe ich ein spannendes Buch? #2 Der Anfang

13. November 2019
Anfang

Der Anfang einer Geschichte ist nicht nur der Teil, den die Leser*in zuerst liest, sondern auch der Teil eines Buchs, der von der Autor*in – hoffentlich – am meisten umgearbeitet wurde. Es gibt da diesen Auspruch eines Drehbuchautors, der sagt, der Anfang bleibt nie der Anfang, sondern wird mit Sicherheit zu 80% umgearbeitet werden. Warum? Weil er so ungemein wichtig für ein Buch ist. Er muss stimmen, er muss die Leser einstimmen, er muss sitzen, er muss die Leser packen, mitreißen, in das Buch ziehen.

Gehört ihr zu den Leser*innen, die im Buchladen ein Buch aufnehmen und die erste Seite lesen? Ich mache es auch so. Denn wenn der Anfang mich schon langweilt, sehe ich schwarz für den Rest. Stellt euch das handwerklich vor. Entweder, die Autor*in hat mit dem Anfang begonnen und ihn dann immer wieder umgearbeitet. Und während das Ende des Buches nur – vielleicht – drei bis viermal umgearbeitet wurde, stand der Anfang die ganze Zeit da und wurde über die Schreibzeit ständig geprüft und verändert. Also vielleicht 50 mal überarbeitet. Dann sollte er stimmen. Dann erwarte ich hier höchste Perfektion.

Oder – auch eine beliebte Variante – nachdem das Buch fertig geschrieben wurde, ist der Anfang ganz neu hinzugefügt worden, weil man nämlich erst dann, wenn das Buch ganz fertig ist, am besten weiß, worüber es handelt und worum es geht und damit auch die beste Einleitung schreiben kann. Aber auch dann sollte er stimmen.

Anfänge im Anfangen

Mein erstes Buch (Radio Gaga) habe ich über eine lange Zeit – vielleicht drei Jahre – geschrieben. Es entstand nach einer Filmidee für eine Serie. Die Idee hatte ich in einem Exposé schon ausgearbeitet, aber ein Exposé ist kein Buch, also begann ich anders. Für mich war klar, dass das Buch mit der Erzählstimme meines Hauptcharakters beginnen musste. Ein innerer Monolog. Und dann begann langsam die Handlung.

Als das Manuskript (in Papier) fertig war, habe ich es an drei große Verlage geschickt und bekam es mit freundlichen Absagen zurück. Wenn man etwas zurückbekommt, sieht man es neu und kritisch und das habe ich getan. Auf einmal fand ich den Anfang zu langsam und schwerfällig. Ich habe daraufhin zwei Dinge in zwei Schritten geändert. Zuerst habe ich eine starke Szene an den Anfang gelegt. Rocco kommt nach Berlin, das fand ich eigentlich kompliziert genug, er musste sich eingewöhnen. Doch dann wurde mir klar, dass dies alles nur Gedanken und Gefühle waren. Es fehlte etwas Bildliches. Darum habe ich eine Szene geschrieben, in der Rocco von seinen Mitschülern übel gequält wird. Nicht, weil ich glaube, dass es an Schulen so zugeht, sondern weil ich ein starkes Bild brauchte, etwas, was die Leserin beim Lesen stocken lässt, in Atem hält.

Als zweites habe ich einen kleinen Text an den Anfang gestellt, den ich mal einen Mood-Text nenne. Und der stammte aus dem ursprünglichen Exposé für die Filmidee. Wenn man ein Exposé für eine Filmproduktion schreibt, dann versucht man sie damit wirklich aus den Socken zu hauen und hat dafür nur sehr wenig Raum, also vielleicht zwei Seiten Text. Diese Texte müssen knallen und obwohl sie kurz sind, steckt meist sehr viel Arbeit darin. Und, hey!, ich hatte die Arbeit doch schon geleistet, warum nicht einfach den Anfang des Exposés verwenden?

Danach habe ich den Text neu ausgedruckt und beim Peter Härtling-Preis eingereicht. Und gewonnen. Ich sage das nicht, um anzugeben, sondern weil ich grundsätzlich sehr froh war, dass ich den Text in der richtigen Weise verändert hatte. Ich hatte den Anfang stärker gemacht.

Was ist ein guter Anfang?

AnfangNun hat das Schreiben von guten Anfängen sehr viel damit zu tun, wie gut man überhaupt schreiben kann. Aber das wäre ja ziemlich lahm, hier zu sagen: Wer´s kann, der kann’s. Denn ich glaube, dass man auch als Schreibanfänger*in einen guten Anfang (und überhaupt Text) schreiben kann, nur muss man eben als Anfänger länger an seinen Texten und Anfängen arbeiten. Und dafür ist es gut zu wissen, worauf man achten sollte. Hier eine Liste, ein Quick-Check.

Ein guter Anfang …

  • kommt sofort zur Sache
  • hat ein schnelles Tempo
  • beginnt mit einer spannenden Szene
  • zieht die Leser*in in den Text
  • stellt eine oder mehrere Fragen, ohne sie gleich zu beantworten
  • berührt die Leser*in, verführt die Leser*in
  • interessiert und überrascht die Leser*in
  • macht neugierig

Am besten sollte man drei oder vier Punkte auf der Liste abhaken können. Denn ein spannender Anfang muss nicht gleichzeitig schnell, ein berührender Text nicht unbedingt spannend sein. Hier muss man gut mixen, denn wenn man es übertreibt, verliert man die Leser*in genauso wie mit einem langweiligen Anfang. Da alle diese Punkte immer wieder im Text relevant werden, widme ich mich ihnen noch intensiver in den einzelnen Blogbeiträgen, also keine Angst, ihr verpasst nichts.

Wie lang ist der Anfang?

Vielleicht vorher noch eine scheinbar naive Frage: Was heißt Anfang? Die ersten zwei Sätze? Die erste Seite? Die ersten Seiten? Ich nenne den Anfang die erste Sequenz. Die kann nur über eine halbe Seite gehen, ein Prolog von einer ganzen Seite sein oder der Beginn der Erzählung, der einen über die ersten 10-20 Seiten immer tiefer in das Buch zieht. Ein Textabschnitt, der zusammengehört. Den man im besten Fall in einem Atemzug liest.

Anfang

Der Anfang sollte aber zum Rest passen. Er muss eine ehrliche Einführung sein. Eine Art Ouvertüre für euer Buch. Am Anfang einen Mord geschehen zu lassen, der dann auf den nächsten hundert Seiten weder eine Rolle spielt noch erwähnt wird, erfordert Könnerschaft, ansonsten ist es nur ein blöder Gag, ein Trick. Auch sollte man die Leser*in nicht mit Versprechungen in ein Buch locken, die man nicht einlösen kann. Wenn man mit : „Es war das Ende der Welt …“ beginnt, muss einem klar sein, dass das Buch anschließend im Weltall spielen muss.

Subjektiv – objektiv

Das größte Problem beim Schreiben ist, dass wir als Schreiber*innen in uns sind, da drinnen, wo es warum und dunkel und ruhig ist, wo wir nach den tiefen echten Gefühlen und Erinnerungen suchen. Und die Leser*innen da draußen sind, wo es eine Menge Ablenkung gibt und bunte Lichter und Geräusche und Goldglitzer oder staubige Zimmerecken, wo ein Kleinkind auf sie einredet oder der Postmann klingelt. Wenn ihr herausfinden wollt, ob euer Anfang spannend ist, dann dürft ihr ihn nicht in eurem dunklen, ruhigen Ort lesen. Ihr müsst ihn unter härtesten Bedingungen da draußen testen.

Ein Beispiel: Kennt ihr das, wenn liebe Menschen, die ihr mögt, von ihren Reisen erzählen? Und ihr wollt ihnen wirklich gerne und aufmerksam zuhören. Und die einen (A) fesseln euch. Sie erzählen von den Höhepunkten und aufregenden Ereignissen oder den poetischen Begegnungen auf ihrer Reise, die anderen (B) verlieren euch schon bei der Schilderung, wie sie auf dem Flugplatz nach ihrem Reisepass gesucht haben. Was hat A richtig, was hat B falsch gemacht? Nun, A hat sich gefragt, was euch wohl interessieren könnte. Und B hat sich erinnert, was für ihn/sie selbst aufregend war.

Viele Autor*innen machen genau diesen Fehler. Sie beginnen mit einem weitschweifigen Anfang und dann sind sie in diesen Anfang, diese Sequenz ihrer Geschichte verliebt. Und sie vergessen, dass dies nicht unbedingt grundsätzlich für alle spannend ist. Doch stopp – ich sage nicht, dass ihr euch – immer – fragen sollt, was die Leser*in spannend findet. Ihr solltet euch aber schon fragen, wie ihr die Leser*in dazu bekommt, das, was ihr spannend findet, ebenso spannend zu finden.

Also wenn ihr die – für euch – spannende Geschichte von dem fast verlorenen Reisepass erzählen wollt, dann überlegt euch, wie ihr sie spannend macht. Oder lustig. Oder unerwartet. „Wir also zum Flughafen, alles schick und dann sagt Esther: „Hey, Manne, gibt mal den Reisepass!“ Und ich so: „Den hast doch du.“ Und die Frau hinter dem Counter: „Sir, Miss, sie haben noch fünf Minuten, dann geht ihr Flieger …“

Schneller Einstieg

Ein schneller Einstieg in die Geschichte ist wichtig, er steht auf meiner Liste ganz oben, ebenso wie das schnelle Tempo. Aber auch hier wieder die Frage: Was heißt schnell? Schnell heißt nicht hektisch. Vielleicht erkläre ich es mal von der anderen Seite her. Langsam, zäh, langweilig. So beginnen zum Beispiel Fantasyautor*innen gerne mit epischen Beschreibungen der Welt oder Landschaft. Aber wir kennen es vom Film. 3 Sekunden, ein kurzer Schwenk über die Landschaft, reicht uns, um einen Eindruck zu bekommen. Wenige Worte, ein Satz, sollten euch daher auch reichen, um das Setting zu beschreiben. „Es war eisig, ein trockener Wind ging über das kahle Land.“ Und dann: Aktion. Also eine Szene, ein Dialog. Etwas passiert.

Versetzt euch, wenn ihr euren Anfang lest, in die Leser*in hinein. Wo wird es spannend? Warum nicht gleich dort beginnen? Manchmal reicht es, die Sätze einfach nur umzustellen. Denn es gibt Momente im Text, da ist die Leser*in sogar froh, wenn das Erzähltempo etwas langsamer und gemütlicher wird. Da kann man dann ein paar ausführlichere Beschreibungen einschieben.

Learning by reading

Um viel über Anfänge zu lernen, lohnt es, in die Bibliothek zu gehen, wahllos Bücher aus den Regalen zu ziehen und Anfänge zu lesen. Und wenn euch ein Anfang packt – dann seht genau hin. Geht es vielleicht sofort mit einem Dialog los? Oder sogar einer Aktion? Werdet ihr neugierig, wie es weitergeht? Woran liegt das? Um gut schreiben zu könnne, muss man gut analysieren können. Das heißt, andere Texte beurteilen. Schauen, was für Methoden oder Tricks andere angewendet haben, um ihren Text spannend zu machen. Klar, kann man das nicht einfach kopieren (oder – doch man kann. Sehr viele Autor*innen kopieren ganz exellent, aber auf Dauer ist es dann eben nur das: eine Kopie, kein Original). Also besser gesagt: Lernt von anderen und wendet die Tricks dann auf euer Schreiben an.

In meiner Quick-Liste gibt es noch mehr Tipps für einen spannenden Anfang, doch diese bespreche ich in den nächsten Wochen. Merkt euch nur, dass alle Tipps besonders auf den Anfang zutreffen. Im nächsten Beitrag geht es um – Suspense.

Bis dahin –

xoxo

Katrin

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