DIY-Donnerstag, Genre/Themen/Storys

GENRE/THEMEN/STORIES #7 YESTERDAY

22. August 2019
Yesterday

Liebe Leser*Innen, liebe Autor*innen, liebe Filmfreund*innen, heute muss ich mal einen kurzen Abstecher zum Film machen. In der letzten Woche habe ich mir im Kino Yesterday angeschaut. Leider.

Warum leider? Nun der Film war durch und durch misslungen. Ich glaube, das kann man nicht anders sagen. Voller Klischees, voller Plotholes, voll unmotiverter und unerklärter Wendungen. Voll von ausgelassenen Möglichkeiten.

Und vor allem, und das ist es, was uns hier interessieren soll, ist es ein Film mit einem Genreproblem.

Achtung! Obwohl ich mich bemühe, nicht mehr Filminhalt zu erzählen, als in den Trailern zu sehen ist, ist der Beitrag vermutlich nicht ganz spoilerfrei.

Ein Film mit einem Genreproblem

Kaum zu glauben bei einem Drehbuchautor wie Richard Curtis. Einer meiner Drehbuchheros. Curtis ist bekannt für seine grandiosen Romantic Comedys: Four Weddings and a Funeral, Nottoing Hill, Bridget Jones’s Diary, Love Actually …

Der Film geht dann allerdings als typisches Personal Drama los. Eher die Domain von Regisseur Danny Boyle: Trainspotting, 127 Hours, Slumdog Millionaire, Steve Jobs …

Himesh Jitendra Patel spielt den erfolglosen Singer-Songwriter Jack Malik. Der Film beginnt also wie so viele gute Personal Dramas: mit einem symphatischen Held in seiner normalen Welt. Und die normale Welt ist der Schrank unter der Treppe, der Bus, dem man hinterherläuft oder in diesem Fall eben das leere Festivalzelt, in dem Malik vor ein paar gelangweilten, spielenden Kindern zu rocken versucht.

Wir erinnern uns: im Personal Drama geht es um einen Protagonisten, der einen großen Entwicklungsbogen macht. Vom Jungen unter der Treppe zum berühmtesten Zauberer der Welt, vom Jungen, der dem Schulbus hinterherläuft, zu Spiderman.

(Okay, hier tut sich auch noch ein Genderproblem auf. Personal Dramas mit weiblichen Protagonistinnen? Mir fallen spontan Eat. Pray.Love. und Ostwind 4 – Aris Ankunft ein.)

Die Zuschauerin, die Leserin spürt diese Ungerechtigkeit, wünscht dem Helden, dass er aus dieser kleinen, ihn einschränkenden Welt herauskommt. Und es kommt dann auch ein Auslöser, der der Geschichte eine neue Wendung gibt. Eine neue Möglichkeit ankündigt. Ein Brief mit einer Einladung, auf die berühmteste Zaubererschule der Welt zu kommen, der Biss einer seltsamen Spinne, die Superkräfte verleiht, oder eben eine Kollision mit einem Bus und ein unerklärlicher Stromausfall, der dazu führt das Malik plötzlich der (fast) einzige Mensch auf der Welt ist, der sich an die Beatles und deren Songs erinnert.

Die Weigerung des Helden

Klar kann der Protagonist seine neuen Fähigkeiten nicht sofort nutzen. Er wird vielleicht einfach von den Dursleys daran gehindert, oder glaubt er könne sich ein einfaches Kostüm basteln und im Bierzelt wresteln. Oder er könne, wie in Yesterday, einfach nur seinen Freunden schöne Lieder vorspielen.

Es wird gezeigt, wie unser Songwriter immer erfolgreicher wird, indem er seine Superkraft nutzt. Die darin besteht, dass er nicht nur der Einzige zu sein scheint, der sich an die Songs der Beatles erinnert und sondern sie obendrein auch noch spielen kann. Bald rockt er die Stadien der Welt, er wird besser als – und das ist für Briten vielleicht kaum vorstellbar – Ed Sheeran. Und hier kommt Yesterday schon von der Bahn ab.

Der fehlende Mentor

Ed Sheeran, der sich selbst spielt, ist eine tragische Figur in diesem Film. Nicht weil er im Songschreibwettbewerb gegen Jack Malik verliert. Sondern weil ihm Richard Curtis nicht die Mentorenrolle geschrieben hat, die dem Film hier fehlt. Harry Potter hat Dumbledore, Peter Parker hat Onkel Ben. Jack Malik hat Ed Sheeran? Leider nicht. Denn dann hätte Sheeran irgendetwas sagen müssen, wie: »Aus großer Kraft, wächst große Verantwortung« Soll heißen: »Es geht hier nicht nur um dich, Jack Malik.« Peter Parker muss die Welt vor dem Verbrechen retten. Harry muss – wir wissen es ja alle wen, aber sprechen seinen Namen nicht aus – besiegen, um die Welt zu retten.

Und Jack Malik soll was? Berühmt werden? Berühmter als Ed Sheeran? Das ist alles?

Und hier haben wir den nächsten großen Fehler in der Anlage der Geschichte:

  • Ohne Harry Potter würde die Welt vom Bösen vernichtet. Wir reden jetzt mal gar nicht von Frodo.
  • Ohne Spiderman würde das Verbrechen siegen.
  • Ohne Jack Malik würden die Songs der Beatles in Vergessenheit bleiben.

Nur ist die Welt, so wie sie Richard Curtis in Yesterday angelegt hat, nicht ärmer ohne die Songs der Beatles. Nicht grauer. Niemand vermisst sie. Alle sind mit Ed Sheeran glücklich und zufrieden.

Wir ahnen, was passiert, wenn Voldemort siegt, wenn Mordor über das Auenland brausen würde, wenn Spiderman nicht den Grünen Kobold vernichtet. Aber was wäre denn, wenn es die Beatles nicht gegeben hätte? Was würde denn fehlen, wenn sich niemand an Opladi Oplada, an Seargent Pepper erinnern könnte?  Dave Grohl hat die Frage für sich beantwortet. Er glaubt, er wäre nicht Musiker geworden. Also kein Nirvana, keine Foo Fighter.

Würde es dann überhaupt einen Ed Sheeran geben? Diese  Frage ist sehr interessant, aber schwer zu beantworten und vermutlich wird sie deswegen in Yesterday erst gar nicht gestellt.

Der Genrewechsel

Zwei Menschen tauchen immer wieder auf Maliks Konzerten auf. Verfolgen ihn auf seinen Recherchetouren auf den Spuren der Beatles. Suchen ihn schließlich in seiner Garderobe auf. Die Einzigen, wie wir dann erfahren, die sich auch noch an die alten Songs erinnern können, die wissen, dass Maliks Erfolg auf einer Lüge aufgebaut ist. Auf der Lüge, er hätte die Songs alle selbst geschrieben. Die beiden haben aber nicht die Absicht, Malik auffliegen zu lassen. Sie erpressen ihn nicht, wollen nicht an ihm verdienen.

Sie werden verspätete Zwischen-Mentoren, die ihn auf einem weiteren skurrilen Mentor aufmerksam machen.

Hier erfährt Malik kurz vor Schluss des Films seine vermeintlich eigentliche Bestimmung. Und der Film wechselt unverhofft das Genre. Plötzlich befinden wir uns in einer romantischen Komödie. Sicher die Stärke von Richard Curtis. Hier gibt es dann allerdings nur die tausendmal gesehene Liebeserklärung vor Publikum auf offener Bühne. Erst hier wird der Film zu dem Liebesfilm, der er vermutlich von Anfang an sein sollte.

Eine Lovestory als letzter Ausweg aus einem misslungenen Personal Drama. Das kann nicht funktionieren.

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