Charakter-Special: Wünsche, DIY-Donnerstag

Charakter-Special: Wünsche #4

16. Mai 2019
Charakter-Special: Wünsche #4 Wünschen

Charakter-Special: Wünsche #4 WünschenWenn wir wissen, was ein Charakter sich wünscht, wissen wir auch, wovor er oder sie Angst hat. Man kann noch so viele beschriebene Zettel in eine eigens dafür gebastelte Box stecken, sein ganzes Tagebuch mit Herzen und Sternchen vollkritzeln, Klimmzüge und Liegestütze machen, auf einen Baum klettern oder sich auf einen Berggipfel stellen und herausbrüllen, wenn wir vor unserem Wunsch stehen, sind die Knie weich. Verlegenes Lächeln. Doch ja, ich will. Schweißausbruch.

Man kann nicht einfach mit einer Torte ins Zimmer marschieren und sie Jemand unter die Nase halten. Das macht spontane Wunscherfüllungen so verhängnisvoll. Ein Charakter muss gewissermaßen in seinen Wunsch hinein, an ihn heranwachsen, wie ein junger Baum der Sonne entgegen.

Ein Wunsch strahlt so hell, das man auf den ersten Blick geblendet ist und sich in seine Höhle zurückzieht. Grübelt. Lohnt es sich, rauszugehen? Kann ich dem Unglück widerstehen? Denn auch das größte Unglück kann eine Komfortzone sein. Gefangenschaft wird zu Gewissheit. Einem sicheren Hafen, von dem nie Schiffe fahren. Jede Ordinary World ist eine Komfortzone, Wunschlosigkeit die größte Komfortzone. 

Nicht nach etwas greifen zu wollen, heißt stehen zu bleiben.

Jemand, der sich gar nichts wünscht, kann sich geruhsam auf einer Marmorbank platzieren und in Stein meißeln lassen. Häufig stecken Helden zu Beginn der Geschichte in so einem Limbo fest. Wünsche formen sich wie Regenwolken, schweben vorbei wie Blütenblätter, treiben auf der Oberfläche des Bewusstseins wie frischgefallenes Laub. Aber der Held ist verletzt worden. Hat Angst. Vor seinen Wünschen. Eingemummelt sein ins Nichts Wollen und nichts Müssen ist der Beginn einer neuen Geschichte.

Erst mit einem Wunsch geht die Geschichte los. Und das Bangen beginnt. Denn mit jedem Wunsch tritt auch Angst in unser Leben. Angst davor, das Gewünschte fallen zu lassen. Eine Königstochter Jüngste an den Falschen zu verheiraten, den einzigen Sohn in einer Dornenhecke zu verlieren. Die Ängste sind mannigfaltig und ernst zu nehmen. Ist das Risiko zu groß? Das Leben lässt sich nicht leicht abwägen. Während man noch versucht, das letzte goldene Gewicht auf die Waagschale fallen zu lassen, klopft schon der erste Ork ans Fenster und Hagelsplitter bomben aufs Feld.

Der Mut zu Wünschen muss saftig aus dem Inneren hervorgezogen werden, gierig den ersten Atemzug tun und schon losgehen. Sofort losgehen und die Angst ablaufen. Deswegen gibt man dem Helden Bedenkzeit. Aber nicht genug. Hat er eine Stunde Zeit, um auf der Schwelle stehen zu bleiben, erstickt die Flamme, verwelkt die Geschichte, bevor sie überhaupt angefangen hat. Ein zweifelnder Moment, ein Blick, über die Schulter, kopfgeschüttelt, aufgesattelt, das Herz pumpt.

Was wünschen andere von mir?

Häufig flüstert man sich den Wunsch erst einmal im Geheimen vor. Denn eine wichtige Konsequenz ist zu bedenken. Was wünschen andere mir? Hat der Held Freunde und Verwandte? Wollen sie, dass er glücklich ist, zu jedem Zweck und um jeden Preis? Alles Gute! Die Augen wie Feuer, in denen sich die Kerzen spiegeln. Blankes Entsetzen. Stopf dir den Mund mit Torte voll, schöpf aus dem Vollen, reib dir die Schläfen und mach was aus dir! Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen!

Wir balsamieren uns mit guten Wünschen und vergessen dabei manchmal, wie furchtsam das Wünschen sein kann. Wer sich und seine Wünsche ernst nimmt, ist kein Träumer, der ist ein Held. Und Helden müssen leiden. Nicht, weil sie etwas falsch machen, sondern weil sie sich trauen, sich einem Wunsch entgegen zu bewegen. Bilbo, der nach Mordor marschiert oder Jane Eyre, die liebesblind durch den Regen stolpert, Wünschen ist kein Spaziergang im Park.

Manche Helden scheinen zum Wunschkonzert geschliffen zu werden, aber der Schein trügt. Jeder geht selbst seiner Geschichte entgegen. Und damit auch dem Unbekannten. Einem neuen Leben und einem fremden Selbst. Dabei schleicht man an Wünschen vorbei, die andere einem hinterher schleudern. Werd doch lieber Anwalt! Heirate den mal schnell! Komm zurück in den Garten! Fahr zur Hölle! Halt mich fest!

Kann man Jemand vor seinen Wünschen schützen?

In Wolle gewandt und aus dem Leben gehoben, liegt eine Prinzessin auf der Lauer auf der Mauer und in einem tiefen Schlaf. Hat sich ihr Vater das so vorgestellt? Das die ganze Zeit stehen bleiben muss, um sie vor dem Tod zu bewahren?

Wünsche können kompliziert sein. In Dornröschen fährt die Alchemie des Wunsches zu voller Größe auf, wenn die zwölfte Fee noch schnell versucht, sie vor dem sicheren Tod zu bewahren und gerade so schafft, das Ganze in einen hundertjährigen Schlaf zu verwünschen. Da muss man sich fragen, ob böse Wünsche fast ein bisschen mehr wiegen als Gute. In jedem Fall muss man beim Wünschen eine Menge Undurchsichtigkeiten und Widersprüche überwinden. Ich will lieben, aber ich will auch mein eigener Mensch sein. Ich will befördert werden, aber auch eine Familie gründen. Ich will zuhause bleiben, aber das Abenteuer ruft. Ich will gewinnen, aber nicht besiegen. Man greift aus der eigenen Wirklichkeit und steht mit den Fußspitzen an einem neuen Spalt. Das macht Wünschen zu einer Heldentat.

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