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STORY WORLD #10 History: The Ordinary World

10. April 2019

STORY WORLD #10 History: The Ordinary World

Manchmal werden uns Fotos bereit gelegt, sorgfältig neben dem Kaffeeservice. „Und das ist dein UrUrUr Großvater. Ewald. Genau, das ist er und hier, Moment, hier, das ist sein Vater. Wobei-nein, das kann nicht sein, der ist ja im Felde geblieben. Von wann …“ das knittrige Bild wird gewendet, gespäht, ist das ein Datum? Nein, nur ein bisschen Dreck.

Wir baumeln ein bisschen mit den Füßen. „Na, wie auch immer. Jedenfalls ist das seine Cousine. Louise. Nein, Berta. Seine Cousine Berta …“  Hält man die verschwommenen Schwarz-Weiß-Aufnahmen in den Händen, wird einem schockierenderweise bewusst, wie kurz die Aufmerksamkeitsspanne eines Menschen ist. Okay, da haben wir mich, meine Eltern, ihre Eltern … und dann beginnt es schon abzuglitschen und irgendwo ins Weltall zu wandern. Um Sterne und Planten zu kreisen, und die Tatsache, dass wir alle sterben werden. „Ich muss los.“ Oma schaut von den Fotos auf. „Ich hab zu leben.“  Klapp. Die Tür fällt hinter uns ins Schloss.

Neugierde nach alten Welten

Umso faszinierender ist es, sich in eine Geschichte hinein zu leben, deren Protagonisten einer anderen Zeit entstammen. Wie muss es gewesen sein? So schwer es fällt, sich auf die Gegenwart der Generationen vor uns zu konzentrieren, erschauert man doch bei dem Gedanken, wie viele Menschen zur eigenen Existenz beigetragen haben. Eltern und Kinder und Tanten und Onkels, die sich ernsthaft ihren Zylinderhut aufgesetzt und den kleinen rüschigen Sonnenschirm um den Arm gehangen haben und ihrem Leben nachgegangen sind. Mit Gefühl, Gedanken und Visionen. Genau so angeregt und engagiert wie wir heute. Historische Geschichten leben von unserer eigenen Neugier, nachzuempfinden, wie eine Zeit vor unserer ausgesehen haben könnte.

Subjektiv vs. objektiv

Im Großen und Ganzen gibt es zwei Arten von historischen Geschichten. Die, die sich ganz auf den subjektiven Flow ihrer Charaktere einlassen. Die Story Welt wird emotional geschildert. Wie fasst sie sich an, wie duftet sie? Welche Gefühle löst sie aus? Und eine etwas faktischere Herangehensweise, bei der Wissen über eine bestimmte Epoche geschickt in den Erzählfluss mit eingeflochten wird und so ein Kaleidoskop aus interessanten Fakten entsteht, durch die sich die Charaktere bewegen. Die allermeisten Stories sind eine Mischform.

World Building ist Character Building

Entführt man einen Leser in eine andere Zeit und somit auch an einen anderen Ort, muss man sich fragen, welche historischen Details für die spezielle Geschichte wichtig sind, die man erzählen will. Welches Wissen hat die Heldin? Wo befindet sie sich auf der sozialen Leiter? Gibt es eine soziale Leiter? Was hält die Heldin davon? Welche Meinungen, Ängste und Gefühle haben alle Protagonisten.

Vielleicht klingt das eher nach Charakterarbeit, als nach World Building, aber im Grunde genommen ist jede Story World (nur) eine Reflektion der Gefühle und Gedanken des jeweiligen Charakters. Wenn man es meta mag, genau wie heutzutage auch. Es lohnt sich also, diese Fragen auch im Hinblick auf die Umgebung zu stellen, in der die Geschichte spielt.

Wie wirkt die Welt auf die Heldin und die Heldin auf die Welt? Welche großen Faktoren beeinflussen die Realität unserer Hauptfiguren? Ist es das Wetter? Die Kirche? Soziale Strömungen? Das politische Klima?

The Not-So-Ordinary World

„Watch you step. Keep your wits about you; you will need them. This city I am bringing you to is vast and intricate, and you have not been here before. You may imagine, from other stories you’ve read, that you know it well, but those stories flattered you, welcoming you as a friend, treating you, as if you belonged. The truth is that you are an alien from another place and time and place altogether.“ – Michel Faber, Crimson Petal and the White

In „The Crimson Petal and The White“ startet die Leserin, genau wie die erste Protagonistin der Geschichte, ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie. Sugar ist eine junge Prostituierte in einem Bordell in London, das von ihrer Mutter geleitet wird. Sie muss nicht mehr durch die schlammigen Gassen waten um sich ihre Freier zu besorgen, aber so ganz komfortabel ist ihre Lage dennoch nicht. Sie kann aus einem Fenster gucken, aber was sie sieht, ist nicht berauschend. Sie verdient sich ihren Lebensunterhalt, aber was sie dafür tun muss, ist nicht immer angenehm. Kurzum, Sugar muss ihr Leben ändern. Das weiß sie schon, bevor die Geschichte überhaupt richtig losgegangen ist.

Wie so oft, startet Sugars Geschichte in einer Art Gefangenschaft. Ihre Möglichkeiten sind begrenzt, ihr Ehrgeiz groß. Sugars Welt ist ein sorgsam ausgependeltes Machtgefüge, in der jemand wie sie nicht viel zu sagen hat.

Traumwelt

Ken Follets Hauptfigur in „Die Pfeiler der Macht“, hat es ähnlich unbequem. Nach dem Selbstmord seines Vaters ist Hugh bei den missmutigen Verwandten gestrandet. Ohne eigenes Einkommen, obwohl er den Traum hat, der reichste Bankier Londons zu werden. Seine machthungrige Tante Augusta will ihn am liebsten an die erstbeste Partie verscherbeln und ihm seine Chancen zum Aufstieg in der Gesellschaft so gründlich wie möglich verbauen. Hugh weiß, dass er sich ordentlich ins Zeug legen muss, um gegen den Schatten anzuarbeiten, der seit dem Bankcrash 1866 über seinem Leben hängt.

Beide Stories spielen in der selben Stadt,  nur ein paar Jahre auseinander. Aber die Erfahrungen der Charaktere sind völlig verschieden. Während Hugh mit einer neumodischen Krawatte seine Tante in Rage bringt, muss Sugar aufpassen, dass ihr, im Eifer des Gefechts, niemand auf den Rockzipfel schmoddert.

Sehnt Sugar sich nach weichen Daunenkissen und gelben Seidenschleifen, einem eigenen Haus mit mehreren Zimmer, durch dass sie nach Lust und Laune toben kann, wünscht Hugh sich raus aus der Enge seiner behelfsmäßigen Bleibe und hinein in das Teilhaberzimmer des Bankhauses Pilaster. Mit einer Partnerin durch den Hyde Park zu schlendern und seinen Kindern beim Spielen zu zusehen. Wichtig für die Ausgangslage beider Helden ist jedoch, wie weit sie von ihrem eigentlichen Ziel entfernt sind. Und somit von der Welt, von der sie träumen. 

Wie sie dort hingelangen und was es dort zu sehen gibt, entdecken wir nächste Woche in History: The Upside Down. Bis dahin!

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