Genre/Themen/Storys

GENRE/THEMEN/STORIES #5 PERSONAL DRAMA

27. Juni 2019
Personal Drama
Das Personal Drama

Isabelle Lehn Personal DramaIn meiner Blogreihe über autobiographisches Schreiben, habe ich gerade das Buch Frühlings Erwachen von Isabelle Lehn besprochen. Dabei handelt es sich nicht nur um ein lesenswertes Buch, sondern auch um ein sehr gutes Beispiel für ein Personal Drama.

Es ist ein Buch, in dem es um eine Schriftstellerin geht, die unter latenten Depressionen, unter Beziehungsproblemen, unter einem unerfüllten Kinderwunsch etc. leidet. Und das alles, während sie an dem Buch schreibt, das man gerade in der Hand hält.

Es passt also in sehr viele Kategorien: Mental Health, Depressionen, Feminismus, Beziehungsroman, Frauenroman, Künstlerroman, Autobiographie …

Fragt man allerdings, unter welches Genre das Buch fällt, kann die Antwort nur lauten: Es ist ein Personal Drama.

Kategorien vs. Genre

Um das noch einmal zu verdeutlichen. Für den Genrebegriff sind die oben genannten Kategorien bedeutungslos. Nehmen wir eine romantische Liebesgeschichte. Für den strukturellen Aufbau macht es keinen Unterschied, ob sie im heutigen New York spielt, auf einem ferner Planeten in der Zukunft, in den Baumwollfeldern der Südstaaten oder in den fantastischen Auen Awalons. Es spielt auch keine Rolle ob die Verliebten ein Mann und eine Frau sind, ob es sich um zwei Männer handelt,  einen Hund und eine Katze, zwei Zeichentrickautos, Tiefseefische oder ein gelbes Dreieck und einen roter Kreis.

Die Kategorien sind lediglich wichtige Marketinginstrumente. Sie nennen der potenziellen Leserin das Setting, den Hintergrund der Geschichte. Die Leserin erfährt im besten Fall, ob sie eine lustige oder ernste, eine tiefgründige oder fantastische Geschichte erwarten kann. Ob sie vor einem wissenschaftlichen, einem historischen, einem exotischen oder vertrauten Hintergrund spielt. Ist es eher ein Sozialdrama, während der Industriealisierung Englands, oder verliebt sich mal wieder ein Milliadär in die kleine Schwester von Cinderella.

Das Personal Drama

Genauso ist es beim Personal Drama. Das Setting, der Ton, die Humorlage können vollkommen verschieden sein. Auch hier kann es lustig werden. Da darf man sich von dem Begriff Drama nicht täuschen lassen. Aber es kann auch spannend sein, wie in einem Thriller. Auch Liebesgeschichten können eine Rolle spielen. Es kann bedrückend, melodramatisch, erhebend und epic sein.

Was haben nun Personal Dramen gemeinsam und welche Merkmale unterscheidet sie von einer Romance oder einem Thriller.

Zunächst einmal:

  • Es gibt nur einen einzelnen Protagonisten, (im Gegensatz zu Liebesgeschichten)
  • Dieser Protagonist erfährt oder bemüht sich um eine wesentliche Transformation. Er macht eine persönliche Entwicklung im Laufe der Geschichte durch. (im Gegensatz zum Helden in einem Thriller, der am Ende meist der gleiche ist wie am Anfang, auch wenn einen Mörder gefunden, die Welt gerettet oder einfach nur überlebt hat.)
  • Ob die Transformation am Ende gelingt oder nicht, ob er am Ende sein Ziel erreicht oder nicht, ist wieder zweitrangig. Jedenfalls unter Genregesichtspunkten.
  • Der Protagonist ist mit der Welt, mit den Umständen, in denen er lebt, mit seiner Position in der Gesellschaft unzufrieden.
  • Seine Storyline ist fast immer Die Suche oder Die Unbezwingbare. (mehr zu Stories findet ihr hier)
  • Das Thema ist fast immer der Wunsch nach Anerkennung. (eine Übersicht über Themen  findet ihr hier)
  • Oft werden expressionistische Stilmittel genutzt.
Frühling Erwachen

Wer Frühlings Erwachen von Isabelle Lehn oder zumindest meinen Blogbeitrag dazu gelesen hat, weiß, dass alle diese Kriterien auf ihren Roman zutreffen.

  • Es gibt eine einzelne Protagonistin.
  • Ihr Thema ist Anerkennung durch die Welt da draußen.
  • Sie ist mit den Umständen, in denen sie gerade lebt, wahrlich unzufrieden
  • Die Protagonistin bemüht sich um Veränderung, (will ein Kind, will eine Beziehung, will ihre Medikamente absetzen, will ein erfolgreiches Buch schreiben.)
  • Sie lässt sich von keinem äußeren oder inneren Rückschlag bezwingen. Ist am Ende still standing. (Und hat dann sogar ein erfolgreiches Buch geschrieben.)
  • Und in diesem Buch werden sehr viele expressionistische Stilmittel genutzt.

Zu den expressionistischen Stilmittel bei Isabelle Lehn gehört unter anderem die sprachliche Thematisierung des Hässlichen und Abstoßenden. Etwa wenn sie schreibt, wie sie ihr Innerstes, (…) schreibend nach außen stülpt, bevor es in die Kloschüssel fällt.

Aber auch die die Aufhebung der Logik, wenn sie z.B. ständig mit Zeitebenen und Realitätsebenen spielt und schon Reaktionen von Leserinnen in das Manuskript aufnimmt, das noch gar nicht veröffentlicht ist.

Inner Drama

Bei Frühlings Erwachen handelt es sich im um eine besondere Form des Personal Drama: das von Philip Parker so genannte Inner Drama.

Der Hauptkonflikt der Protagonistin entspringt nicht ihrer Beziehung, weder zu ihrem »Lover«, noch zu ihrer Familie oder der Gesellschaft. Obwohl die Protagonistin durchaus an einem Punkt steht, an dem ihr ihr Alter bewusst wird, geht es nicht um die persönliche Entwicklung vom Teenager zum Erwachsenen, oder vom Erwachsenen zum Greis. Und der Konflikt hat auch keine epischen Ausmaße, die die ganze Welt beträfe. — Nein, die Protagonistin hat einen oder mehrere innere Konflikte.

  • Die Protagonistin beherrscht jede Szene. Sie ist in jedem Bild. Nichts in diesem Buch passiert ohne sie.
  • Der gesamte Plot wird von den inneren Problemen der Protagonistin vorangetrieben. Jede Handlung basiert auf diesen inneren Konflikten.
  • Alles wird aus der extrem nahen Sicht der Protagonistin beschrieben. Die Leserin erfährt oft ihre Gedanken, Reflexionen und Überlegungen in inneren Monologen.
  • Auch die Nebenhandlungen sind Teil der Story der Hauptprotagonistin. Sie haben keine Erzählmomente außerhalb der Sicht der Protagonistin.
  • Nebencharaktere beleuchten nur die Sichtweise der Protagonistin auf ihre Konflikte.

Ich empfehle Euch sehr, Isabelle Lehns Buch (auch) einmal im Hinblick auf diese Genrevorgaben zu lesen.

Im nächsten Beitrag werde ich mich mit einer ganz anderen Form des Personal Dramas beschäftigen. Mit dem Epischen Drama. Und wo wäre das besser ausgeführt als in Harry Potter und der Stein der Weisen?

Bis dahin. Genießt den Sommer und nehmt eure Bücher, eure Reader mit an den See.

Uwe

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