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STORY WORLD #11 History: The Upside Down

17. April 2019
STORY WORLD #11 History: The Upside Down

STORY WORLD #11 History: The Upside Down

„At the end of the journey, she is made to alight in a dark close, a very modern-looking terrace whose facades are all identical. Inadequate lamplight is intercepted by a pair of massive stately trees, each with branches of Gothic complication. As the cab rattles away into the distance, a cemetery quiet descends, and sugar is lead by the arm into the pitch-black porch of one of these strange buildings.“ ― Michel Faber, The Crimson Petal and the White

Sugar kann es kaum fassen. Sie liegt in einem Bad, das nach Lavendel duftet und pustet sich den Schaum von den Schultern. Ihr ganzes Leben lang war sie von Menschen umgeben, die etwas von ihr wollten oder ihr Dinge angedreht haben, die sie nicht gebrauchen konnte. Menschen, die einem auf die Schulter tippen und einem die letzte Münze aus der Tasche zwirbeln. Zwischen heißen Leibern und und ungekämmten Haaren, geteilten Bädern und Freiern. Doch jetzt ist sie allein. Ganz allein, in einem Haus, dass ihr gehört. Oder, das sie zumindest temporär ihr eigen nennen kann. Räume durch die man tanzen kann, ein weiches Bett in das sie ganz alleine kriecht. Kühle, saubere Bettlaken und Kamine an denen man sich wärmen kann.

Sinne geben Sinn.

Wenn du aus einem tiefen Schlaf ruckartig aufwachst, ohne Orientierung, ohne zu wissen, wo und wann, bist du als allererstes auf deine Sinne angewiesen. Ist es hell oder dunkel? Tag oder Nacht? Bist du drinnen oder draußen? Ist es warm oder kalt? Wonach riecht es, was kannst du fühlen? Jede Welt wird zuerst mit den Sinnen ertastet, erfühlt und dann bewertet. Gerade in historischen Geschichten, in denen alle Umgebungen ungewöhnlich und andersartig sind, können es die Sinne der Protagonisten sein, die uns erste Informationen über die Story Welt liefern.

Kann eine Welt mit den Sinnen begriffen werden, wirkt sie für die Leserin weit mehr real. Kommt ein Setting einem vor, wie eine Aufzählung von Gegenständen, ein Tisch, ein brauner Stuhl, ein Sessel, ein Lampenschirm. Dann kann es Sinn machen, sich in den Körper des Protagonisten hineinzuversetzen.

Wie fühlt sich der Staub auf den Oberarmen an, der gerade vom Polster aufgeflogen ist? Kann sie die Sonne spüren, die auf ihre Wange fällt? Duftet es nach einem längst vergessenen Kranz Flieder, der unbeachtet in der Ecke hängt? Was fällt an einem Ort auf? Was bleibt im Verborgenen?

Welche Farbe hat eine Szene

Ein wahnsinniger Vorteil daran, einen Menschen vor dem Buch sitzen zu haben, der das Geschriebene interpretiert, ist, dass jeder Leser aus einem reichen Universum an Assoziationen schöpft. Anknüpft, wo der Satz abbricht. 

Die Leserin vervollkommnet die Story Welt mit ihrer eigenen Fantasie. Schöpft aus ihren Assoziationen und Erfahrungen um ungesagtes lebendig zu machen. Es ist wundervoll, in eine Welt einzutauchen, die sich jemand anderes ausgedacht hat und langsam aber sicher ihre Regeln und Gesetze kennenzulernen. Da es aber so gut wie unmöglich ist, jedes winzig kleine Detail zu zeigen und zu beschreiben, ist die Autorin auf die Mitarbeit der Leserin angewiesen. Sie füllt die Zwischenräume. Macht mit ihrem Gefühl Charaktere erst lebendig, lässt eine Welt in ihrer Brust atmen. Ihre Neugierde sorgt dafür, dass sie weiter in die Welt eindringt, mehr sehen und erleben will. Deswegen ist es wichtig, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen und ihre Fantasie anzuregen.

Welcher erste Eindruck vermittelt eine Umgebung. Manchmal ist es nur ein Wort. Stille. Hitze. Säure. Vornehm. Abgestellt. Das Laken auf dem Bett ist goldgelb, eine schwere Tagesdecke mit goldenen Fäden, die sich langsam lösen. Hinter dem Schrank hängt ein Bild, von dem nur Einer weiß.

Kontraste

„Im Varietétheater war es heiß wie in einem türkischen Bad, und in der Luft hing der Geruch nach Bier, Schalentieren und ungewaschenen Leibern. Auf der Bühne stand vor der Kulisse einer Kneipe eine in edle Lumpen drapierte junge Frau. Sie hielt eine Puppe im Arm, die ein neugeborenes darstellen sollte, und snag ein Lied, in dem es darum ging, wie ihr Liebhaber sie verführt und sitzen gelassen hatte. Die Zuschauer saßen auf Bänken an langen Holztischen, hakten die Rame unter und stimmten in den Refrain ein:

Und Schuld daran war ganz allein der Gin!

Hugh sang lauthals mit. Er fühlte sich prächtig.“ ― Ken Follett, Die Pfeiler der Macht

Während Sugar sich mit Geschick in der Gesellschaft hochgearbeitet hat, kann Hugh sich im Schoß der Unterschicht herrlich fallenlassen. Er sehnt sich nach einfachem Vergnügen, fern ab von steifen Krägen und ernsten Mienen. Er will loslassen, aufleben und nicht an das denken, was er nicht haben kann. Unter Menschen, die mit weit weniger glücklich sind, kann sein Ehrgeiz eine wohlverdiente Pause einlegen. Wie ein schnaubendes Ungeheuer, den Kopf auf die Pranken legen. 

Genau wie in jeder anderen Art von Geschichte ist die Upside Down ein Spiel mit Kontrasten. Haben wir die Heldin in einem Schloss aufwachsen sehen, dann schicken wir sie in den Wald. Kommt sie aus einer lauten, allgegenwärtigen Familie, schicken wir sie in ein Internat.

Identitätslos zu sein, macht die welt unsicher

Menschen sind soziale Wesen. Ein große Frage, die die Story Welt beeinflusst, ist: zu wem gehörst du?

Teil einer legendären Fussballmannschaft zu sein, bedeutet eine andere Story Welt, als allein unter einer Brücke zu leben. Eine Familie, Haus und Garten zu besitzen, eine andere Realität, als ein Student der Literaturgeschichte zu sein. Viele Stories handeln davon, die richtige Gruppe von Menschen zu finden, denen man sich zugehörig fühlt. Und somit auch die Welt, die eine Heimat ist. In der Upside Down testen Helden die Gewässer. Könnte ich zufrieden sein, mit einem Aktenkoffer in der Hand? Bin ich in Wirklichkeit ein Zauberlehrling?

Hugh hat sein ganzes Leben darauf hingearbeitet, der beste Bankier Londons zu werden. Hat alles daran gesetzt, seine Fähigkeiten zu verbessern und vor allem: seine Integrität zu bewahren. Immer korrekt, ehrgeizig, verbissen. Und trotzdem neugierig. Wie die Welt an ihm vorbei zieht, während er versucht, Schecks zu balancieren, beginnt ihm auf die Nerven zu gehen. Waren die Fehler, für die er sich so hart bestraft hat, überhaupt Fehler? Oder einfach die Laune der Natur, die einem den Weg weist, ohne das man danach fragen muss. Hugh versucht, sich unter dem Joch hervor zu winden, dass er sich selbst auferlegt hat. Wie weit Hugh sich von seinen Ambitionen wegbewegen kann, bleibt allerdings abzuwarten.

Sugar tobt durch ihre neuen Räume, kämmt sich vor offenem Feuer die Haare, kippt Duftessenzen in ihre immer länger werdenden Bäder und wickelt sich fest in die neuen Laken. Doch irgendwann tritt eine Stille ein, die sich nicht weg ignorieren lässt. Irgendwann fehlt das Klopfen an der Tür, das Rumpeln hinter der Wand. Aus dem Fenster zu spähen, in einen blühenden Garten, in dem kein Freier auf sie wartet, lässt die Zeit endlos dahin ticken. Irgendetwas regt sich in ihr. Und der Wind beginnt zu drehen.

Hoffnung kommt vor der Höhle des Löwen

In gewisser Hinsicht, ist die Upside Down ein falsches Versprechen. Eine Goldglocke unter der eine dunkle Ahnung lauert. Die Hoffnung, das tiefe Tal umwandern zu können oder eine Brücke über den Fluss der Story zu finden. Hier hofft der Held, es geschafft zu haben. Endlich angekommen zu sein, in einem neuen Zustand. Die Stagnation und Enge der Ordinary World hinter sich gelassen zu haben und feiern zu können, dass die harte Arbeit sich gelohnt hat. Die Upside Down belohnt den Mut, losgegangen zu sein. Aber sie tut einem keinen Gefallen. Hinter der hellblauen Zuckerwatte, die die Helden schwankend vor sich hertragen, können sie nur schlecht erkennen, was vor ihnen liegt. Aber die Kirmesmusik wird langsam leiser und die Lichter über den Buden verdunkeln sich. End of Fun & Games. Jetzt fängt der Ernst der Story an.

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