DIY-Donnerstag, Genre/Themen/Storys

GENRE/THEMEN/STORIES #9 COMMUNAL DRAMA

17. Oktober 2019
Communal Drama

Heute möchte ich die Struktur eines weiteren Ablegers des Personal Dramas vorstellen. Leider habe ich noch keinen wirklich guten Bergriff dafür gefunden. Die Begriffe Gesellschaftsroman und Sozialdrama scheinen mit zu sehr mit den historischen Dramen des 19. Jahrhunderts assoziiert zu sein. Deswegen würde ich hier eher auf den vielleicht offeneren englischen Begriff Communal Drama zurückgreifen, den auch Philip Parker benutzt.

Wir hatten uns am Beispiel von Isabel Lehns Frühlings Erwachen schon das Inner Drama angesehen und mit Harry Potter und der Stein der Weisen ein Episches Drama vor uns. Worin unterscheidet sich hiervon das Communal Drama?

Im Communal Drama geht es um einen Protagonisten, der im Widerspruch zu der Gemeinschaft steht, in der er lebt. Der Konflikt ist kein innerer, sondern wird von außen, von der Gesellschaft an ihn herangetragen. Er muss auch nicht die ganze Welt retten, sondern nur sich selbst.

Die Struktur

Die Struktur ist ähnlich wie bei den anderen Personal Dramas auch.

  • Es gibt einen Protagonisten, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird.
  • Dieser Protagonist macht im Laufe der Story eine große Entwicklung.
  • Er liegt quer mit der Welt, der sozialen Gemeinschaft, der Gesellschaft in der er lebt.
  • Die untergeordneten Geschichten der Nebencharaktere deklinieren den gleichen Konflikt durch.
  • Der Plot wird vorangetrieben von dem Wunsch des Protagonisten, den Konflikt zu vermeiden oder zu lösen.
  • Die Nebenfiguren haben oft einen ähnlichen Konflikt, arrangieren sich aber, oder gehen damit anders um als der Hauptcharakter.
  • Die Story spielt größtenteils in einer eindeutig bestimmten, klar definierten Gesellschaft.
  • Innerhalb dieser Gesellschaft, sind es oft unterschiedliche Orte, durch die die Gemeinschaft definiert wird.
  • Das Thema ist häufig der Wunsch nach Selbstwertgefühl und Anerkennung.
MIROLOI

Als ein leicht zu lesendes aktuelles Beispiel par excellence für ein Communal Drama ist der Roman von Karen Köhler. MIROLOI, 2019 erschienen bei Hanser. Übrigens in einer sehr schönen Aufmachung.

Im Klappentext ist zu lesen:

Ein Dorf, eine Insel, eine ganze Welt: Karen Köhlers erster Roman erzählt von einer jungen Frau, die als Findelkind in einer abgeschirmten Gesellschaft aufwächst. Hier haben Männer das Sagen, dürfen Frauen nicht lesen, lasten Tradition und heilige Gesetze auf allem. Was passiert, wenn man sich in einem solchen Dorf als Außenseiterin gegen alle Regeln stellt, heimlich lesen lernt, sich verliebt? Voller Hingabe, Neugier und Wut auf die Verhältnisse erzählt „Miroloi“ von einer jungen Frau, die sich auflehnt: Gegen die Strukturen ihrer Welt und für die Freiheit.

Der erste Abschnitt

Schon im ersten Abschnitt lässt uns Karen Köhler das Genre, die Welt der Protagonistin und ihr Problem, als Außenseiterin in einer Gesellschaft, die ihr feindlich gegenübersteht, erkennen.

Da ist die Protagonistin, eine Ausgestoßene, die in der Ersten Person, Singular, Präsens erzählt. Sie ist das ICH in der Geschichte. Und dem ICH steht eine Gemeinschaft in der Dritten Person, Plural entgegen.

»So eine wie mich, sagen sie, so eine hätten sie weggemacht.«

Und auch die Location wird in wenigen Bildern eingeführt. Wir sind in einem Dorf, dessen Bewohner sich offensichtlich abkapseln gegen die Außenwelt. Denn außerhalb des Dorfes gibt es noch ein unbestimmtes Drüben, »von dem jeher nur Schlechtes gekommen ist.«

Innerhalb des Dorfes gibt es ein Bethaus. Es ist keine Synagoge, keine Kirche, keine Moschee, kein Tempel. Damit wird sofort deutlich, wir sind in einer unbestimmten fremden, aber wiedererkennbaren Welt.

Schon nach nur knapp 15 Zeilen wissen wir, worum es in dem Buch geht. Wer die Heldin ist, wer die Bösen sind, was der Konflikt ist, wie die Welt beschaffen ist und in welchem Ton erzählt wird.

  • Wir sind im Kopf der Protagonistin, sehen die Welt aus ihrer Sicht.
  • Wir erkennen gleich, dass es sich hier um ein Communal Drama handelt.
  • Die Protagonistin liegt überkreuz mit der Gesellschaft, fühlt sich fremd, ausgestoßen.
  • Diese Gesellschaft ist der Antagonist in der Geschichte.
  • Greift die Existenz der Protagonistin an.

Entrückt sind auch die anderen Komponenten des Buches. Die anderen Orten, die dörflichen Institutionen, das Essen, die Zeit. Alles ist sehr genau wiedererkennbar, aber ein wenig aus der bekannten Wirklichkeit gerückt. Das heilige Gesetzbuch etwa, das die Vorherrschaft der Männer legitimiert, wird Korabel genannt, fremd und doch vertraut. Wir hören noch Koran, Bibel und Tora heraus.

Nebencharaktere

Im weiteren Verlauf wird nach und nach eine überschaubare Anzahl von Nebencharakteren eingeführt, die die Hauptfigur unterstützen. Es sind vor allem Frauen, die ebenfalls unter den rückständigen, patriarchalen Strukturen der Gemeinschaft leiden. Diese Nebenfiguren arrangieren sich auf unterschiedliche Weise mit den Verhältnissen und reflektieren so die Story der Hauptprotagonistin.

Während die Unterstützer Individuen mit Namen, Geschichten, Wünschen und Hoffnungen sind, bleiben bezeichnenderweise die antagonistischen Kräfte eher unbestimmte Mitglieder der feindlichen Gemeinschaft. Sie treten in Gruppen auf. Die Kinder, die alten Frauen, die Betmänner.

Die Sequenzen

Ich möchte auch hier das Buch wieder nicht spoilern, daher gebe ich nur ein paar Andeutungen, die euch dazu anregen sollen, das Buch in Hinblick auf seine Struktur und die Abfolge der Sequenzen hin zu lesen.

  • Individuelle Mentoren zeigen der Protagonistin neue Wege.
  • Dadurch erscheinen neue Möglichkeiten für die Protagonistin, durch die aber das Hauptproblem nicht gelöst wird. Im Gegenteil es häufen sich mehr Probleme an.
  • Die Protagonistin lernt sich besser kennen und nimmt einen neuen Anlauf ihr Problem zu lösen.
  • Dabei tritt ein zweites Ziel in den Vordergrund.
  • Nebencharaktere und drittrangige Charakter werfen ein weiteres überraschendes Problem auf.
  • Die Hauptprotagonistin scheint sich auf die Möglichkeit eines unvorhergesehen Ausgangs einzustellen.
  • Die Hauptprotagonistin erreicht ihr zweites Ziel.
  • und löst dadurch einen noch größeren Konflikt aus.
  • Das Hauptproblem verschärft sich.
  • Die Hauptprotagonistin verliert das zweite Ziel und entscheidet sich, einen neuen Kurs zur Lösung des Hauptproblems aufzunehmen.
  • Die Nebenstory wird zu Ende gebracht.
  • Und die Hauptprotagonistin strebt der endgültigen Lösung ihres Problems zu.
Coming-of-Age

Da es sich bei der Protagonistin um ein heranwachsendes Mädchen handelt, das im Laufe der Story auch ihre Sexualität entdeckt, könnte man das Buch auch mit einigem Recht für einen typischen Coming-of-Age-Text halten. Coming-of-Age ist ein weiteres Subgenre von Personal Dramas. Die Struktur ist in weiten Teilen identisch mit der eines Communal Dramas.

Der Unterschied ist hier lediglich, dass es in Coming-of-Age-Texten, um einen oder mehrere Jugendliche geht, die erwachsener erscheinen wollen, erwachsener werden wollen, erwachsener werden.

In Miroloi ist das Problem der Protagonistin nicht das Erwachsenwerden, sondern die überlebensnotwendige Emanzipation von der antagonistischen Gesellschaft, die sie in ihrer Existenz bedroht.

Um Coming-of-Age soll es in einem der nächsten Beiträge in dieser Reihe gehen.

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